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' Ich kehrte zurück aüN meinen Tiraumen. Ich stand la, vor feit blühenden Blumen, die sich hinter Maria hoben, aber Maria, Maria -war tot.

Der Geistliche Hatte geendet. Er wandte sich zu der, die regungslos hort lag, hob die Hände und sprach den Gegen über sie. Und meine Seele, die zurückgekehrt war zum harten Heute, meine Seele wiederholte seine Morte, den Segen über mein Weib.

Dann sah ich mich dranßen. Hände streckten sich mir wieder entgegen. Gesichter zogen an mir vorbei. Zuletzt klang eine Stimme, die ich kannte, dicht neben mir. Sie sprach mit Marias Eltern. Ich sah! hin. Es war Herzeloide. Und sie war der einzige Mensch, dem ich et-tvas zu sagen den Wünsch empfand. Ich nahm ihre Hand:

Sie ist fort.

Herzeloide aber gab zurück mit ihrer tiefen, trostesfi Leichen Stimme:

H Sie ist heimgegangen.

*

Nun war ich allein. Alles kehrt züm Ausgang zurück. Man tritt ins Leben man verläßt es wieder. Allein hatte ich begonnen. Spät war mir die Erkenntnis ge­kommen der Liebe, der echten, der, die da bleibt nun war ich abermals allein. Vorher hatte ich ja nicht geahnt, wie der Mann erst durch das Weib, durch die Ehe zum Völlen Menschen wird, wie er lernt, um des geliebten Wesens willen Selbstsucht und Kleinlichkeit zu überwinden. Nun schien es mir, als wäre die eine Hälfte meines Selbst von mir abgebrochen. Ich konnte mich nicht zurcchtfinden in der Welt. Wenn mich auch nur auf einen Augenblick der Gedanke an meine Maria verlassen hatte, sofort kam er wieder über mich, und ich hätte auffchreieu mögen: Maria ist tot! .......

Die Eltern Marias waren abgereist, nachdem in Meran auf deut evangelischen Friedhöfe meine Maria dem Schoße der Erde übergeben worden. Sie hatte es ihrer Mutter gesagt mit den Worten:Ich möchte gern hierbleiben. Immer hierbleiben."

Ich fühlte daraus, daß sie ihren Wunsch nicht mir mitgeteilt hatte, das zarte Bestreben, mich nicht an das zu erinnern, was kommen mußte.

Meine Schwiegereltern hatten mir zugeredet, sie z'u begleiten. Sie wollten nun, wo es für die Mutter Marias, die einer kräftigen Luft bedürfte, um sich ganz von ihrer Krankheit zu erholen, zu heiß geworden war, Höhenluft aufsuchen. Aber ich konnte nicht fort ans Meran. In der Nähe meines Grabes wollte ich bleiben. Und die MAlschenleeve in dem nun gänzlich verlassenen Kurort tat mkiner verwundeten Seele wohl. Unerträglich wäre es mir gewesen, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Jedem, mit dem ich hätte sprechen müssen, würde ich aus dem Wege gegangen sein.

So irrte ich vom Morgen bis zum Abend über disj menschenleeren Straßen, durch die öden Anlagen, in denen nur noch die Kinder der Einheimischen tut Schatten der Bäume au der rauschenden Passer spielten. Ich ging früh am Morgen irgendwohin in die nun schon mit dichtestem Rebengerank überwucherten Weingärten. Durchstreifte die Obstpflanzungen des Etfchtales, stieg hinan zum Mittel­gebirge, zu den Burgen und Ruinen, oder saß dort oben im Naiftale, am Haflinger Berg, au den Hängen beim Schloß Tirol, im Schatten einer gewaltigen Edelkastanie oder unter den kräftig duftenden BlätteW. eines riesigen Nußbaumes und blickte von der Höhe hinab in das sonnen­durchglühte Tal.

, Nie nahm ich mir ein Buch mit zum Lesen. Ich flieh meinen Gedanken überlassen, die in dumpfen Träumen immer, immer wieder zurückkehrten zu Maria.

Ein kleiner Fleck Erde zog von all den umliegenden Höhen aus meine Blicke mit stets erneuter Gewalt auf sich. Ein kleiner Fleck, am Unterlauf der Passer gelegen, von weißer Mauer umhegt, mein Liebstes bergend: der Friedhof.

Ihn sah ich leuchten, wo ich auch saß und stand. Und in ihm eine Stelle, winzig, nur mit einem einfachen Kreuz ivou Marmor aus den L-aaser Bergen: der Hügel, unter dem schlummerte, was sterblich war von in einem Weibe. Ich sageschlummern", aber war es das? Ging nicht dieser Körper, der einst in seiner Wohlgestalt die Blicke entzückt, dieses Auge, das voller Liebe auf mir geruht, diese Hände, die ich in den meinen gehalten, dieser Mund, her an meinen

Lippen gehangen, der nur, nur Liebes gesprochen hätte- zu mir, ging alles das nicht gräßlicher Perivesung ertts gegen? War es nicht heute schon zerstört, vielleicht kaum zu erkennen? Mich ergriff ein Schänder bei diesem Ge­danken. Aber war es nicht Menschenlos? Hatte ich nicht au dem gehangen, das mehr ist als der Leib, den die Würmer fressen? An der Seele?

Ich sann. Mir !var es, als müßte ich Zwiesprache pflegen mit dieser lieben Seele, und ich wußte doch, eine Antwort bekam ich nicht. Da klammerte ich mich an allech was offenbar war von meiner Maria, an die Erinne­rungen und -Andenken. Ich- blieb einen ganzen Dag zu Haus, in den Sachen und Schriften zu wühlen, die ich von ihr besaß.

Das Zimmer, in dem sie heimgegangen wär, wie Herze­loide gesagt, hatte ich gelassen, wie es wär. Wir hatten alle Möbel genau wieder so gestellt wie zu Marias Leb­zeiten, auch das Bett, in dem sie gestorben war. Nur das Bettzeug war entfernt. Leer stand die Lagerstatt dch eingesunken, mit einer einfachen dunkeln Decke behangen.' Der Nachttisch stand noch daneben mit einer Marmorschale,- in der die Verklärte allerlei verwahrte: ein paar Knöpfei einen Täschenkalender, einen Bleistift. Armselige kleine Gegenstände, die mir doch um keine Herrlichkeit der Welt feil gewesen wären. Ein paar Schächtelchen mit Pulver,- eine Flasche mit Medizin und Marias Taschenuhr, die au einem kleinen Lederständer hing, das war alles, was übrig geblieben war, denn die Ringe, einfach nur, von keinem besonderen Wert, hätte ich meiner Schwiegermutter auf deren Bitte geschenkt. Den Trauring allein behielt ich für mich, und da er zu eng war, als daß ich ihn über meinen großen Finger gebracht hätte, trug ich ihn an der Uhrkette.

Jeden Abend aber zog ich Marias Taschenuhr auf und stellte sie dann wieder an ihren Platz, genau so, Ivie ich es während der letzten Zeit getan hatte, weil die Kranke zu schwach war, um sich zu bewegen. Dann saß ich in dem Raum, der meine bitterste Stunde erlebt hätte, und starrte auf das leere Bett, faßte mich an die Stirn, als wollte ich fragen: Ist das alles möglich und wahr?

Es war eine Zeit, da in mir alles ausgelöscht und ge­storben schien, eine Zeit, wo die Lebenskraft in mir ver­siegte, wo ich nicht mehr denken, nichts mehr fassen und tun konnte. Ich war nicht fähig, einen Bries zu schreiben, und doch war ich Dutzenden von Menschen, die mir ihte Teilnahme ausgedrückt hatten, wenigstens einen Dank schuldig. Die meisten Briefe las ich nicht einmal, son­dern schloß sie ungeöffnet fort. Ich war so haltlos, so gleichgültig. Ich fühlte mich so unnütz aus dieser Welt! Jede Entschlußkraft hatte ich verloren. Es kam mir wohl der Gedanke, abzureisen, denn in besseren Stunden sah ich ein, daß es für mich richtiger wäre.

Und der nächste Dag? Da verließ ich beim Morgen­grauen das Haus, denn es litt mich nicht mehr auf meinem einsamen Lager, das der Schlaf floh. Ich ging den Weg, den ich jetzt täglich ging: zum Grabe. Dort faß ich undl las die Inschrift: den Namen, die Jahreszahlen und den Spruch, den Maria sich auf ihr Grab gewünscht hatte. Unbeweglich stand er in goldenen Buchstaben nun vor meinen Augen wie eine letzte Versicherung, als sprächenoch ein-, mal ihre weiche Stimme, als redete ihr Herz, ihre Seele zu mir, Trost, Ruhe, Gewißheit und Frieden für mich, der Spruch aus dem Korintherbriefe:Die Liebe höret nimmer auf!"

In jenen dumpfen Tagen war mir das immer wie ein letzter, täglich neuer Gruß von ihr, den ich mir holen­mußte, ohne den ich gemeint hätte, meine Pflicht versäumt zu haben.

Der Gang zum Friedhof war meine einzige Befchäf-i tigung, die einzige Pflicht, der ich noch uachkäm, denn mein Hirn war erstorben, mein Herz wär tot.

-Ja, mein Herz war tot. Nicht wandelbar mehr luiel einst, nicht einer ergeben bis zum Ende, wie es gewesen i nein, -mein Herz war tot. Dort in der Brust regte sich nichts mehr. schlug für nichts. Nicht pochte es, höher bei allem, was mir teuer gewesen, Vaterland-, Armee/ die Kameraden, meine Pferde. Ob sie ivaren oder nicht, ob es ihnen wohl ging, ob sie zugrunde gingen mein Herz war tot.

(Fortsetzung folgt.)