Ausgabe 
30.9.1911
 
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T 610

Wurde irgendetwas getan oder erzählt, fragte Miß Halcombe scharf, das sie erschrecken konnte?

Nein, erwiderte Mrs. Todds. Wir sprachen nur von Neuigkeiten, meine Tochter, die Milchmädchen in Limme- ridge House ist, hatte allerlei Neues zu berichten.

Wurde zufällig, nahm nun ich das Wort, erwähnt, ob Besuch in Limmeridge erwartet wird?

Gewiß, antwortete die Frau.

Wurde auch erwähnt, wer der Besuch sei?

O ja, Sir, erklärte die Frau. Gerade als meine Toch­ter den Namen Sir Percival Glydes erwähnt hatte, wurde Anna ohnmächtig.

Einen Augenblick später standen wir im Freien und sahen einander an.

Zweifeln Sie jetzt, Miß Halcombe?

Sir Percival Glyde soll meinen Zweifel entweder be­seitigen, oder Laura Fairlie niemals seine Frau werden! antwortete sie.

Am andern Morgen langte Mr. Gilmore an.

Dem Aeußern nach war er gerade das Gegenteil von der konventionellen Idee, die man sich von einem alten Advokaten macht. Seine Gesichtsfarbe war blühend, sein weißes Haar ziemlich lang und sorgfältig gebürstet; sein schwarzer Rock, Weste und Beinkleid saßen ihm vortreff­lich; sein weißes Halstuch war sorgfältig g-knüpft, und leine lavendelfarbenen Handschuhe hätte ein Modeprediger tragen können. Sein Benehmen zeichnete sich angenehm durch die förmliche Anmut und Feinheit der alten Schule der Höflichkeit ans, belebt durch die wohltuende Schärfe und Leichtigkeit eines Mannes, den seine Geschäfte nötigen, alle seine Fähigkeiten im Gange zu erhalten. Eine sangui­nische Konstitution und gute Aussichten bei seinem Eintritte ins Leben; eine lange Karriere in rühmlichem und an­genehmem Wohlstände; ein frohes, fleißiges, allgemein ge­achtetes Alter: dies waren die allgemeinen Eindrücke, die er, als wir einander vorgestellt wurden, auf mich machte.

Den anonymen Brief nahm er auf die leichte Achsel. Durch einen zuverlässigen Diener brachte er auf der Station in Erfahrung, daß die beiden Frauen Billette nach Carlisle genommen hatten.

Mir selbst blieb nichts mehr zu tun übrig, und so beschloß ich, am selben Nachmittage noch abzureisen.

Ueber den Abschied will ich stillschweigend hinweg- gehen. Es genügt, zu sagen, daß ich in jenem Augen­blicke das Geheimnis Lauras in aller Klarheit durch­schaute.

.. Miß Halcombe ergriff meine beiden Hände - drückte sie fest wie mit dem Griffe eines Mannes ihre schwarzen Augen glänzten ihre dunkeln Wangen erröteten tief die Kraft und Energie ihres Gesichtes glühte und wurde wunderschön in dem reinen innern Lichte ihrer Großmut und ihres Mitleids.

Ich will Ihnen vertrauen, sagte sie, wenn jemals die Zeit kommt, da will ich Ihnen vertrauen, wie meinem Freunde und ihrem Freunde; wie meinem Bruder und ihrem Bruder. Sie hielt inne, trat näher zu mir heran, und das furchtlose, edle Weib berührte schwesterlich meine Stirn mit ihren Lippen.

*

Die Aussage Vincent Gilmores, Advokaten in Chancery-Lane, London.

I.

Ich schreibe diese Zeilen auf das Ersuchen meines Freundes, des Mr. Walter Hartright. Dieselben sollen von gewissen Ereignissen Akt nehmen, die ernstlichen Einfluß auf Miß Fairlies Interessen übten und bald nach Mr. Hartrights Abreise von Limmeridge House stattfanden.

Ich kam an einem Freitage, entweder zu Ende des Monats Oktober oder anfangs November, in Limmeridge House an.

Meine Absicht war, bis zu Sir Percival Glydes An­kunft in Mr. Fairlies Hause zu bleiben. Falls dieselbe die Anberaumung des Tages zur Verbindung Sir Percivals mit Miß Fairlie zur Folge hatte, sollte ich die nötigen Instruktionen mit mir nach London zurücknehmen und mich mit Abfassung des Heiratskontraktes der Dame be­schäftigen.

Am Freitag genoß ich nicht die Ehre einer Unterredung mit Mr. Fairlie. Er war seit Jahren ein Juvalide ge­wesen oder hatte sich doch dafür gehalten und war

nicht wohl genug, um mich sehen. Miß Halcombe wär! das erste Mitglied der Familie, das ich sah. Sie kam mir an der Haustür entgegen und stellte mich dem Mr. Hartright vor, ber sich seit einiger Zeit in Limmeridge aufhielt.

Mr. Hartright hatte, als lvir einander vorgeftellt wur­den, einen günstigen Eindruck auf mich gemacht; aber ich machte bald die Entdeckung, daß er von den gesellschaftlichen Fehlern seines Alters nicht frei war. Es gibt drei Eigen­schaften, welche den jungen Leuten der jetzigen Generation abgehen. Sie können nicht beim Weine sitzen, nicht Whist spielen und verstehen nicht einer Dame ein Kompliment zu sagen. Mr. Hartright bildete keine Ausnahme in dieser allgemeinen Regel. Sonst fiel er mir selbst nach so kurzer Bekanntschaft als ein höchst bescheidener und wohlgebildeter junger Mann auf. i

Miß Fairlie sah ich erst bei Tische. Sie sah nicht Wohl aus, und es betrübte mich, dies zu sehen. Sie ist ein sanftes, liebenswertes Mädchen, so freundlich und aufmerk­sam gegen alle, die sie umgeben, wie ihre vortreffliche! Mutter zu sein pflegte, obgleich sie im Aeußern ihrem Vater gleicht.

Am Samstag war Mr. Hartright bereits abgereist, ehe ich zum Frühstück herunterkäm. Miß Fairlie blieb! den ganzen Tag auf ihrem Zimmer, und Miß Halcombe schien mir niedergeschlagen.

Um zwei Uhr ließ Mr. Fairlie mir sagen, er sei wohl genug, um mich zu sehen. Er hatte sich jedenfalls nicht verändert, seitdem ich zuerst seine Bekanntschaft gemacht. Seine Unterhaltung drehte sich um denselben Gegenstand wie früher: sich selbst rind seine Leiden, seine seltenen Münzen und seine unvergleichlichen Rembrandtschen Skizzen. Sowie ich von dem Geschäfte anfing, Has mich in sein Haus geführt, schloß er die Augen und sagte, ich erschüttere seine Nerven. Doch blieb ich dabei, seine Nerven zu er­schüttern, indem ich wiederholt zu dem Gegenstände zurück­kehrte. Alles, was ich aus ihm herausbringen konnte, war, daß er die Heirat seiner Nichte als eine abgemachte Sache betrachte, daß ihr Vater dieselbe bestätigt, daß er selbst sie bestätigt, daß es eine wünschenswerte Heirat, und daß er sich glücklich schätzen werde, sobald °die ganze Plackerei damit vorbei sei. Was den Kontrakt betreffe, so wolle er den Wünschen aller entgegenkoinmen, falls ich mich mit seiner Nichte beraten wolle, ferner meine Kenntnisse des Familienrechts an den Tag legen und seinen eigenen Anteil an dem Geschäfte als Vormund darauf beschränken wolle, daß er im rechten Augenblicke ja sage. Unterdessen >1 da sehe ich ihn, einen hilflosen Leidenden, der an sein Zimmer gefesselt sei. Ob ich denke, er sehe aus, als ob er geärgert werden müsse? Nein. Also wozu ihn da ärgern?

Am Montag kam Sir Percival Glyde an. Er erschien mir seinem Aeußern und seinen Manieren nach als ein sehr einnehmender Mann. Er sah etwas älter aus, als ich erwartet hatte, er war ein wenig kahl über der Stirn, und sein Gesicht ziemlich scharf markiert. Aber seine Be­wegungen waren so gewandt und feine Laune so heiter wie die eines jungen Mannes. Sein Benehmen gegen Miß Halcombe war im höchsten Grade herzlich und natür­lich, und mich empfing er, als ich ihm vorgestellt wurde, mit solcher Freundlichkeit und Unbefangenheit, daß wir uns bald wie alte Bekannte unterhielten. " Miß Fairlie war nicht bei uns, als er ankam, doch trat sie etwa zehn Minuten später ins Zimmer. Sir Percival stand auf nitbi begrüßte sie mit Würde. Er sprach sein augenscheinliches Bedauern über das veränderte Aussehen der jungen Dame mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Hochachtung, mit einer anspruchslosen Zartheit der Stimme und der Manier aus, die sowohl seiner feinen Bildung wie seinein Herzen Ehre machten. Ich war daher erstaunt zu sehen, daß Miß Fairlie in seiner Gegenwart befangen und gedrückt blieb und die erste Gelegenheit ergriff, das Zimmer wieder zu verlassen

(Fortsetzung folgt.)

Silber strahl.

Detektivgeschichte von Conan Doyle.

(Fortsetzung.)

Entschuldigen Sie," sagte Holmes zu Oberst Roß, der ihn vev» wundert ansah,ich habe bei hellem Tage geträumt." Aber ein gewisses Leuchten seiner Augen und die geheime Erregung in