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fetaeirt ganzen Wesen überzeugten mich, der ich seine Art kannte, datz er dem Geheimnis ans der Spur sei, wiewohl ich keine Ahnung hatte, wo er den Schlüssel gefunden haben könne.
'Zd^blleicht möchten Sie gleich weiter fahren, Herr Holmes, Um Schauplatz des Verbrechens zu besichtigen?" fragte Gregory. „Es wäre mir lieber eine Weile hier zn bleiben, und erst Noch über einige Einzelheiten ins klare zn kommen. Vermutlich ist Straker hierher geschafft worden?"
n er liegt im oberen Stock. Morgen soll die Totenschau smttfinden."
—. schon seit mehreren Jahren in Ihrem
$)tenft, Herr Oberst?"
„(Sie haben gewiß ein Verzeichnis' vvn hen Gegenständen gebracht, die er zur Leit seines Todes bei sich trug?"
"2^?' )oar stets außerordentlich zufrieden mit ihm." „Tie Sachen sind alle im Wohnzimmer verwahrt. Sie können sie dort in Augenschein nehmen."
„Das wäre mir lieb."
. Mr traten nun in das vordere Simm er und nahmen uml brn Tisch m der Mitte Platz, während der Inspektor einen viereckigen Blechkasten anfschloß und eine Anzahl Gegenstände herausnahm: eine Schachtel mit Streichkerzen, zwei Stückchen Talglicht, erneu halb gefüllten ledernen Tabaksbeutel, eine kurze Pfeife, eine silberne Uhr mit goldener Kette, einen Bleistifthalter von Aluminium, fünf goldene Sovereigns', verschiedene Papiere und ein Mester mit Elfenbeingriff, welches „Weih und Co. London" gezeichnet war und eine sehr biegsame, feine Klinge hatte. Holmes nahm es in die £>ant> und betrachtete es.
„Ein sonderbares Messer," sagte er. „Nach den Blutflecken zu urteilen, ist es wohl dasselbe, welches man in des Toten Hand gefunden hat. Ich dächte, auf dergleichen mußtest du dich verstehen, Watson."
„Es ist ein Messer, wie man -es zu Staaroperationen braucht," sagte ich.
„Ich dachte mirs wohl, daß man eine so feine Klinge nur Au sehr heikler Arbeit benützt. Wie sonderbar, daß er ein solches Metier bei dem nächtlichen Ausgang mitgenommen hat; es läßt sich nicht einmal zuklappen und in die Tasche stecken."
„Die Spitze war durch eine Korkscheibe geschützt, die wir neben der Leiche fanden," berichtete der Inspektor. „Frau Straker sagt, das Messer hätte schon feit ein paar Tagen auf dem Tisch im Schlafzimmer gelegen, und beim Hinansgehen habe ihr Mann es mitgenommen. Es war nur eine schwache Verteidigungswaffe, aber vielleicht die -einzige, die er im Augenblick zur Hand hatte."
„Wohl möglich. Und was für Papiere sind das?"
„Drei Quittungen von Händlern für geliefertes Heu; ein Brief von Oberst Roß mit Verhaltungsmaßregeln; ferner die Rechnung einer Schneiderin im Betrag von si-ebenuNddreihig Pfund fünfzehn Schilling, von Madame Leswier in Bondstreet für William Dar- byshire ausgestellt. Frau Straker teilte mir mit, dieser Darbyshire sei ein Freund ihres Mannes gewesen, und zuweilen seien Briefe an ihn hierher adressiert worden."
„Frau Darbyshire scheint etwas verschwenderischer Natur zu sein," bemerkte Holmes, die Rechnung überfliegend. „Zweiund- zwanzig Guineen ist eine hohe Summe für einen einzigen Anzug. — Nun habe ich hier wohl alles gesehen, und wir können uuS auf den Schauplatz des Verbrechens begeben."
Als wir das Wohnzimmer verließen, trat eine Frau, die im Hausflur gewartet hatte, auf uiis zu. Man sah es ihrem- Hagern, eingefallenen Gesicht und ihrer aufgeregten Miene an, daß sie erst kürzlich etwas Entsetzliches erlebt hatte.
„Hat man sie gefunden und festgenommen?" stieß sie hastig hervor und legte chre Hand auf den Arm des Inspektors.
„Nein, Frau Straker; aber Herr Holmes hiev ist ans London gekommen, um uns zu helfen; wir werden das Menschenmögliche tun."
„Habe ich Sie nicht kürzlich bei einem- Gartenfest in Plymouth gesehen, Frau Straker?" fragte Holmes.
„Nein, das muß ein Irrtum fein."
„Wirklich? Ich hätte darauf schwören mögen; Sie trugen ein taubengraues Seidenkleid mit Straußenfedern besetzt."
„Einen solchen Anzug habe ich nie besessen," erwiderte die Dame.
„So?—- Dann habe ich mich freilich getäuscht. Entschuldig eU Sie bitte," sagte Holmes und folgte dem Inspektor ins Freie.
Ein kurzer Weg über das Moor brachte uns nach der Thal- fenfung, wo der Leichnam- gefunden worden war. Am Rande derselben stand der Ginsterbusch, auf dem der Mantel gehangen hatte.
„Es war in jener Nacht kein Wind, so viel ich weiß," sagte Holmes.
„Nein, es regnete nur sehr stark."
„Also ist der Mantel nicht in das Gebüsch geweht worden/ sondern man hat ihn dort aufgehängt."
„Ja, er war quer über den Busch gelegt."
„Tas ist mir von großem Interesse. Ger Boden ist rings- rerum ganz zertreten. Wahrscheinlich sind seit Montag nacht ichon viele Leute hier gewesen."
„Wir haben auf diese Seite eine Matte gelegt und standen, Bctrauf."
„Ausgezeichnet!"
„In dem Sack hier habe ich einen von den Stiefeln, welche Äa.”C“ÜÄ.6* ®d’U* “n “ni>
„Sieber Inspektor, Sie sind ganz unvergleichlich."
,, Cosmes nahm den Sack, stieg in die Talsenkung hinab und schob die Matte mehr nach der Mitte zu. Dann streckte er sich der Lange nach auf den Boden, stützte sein Kinn auf die Hände und begann den zertretenen Boden sorgfältig zu betrachten.
„Halt, was ist das?" rief er plötzlich.
Es war ein halb abgebranntes Streichhölzchen, aber so mit Schmutz überzogen, haß es kaum zu erkennen war.
„Ich begreife nicht, wie ich das übersehen haben kann," sagte der Inspektor ärgerlich.
„Es war auch unsichtbar, ganz im Schlamm vergraben. Ich entdeckte es nur, weil ich danach suchte."
„Was — Sie erwarteten es zu finben?"
„-Ich hielt es nicht für unwahrscheinlich."
Holmes nahm jetzt den Schuh und den Stiefel aus dem! Sack und verglich den Abdruck, welchen sie hinterließen, mit den Fußspuren auf dem Boden. Dann kletterte er au der Böschung herauf und kroch unter den Farnkräutern und dem Gesträuch umher.
„Schwerlich werden noch andere Spuren vorhanden fein," faßte der Inspektor. „Ich habe den Boden auf hundert Meter nach allen Richtungen hin sorgfältig untersucht."
Holmes stand auf. „Wenn das der Fall ist," meinte er, „so wäre es meinerseits' mehr als überflüssig, wollte ich es noch einmal tun. Aber einen kleinen Gang über das Moor möchte ich doch machen, ehe es dunkel wird, damit ich morgen schon etwas Bescheid weiß. Auch will ich das Hufeisen in die Tasche stecken, das bringt Glück."
Oberst Roß, der zuletzt glicht ohne deutliche Zeichen Von Ungeduld der ruhigen und systematischen Arbeit meines Gefährtenj zugesehen hatte, zog jetzt die Uhr heraus.
„Es wäre mir lieb, wenn Sie mit mir zurückkämen, Herr Inspektor," sagte er. „Ich möchte noch über verschiedene Punkte Ihren Rat hören; besonders frage ich mich, ob wir nicht dem Publikum gegenüber verpflichtet waren, den Namen des Pferdes aus der Liste der Preisbewerber zn streichen."
„Keinesfalls," rief Holmes mit Entschiedenheit, „lassen Sie den Namen nur stehen." , (
Der Oberst verbeugte sich. „Es freut mich sehr, daß Sie! der Ansicht sind," sagte er. „Sie werden uns im Haus des warmen Straker finden, wenn Sie von Ihrem Gang zurückkommen, pud wir fahren dann wieder zusammen nach Tavistock."
Er kehrte in (Begleitung des Inspektors um, während wir, Holmes und ich, langsam über das Moor schritten. Die Sonne! begann eben hinter den Stallgebäuden von Capleton zu sinken; über der weiten, abschüssigen Ebene vor uns lag ein goldiger! Schimmer ausgebreitet, der sich in ein sattes, prächtiges Rotbraun verwandelte, wo der Abendschein auf das dürre Farnkraut und das Torngesträuch fiel. Aber die ganze landschaftliche Schönheit ging spurlos an meinem Gefährten vorüber, der tief in Gedanken versunken war. z'"
„ES wird am besten sein, Watson," sagte er endlich, „wir lassen die Frage, wer John Straker umgebracht hat, fürs erste ganz aus dem Spiel, und beschränken uns daraus, zu ergründen^ was ans dem Rennpferd geworden ist. Angenommen, es hätte sich vor oder nach dem Trauerspiel los'gerissen, wohin könnte es gelaufen sein? — Das Pferd ist ein sehr geselliges Tier. Seinen eigenen Trieben überlassen, würde es entweder nach Kings Pyland zurückgekehrt oder nach Capleton hinübergetrabt sein. Warum! sollte es auf dem Moor in der Irre umherlaufen? Jedenfalls hätte man es dann schon ausgefunden. Auß daß die Zigeuner es gestohlen haben, ist unwahrscheinlich. Diese Leute machen sich immer aus dem Staube, wenn sie von einem Unfall hören, weil sie fürchten, durch die Polizei behelligt zu werden. Verkaufen könnten sie ein solches Pferd doch nicht; wenn sie es' aber mit sich führten, würden sie sich nur einer großen Gefahr aussetzen mrd keinerlei Gewinn davon haben. Das liegt doch auf der Hand."
„Wo soll es denn aber fein?" (
„Wie ich dir schon gesagt habe —- es muß nach KingsiPyland oder nach Capleton gelaufen sein. In Kings Pyland ist es nicht, also ist es in Capleton. Laß uns diese Annahme fürs erste-festhalten und sehen, wohin uns das führt. Dieser Teil des Moors ist sehr hart und trocken, wie der Inspektor schon bemerkt hat. Aber nach Capleton zu seukt sich der Boden, und der lange Hohlweg, den wir dort drüben sehen, muß Montag nacht ziemlich naß gewesen fein. Habe ich recht mit meiner Vermutung, so ist das Pferd hinüber gelaufen, und das ist auch die Stelle, wo wir nach seiner Spur suchen müssen."
Wir waren während dieses Gesprächs rasch weiter gegangen und hatten in wenigen Minuten den Hohlweg erreicht. Holmes bat mich, rechts am Abhang hinunter zu steigen, indessen er sich nach links wandte; noch war ich aber keine fünfzig Schritte weit, als ich seinen Zuruf vernahm und sah, daß er mir mit der Hand winkte. Die Spur des Pferdes war in dem-weichen Boden deutlich erkennbar, und das Hufeisen, das er ans der Tasche zog, paßte genau in den W^ck.
(Fortsetzung folgt.)


