Ausgabe 
30.8.1911
 
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äus, die ich mir beuten Tarnt. Wenn Sie fragen, was ich von Ihnen will, so fragt das nicht Ihr Mund allein, sondern auch Ihr Herz.,." Er faltete die Hände über der Brust und sah sie innig an. . .Dräute, es hört keiner weiter, nur ich: machen Sie mich glücklich rind sagen Sie mir, daß Sie mich lieben."

Sie schloß jach hie Augen. Sie wankte. Und da fing er sie auf unb wollte sie küssen. Aber seit dem Sturmtag auf der Heide war sie gefeit gegen die Mitwisserschaft der Sinne. Im Nu war sie wieder frei tntb streckte ihm in wilder Abwehr die Hände entgegen und rief:

Muhren Sie ntich nicht an! Ich Bitt mit Fred Dewa Verlobt!"

Es ging wie eilt Schlag durch ihn!.

Mit Fred" stammelte er.

Sie ließ ihn nicht weiter sprechen. Ein Unsäglicher Grimm sprudelte in ihr. Er santmelte sich in ihren Blicken Und sprühte von ihren Lippen.

Und Sie?!" schrie sie. Bei Gott, sie schrie es. Schrie es in der Maßlosigkeit ihrer Erregung, aus krankem, zer­wühltem, gemartertem Herzen.Gehen Sie doch zu Ihrer Komteß, und mich mich lassen Sie allein! . . ." Sie keuchte, aber sie war noch nicht zu Ende. Er sollte noch ihr Letztes hören. . . .Ob Sie mir verächtlich seien? Fragten Sie nicht so? Ja ja, sage ich Ihnen: ich ver­achte Sie! Ich will nicht zugrunde gehen wie die arme kleine Trude, die Ihrem schmählichen Beuterecht ver­fiel !"

Dann lies sie davon.

Seine Hände hatten sich geballt. Falten durchschobeu die Stirn; an den Schläfen schwollen die Adern.

Welche Canaille hat Ihnen das . . ."

Er rief es ihr nach und brach ab. Er folgte ihr nicht. Er sah sie laufen. Sie lief flinken Fußes durch den weißen Lichtnebel, als wollte sie sich retten.

Er blieb lange stehen, fast unbeweglich. Er sah hinter den Fenstern des Möchelschen Hauses Lichter hin und her gehen. Dann wurde es dunkel. Nur ein einziges Fenster blieb hell.

Da ging auch er; hielt wieder an und entzündete eine Zigarette und schritt weiter. Er spürte wohl den Schmerz in seiner Brust. Aber es war ein Schmerz ohne Unruhe. Es war ein klares und sicheres Gefühl: das konnte besser werden, es konnte auch noch lange bleiben.

Ein vaar Worte sprach er halblaut vor sich hin.

Fred ist zu weit," sagte er,aber den andern den packe ich mir!"

Und dabei kam ihm die Erinnerung an einen Streit in der Prärie von Chicago. Da wohnte keine Kultur. Da hatte er den Gegner an die Brust gedrückt und nieder­geworfen. Seine Fäuste hatten chn in das Gesicht ge­schlagen, seine Finger den Hals umkrallt, feine Arme die Rippen gebogen.

Das war drüben gewesen: in der Zeit, da er Mann geworden war.

*

Die Eberstedts hatten ein staatliches parkumbuschtes Wohnhaus an der sogenannten Großen Wiese; das alte Geschäftshaus der Firma aber lag in der inneren Stadt, mit der Rückfront nach dem Hauptkanal, mit der Vorder- sassade nach dem Kleinmarkt, wo das verunglückte Stand­bild des Hansehelden Pieter de Bombe Aufstellung gefun­den hatte. Das Haus hatte ein riesiges, steil aussteigendes Ziegeldach und ein überspringendes zweites Stockwerk. Das Dach durchbrachen zahlreiche Mansardenfenster; das zweite Stockwerk schloß ein breiter, nun schon arg verwitterter Fries ab, mit der Reliefdarstellung eines Baechantenznges einer Arbeit des Bildhauers Martin Wendelmuth geuamt Peisker, der um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eilte lokale Berühmtheit gewesen war. Nach dem Kanal hinaus lagen die Speicher, nach vorn zu die Bureauräume. Hier bildete ein wunderschönes Portal mit massiven, reich geschnitzten Eichenholztüren einen besonderen Schmuck des alten Hauses, lieber dem Portal prangte das Patrizier- Wappen der Eberstedts; darunter stand die Zahl 1750: das war das Jahr der Erbauung des Hauses'. Der Groß­vater des jetzigen Chefs der Firma P. L. Everstedt hatte die reichste Erbin der Stadt geheiratet und war auf Wunsch seines Schwiegervaters von Lübeck hierher gezogen.

Genau über dem Portal lag ein kleines holzgetäfeltes Zimmer, durch dessen Butzenfenster der Sonnenschein in

lustiger Buntheit brach: die Probierstube. In der Mikks stand ein langer Tisch mit glatter polierter Platte, ohne Decke, auf dem genau in einer Reihe wie in Paradeaufstel­lung sechs Gläser standen. Sie waren mit goldenem Süd-, wein gefüllt.

Die Tür ging auf, und der alte Everstedt trat ein t eine mächtige Erscheinung, groß, gedrungen, mit breiten Schultern, in einem Anzuge, der ihm viel zu weit schien, mit stark ausgeschnittenem Kragen, der den kräftigen Hals frei ließ, und dem malerischen Gesicht eines alten Nieder-, länders. Stiefke, der Hausdiener, der ihm die Tür ge­öffnet hatte, nahm ihm den Paletot ab und zog ihm dick Handschuhe aus: braune, faltenschlagende Fahrhandschuhe aus dickem Leder, die nur übergestreift werden brauchten.- Den Paletot hing Stiefke an einen Haken neben der Tür; die Handschuhe blies er, stark pustend, auf und stülpte sie dann rechts und links auf die beiden Haken neben dem' Paletot. Inzwischen hatte der alte Herr sich an den Tisch gesetzt, aber noch mit dem grauen, etwas altmodischen Zylinderhute auf dem Kopfe. Nun nahm Stiefke ihm mit vorsichtiger Bewegung auch den Hut ab, griff hierauf in die Rocktasche feines Herrn, zog ein ungeheuer großes rot- seideues Taschentuch hervor, wischte damit zweimal über die Stirn des Chefs, steckte das Tuch wieder in die Tasche zurück und.hing den grauen Zylinderhut über den Paletot, Genau so geschah es alle Tage.

Ist Herr Paul schon unten?" fragte der alte Everstedt

Er is all eben kommen, Herr Everstedt," antwortet^ Stiefke.

Ich möchte ihn sprechen."

Stiefke nickte und ging. Der alte Everftedt warf nur einen flüchtigen Blick auf die vor ihm stehende Gläserreihe, Die Proben interessierten ihn heute gar nicht. Er stützte die Ellenbogen aus den Tisch, verschränkte die fleischigen, ringelosen Finger und wartete auf feinen Sohn.

Heute sollte eine Strafpredigt kommen, die sich ge^ waschen hatte,

(Fortsetzung folgt.)

Der Marinevtrtrag.

Eine iDetektivgeschichte des Sherlock HolmeS von Conan Doyle.

(Fortsetzung.)

Ich tat alles, wie er es mir vorgefchrieben hatte und wartete, bis die andern Angestellten sich entfernten. Einer von ihnen, Charles Gorot, der mit mir int selben Zimmer arbeitete, hatte noch einige Rückstände zu erledigen, ich lieh ihn da und ging zum Essen. Als ich zurückkam, war er fort. Nun machte ich mich gleich ans Werk, denn ich wünschte so schnell wie möglich mit der Arbeit fertig zu werden. Josef Harrison, den Sie hier gesehen haben, war in der Stadt; ich wußte, daß er mit dem Elfuhr-Zug nach Woking fahren wollte und hätte ihn gern begleitet.

Als ich den Vertrag in Augenschein nahm, erkannte ich sofort, daß mein Onkel die Wichtigkeit des Dokuments keineswegs übertrieben hatte. Ohne mich auf Einzelheiten einzulassen, will ich nur erwähnen, daß darin die Stellung Großbritanniens zum Dreibund klar gelegt und auseinander gesetzt war, welchen politischen Standpunkt England ein- nehmen würde, falls die französische Flotte im mittelländi­schen Meer ein vollkommenes Uebergewicht über die italie­nische Seemacht erringen sollte. Es handelte sich über­haupt ausschließlich um Fragen, welche die Marine be­trafen. Rasch überflog ich noch die Namen der hohen Würdenträger, die den Vertrag unterzeichnet hatten und! machte mich an die Abschrift.

Das umfangreiche Dokument enthielt fechsundzwanzig Artikel und war in französischer Sprache abgefaßt. Ich schrieb, so schnell ich konnte, doch hatte ich, als es neun Uhr schlug, nicht mehr als neun Artikel fertig; daß ich den Zug noch erreichen würde, schien aussichtslos. Von dem Mittag­essen war ich schläfrig geworden, auch hätte ich nach der langen Tagesarbeit ein dumpfes Gefühl int Kbps und glaubte, eine Tasse Kaffee würde mich auf frischen. AW Fuß der Treppe hatte der Mrhüter eine kleine Kammer, wo er die Nacht über bleibt; die Beamten, welche Ueber- stunden haben, lassen sich häufig von ihm auf seiner Spick tnslampe Kaffee kochen. Ich klingelte, damit er he rau f- kommen sollte.