Ausgabe 
30.1.1911
 
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lauft, dafür bleibt er ja auch alles schuldig. Für dm Jahr­markt in Niedertupfing hat er sich besonders reichlich versehen, denn die Bauern in jenen Gegend haben eminent große Kartoffeln.

Da steht nun einer, dem die Silbertaler zu Dutzenden auf der roten Weste baumeln, schon eine gute Viertelstunde regungslos vor feinem Kram und starrt mit runden Augen, aus all die fremdartigen Gegenstände. Olim Pascha läßt ihn ruhig gewähren 1 der kennt seine Leute. Der Bauer braucht Zeit für seine .Entschließungen.

Endlich ringen sich die Worte aus der Brust des Beschauers:

feign S amal was is denn dös?"

Damit deutet der schwielige Finger des Bauern auf einen Gegenstand, der nun ausnahmsweise wirklich echt orientalisch sein mochte. Es war ein Amulett, in das mit Goldfäden mehrere türkische Worte eingesticlt waren jedenfalls ein Spruch aus dem Koran und das an einer Schnur von Glasperlen um den Hals zu tragen war. Dies Amulett hielt nun allerdings der Pseudotürke selbst sehr wert denn er war ein wenig abergläubisch und überzeugt, daß ihm der Talisman bereits viel Glück gebracht hatte.

Wenn er ihn deshalb überhaupt verkaufte, so sollte es jeden­falls um einen hohen Preis sein. Und zögernd erwiderte er:

Dös is a Talisman vastehst? Einer, wo Glick bringt. Der Prophet Muhammet hat 'n trag'n."

Die Augen des Bauern wurden noch runder.

A a Talisman?, was is denn iatzt dös?"

Na a Talisman is halt," lautete die ungeduldige Antz- >vort.Wann du den im Haus hast, uacha kann nix fehl», Dei Küh geb» mehr Milch, bet Weib zankt nimma"

Was? Is dös g'wiß? is dös ganz g'wiß?"

Ganz g'wiß! I habs ja do gsagt."

Eine Viertelstunde lang sinnierte der Bauer so für sich hin.

Mann erkundigte er sich zaghaft:

was kost denn der der Talisman?" Fünfunzwanz'g Mark'ln rein g'schenkt." Fülifun"

Dem Bauer blieb der Mund ein Stückchen offen stehen da hält ein Heuwagen hineinfahren können. Fünfundzwanzig Mark! Sakra, mußte der Talisman Glück bringen. Aber fünf­undzwanzig Mark fünfundzwanzig Mark

Olim Pascha machte mit einem Male ein dummes Gesicht das heißt, er sah so aus!, wie er eben aussah, wenn er nicht sein orientalisch-türkisches Gesicht machte. Denn der Bauer, der seinen Kram so beharrlich angeschaut hatte, war mit einemmal Verschwunden, und

Himmi Kruzi Tircken Sternsackra Marandjoseph!" Olim Pascha verfiel mit einem Male ganz ins Türkische.Der Loder der Malefizkerl mei Talisman! Mein Talisman hat r^ gestohl'n!" ,

Im Nu ist die Bude des Schreienden dicht belagert, wie ein Gefangener sitzt Olim Pascha drin, schreft und kann dem Dieb nicht einmal nachlaufen. Die Bauern hören ihm ruhig und teil­nehmend zu, aber es rührt sich keiner, den Verbrecher aufzuspüren.

Und mit einem Male wird Oljim still. Dur chdie Menge arbeitet sich nämlich der Gendarm. Mit der Polizei hat der türkische Würdenträger nicht gern was zu schaffen er hat den glückbringenden Talisman selbst auf eine. hm nicht ganz und gar einwandfreie Weise erworben.

Was hab'» S' denn? Was schrein' S' denn?" erkundigte sich der Beamte.

,,3?" fragt Olim befremdet,was soll denn i g'schrien hab n? Mei Kram hab i halt seilgboten. Eau Paar Schuch n, »teilte Herren direit aus'm Orient warm und billig schtaunenswert um drei Markl'n bloß! Na, laufen S' do net glei davon weil's fan um zwo ar Markt! Echt tirkisch, meine Herr'» ocm Paar Schnch'ii um a Markl fusz'g--"

Ganz scheu und verstört ist der Kererbauer vom Jahrmarkt heimgekommen. An der Mche vorbei, darin fein Weib mit Tellern und Schüsseln llapperte, wollte er sich in -feine Stube drücken. Aber die Kererbäuerin hat scharfe Augen.

Naa?" tönt's keifend hinter ihm her.Wogengast denn hi? Siehgst mi net, daß b net anGrüaß Gott" außi bringst? Wo hast denn dösell Sach'n, wo d' hast mitbringan soll'»?"

Sach'n?" stottert der Kerer.Ja mei dös hab. i halt vageß'n"

Va," Ein Teller flirrt zu Boden. Für zwei Se­kunden ist die Bäuerin sprachlos aber auch wirklich nur für zwei Sekunden. Dann ergießt sich der Strom ihrer lieblichen Rede mit umso größerer Gewalt auf das Haupt des teuren Gatten. B'suffner Lackl" undspinneter Depp" das waren die vor- 8üglichsten Kosenamen, mit denen die Kererin den Bauer bedachte. )is der mit der Wahrheit herausrückte und mit zitternden Fingern Nus der inneren Tasche seines Rockes das Amulett den Talisman zum Vorschein brachte.

Da,wurde denn die Bäuerin fteilich still -statin Talisman ja freilich, der mußte wohl Glück bringen! Und so für um­sonst ----

Olim Pascha hätte den Verlust seines wundertätigen Talis- Uan's. keineswegs verschmerzt. Aber er bediente sich zu seiner

Wiedererlangung nicht der Polizei. Das hätte Weiterungen er­geben können und wenn Stadelheim auch seine Heimat war---

kurz, er schlug einen anderen Weg ein. Er erkundigte sich bei den Bauern, wer das wohl sein möchte, der so und so ausgesehen habe.Der mit der rot'n West'n? Dös is der Kaiser groen!" erklärte ihm der Eine.Der, wo dös grüatte Hüt'l auffi g'habt hat? Dös is der Mühlbacher g'wen," meinte der andere. Und Olim Pascha notierte sich sämtliche Namen auf das Ge­naueste.

Am späten Nachmittag packte er seinen Kram zusammen. Und dann machte er sich auf den Weg zunächst zumKaiser".

Der empfing den städtisch gekleideten Fremde» sehr zurück­haltend. Olim Pascha wußte zwar nicht recht war das der Dieb gewesen? Aehnlich war er ihm ja freilich. Und dje rote Weste Wenn ihn nur sein Gedächtnis nicht trügt.e. Ra­ma» mußte mal auf de» Busch klopfen.

I kimm vom Jahrmarkt," eröffnete er das Gespräch!»

So!" Der Bauer wurde »och zugeknöpfter.

Ja u» was i sag'n wullt dös G'schäft war ja so? Weit ganz guat. Nur g'stohl'n is halt viel word'n. Sehr viel."

Der Kaiser begann auf seinem Stuhl hin und herzurutscheN, G'stohl'n!" wiederholte er.So, so g'stohl'n."

Ja," fuhr der Besucher fort.Mau ko ja net nach hink'N und vorn z'glei schaug'n. Aba so den oaneu oder den andern hab i halt do g'merkt ja, so oaneu odern andern."

Ja mei! Den Wern S azeign gell« S?"

No freili! Un eingsperrt wirdta lang eing'sperrt." So, so!" Der Koiser schien zu schwitzen.Ja hm1 ei'gsperrt ja scho hm hm."

Jetzt war Olim Pascha seiner Sache gewiß. Und mit einem durchbohrenden Blick sagte er:

Wissen's leicht selbst oanen, der wo was gstohln hat?" Der Koiser wurde kreidebleich. Stöhnend erwiderte er:

I wills bekennen i hab'» gnumman, de» Huat. habns ja do gefegu. Aba i bitt schön tuan S' mi net v'zeign! I gebn Eahn wieder, den Huat. Un sunst hab i ganz gwiß nix gnumman."

Jawohl wiedergebn!" antwortete der Besucher zornig. I hätt'n verkaaft suiist'n um siebn Markl! De» Huat können S behalten, aba die sieb» Markl» die müassens mir gebn!"

Sieben Mar kl» füa den Huat?" wagte der Koiser schüchtern zu fragen. Aber da nahm der Fremde eine so drohende MieM an, daß er sich beeilte, die sieben Mark auf den Tisch zu zählen.

Jetzt erinnerte sich übrigens Olim Pascha auch bestimmt, daß dies nicht der Talisinau-Dieb gewesen war.

Als zweiter stand der Mühlbacher auf der Liste. Der wurdtz schon, kreidebleich, als er des Besuchers überhaupt ansichtig wurde. Olim Pascha wandte die gleiche Taktik an wie beim Koiser und hier handelte es sich um eine Haube, zwei Schürzen und eiuc Rolle mit zehn Meter blauen Bandes, Gegenstände, die bett! Türke auf zwölf Mark fünfundachtzig Pfennige einschätzte.

I» ganz Niedertupsing machte Ignaz Huber an diesem Abend die Runde, und das Ergebnis dieser Reise ging kaum in fei»81 Börse. Das ganze Jahrmarktsgeschäft hatte ihm nicht halb so viel eingetragen. Was ihm aber schwer und schmerzlich dünkte', war, daß er dabei gerade zu.dem Diebe nicht gekommen war, der ihm seinen Talisman seinen glückbringenden Talisman entwendet hatte! Tuch, Hosen, Zigarren, Schmuckgegenstände, Hüte, Schirme, Stöcke hatte erbezahl bekommen nur, sein Auiuelett nicht fein köstlichstes Amulett, dem er nach feiner tmttmstöß- lichen Ueberzeugung dies ganze Glück verdankte. Gewissermaßen hatte er ja damit auch Recht, denn ohne den Talisman hätte er diese Geschäftsreise ja niemals unter non tuten.

Der aber blieb in dem Besitz des Kerer-Banern, ober vielmehr im Besitz der Kerer-Bauerin. Ein paar Tage lang erfreute sich die biedere Frau in aller Stillei an ihrem Besitz; dann aber wurde ihr das Vergnügen zu langweilig. Einer Nachbarin wenigstens mußte sie ihn zeigen unter dem Siegel der Verschwiegenheit wurde es ihr anvertraut.

Die Nachbarin gab es natürlich ebenfalls unter dem Siegel der Verschwiegenheit an einige ihrer Freundinnen weiter. Und eines Tages erschien der Herr Pvlizei-Koinmandant von Niedertupfing beim Kerer, nahm ihn in ein peinliches Verhör und den wundertätigen Talisman mit sich. Man benachrichtigte Herrn Olim Pascha davon, daß er sich sein Eigentum wieder abholen könnte, und Ignaz Huber machte von dieser Erlaubnis erfreut Ge­brauch. Der Kererbauer aber wurde wegen Diebstahls zur Anzeige gebracht.

Die Verhandlung aber, in der der Kererbauer zu einer Ge­fängnisstrafe verurteilt wurde, hatte auch für Olim Pascha ein sehr unerfreuliches Nachspiel. Durch einen Zeitungsbericht nämlich er­fuhr ein Antiquitätenhändler die Geschichte, und die Beschreibung des Talismans wollte ihm merkwürdig genau auf ein Stück passen, das auf rätselhafte Weise aus feinem Besitz verschwunden war. Er erkundigte sich genauer und die Folge war, daß der wunder­tätige, glückbringende Talisman den Großwürdenttäger Olim Pascha dem Kererbauer» zur Gesellschaft nach Stadelheim nach-, sandte.