Nichts, entgegnete das arme Geschöpf, nichts; ich bin nur erschrocken. <
Mrs. Clements warf mir euren entrüsteten Wick zu.
Komm, mein Kind, sagte sie sodann, mir wollen nach Hause zurückkehren. — Damit zog sie die andere sanft mit sich fort.
, Ich blickte Anna Catherik nach, bis ihr Schatten im Zwielichte dahinschwand, sah ihr so ängstlich und kummervoll nach, als ob dies das letztemal sein sollte, wo ich die Frau in Weiß in dieser oben Welt erblickte.
XII.
Miß Halcombe erklärte sich bereit, mich am folgenden Morgen nach Todds Ecke zu begleiten, als ich ihr meine Ucbcrzeugung mitgeteilt hatte, daß Sir Percival es gewesen, der Anna Catherick in die Irrenanstalt hatte ern- sperren lassen.
Am nächsten Morgen ließ ich nrich bei Mr. Fairlie melden. Miß Halcombe hatte mir geraten, an diesem Tage um meine Entlassung zu bitten. Mr. Fairlie fühlte sich indes nicht wohl genug, um mich empfangen zu können. Daher bat ich schriftlich um meine Entlassung, was er umgehend mit einem hochnäsigen Schreiben beantwortete.
Ich brachte Miß Halcombe seinen Brief. Sie las ihn aufmerksam durch und nahm dann zum ersten Male, seit ich sie kannte, von selbst meinen Arm. Keine Worte, die sie hätte sprechen können, hätten mir auf so zartfühlende Weife ihr Verständnis der Art und Weise, wie man mir die erbetene Erlaubnis gestattet, ausg 'drückt, imb zugleich, daß sie niir ihre Teilnahme nicht aus Herablassung, sondern aus Freundschaft bot. Ich hatte des Mannes imper.inenten Brief nicht gefühlt, aber des Weibes abbittende Güte fühlte ich tief.
Dann brachen wir nach dein Gehöfte auf.
Auf unserm Wege kamen wir überein, daß Miß Halcombe allein ins Hans gehen und ich in einiger Entfernung draußen warten sollte, so daß man nrich nötigenfalls rufen könne. Wir nahmen dies Verfahren aus Besorgnis an, daß meine Gegenwart nach dem, was sich gestern abend auf dem Kirchhofe ereigrret hatte, vielleicht die nervöse Furcht in Anna Cathrick wieder erwecken und sie doppelt argwöhnisch gegen das Entgegenkommen einer ihr völlig fremden Dame inachen möge.
Ich war ganz darauf vorbereitet, ziemlich lange warten S müssen. Zu meinem Erstaunen aber waren kaum fünf inuten verflossen, als Miß Halcombe schon wieder zurückkehrte.
Anna Catherick ist fort, rief sie. —
Bei der alten Frau konnten wir nicht viel in Erfahrung bringen. Morgens hatte Frau Clements mit Anna ihr Haus verlassen, ohne einen Grund für ihre unerwartete Mreise, noch ihr Ziel anzugeben.
Am Abend zuvor hatte Ann» einen Ohnmachtsanfall bekommen.
Somstag den 50. September
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Woher wissen Sie das? sagte sie mit schwacher Stimme; wer hat Ihnen den Brief gezeigt? Das Blut schoß in ihre Wangen — schnell und gewaltig, indem es sie wie ein Blitz durchfuhr, daß ihre eigenen Worte sie verraten hatten. Sie schlug in Verzweiflung die Hände zusammen. Ich habe ihn nicht geschrieben, hauchte sie mühsam und erschrocken; ich weiß nichts davon!
Doch, sagte ich, Sie haben ihn geschrieben und wessen wohl davon. Es war unrecht von Ihnen, einen solchen Brief zu schreiben und Miß Fairlie zu erschrecken. Falls Sie irgendetwas zu sagen hatten, das recht und notwendig für sie zu wissen war, so hätten Sie selbst nach Limmeridge House gehen und es der jungen Dame mit Ihren eigenen Lippen sagen sollen.
Sie beugte sich über den flachen Grabstein hin, bis ich ihr Gesicht nicht mehr sehen konnte, und entgegnete nichts:
Miß Fairlie wird ebenso gütig und freundlich gegen Sie sein, wie ihre Mutter es war, falls Sie es gut meinen, fuhr ich fort. Sie weiß bereits so viel, daß es Ihnen nicht schwer werden wird, ihr alles zu sacken. Sie erwähnen keinen Namen in dem Briefe, aber Miß Fairlie weiß, daß Sie Sir Percival Glyde —
Sowie ich den Namen aussprach, sprang sie auf und stieß einen Schrei aus, der weit über den Kirchhof dahin hallte und mein Herz vor Entsetzen erzittern ließ. Ihr Gesicht war verzerrt. Der wiederholte Blick des Hasses und der Furcht, welcher ihm augenblicklich folgte, sagten alles. Es blieb mir auch nicht ein letzter Zwe.fel. Ihre Mutter war unschuldig an ihrer Einkerkerung in der Irrenanstalt. Ein Mann hatte sie dort eingesperrt, und dieser Mann war Sir Percival Glyde.
Der Schrei war noch zu anderen Ohren außer den meinigen gedrungen. In der einen Richtung hörte ich die Tür des, Totengräbers sich öffnen; in der andern die Stimme ihrer Begleiterin, der Frau im Shawl, der Frau, von welcher sie als Mrs. Clements gesprochen hatte.
„Ich komme, ich komme," rief die Stimme von der andern Seite des kleinen Gebüsches her.
Einen Augenblick später eilte Mrs. Clements herbei.
Wer sind Sie? rief sie, mit Entschlossenheit mich an- sehend. Wie können Sie sich unterstehen, ein armes Frauenzimmer so zu erschrecken?
Sie stand bereits neben Anna und hatte diese mit einem Arme umschlungen, ehe ich ihr noch antworten konnte.
Was gibts? mein Kind? sagte sie; was hat er dir getane


