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lich mit seinem weich fließenden blonden Zlpostelbart und den blauen Träumeraugen, und verlas das Evangelium aus Johannes, Kapitel sechszehn:lieber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen: denn ich gehe zürn Vater."

Traute saß mit gesenktem Kopfe und hörte aufmerksam zu. Aber es war doch mehr der Wohlklang des modulations- fähigen Organs, der ihr Wohltat; der Geist war nicht bei der .Sache. Sie vernahm die Stimme, aber achtete kaum auf das, was gesprochen wurde. Sie beschäftigte sich wieder mit sich selbst. Sie fragte sich: tote kommt Fred Dewa zu seiner Warnung? Es war fast komisch: Everstedt warnte sie vor Kruse, Kruse vor Everstedt, und nun kam auch noch der kleine Dewa mit seinem mahnenden Wort. Waren sie eifer­süchtig aufeinander? Es schien beinahe so. Jeder wollte sie für sich behalten. Auch Dewa. Er hatte etwas Rührendes mit seinem stillen und scheiten Werben. Werben? Um was warb er denn bei ihr? Es waren ja doch auch nur Süßig­keiten, die er ihr zu kosten gab es war nichts als ein anmutiger Flirt; an ernsthafte Absichten dachte er ganz gewiß nicht . Die hatte bisher nur ein einziger gehabt: Max Roeßler.

Da schreckte etwas in Trante. Es lvar sehr merk­würdig: seit jener Abschiedsstunde bei der Sandratt waren erst toeilige Wochen vergangen, und sie dachte kaum noch an ihren Max. Natürlich war er selbst daran schuld ; warum hatte er ihr das Schreiben verboten und warum ließ er so gar nichts von sich hören? An dem Goldherzchen, das er ihr geschenkt hatte, war eines Morgens zufolge einer Un­geschicklichkeit die Kette gerissen. Sie hatte sie gelegentlich zum Goldarbeiter tragen wollen, vergaß es aber immer wieder, fürchtete auch die kleine Ausgabe. So lagen denn Herzchen und Kette, in Seidenpapier gewickelt, im obersten Fach ihrer Kommode, ganz in der Nähe der mit einem roten Bändchen umschnürten Liebesbriefe des Referendars Ueber- lingen, des ersten, der einen Sturm auf die Festung ver­sucht hatte.

(Fortsetzung folgt.)

hundert )ahre Breslauer Universität.

Von Fritz E r n st (Breslau).

In der .ersten Augustwvche dieses Jahres wird eine Reihei glänzender Feste die hundertste Wiederkehr der Tage feiern, in denen vor einem1 Säkulum die Universität in Schlesiens Haupt­stadt gegründet wurde. Die weltbewegende Erscheinung Napo­leons, der Europas Landkarte zum Spielbäll seiner gigantischen Pläne machte, war auch an der Wissenschaft nicht spurlos vorüber- gegangen. Der größte Feldherr seines Jahrhunderts war zu­gleich ein Organisator von Rang, und die Neugestaltung des französischen Unterrichtswesens war nicht weniger bewunderns­wert, als die kriegerischen Großtaten des korsischen Eroberers. Morsch und lernfaul wie die ganze Zeit, die der General der Revolution wie eine zweite Gottesgeißel vernichtend mtb reinigend durchfuhr, war auch die Wissenschaft, die ein unwürdiges Schein­dasein stiftete. Von zweiunddreißig Universitäten, die damals in deutschen Staaten (Oesterreich ausgenommen) existierten, über­standen nur fünfzehn die Periode politischer Umwälzungen und geistiger Wiedergeburt. Der Niederwerfung Preußens durch Napo-. Icon folgte nach ganz kurzer Zeit der Betäubung jener Aufschwung, dessen nur ein an den Wurzeln seines Lebens gesundes Volk fähig ist, und der in den Befreiungskriegen einen in der Welt­geschichte fast einzig dastehenden Ausdruck sand. Preußens Führer erkannten die Notwendigkeit der Reform des Staates an Haupt und Gliedern, und sie waren weitschauend genug, Frankreichs Vorbild nicht sklavisch nachzuahmen, sondern die Eigenart der alten deutschen Hochschulen mit den auf der Hand liegenden Vorzügen der französischen Reformen zu paaren. Auf dieser Grundlage erfolgte 1811 die Gründung der Breslauer Universität, die amtlich als eine Vereinigung der protestantischen Viadrina zu Frankfurt a. O. mit der katholischen Leopoldina zu Breslau be­zeichnet wird. In Wirklichkeit aber war es eine völlige Neu- gründung, die die vier Fakultäten von Frankfurt a. O. mit der Jesuiten-Universität der schlesischen Hauptstadt zu einem neuen Ganzen znsammenschloß. Aus den beiden altersschwachen, int Bann verstaubter Buchstabengelehrsamkeit lebensfremd dahin- dämmernden Hochschulen entstand eine moderne Pflegstätte des Geistes, getreu nach der ein Jahr zuvor in der Reichshauptstadt ins Leben gerufenen Universität. Wo früher pedantisches Schema für die Fortsetzung des Schulzwanges auf der Universität ängstlich besorgt war, traten jetzt freie Wissenschaft und uneingeengte For­schung in ihre Rechte. Dm Geist und die Ideenwelt Schillers und Goethes, Lessings und Herders, Kants und Fichtes und nicht zuletzt des Schlesiers Schleiermacher wiesen der jungen alma mater ihre neuen Bahnen.

Reich an Sturm und Drang, reich an Ruhm und Erfolgen, ist die Geschichte der Breslauer Hochschule, wie sie uns eine kurz« Betrachtung im Lauf des vorigen Jahrhunderts zeigt. Noch war der Boden mit dem neuen geistigen Rüstzeug kaum flüchtig durchackert, als Friedrich Wilhelm III. zu den Waffen rief und mit der Pflugschar des Bauern auch die des Gelehrten die Erde anfriß. Das anseuernde Beispiel des jugendlichen Breslauer Physikprosessors Heinrich Steffens ist für immer ehrend in der Geschichte der Freiheitskriege verzeichnet, und es lohnt wohl die Mühd, zu hören, was Steffens selber über die Tage, in denen Breslau den Mittelpunkt der preußischen Volkserhebung bildete, in seinen Er« innerungen zu sagen weiß:Eine unermeßliche Menge Männer/ vorzüglich Jünglinge, strömten nach Breslau; alle Häuser wärest angefüllt, aus den .Straßen wimmelte es, Scharnhorst war. da/ Gneisenau wurde erwartet; die hereinbrausenden Wogen einer mächtigen Zukunft hatten alle Gemüter ergriffen. Nur ein Ge­danke erfüllte die zusammengedrängte Menge. . Und dennoch schwebte über diesem Gedanken selbst ein geheimnisvolles, grauenhaftes Dunkel. Der König hatte General Porcks glänzende Tat mißbilligt. Noch schien es zweifelhaft, ob man den General wollte fallen lassen, der der allgemein mächtigen Bewegung Trotz bietend und Napoleon sich in die Arme werfend Rußland be­kämpfen wollte, oder ob man entschlossen sei, mit Rußland ver­einigt, Napoleon den Krieg zu erklären. Die ganze preußische Jugend erwartete den Aufruf zur Bewaffnung, aber auch irt diesem war der Feind nicht genannt. Gespannt, freudig erregt, und dennoch zugleich beunruhigt, verließ ich nach Mitternacht die Gesellschaft des Hauptmanns von Boltenstern, eines Schülers von Scharnhorst. Ich brachte die Nacht in wilden Träumen zu und erwachte, um mich für einen Vortrag über Naturphilo­sophie vorzubereiten, der um acht Uhr stattsinden sollte. Indes ging, was ich erfahren hatte, mir durch den Kopf, und plötzlich ergriff mich der Gedanke: es steht ja bei dir, dm Krieg zu erklären, deine Stellung erlaubt es dir und was der Hof beschließen wird, wenn es geschehen ist, kann dir gleichgültig sein. . Mein Hör­saal war nicht stark besetzt. Die Studenten hatten keinen rechten Begriff von der Naturphilosophie. Außerdem leerte die gewalt­same Aufregung der Zeit die Hörsäle. Als ich den Vortrag ge­schlossen hatte, wandte ich mich an die wenigen Versammelten und sprach sie folgendermaßen an:Meine Herren, ich sollte um 11 Uhr einen zweiten Vortrag halten, ich werde die Zeit aber benutzen, um über einen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, der wichtiger ist. Der Aufruf des Königs, wird Gegenstand meiner Rede sein. Machen Sie meinen Entschluß allenthalvm bekannt. Ich erwarte so viele als der Raum zu fassen vermag.^ Noch warm die zwei zwischmliegmden Stunden kaum zur Halste verflossen, als eilig und mit heftiger Aufregung eine große Deane meiner Wohnung zuströmte. Der Hörsaal war gedrängt voll/ die Türen konnten nicht geschlossen werden. Es dauerte lange,- ehe ich den Weg zu meinem Katheder fand. Was ich sprach, ich weiß es nicht. Was ich sagte, war die stille Rede aller unh machte eben deswegen, tote ein Echo aus der eigenen Seele eines jeden, einen tiefen Eindruck. Daß ich, indem ich die Jugend so aufforderte, zugleich meinen Entschluß erklärte, Mit ihnen den Kampf zu teilen, versteht sich von selbst . . ."

Im Triumph geleiteten nach jenem denkwürdigen Vortrage die Studenteii ihren Lehrer durch die Straßen und mehr als zweihundert ließen sich in die Listen der Freischaren emschrciben. Bei der Jahrhundertfeier der Freiheitskriege, zu der Schlesien und Breslau voran schon emsig rüsten, .roitb man des .mutigen Hochschullehrers in Ehren gedmkm.

Weniger ruhmvoll, als die einmütige Beteiligung der Bres­lauer Universität an den Befreiungskriegen war die Unduldsamkeit gegen dm seit 1830 in Breslau als Literarhistoriker verdienstvoll wirkenden Dichter Hoffmann von Fallersleben, dem die glanzende Satire seinerunpolitischen Lieder" 1842 den Lehrstuhl kostete. Dagegen sah das Jahr achtundvierzig unter dm Professoren manchen Namm, der für die Konstitution tn Wort und Bild em- trat, und die in Breslau besonders starke Bewegung des Vor­märz'fand an der Hochschule ein lautes Echo Wahrend die Studenten in den radikalen Klubs und in der, Burgerwehr Be­friedigung für ihren Tatendrang suchten und fanden, arbeiteten die Lehrer in Parlamenten und politischen Vereinen an dem Aus­bau der neuen Staatsordnung tatkräftig mit.

Betrachten wir die schier endlose Reihe der Gelehrten, die im Laufe der vollendeten hundert Jahre an der Breslauer Uni­versität wirkten, so tritt uns eine imponierende Schar bedeuten­der, ja internationaler Namen entgegen. Aber mir von velschwin- dmd wenigen dieser Großen im Reiche des Geistes können wir mit gutem Recht behaupten, daß lie unter waren. Die meisten hielten in der Oderresidenz nur kurze Rast und zogen dann weiter nach der Reichshauptstadt, oder nach dem Siidm Bon der Bres. lauer Universität gilt dasselbe, wie von den Breslauer Theatern, sie sind bekannt und geschätzt als Durchgangsstation, .als Lprimg- brett.In Breslau wird gearbeitet, heißt es nut Recht im ReicheAlso ist es vorteilhaft, einmal dorthin zu gehen. Aber dort bleiben nein." Diese traurige Tatfache hangt mit der wenig vorteilhaften Entwicklung der Stadt Breslau eng zuiammen. Die kommunale Verwaltung der ,cylesischm Hauptstadt hat m der Mitte des vorigen Jahrhunderts so Merwjegerche Umer- la!iunassündm begangen, daß ine Spuren der damaligen