Ausgabe 
31.7.1911
 
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M tun würde, in diesem köstlichen Frühjahr ein paar Wochen in Sonderkroog oder sonstwo an der See verleben zu können.

Aber freilich, daran war nicht zu denken. Im Spät­herbst, wenn die Saison vorüber und die Preise billiger geworden waren, pflegte die ganze Familie Köhler sich gewöhnlich auf acht Tage in einem Fischerhänschen in Sonderkroog einzumieten. Aber das war keine rechte Er­holung. Man mußte sich dann in drei niedrigen Stuben einkapseln, und Trante war nicht mehr als eine Dienst­magd, die der Mutter beim Kochen half, mit den Kin­dern spazieren ging, Nachhilfestunden an Helene erteilte Und auf Theacheu acht gab, wenn sie im Sande spielte. Traute hatte kaum eine' freie Stunde für sich und war immer froh, wenn diese Ferientage ihrem Ende entgegen­gingen.

Sie fühlte sich sehr unglücklich daheim. Das lag in ihrer Natur und lag auch daran, daß sie in ihrem ästhe­tischen Feiuempfiudeu den Unterschied zwischen der elegan­ten Gesellschaft, in die sie hineingezogen worden war, und her pfahlbürgerlichen Häuslichkeit besonders stark spürte. Das unendlich kleinliche Kreisen der ganzen Gefühlswelt :m Elternhause, das sich um nichts anderes als um die ichtbaren Erscheinungen rings um den Herd bewegte, lag oie ein Alp auf ihr. Sie wußte ganz genau, wie gut Vater und Mütter es mit ihr meinten, und merkte doch mehr und mehr, wie sehr die Kluft zwischen ihnen und ihr sich erweiterte. Allerdings merkte sie es nur an Aeußer- lichkeiten,' aber es kam doch auch eine unbewußte Wahrneh- htung von innen dazu: der Widerstand einer feiner organi­sierten Natur gegen die entsetzliche Banalität eines grauen Alltagslebens, in bem jebe Hoffnung auf freudigere Zuver- £f)t verkümmern mutzte. Früher hatte Traute sich zu­eilen gegen die triste Schablone in der Erziehung ihrer jüngeren Geschwister gesträubt und sich namentlich des neun» jährigen Rolf warmherzig angenommen, dessen frisches Wesen wie ein befreiender Luftzug in dieser trübseligen Atmosphäre wirkte. Aber ein gemeinsames Arbeiten mit her Mütter war auf die Dauer unmöglich: es war ein ewiges Miserere.

Der Vater lebte tagsüber nur dem Geschäft. Er war jetzt sehr jn Sorgen. Die Krisis auf dem amerikanischen Markt hielt an. Der Rückschlag blieb nicht aus und ver­ursachte zunächst ein allgemeines Sinken der Preise. Frei­lich war Köhler der Hoffnung, daß mit Herbstbeginn wieder eine Steigerung der Werte eintreten werde. Aber die Hoff­nung konnte auch fehlschlageii; es war möglich, daß die Krise sich in die Länge zog, daß auch ein völliger Zu­sammenbruch erfolgen konnte, und dann ließ sich die auf» gestapelte Ware nur unter ungeheuren Verlusten losschlagen. Das aber wäre gleichbedeutend mit einem Fallissement des Geschäfts gewesen. Krisen ähnlicher Art traten ja zeitweilig ein und waren Köhler nicht unbekannt; nur hatte er, der bei allen Einkäufen mit ungemeiner Vorsicht zu Werke ging und sich vor jeder unsicheren Spekulation hütete, unter ihnen minder zu leiden gehabt, kleinere Verluste, die natürlich nicht ausblieben, gewöhnlich auch durch gelungene Neben- geschüfte wieder wett zu machen verstanden. So war es ihm noch vor zwei Jahren gelungen, die schlechte Konjunktur in der eigenen Ware durch ein vorteilhaftes Jndigogeschäft zu Überwinderi, das Mister Brigham in Quetzaltenango für ihn cingekitet hatte.

Auf Mister Brigham hoffte Köhler auch jetzt wieder. Brigham hatte ihm mitgeteUt, daß man in Zentral-Ämerika eine neue Moraeee entdeckt habe, deren Milchsaft nach ge­höriger Behandlung beit feinsten Kautschuk ergebe, den man bisher kannte. Und gerade Kautschuk bedurfte man in der ganzen Welt mehr, als geliefert werden konnte; auch die bestenFaktis", Surrogate, die man in der Industrie benützte, konnten ihn nicht genügend ersitzen. Mit der neuen Pflanze, für bereu Zucht sich Brigham außerorbent- lich zu interessieren schien, war also ein glänzendes Geschäft zu machen, und Köhler hatte sich auch schon mit Brigham in Verbindung gesetzt, um sich dessen Kautschukexport zu sichern. Aber eine entscheidende Antwort war noch nicht eingetroffen; zudem erforderte dieses Geschäft eine Vorbereitung von langer Hand.

Köhler hatte sich unter aller Last eines sich durch die Tage schleppenden Arbeitstieres doch einen gewissen trockenen Humor bewahrt, der vielleicht noch aus der herstammte, da er mit lustigen Matrosen durch die

Meere fuhr. Damit war es nun aber auch vorbei. Der kleine Mann mit dem faltigen Gesicht war verschlossen und mürrisch geworden; selbst das Geheimnis seines Kau­tabaks konnte ihm uichr mehr die alten Freuden ge­währen. Es war ein lichtloses Dasein im Köhlerschen Hause, ohne Stimmung und Aufschwung und ohne freudigen Ausblick.

Die Kinder spürten es kaum. Auch für Frau Auguste war es etwas Gewohnheitsgemäßes; sie tat ihre Pflicht wie immer und schimpfte nur etwas mehr als sonst. Aber Trante litt schwer unter den Verhältnissen. Ihre ursprüng­liche Frohnatur drängte nach der Sonne. Die Enge pes Kreises machte sie, die nach größeren Lebensweiten sich! sehnte, unglücklich. Sie hatte eine sorgfältigere Erziehung erhalten als die übrigen Köhlerschen Kinder; sie war auch reicher begabt, temperamentvoller und, unbeschadet ihrer noch nicht völlig ausgerotteten Naivität, geistig freier in! ihren Anschauungen als die Eltern.

Sie hatte einen weiten Umweg nach Hanse gewählt. Das! war ihr recht. Der Spaziergang im lichten Sonnenschein dieses Lenztages erfrischte sie. Ihre Gedanken begannen sich wieder zu ordnen; sie wurde sinnend. Nun war es! vorbei mit allen Hoffnungen auf ein fröhliches Maifest. Niels Kruse würde sich nach dem Vorgefalleuen sicher nicht mehr dazu bewegen lassen, noch weiterhin die Arrangements zu leiten; mit denMüttern" paktierte er nicht. Im Grunde genommen war es ganz gut so. An der geplantenGe- sindelsaison" war zweifellos die Idee besser als die praktische Ausführung. Lili und Henny hatten zwar ihren großen Münd behalten, aber sie konnten auch kleinlaut werden, wenn erst einmal die Geschichte im Gang ioar. Brrr, was hatte man schon bei dieser Sonutagsversammlnng für weib­liche Erscheinungen gesehen! Nein, das ging wirklich nicht an; es war nicht möglich, sich mit allerhand zweifelhaften kleinen Mädelchen in Reih uno Glied zu stellen. Schon ein instinktives Gefühl innerer Sauberkeit wehrte sich da­gegen. Daran hätte man von vornherein denken können. Aber Everstedt hatte wieder einmal einen heillosen Wirr­warr der Begriffe herbeigeführt; das liebte er und! auf seine Schaumschlägerei waren arte miteinander herein­geplumpst.

Gewiß, Everstedt War wieder der Anführer gewesen. Wenn Trante an ihn dachte, fühlte sie das kräftigere Pvchpoch ihres Herzens; fühlte sie innere Widersprüche und Hemmungen, über die sie nicht fortkam. Der freche Ton, den er zuweilen in der Unterhaltung mit ihr an­schlug, entrüstete sie; seine Schmeicheleien taten ihr weh. Es lag etwas in seinem ganzen Sichgebeu ihr gegenüber, das einem frivolen Spiel gleichkam, dem grausamen Spiel des Stärkeren mit dem Schwächeren, der Katze mit dem ihr rettungslos verfallenen Mäuslein. Das brachte ihr Innerstes in Aufruhr. Nach der Szene an jenem Sturm- nachmittage ans der Heide hatte sie gewünscht, nie wieder mit ihm zusammentreffen zu brauchen; aber sie spürte selbst, Wie bei diesem Wunsche ein heimliches Sehnen nach dem Gegenteil unterlief. Sie wollte ihn verachtungsvoll behandeln und Wollte ihn fühlen lassen, wie gleichgültig er ihr sei und doch schmerzte sie jedes spöttische Wort von ihm.

Er ist falsch wie.Galgenholz," hatte ihr DeWa gesagt. War er das wirklich? War er nicht nur eine irregeleitete Natur, die in ihrer Selbstüberschätzung alle sittlichen Jm- pulso preisgab und in ihrem erhabenen Dünkel, ihrem Glücksdurst, ihrer Leidenschaftlichkeit sich keinen Zügel an­legen zu brauchen bermeinte? Gewiß, er war ein schlechter Mensch, voll niederer Instinkte und von brutalem Egois­mus bei Erreichung seiner Zwecke aber das Tückische der Falschheit, gerade das war ihm fremd. Und als Traute fo dachte, ärgerte sie sich wieder über sich selbst, denn sie fühlte wohl, daß sie nach Entschuldigungen für jhn suchte.

Sie ging jetzt an ber Apostelkirche vorüber, deren schöne gotische Front im Hellen Lichte lag und ans deren Innerem ihr Gesang und Orgelklang entgegenbrauste. Es war das Gotteshaus, das zu ber Gemeinde des Pfarrers Mvebius gehörte, unb ba kam ihr der Entschluß, einzutreten und! einen Teil der Predigt anzuhören. Die Kirche war wie immer gedrängt voll: Mvebius hatte eine treue Zuhörer­schaft. Traute fand noch ein Plätzchen in einem Seiten­gestühl und ließ sich nieder. Die'Liturgie war eben be­endet; Md ebius stand aus der Kanzel, sehr schön und statt-