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?,Zü meiner Verwunderung erschien statt seiner eine Kroße ältliche Frau mit groben Gesichtszügen. Sie hätte eine Schürze vor und sagte mir, sie sei des Türhüters Frau Und als Putzertn im Hause beschäftigt. So bestellte ich denn meinen Kaffee bei ihr.
„Ich schrieb noch zwei Artikel ab und wurde immer schläfriger, so daß ich, um mich wach zu erhalten, gilt paarmal im Zimmer auf- und abging. Warum nur der Kaffee nicht kam? — Ich öffnete die Tür und trat hinaus, um die Ursache der Verzögerung zu ergründen. Mus' meinen: Arbeitszimmer, das keinen anderen Ausgang hat, führte ein gerader, schwach erleuchteter Korridor bis einer gewundenen Treppe, welche unten int Hausflur mündete, an dessen Ende man zur Stube des Türhüters gelangt. Ist man die Treppe zur Hälfte hinuittergegangen, so kommt man an einen Absatz, von dem aus ein zweiter Korridor im rechten Winkel zur Hintertreppe und nach einer Seiteu- ür führt. Dieser Eingang wird nicht nur von der Diener- chast benützt, sondern auch von den Angestellten, wenn ie aus der Charlesstraße kommet: und ihren Weg ab- 'ürzen wollen. Hier ist eine rohe Skizze der ganzen Oert- ' ixljfcit/'
„Danke sehr. Ich glaube Ihren Ausführungen gut folgen zu können," sagte Sherlock Holmes.
„Ich empfehle diesen Punkt Ihrer fcefonberen Beachtung, er ist von größter Wichtigkeit. — Die Treppe hinuntergehend, kam ich in den Flur und fand den Türhüter in seiner Kammer fest, eingeschlafen. Im Kessel neben ihm kochte das Wasser so stark, daß es bis auf die Diele spritzte. Eben streckte ich die Hand aus, um iben Mann aus dem Schlaf zu wecken, als eine Glocke, die über meinem Haupte hing, zu läuten begann, und er erschrocken aufführ.
„Ach, Sie sind's, Herr Phelps," sagte er, verwirrt um sich blickend.
„Ich bin heruntergekommen, um zu sehen, ob mein Kaffee fertig ist."
„Während der Kessel ins Kochen kam, bin ich eingeschlafen." Er sah mich an und blickte dann mit wachsender Verwunderung nach der Glocke hinauf, die noch immer in zitternder Bewegung war.
„Wer hat denn aber geläutet, wenn Sie hier waren, Herr Phelps?"
„Geläutet? — Was für eine Glocke ist das?" fragte jch.
„Die Glocke von Ihrem Würeau."
„Mir stand das Herz still. — Mso war jemand dort im Zimmer, wo das kostbare Schriftstück auf dem Tische lag. — Wie wahnsinnig stürzte ich die Treppe hinauf und durch den Gang. Kein Mensch war im Korridor, Herr Holmes i— kein Mensch war in: Bureau. Ich fand alles genau so, wie ich es verlassen — nur die mir anvertrauten Papiere waren von dem Schreibpult verschwunden, auf dem sie gelegen hatten. Die Abschrift war noch da, aber das Original war fort."
Holmes saß aufrecht in seinen: Stuhl und rieb sich die Hände. Dies Rätsel war so recht nach seinen: Herzeit, das sah ich wohl. „Nun, und was taten Sie?" murmelte er.
„Ich wußte sofort, daß der Dieb die Hintertreppe heraufgekommen sein müsse. Auf den: Wege von: Haupteingang her wäre ich ihm natürlich begegnet."
„Sie sind überzeugt, daß er nicht die ganze Zeit über !im Zimmer verborgen war oder im Korridor, von den: Sie sagten, er sei nur "schwach erleuchtet gewesen?"
„Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Weder das Zimmer noch der Korridor bietet de:: geringsten Versteck."
„Ich danke Ihnen. Witte, fahren Sie fort."
„Der Türhüter hatte meine entsetzte Miene gesehen und kam hinter mir die Treppe hinaus. Wir liefen nun beide durch den Gang und die steile Treppe hinunter, die nach der Charlesstraße führt. Die Tür unten war nicht verschlossen;. wir stießen sie auf und e:lten hinaus. Im selben Auge »blick hörte ich, wie die Uhr vom nahen Kirchturm! drei Schläge tat. Es war dreiviertel auf zehn,"
„Das ist ein höchst wichtiger Umstand," sagte Holmes, während er die Zahl auf feiner Manschette notierte.
„Draußen war dunkle Macht und es fiel ein seiner, warmer Regen. Auf der Charlesstraße ging kein Mensch, aber wo sie ganz am Ende mit Whitehall zusammenstöM war wie gewöhnlich ein dichtes Gedränge. Barhäuptig liefen wir die Straße hinunter und trafen an der Ecke auf einen Polizisten.
ihr
iß die Frau, die gegen neun Uhr dort keine Spur ihrer schmutzigen
keine Fußspuren."
„Hatte es den ganzen Abend geregnet?"
„Etwa von sieben Uhr an."
„Wie kam 'es dann, daß die Frau, die gegen neun Uhr Lei Ihnen im Zimmer war, dort keine Spur ihrer schmutzigen Stiesel zurückließ?"
„Es ist wir lieb, daß Sie den Umstand erwähnen; auch mir fiel das damals auf. Die Putzfrauen pflegen in der Stube des Türhüters die Stiefel zu wechseln und Salband-
„Ein Diebstahl!" stieß ich keuchend heraus. „Aus denk Ministerium des Aenßeren ist ein Schriftstück von unermeßlichem Wert entwendet worden. ■— Ist hier irgend jemand vorbeigekommen?"
„Ich stehe feit einer Viertelstunde hier," entgegnete! er; „während dieser Zeit ist nur eine Person hier vorüoer- gegangen — ein großes, schon bejahrtes Frauenzimmer mit einem Umschlagetuch."
„Ach, das ist gewiß nur meine Frau gewesen," meinte der Türhüter, „sonst haben Sie niemand gesehen?"
„Keinen Menschen."
„Dann muß der Dieb nach der anderen Seite entkommen fein," rief der Mann, mich am Aermel fassend.
„Doch ich gab mich nicht so leicht zufrieden, und je mehr er versuchte, mich mit sich fortzuziehen, um so argwöhnischer wurde ich.
„Welche Richtung hüt die Frau ein geschlagen?" fragte ich.
„Das weiß ich nicht," antwortete der Polizist. „Ich sah sie Vorbeigehen, hatte aber keinen besonderen Grund, ihr nachzuspüren. Sie schien es sehr eilig zu haben."
„Wie lange ist es her?"
„Höchstens ein paar Minuten."
„Wie viele dem: — etwa fünf?"
„Sicherlich nicht mehr."
„Sie verlieren nur unnütz Ihre Zeit, Herr Phelps," rief der Türhüter. „Meine Alte hat nichts mit der Sache zu tun, verlassen Sie sich daraus. Sie ist nach unserer Wohnung gegangen, wo Sie sie finden werden."
„Wo wohnen Sie?" fragte ich.
„In Grixton, Ephengasse Nr. 16; aber, folgen Sie nicht der falschen Fährte, Herr Phelps; Sie verlieren nuv unnütz Zeit."
„Wir kehrten nun in das Ministerium zurück und durchsuchten die Treppen und Gänge, jedoch ohne Erfolg. Der Korridor, der zu meinem Arbeitszimmer führt, war mit einem hellfarbenen Linoleum belegt, auf dem jeder Tritt zu sehen ist. Obwohl wir es sorgfältig besichtigten, fanden sich
schuhe anzuziehen."
„Das erklärt die Sache. Also, Sie fanden keinen Abdruck auf dem Fußboden, trotz der Nässe draußen? Der Tatbestand ist wirklich höchst merkwürdig. Bitte, erzählen Sie weiter."
„Nun untersuchten wir das Zimmer. An eine geheime Tür war nicht zu denken, und die Fenster sind wohl dre:ß:g Fuß hoch über der Straße; beide waren geschlossen und verriegelt. Eine etwaige Falltür ließe sich schon des Teppichs wegen nicht ösfnen und die Decke ist weiß getüncht. Ich möchte meinen Kopf verwetten, daß der Dieb, der das! Schriftstück gestohlen hat, nur zur Stubentür herecngekom- men fein kann."
„Wie stehts mit dem Kamin?"
Es ist keiner vorhanden, nur ein Ofen :st da. D:e Klingelschnur hängt am Draht, rechter Hand von meinem Schreibpult. Wer (geläutet hat, muß dicht am Pult gestanden haben. Aber, toarun: sollte ein Dieb die Glocke z:ehen? Es ist ein ganz unergründliches Geheimnis."
„Freilich, der Umstand ist verwunderlich. — Wa» taten Sie nun für Schritte? Hatte der Eindringling nichts nN Zimmer zurückgelassen — sahen Sie keinen Zigarrenftumpf, keine Haarnadel oder sonst eine Kleinigkeit herumliegen?
„Mcht das Geringste." .
„Sie bemerkten auch keinen Geruch?
„Darauf haben wir nicht geachtet."
„Bei solcher Untersuchung! wäre es von Wichtigkeit, wenn das Zimmer zum Beispiel nach Tabak gerochen hatte.
Fch bin selbst kein Raucher und e:n Tabaksgeruch wäre mir gewiß aufgefallen. Wir fanden nicht den geringsten Ausschluß. Die einzige greifbare Tatsache war, daß des Türhüters Weib — Frau Tangey ist ihr Name - ftch erttg davon gemacht hatte. Trotzdem ihr Munn erklärte, seine Frau gehe um diese Zeit gewöhnlich nach Hause, kam ich


