Ausgabe 
30.1.1911
 
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,Mls -ist empörend, Frau Oberlehrer! Das dürfen Sie so ruhig nicht hinnehmen. Da, müssen Sie auf Schaden­ersatz klagen!"'

In den ; aiiigeit Ritter wollen sie-ziehen!" stöhnte die Specht,und das schreiben sie so einfach, fo freund­schaftlich, als hätten sie keine Verpflichtung gegen mtch, Und sie hoffen, daß ich sie recht häufig besuche. Was sagen Sie dazu, Frau Häuflein? Ist so etwas auszu­denken?"

Sie müssen sofort zur Bürgermeisterei gehen, Frau Oberlehrer, und der Badeverivaltung die ganze Sache vor­tragen. Aber ich! Gourde keine Minute verlieren, denn wenn sie erst im Ritter wohnen, wird nichts mehr zu machen sein."

Aber übermorgen, Frau'Häuflein, übermorgen wollen sie ja schon kommen!"

Um so schneller müssen Sie handeln, Frau Ober­lehrer!" drängte die Häuflein, half ihrer ganz- gebrocheiten Freundin Hut und Mantel aulegen, geleitete sie zum Pförtchen und wünschte ihr gute Verrichtung.

Nach einer Stunde aber kant die Specht noch ge­brochener als zuvor nach Hause. An der Badeverivaltung hatte man ihr gesagt, daß keinerlei Verbindlichkeit vorliege, wenn sie keine schriftliche Abmachung in Händen habe, und ihre verzweifelte Bitte, daß doch die Bürgermeisterei in diesem Falle für sie eintreten möge, hatte man rund ab­gelehnt. "

Mn war alles, alles hin, und wie Frau Hänflein ihr noch teilnahmsvoll beibrachte, daß auch Frau von Hil- bachs Ztmmerchen soeben bezogen worden seien, brach sich der Specht Empörung Bahn in einer grenzenlosen Wut gegen -das Saalehaus und seine Besitzerin, und sie schwor Rache, eine Rache, die man so leicht nicht vergessen sollte.

Die Hänflein zog es vor, -die erregte Freundin fürs erste allein zu lassen; sie entschuldigte sich mit einer eiligen Arbeit, und das feine Lächeln spielte wieder um ihre Lippert.

Ist ja mal nur ein Lumpenpreis, deit sie zahlen!" sagte die Kosh, als sie mit Frau von Hilbach allein im .Garten war. Ihre ganze Ueberredungsiünst hatte sie auf- geboten, um die zwei Stübchen ihrer Herrin air drei Damen aus Berlin zu vermieten, und die hatten schließlich einge- willigt, wenn man ihnen erlaubte, ihr Mittagessen in der Küche zu bereiten.Was die Berliner Kurgäste sind, die wollen heutzutage noch sparen, wenn sie in die Sommer­frische gehen," sagte sie empört.Das war früher anders. Menn da einer eine Reife machte, dann ließ er was springen. Aber heutzutage, wo jedweder reist, nur weil es Mode ist, knapsen sie an allen Ecken und Enden. Na, euvao ist besser wie nichts, Frau von Hilbach, und vor allem schon des­halb, weil die Leute einen nu nicht mehr so geringschätzig! ansehen!"

Spechts Minna kam in -den Garten und ivinkte die Kosh beiseite. Sie flüsterte ihr ganz schnell was ins Ohr Und flog wieder ins Hans, und die Kosh stand wie ver­steinert da.

,/Herr, du meine Güte!" rief sie schließlich fassungs­los -aus und sah zu der Specht Zimmern hinauf, als müsse von dort etwas Besonderes kommen.9(6, ne, Frau von Hilbach, das hab ich ihr ja nun gerade nicht gewünscht, so was trifft hart, aber wenn man bedenkt, ivie grundschlecht die Specht im Charakter ist, dann muß man auch wieder sagen, daß ihr so eine Strafe nichts schadet."

Was ist denn los, Kvsy?" drängte Frau von Hilbach.

Nu, ihre Badegäste aus Berlin sind in den Ritter gezogen. Haben Sie's auch schon gehört, Frau Gräfin," sagte sie zu der Pastorin, die in ihrer kleinen Laube saß, ^der Spechten ihre Badegäste sind in den Ritter gezogen!" Die Pastorin war -auch im ersten Augenblick starr, aber dann faltete sie die Hände und dankte Gott, daß er sie vor ähnlichem Unheil bewahrt hatte.

-Die Specht hing nun ein großes Schild an sämt­liche Fenster ihrer Wohnung.Logis für Badegäste mit Und ohne Pension!" stand darauf, aber die Tage ver­gingen, und niemand meldete sich bei ihr.

Sie sah blaß und abgehärmt atts, ihre Augen funkel­ten in einem unheimlichen Feuer, und thre Minna hatte keine -guten Tage.

Sie hat mir mit Ohrfeigen gedroht!" sagte sie zur Kosh.Ich wollte Mr man, fte haute zu, dann verklagte

ich sie auf der Bürgermeisterei, dann hat sie erst ihre Hucke voll!"

Schaden kann es ihr wirklich- nichts!" dachte auch' die Kosh immer wieder, aber als sie eines Tages mit einem Korb Eier vom Naumburger Markt kam uttd- cutt' Bahnhof von einer feinen Herrschaft gefragt wurde, ob sie ihr eine Wohnung von zwei Zimmern mit einem! schönen Blick empfehlen könne, da hatte sie bereits verziehen und nahm die Herrschaften mit sich ins Saalehaus.

Die sahen sich erst von außett die Wohnung an ttnd waren ganz besonders von dem blumengeschmückten Balkon der Hänflein entzückt. Die Kosh klopfte an der Specht Flurtür, stellte ihren Korb mit Eiern neben die- Treppe und sagte freudig erregt:

Nun, Fr-au Oberlehrer, sollen Sie endlich einsehen, -daß ich ein gutes Herz habe. Ich bringe Ihnen hier Herr­schaften, die eine Wohnung mit schönem Blick suchen. Bitte, bitte, meine Herrschaften, bemühen Sie sich hier herein!" sagte sie zu dem Herrn und der Dame, die die Treppe heraufkamen.Die Frau Oberlehrer Specht wird Ihnen die Zimmer zeigen; bei der sind Sie gut aufgehoben, das kann ich Jhsten versichern!"

Die Specht warf der Kosy einen dankbaren Blick zu, die Hänflein war auf den Flur -gekommen und sah neid.sch auf das, was vorging. Die Dame besichtigte durch ihr Lorgnon die Möbel uttd Betten, trat ans Fenster und fand die Aussicht herrlich schön, aber einen Balkon ver­mißte sie, und wie auch der Herr, der in der Flurtür stehen geblieben Ivar, bedauerte, daß die Seite mit dem Balkon keine vermietbaren Zimmer habe, sagte die Hänflein lie­benswürdig:

O bitte, wenn Sie sich bemühen wollen. Ich ver­miete meine Zimmer auch, sogar mit Küche, wenn es den Herrschaften beliebt!"

Aber das ist ja wunderschön, Helene," sagte der Herr zu seiner Frau,hier die Dame vermietet ihre Zimmer auch, und wir können den Balkoit haben, sogar die Küche stellt sie uns zur Verfügung, uttd das war ja dein Wunsch!"

O, dann entschuldigen Sie bitte!" sagte die Dame, verneigte sich leise gegen die Specht und folgte mit ihrem Mann der Frau Hänflein.

Die Kosy und die Specht sahen sich eine Werke starr an. t ,

Ne, schön ist das von Fr art Hänflein ntcht, das muß ich sagen!" brachte die Kosy endlich vor.Wo die doch Ihre Freundin ist und das Vermieten gar nicht nötig hat!"

Die Specht lachte heiser auf, dann faßte fte an rhre Stirn, so, als wolle sie sich überzeugen, daß all das wahr sei, und wie die Minna ins Zimmer kam, gab sie ihr den Befehl: , .

Gehen Sie augenblicklich zur Fran Hanflern und sagen Sie ihr, ich verlangte sofort mein Leihbibliotheks- buch und meinen Stickrahmen von ihr zurück, aber augen­blicklich!"

Die Minna lachte, ging hinaus und- kam zwei Minuten später mit dem Bescheid zurück, die Frarr Hänflein sei momentan beschäftigt.

(Fortsetzung folgt.)

Der Talisman.

Eine Spitzbubengeschichte von Helmuth tau Mor.

In Niedertupfing ist großer Jahrmarkt. Das hat aus der Umgebung viel Volk herbeigezogen, und in den Gängen vor den Verkaufsbuden drängt sich's, schiebt sich's, drückt sich's und stößt sich's, daß man Rippen wie Wagendeichseln haben muß, will man sich in diesen Strom stürzen.

Gerade dem Wirtshaus gegenüber hat Olim Pascha seinen Stand aufgeschlagen. Eigentlich heißt er Ignaz Huber ud ist in der Gegend von Stadelheim zu Hause; seit er aber einen schwunghaften Handel mit orientalischen Wareir betreibt und sich einen roten Fez angeschafft hat, nennt er sich nur mehr Olim Pascha. Von seinen Ktinden kennen ja auch nur wenige den Orient intimer, und die Bewohner vvN Niedertupfing glauben es dem roten Fez, daß der Dialekt, den sein Träger spricht, das

reinste Türkisch ist.

Das muß man ihm lassen: Olim Pascha hat Auswahl, viel Auswahl! Er führt die verschiedenartigsten_ Sachen. Quittierte Rechnungen kann er ja freilich darüber nicht vor­legen; hier und da aber sitzt er doch den Betrag für einen ferner Einkäufe" ehrlich ab. Er sieht überhaupt auf Reellität und Ehr­lichkeit es. muß alles har bezahlt werden, w-as- mpn hei An