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$,'$68 Schicksal Hat unL mit freit Schneeschuhen sörmlich aneinandergekettet, liebes Fräulein Leuchen", war er schon ganz nahe nnd, was noch fehlte, hals sie dein Schicksal nach: jetzt tonnte er Nicht anders, er mußte sein geliebtes Mädchen küssen. Sie sagte zwar, weil sich dies so schickt, mit geheucheltem Vorwurf „Aber Herr GroteEs war nicht so ernst gemeint und er hatte dies auch richtig herausgehört. Es eilte ihr gar nicht mit dem Ausstchen. Der Schnee war ja so weich und sie hätte auch mit dem besten Willen nicht aufstehen können. Endlich schnallte er sich und ihr die Schneeschuhe ab und dann erst gelang es, sie auf die Beine zu bringen. Leuchens Tischnachbar hatte den Sturz mit angesehen und kam hinzugelausen, da er Schlimmes befürchtete. Als er sah, daß nichts weiter passiert war, als daß zwei verliebte junge Leute die eigentümliche Lage benutzten, Liebeserklärungen auszurauschen, da zog er sich diskret zurück. Es hatte ein Sturz für den unbeteiligten Zuschauer wieder einmal gefährlicher ausgesehen, als es in Wirklichkeit war. Er lachte aber doch verständnisvoll vor sich hin und verglich die beiden Verliebten mit den beiden feuerspeienden Vulkanen, die s. Zt. die erstaunten Süd- polarsahrer mitten im Schnee und Eis der vereisten Südkape der Erde entdeckt hatten. Er hatte nun seine heimliche, neidlose Freude an den jungen Leuten. Daß Hugo Leuchens Schneeschuhe so oft nachsehen mußte, ihr beim strafferen Anziehen der locker gewordenen (wenigstens behauptete er dies) Wickelgamaschen half, weil sie so „leichter an Gewicht" seien, nicht von ihrer Seite ging, selbst Abends beim Mondschein ihr seine Zeit, widmete, wo das Schneeschuhlaufen wegen des ost sich durch die Kälte bildenden Krustenschnees nicht ungefährlich war, das sand sie ganz in der Ordnung. Sie verlebten glückliche Tage, so daß sie mit Recht auf einer kurzen Ansichtskarte mit reizender Vogelsberger Winterlandschast ihrer Mutter schreiben konnte: „Es ist hier oben himmlisch." Sie hatte im Januar Geburtstag, frn wollte tx zu ihrer Mutter kommen, um ihre Hand anhalten und dann follt-e Verlobung gefeiert werden. Nun hatten sie sich viel zu erzählen von ihren Familien, von ihrer Jugend; sie tauschten Reisecrinnerungen aus, besprachen seine Berufsaussichten, ihre Ausstattung, den künftigen Wohnsitz (ifrt „trautes Nestchen", wie sie es nannten) und tausend Dinge, mit denen sich heimlich Verlobte unterhalten.
So heimlich, als sie sich dachten, war der „Fall", Leuchen gegen Hugo jedoch nicht geblieben. Klein Dorchen, ein Drei- Käsehoch, war zur Muttchen gestürmt-und hatte ihr zugeflüstert „Du, Alami, weißt du auch was Neues, das Fräulein aus Karlsruhe und der Hugo haben sich gern; sie fällt so oft, wenn er in der Nähe ist", und klein Bärbchen, ein Zweikäsehoch, hebt wichtig das Fingerchen und fügt hinzu: „und dann macht er soviel Aufhebens von ihr; sie nennen sich auch schon Du und kommen immer zum Essen zu spät".
An Silvester hielt einer eine launige Rede; selbst in Schnee und Eis glühe Liebe und fänden sich gleichgestimmte Seelen. Leuchen und Hugo sahen sich selig an, stießen auf das Wohl derer mit an, die sich finden würden, verschmitzt lächelnd und sich absichtlich „Sie"-zend und hatten nicht gemerkt, daß bei dem Toast fast die ganze Gesellschaft auffallend nach ihnen hingesehen hatte. Ja, dafür hat man doch auch beim Schifahren Interesse.
„Wie kommt es nur, daß bei mir keiner anbeißt," dachte Grete Lipsius. Sie kam sich schon so alt vor, war aber erst Mitte Zwanzig. Ihr Vater hatte wieder geheiratet und ihr Stief- brÄderchen, das sie ja sehr lieb hatte, spielte zu Hanse die erste Geige; um ihn drehte sich alles; ihre Stiefmutter war für eine mütterliche Freundin noch zu jung und so hatte Grete im Schisport einen guten Anlaß gefunden, sich zu Hanse seltener zu geigen. Sie kannte den Schwarzwald und sein herrliches Schigelände, frte Vogesen, hatte den Schisport an seiner Quelle, in Norwegen, bewundert und war ziemlich selbständig im Auftreten geworden, hatte es jedoch im Schneeschuhlauf nicht viel weiter gebracht. Da war ihr denn ein Tischnachbar ausgefallen, der wie sichs herausstellte, als Bergassessor in der Rhön geologische Studien getrieben Und nun den Vogelsberg auf seine Schneeschuhlaufverhältnisse kennen lernen wollte. Hermann Badenow, so hieß er, war ein etwas schrullenhafter Mensch; er hatte schon einige Dutzende ver- gebene Bindungen an seinen Schneeschuhen ausprobiert, tüftelte ist an Verbesserungen herum und hatte gerade die Vogelsberger idung im Ausprobieren, am linken Schneeschuh altes System, am rechten neueres System. Noch mehr fiel an ihm die mehrfarbige Schneebrille auf, die er stets trug, auch wenn kein Sonnenlicht blendete. Er war sich noch nicht im Karen, ob blaue oder! graue Gläser vorzuziehen seien, deshalb hatte er rechts ein blaues, links ein graues Brillenglas. Man nannte ihn scherzweise den >,doppeläugigen Assessor". Grete hörte ihm gern zu, wenn er sich/ ein geborener Thüringer, in sächselnder Gemütlichkeit, mit Preußischem Schneid vereint, gab. Im übrigen kam er ihr leider nicht näher. Als sie jedoch einmal im Schnee an einer steilen Stelle ausglitt und ihn in der Nähe vorbeigleiten sah, rief sie ' ihm zu: „Helfen Sie mir, Herr Assessor!" Er aber fuhr stolz vorbei und meinte: „Gnädiges Fräulein, beim Schisport hört jede Galanterie aus". Ja, so sind diese Herren, seufzte Grete, nur wenn ein Mädchen jung und schön ist, dann sind sie merkwürdig vergeßlich, dann eilen sie zu helfen und wissen nichts vom Krengen Sportgesetzm. Badenow, der sich mit triumphierender
Miene und sehr herablassend nach ihr umgeschaut hätte, kam nicht weit, schon nach wenigen Metern stoppte der eine Schi, der andere rannte mit einem Teil des Körpers weiter und Hermann Badenow lag ganz verzwickt im Schnee. Er war so rasch gefallen, daß er nicht einmal merkte, daß der zurückgebliebene Schi die Spitze verloren hatte. Grete hätte triumphieren können, sie sann aber rasch auf edle Rache; sie schnallte ab und ging zu freut Assessor- der nicht sehr stolz vor ihr lag und die Lippen aufeinander biß- denn am einen .Knöchel fühlte er einen brennenden Schmerz; er hatte sich eine Zerrung zugexogen. Grete befreite ihn aus seinen "Schneeschuhen und in umgekehrten Rollen wie in „Hermann und! Dorothea" geleitete sie nun „ihren" Hermann, der merklich hinkte, zum Klubhaus. Dort legte sie ihm einen Verband an, um dem Gelenk festen Halt zu geben; sie hatte einen Kursus in „erster Hilfeleistung frei Unglücksfällen und Pflege Verwundeter im Krieg" mitgemacht und das kam ihr zustatten. Badenow wurde dann auf dem flachen Unfallschlitten nach Breungeshain und von da mit Fuhrwerk nach Schotten zu einem Arzt gebracht, der ihn regelrecht verband und mit dem nächsten Zug nach Fulda sandte. Greta hatte den Transport bis Breungeshain begleitet und sich den aufrichtigsten Tank ihres Patienten, der versprach, an Kaisers! Geburtstag wieder zu kommen, verdient. Nun war Grete luftig* sie war nicht mehr neidisch auf die glücklichere „Müllerin", sie gönnte ihr das Glück von Herzen und beim Silvestertoast stieß sie mit ihr auf ein, wer weiß, vielleicht auch für sie selbst frohes Jahr an. Dann verließ sie die lärmende Gesellschaft und bewunderte draußen den Sternenhimmel. Grete hatte ein tiefes Gemüt und viel Sinn für die Schönheit der Natur. Sie tonnte sich manchmal nicht satt sehen am Raureif, der in einer seinen Formen die Fichten silbergrau überzog, oder die Buchen wie reizende Filigranarbeit aussehen ließ, wenn die Sonne zwischen ihnen hindurchschien und die feinsten Aestchen sich gleißend weiß vom strahlenden Blau des Himmels abhoben. Sie konnte lange versunken da stehen und die Stimmungen der Abenddämmerung an sich vorüberzichen lassen, vom grünlichen, sanft gelben Ton veS Nachmittagshorizonts und der gekräuselten.Wolkenfülle deck Zeniths, bis zum feurigen Abendhiinmel, der in Flammen zu! stehen schien, purpurrot, wie mit leuchtendem Blut übergossen; wie Protuberanzen an der Sonnenscheibe, schienen einzelne Flammenzungen aus der Glut des Wolkeumeeres aufzuschießeu, eilt Züngeln ganzer brennender Garben. Beschreiben läßt sichs nicht, nicht malen, das muß man sehen und bewundern. Nun sie draußen stand, packte sie die Allgewalt des von Millionen funkelnder Sterne übersäetcn Nachthimmels. Auf ihrer Seele lag die strahlende Pracht des unendlichen Alls. Vielleicht läuft man dort auf anderem Erden auch Schneeschuhe, vielleicht ist man glücklicher und friedlicher als auf unserem Planet, einem winzigen Körnchen, einem Sonnenstäubchen in dem UnernieMchm. Die Milchstraße glich einem weißstrahlenden Wolkenschleier, voll schimmernder Sternhaufen; einzelne Sterne, wie Sirius, leuchteten, wie kleine Monde. Es machte ihr einen unbeschreiblichen Eindruck. Hätten die Eisheiligen ein Einsehen, dann würden sie den Assessor, für den sie trotz seiner Schrullen eine tiefe Neigung gefaßt hatte, rasch gesunden lassen und ihn an Kaisers Geburtstag wieder nach beut Vogelsberg führen, und er würde sich zu einer patriotischen Tal aufschwingen und um ihr Jawort bitten. Sie flüsterte säw« dieses Ja vor sich hin; da zog ein leuchtender Sternschnuppem von West nach Ost, nach der Rhön zu, ja direkt nach Fulda, wie sie ganz deutlich sah; sie nahm dies als gute Vorbedeutung iut und ihre Träume führten sie ins Elysium.
Konrad Aüemann.
Zu seinem 200. Geburtstage, 1. Februar.
In Konrad Ackermann ehrt die deutsche Bühne einen ihrer drstm Bahnbrecher und Begründer und dem Lehrer Ekhoss iin.fr Schröders. Sein Leben war ein Roman. Geboren am 1. Februar zu Schwerin, verlebte er eine etwas wilde Jugend, machte unter dem Feldmarschall Münnich die Türkenkriege mit und wurde schließlich nach mancherlei überstandenen Fährnissen Schauspieler und zuletzt gar „Prinzipal", Leiter und Besitzer eines wandernden Theaters. Sein erstes Auftreten fand — übrigens beinahe gleichzeitig mit denk Ekhofs — unter der Leitung Schönemanns statt; dann schloß er sich dem Wandertheater der Frau Schröder, der Mutter des großen Schröder an, die er 1749 in Moskau heiratete. Später gelangte er nach Königsberg, baute sich hier ein Theater, mußte das Unternehmen wegen des Ausbruchs des siebenjährigen Krieges, int Stiche lassen, wanderte mit seinem Theater bis nach der Schweix hinunter, machte dann Kehrt und gelangte schließlich nordwärts bis Hamburg, wo er längere Zeit Halt machte.
Sein Aufenthalt in Hamburg ist für die Theatergeschichke besonders wichtig, denn die Ackermannschen Schauspieler spielen in Lessings Hamburgischer Dramaturgie eine gewisse Rolle. Ackermanns eigene Familie, darunter sein Stiefsohn Schröder, bildete den Stamm seiner Gesellschaft; dazu kamen die Hensel, später Ethos, Borchers und andere. Das beste Bild von Ackermannck Tätigkeit als Schauspieler gibt vielleicht die Charakteristik,. die sein Stiefsohn Schröder von ihm entworfen hat: „Der komische. Schauspieler stand in ihm weit über dem tragischen, aber in ersterem Fache gab es durchaus keine Rolle, die er nicht vollkommen dar- stellte. Ich erinnere mich nicht, in den langen Jahren meiner


