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leicht zählst km zu den Frauen, die durchs Leben gehen, ohne die große Leidenschaft, das Mtfel aller Rätsel, gekannt zu haben. Und die trotzdem am Ende ihrer Tage sagen mögen: es war doch schön.
Vielleicht kannst du darum auch ohne Liebe heiraten. Grade du! Sei doch auch da ehrlich: was verlangt denn dein Herz — sag lieber: was verlangt denn deine Seele, wenn nun schon das Herz nicht mitsprechen soll? Freude am Dasein verlangt es, Genuß des Lebens, wie du es auffassest. So wie du es auffassest — und wenn diese Auffassung andere auch äußerlich nennen mögen. Mag sie's fein. Du willst gefeiert und bewundert sein. Das könntest du vorläufig noch auf Jahre hinaus, auch als Mädchen haben. Du bist ja noch jung gottlob. Doch du willst — sei ehrlich, Signe, — die größere Freiheit, die Möglichkeit selständiger Bewegung: und die kann dir nur die Stellung als Frau geben. Aber so, wie du dir das wünschest, nur dann, wenn du in einen großen Rahmen hineintrittst. Nur nichts Enges, nichts 'Kleines! Und es muß doch auch ein Rahmen sein, aus dem heraus du wirken kannst. Nicht nur gesellschaftlich im engen Sinne. In deinen Salons müssen Staatsmänner und Politiker verkehren. Gelehrte und Künstler. Man soll dein Urteil schätzen und suchen. Du wirst Talente suchen und finden, kurst sie fördern, sie zur Geltung bringen ...
Selbständigkeit — aber auch dem Manne gegenüber, dem du dein Jawort gibst ... >
Immer bestimmter trat Hoburgs Gestalt in den Bannkreis ihrer Gedanke:;. Sie spielte noch mit ihnen, aber int Spiel nahmen sie schon festere Gestaltung an. Und sie wog immer klarer und immer kühler das Für und Wider ab.
Signe überlegte. Der Prinz hatte den klangvollen Namen. Es bedurfte nur der rechten Hattd, den zur Geltung zu bringen. Sein Besitz und ihr Vermögen gaben dazu das äußerliche feste Fundament. Und dann und dann: er würde Wachs in ihren Händen sein. Es sprach so vieles für ihn: er war geistig nicht bedeutend, aber wie anerzogene Vorsicht verschleierte das. Er war immer korrekt, er vergab sich nie etwas. Schließlich — er machte auch keilte schlechte Figur. Man hatte ihr wohl von ihm gesagt: er spiele. Ja doch! Er hatte im Deufelsparadies qn de»?Riviera gespielt — wer spielte da aber nicht! Sogar die Fürstin, so geizig sie war, hatte ein paar Goldfüchse gesetzt und verloren, und grade die Fürstin hatte Hoburg wiederholt als einen Pedanten bezeichnet. Manchmal erschien er wirklich als Pedant. Nun: Pedanten können keine leidenschaftlichen Jeuratzen sein. Und am Ende, eine kluge Frau gewöhnt einem Mann, der sie liebt, auch solch eine Passion ab. —
Gestern hatte sie ihn ivieder getroffen. In der Ausstellung bei Schulte. Sie war ihm ausgewichen. Ueber- all traf sie auf ihn; in den Gesellschaften, im Theater, in den Konzertsälen. Es war, als ob er ahnte, wo sie ausging, welche Veranstaltungen sie besuchte. Und sie konnte ihm nicht immer ausweichen. Sie wollte es auch gar nicht mehr.
Drüben auf der Etagere stand der große Korb blauroter Rosen, die er heut geschickt. Dodo hatte vorhin noch ihre Späßchen darüber gemacht: „Dein Prinzlein scheint deine Vorliebe für Symphonien in Blau zu ahnen."
Wenn er nun kam — und er kam gewiß---
Signe erhob sich und schritt ein paarmal durch das Zimmer.
Es war doch die große Entscheidung des Lebens. Und wahrlich: leicht nehmen wollte sie die nicht. Nicht wie o viele Mädchen ihres Alters mit angehaltenem Atem !>en Sprung ins Ungewisse fittt. ' Sich nichts vortäuschen, ich nichts vorgaukeln.
Auch das erwog sie ganz klar: Hoburg hatte gewiß schon in Florenz für sie heiß empfunden. Aber über das Flirten war er nicht hinausgekommen. Konnte er auch gar nicht hinauskommen, denn auch ihm war die kühle Mäßigung seines Standes anerzogen, die sich sagen mußte: zur Geliebten gibt sich dieses Mädchen nie hin, und heiraten? Kannst du ein Mädchen heiraten, das arm ist tme eine Kirchenmaus! Das dabei als deine Frau Ansprüche machen würde wie eine Millionärin. Sie verargte chm feine vorsichtige Zurückhaltung nicht. Und je ruhiger, kümer ]te nachsann, desto weniger verargte sie ihm auch, daß der Gedanke einer Werbung in ihm erst Gestalt gewonnen hatte, feit er wußte, daß sie eine reiche Erbin fei. |
Auch das lag ganz klar vor ihr: ihre herbe Zurückhaltung,, ihr abweisendes Wesen hatten die Flamme erst geschürt. Auch das war ja Männerart, die durch Widerstand immer gereizt werden will.
Er mochte nur kommen ■— <
Selbstverständlich keine Ehe zur linken Hand. Nichts Unklares. Vollberechtigung auch in der äußeren Form. Darin mochte, mußte er sich mit den Hausgesetzen abfinden, sich mit den Agnaten auseinandersetzen. Es fehlte ja auch nicht, an Beispielen, daß das möglich war. Umsonst hatte kie nicht in den letzten Tagen den Gothaer Almanach durchblättert. Und die Gurdaezas waren Uradel, der Freiherrn- stand seit dreihundert Jahren in der Familie. Wenn der Stammbaum nicht rein war, wenn mütterlicherseits dis Ahnen fehlten — das war im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr ausschlaggebend.
Er sollte nur kommen —
Und als sie das Rollen eines Wagens in der stillen da wußte sie ganz genau: das ist er. Und sie lächelte. Straße hörte und wie der Wagen vor der Einfahrt hielte J5ie lächelte auch dann, als Mutter atemlos he rauf- gestürzt kam, vor Erregung völlig würdelos: „Signe, der Prinz. Und Vater ist nicht da. Und er will dich sprechen. Signe, mein Kindf . . . ^igne . . . also doch!" Muttert schloß sie in die Arme, küßte sie: „Was wirst du ihm sagen, Signe? Mein Gott, du bist so unberechenbar. Du hast ja auch so komische Reden über ihn geführt. So, als obi du dir gar nichts aus ihm machst. Ach . . . wie mein armes Herz hämmert. Signe, überleg es dir genau. Ich kann dir ja nicht zureden. Das darf ich nicht . .
Leise löste sie sich aus den Armen der Mutter. Und lächelte.
Lächelte ihr sieghaftes Lächeln, während sie langsam die Treppe hinabstieg, lächelte, als sie über die Schwelle trat und Hoburg die Hand hinstreckte: „Das ist ja sehr liebenswürdig, Durchlaucht! Papa ist leider nicht zu. Hause..." . >
Aber im gleichen Augenblick, noch ehe er zu sprechen begann, durchrieselte es sie fvie etn Eis schauer. Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, und sie fühlte eine Schwäche in sich, daß sie willenlos auf den nächsten Stuhl! uiedersank.
Es schrie in ihr: Nein! Nein! ,
Nicht daß der Mann, der ihr gegenüberstand, sie ab- schreckte. An ihn dachte sie gar nicht, er war ihr in dieser Minute so gleichgültig wie irgend ein anderer. Nur den eine Gedanke war in ihr: nicht ohne Liebe durchs Lebens gehen! Nicht ohne Liebe —
(Fortsetzung folgt.)
Ans Schneeschuhen.
Won Rechtsanwalt L. Raab (Gießen).
(Schluß.)
Da geschah es denn eines Tages, daß sie wieder zusammen absuhren. Hatte sie sich zuviel auf den Halt, den er ihr mit starken Händen bot, verlassen oder bei dem Gedanken, von dem lieben Menschen, dessen aufrichtige Verehrung immer mehr zu Tag trat, so durchs ganze Leben geführt zu werden, ihn von der Seite zu viel bewundernd angesehen und dabei die Strecke vor sich vernachlässigt — ehe sie recht wußte, wie's kam (ihre Schneeschuhe hatten vorne „geschert"), schlug sie einen Purzelbaum, daß der Schnee weithin auseinanderstob — und Hugo? Er hätte sich als gewandter Läufer dsirch Loslassen noch vielleicht vor dem Sturz retten können. Im Bestreben aber, dte Schwankende aufrecht zu erhalten, verlor er selbst den Halt und siel zugleich mit ihr kopfüber in den Schnee und schlug mit den Schneeschuhen noch einen Halbkreis. Sie waren, so gefallen, daß sie nicht mehr wußten, was rechtes Bein und linkes Bein. Die Schi ineinander und durcheinander, der eine in entgegengesetzter Richtung, wie der andere; die Lookoongruppe schien ihnen der reinste Waisenknabe an Verstrickung zu f.in. Zum Glück war der Sturz gut abgegangen. Leuchen hatte es kurz vorher nicht glauben wollen, daß man derart verwickelt fallen könne, daß man kaum aufstchei- könne. Seine erste Frage war, ob sie sich, oder er ihr wehzcta» habe, was sie lächelnd verneinte, obwohl er mit seiner rech.eu Schulter schwer auf ihren Arm gefallen war. Seine Bemühungen, los zu kommen, waren vergebens. Beim Bestreben, lunächst ihr zu Helsen und nach ihr zu sehen — wie reizend sah sie wieder in ihrer Hilflosigkeit aus, die lieben Augen so schelmisch und so nah auf ihn gerichtet! — rutfchte er immer näher nach ihr hin. Leuchen hatte im Zufall einen starken Bundesgenosten: Hugo fiel ihr tatfächlich förmlich zu und als er sagtet


