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lauft —, dafür bleibt er ja auch alles schuldig. Für dm Jahrmarkt in Niedertupfing hat er sich besonders reichlich versehen, denn die Bauern in jenen Gegend haben eminent große Kartoffeln.
Da steht nun einer, dem die Silbertaler zu Dutzenden auf der roten Weste baumeln, schon eine gute Viertelstunde regungslos vor feinem Kram und starrt mit runden Augen, aus all die fremdartigen Gegenstände. Olim Pascha läßt ihn ruhig gewähren 1— der kennt seine Leute. Der Bauer braucht Zeit für seine .Entschließungen.
Endlich ringen sich die Worte aus der Brust des Beschauers:
„Sö — feign’ S amal — was is denn dös?"
Damit deutet der schwielige Finger des Bauern auf einen Gegenstand, der nun ausnahmsweise wirklich echt orientalisch sein mochte. Es war ein Amulett, in das mit Goldfäden mehrere türkische Worte eingesticlt waren — jedenfalls ein Spruch aus dem Koran — und das an einer Schnur von Glasperlen um den Hals zu tragen war. Dies Amulett hielt nun allerdings der Pseudotürke selbst sehr wert — denn er war ein wenig abergläubisch und überzeugt, daß ihm der Talisman bereits viel Glück gebracht hatte.
Wenn er ihn deshalb überhaupt verkaufte, so sollte es jedenfalls um einen hohen Preis sein. Und zögernd erwiderte er:
„Dös is a Talisman — vastehst? — Einer, wo Glick bringt. Der Prophet Muhammet hat 'n trag'n."
Die Augen des Bauern wurden noch runder.
„A — a — Talisman? Sö, was is denn iatzt dös?"
„Na a Talisman is halt," lautete die ungeduldige Antz- >vort. „Wann du den im Haus hast, uacha kann nix fehl’», Dei Küh geb’» mehr Milch, bet Weib zankt nimma —"
„Was?— Is dös g'wiß? — Sö — is dös ganz g'wiß?"
„Ganz g'wiß! — I hab’s ja do g’sagt."
Eine Viertelstunde lang sinnierte der Bauer so für sich hin.
Mann erkundigte er sich zaghaft:
„Sö — was kost denn der — der Talisman?" „Fünfunzwanz'g Mark'ln — rein g'schenkt." „Fülifun — —"
Dem Bauer blieb der Mund ein Stückchen offen stehen ■— da hält ein Heuwagen hineinfahren können. Fünfundzwanzig Mark! Sakra, mußte der Talisman Glück bringen. Aber fünfundzwanzig Mark — fünfundzwanzig Mark — —
Olim Pascha machte mit einem Male ein dummes Gesicht — das heißt, er sah so aus!, wie er eben aussah, wenn er nicht sein orientalisch-türkisches Gesicht machte. Denn der Bauer, der seinen Kram so beharrlich angeschaut hatte, war mit einemmal Verschwunden, und —
„Himmi Kruzi Tircken — Sternsackra — Marandjoseph!" Olim Pascha verfiel mit einem Male ganz ins Türkische. „Der Loder — der Malefizkerl — mei Talisman! Mein Talisman hat r^ gestohl'n!" ,
Im Nu ist die Bude des Schreienden dicht belagert, wie ein Gefangener sitzt Olim Pascha drin, schreft und kann dem Dieb nicht einmal nachlaufen. Die Bauern hören ihm ruhig und teilnehmend zu, aber es rührt sich keiner, den Verbrecher aufzuspüren.
Und mit einem Male wird Oljim still. Dur chdie Menge arbeitet sich nämlich der Gendarm. Mit der Polizei hat der türkische Würdenträger nicht gern was zu schaffen — er hat den glückbringenden Talisman selbst auf eine —. hm nicht ganz und gar einwandfreie Weise erworben.
„Was hab'» S' denn? — Was schrein' S' denn?" erkundigte sich der Beamte.
,,3?" fragt Olim befremdet, „was soll denn i g'schrien hab n? — Mei Kram hab i halt seilg’boten. — Eau Paar Schuch n, »teilte Herren — di—reit aus'm Orient — warm und billig — schtaunenswert — um drei Markl'n bloß! — Na, laufen S' do net glei davon — weil's Sö fan — um zwo ar Markt! Echt tirkisch, meine Herr'» — ocm Paar Schnch'ii um a Markl fusz'g--"
Ganz scheu und verstört ist der Kererbauer vom Jahrmarkt heimgekommen. An der Mche vorbei, darin fein Weib mit Tellern und Schüsseln llapperte, wollte er sich in -feine Stube drücken. Aber die Kererbäuerin hat scharfe Augen.
„Na—a?" tönt's keifend hinter ihm her. „Wogengast denn hi? — Siehgst mi net, daß b’ net an „Grüaß Gott" außi bringst? — Wo hast denn dösell Sach'n, wo d' hast mitbringan soll'»?"
„Dö Sach'n?" stottert der Kerer. „Ja mei — dös hab. i halt vageß'n —"
„Va —, —" Ein Teller flirrt zu Boden. Für zwei Sekunden ist die Bäuerin sprachlos — aber auch wirklich nur für zwei Sekunden. Dann ergießt sich der Strom ihrer lieblichen Rede mit umso größerer Gewalt auf das Haupt des teuren Gatten. „B'suffner Lackl" und „spinneter Depp" — das waren die vor- 8üglichsten Kosenamen, mit denen die Kererin den Bauer bedachte. )is der mit der Wahrheit herausrückte und mit zitternden Fingern Nus der inneren Tasche seines Rockes das Amulett — den Talisman zum Vorschein brachte.
Da,wurde denn die Bäuerin fteilich still -statin Talisman — ja freilich, der mußte wohl Glück bringen! Und so für umsonst ----
Olim Pascha hätte den Verlust seines wundertätigen Talis- Uan's. keineswegs verschmerzt. Aber er bediente sich zu seiner
Wiedererlangung nicht der Polizei. Das hätte Weiterungen ergeben können und wenn Stadelheim auch seine Heimat war---
kurz, er schlug einen anderen Weg ein. Er erkundigte sich bei den Bauern, wer das wohl sein möchte, der so und so ausgesehen habe. „Der mit der rot'n West'n? — Dös is der Kaiser g’roen!" erklärte ihm der Eine. „Der, wo dös grüatte Hüt'l auffi g'habt hat? — Dös is der Mühlbacher g'wen," meinte der andere. Und Olim Pascha notierte sich sämtliche Namen auf das Genaueste.
Am späten Nachmittag packte er seinen Kram zusammen. Und dann machte er sich auf den Weg — zunächst zum „Kaiser".
Der empfing den städtisch gekleideten Fremde» sehr zurückhaltend. Olim Pascha wußte zwar nicht recht — war das der Dieb gewesen? Aehnlich war er ihm ja freilich. Und dje rote Weste — — Wenn ihn nur sein Gedächtnis nicht trügt.e. Rama» mußte mal auf de» Busch klopfen.
„I kimm vom Jahrmarkt," eröffnete er das Gespräch!»
„So!" Der Bauer wurde »och zugeknöpfter.
„Ja — u» was i sag'n wullt — dös G'schäft war ja so? Weit ganz guat. Nur g'stohl'n is halt viel word'n. Sehr viel."
Der Kaiser begann auf seinem Stuhl hin und herzurutscheN, „G'stohl'n!" wiederholte er. „So, so — g'stohl'n."
„Ja," fuhr der Besucher fort. „Mau ko ja net nach hink'N und vorn z'glei schaug'n. Aba so den oaneu oder den andern hab i halt do g'merkt — ja, so oaneu oder ’n andern."
„Ja mei! — Den Wern S’ a’zeig’n — gell« S’?"
„No freili! •— Un eing’sperrt wirdta — lang eing'sperrt." „So, so!" Der Koiser schien zu schwitzen. „Ja — hm —1 ei'g’sperrt — ja scho — hm — hm."
Jetzt war Olim Pascha seiner Sache gewiß. Und mit einem durchbohrenden Blick sagte er:
„Wissen's leicht selbst oanen, der wo was g’stohl’n hat?" Der Koiser wurde kreidebleich. Stöhnend erwiderte er:
„I will’s bekennen — i hab'» g’numman, de» Huat. Sö hab’n ’s ja do gefeg’u. Aba i bitt schön — tuan S' mi net v'zeig’n! I geb’n Eahn wieder, den Huat. Un sunst hab i ganz g’wiß nix g’numman."
„Jawohl — wiedergeb’n!" antwortete der Besucher zornig. „I hätt'n verkaaft suiist'n — um sieb’n Markl! De» Huat können S’ behalten —, aba die sieb’» Markl» — die müassens mir geb’n!"
„Sieben Mar kl» füa den Huat?" wagte der Koiser schüchtern zu fragen. Aber da nahm der Fremde eine so drohende MieM an, daß er sich beeilte, die sieben Mark auf den Tisch zu zählen.
Jetzt erinnerte sich übrigens Olim Pascha auch bestimmt, daß dies nicht der Talisinau-Dieb gewesen war. —
Als zweiter stand der Mühlbacher auf der Liste. Der wurdtz schon, kreidebleich, als er des Besuchers überhaupt ansichtig wurde. Olim Pascha wandte die gleiche Taktik an wie beim Koiser — und hier handelte es sich um eine Haube, zwei Schürzen und eiuc Rolle mit zehn Meter blauen Bandes, Gegenstände, die bett! Türke auf zwölf Mark fünfundachtzig Pfennige einschätzte.
I» ganz Niedertupsing machte Ignaz Huber an diesem Abend die Runde, und das Ergebnis dieser Reise ging kaum in fei»81 Börse. Das ganze Jahrmarktsgeschäft hatte ihm nicht halb so viel eingetragen. Was ihm aber schwer und schmerzlich dünkte', war, daß er dabei gerade zu.dem Diebe nicht gekommen war, der ihm seinen Talisman — seinen glückbringenden Talisman entwendet hatte! Tuch, Hosen, Zigarren, Schmuckgegenstände, Hüte, Schirme, Stöcke hatte erbezahl bekommen — nur, sein Auiuelett nicht — fein köstlichstes Amulett, dem er nach feiner tmttmstöß- lichen Ueberzeugung dies ganze Glück verdankte. Gewissermaßen hatte er ja damit auch Recht, denn ohne den Talisman hätte er diese Geschäftsreise ja niemals unter non tuten.
Der aber blieb in dem Besitz des Kerer-Banern, ober vielmehr im Besitz der Kerer-Bauerin. Ein paar Tage lang erfreute sich die biedere Frau in aller Stillei an ihrem Besitz; dann aber wurde ihr das Vergnügen zu langweilig. Einer Nachbarin wenigstens mußte sie ihn zeigen — unter dem Siegel der Verschwiegenheit wurde es ihr anvertraut.
Die Nachbarin gab es — natürlich ebenfalls unter dem Siegel der Verschwiegenheit — an einige ihrer Freundinnen weiter. Und eines Tages erschien der Herr Pvlizei-Koinmandant von Niedertupfing beim Kerer, nahm ihn in ein peinliches Verhör und den wundertätigen Talisman mit sich. Man benachrichtigte Herrn Olim Pascha davon, daß er sich sein Eigentum wieder abholen könnte, und Ignaz Huber machte von dieser Erlaubnis erfreut Gebrauch. Der Kererbauer aber wurde wegen Diebstahls zur Anzeige gebracht.
Die Verhandlung aber, in der der Kererbauer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, hatte auch für Olim Pascha ein sehr unerfreuliches Nachspiel. Durch einen Zeitungsbericht nämlich erfuhr ein Antiquitätenhändler die Geschichte, und die Beschreibung des Talismans wollte ihm merkwürdig genau auf ein Stück passen, das auf rätselhafte Weise aus feinem Besitz verschwunden war. Er erkundigte sich genauer und die Folge war, daß der wundertätige, glückbringende Talisman den Großwürdenttäger Olim Pascha dem Kererbauer» zur Gesellschaft nach Stadelheim nach-, sandte.


