Montag den 50. Januar
MI
B
»PWE-i
Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
In dieser Vorfrühlingszeit erwachte alles in dem ganzen Städtchen aus dem tiefen Winterschlaf. Es kamen die goldenen Wochen für Handwerker feder Art. Es wurde gebaut, gemalt und tapeziert, man begann die Gärten herzurichten und die Betten zu lüften.
Wenn es gut ging, konnte man im April die ersten Sommergäste erwarten, und auch die Kosh legte Decken, Kissen und Federbetten in der Logia aus, die ganz links am Parterre des Hauses angebaut war.
Ihre Frau mußte jetzt bald mit denk Kind in die Mittelstube mit dem Alkoven übersiedeln. Und die Kosy rechnete ihr vor, wie viel sie bei einigermaßen guter Vermietung aus den beiden Vorderstübchen herausschlagen könnte.
Die Gräfin oben war jetzt wieder fein heraus; sie hatte sich ihre alte Magd vonr vorigen Winter kommen lassen und erwartete in drei Wochen ihre Sommergäste; auch die Specht war ganz aus dem Häuschen, und ihre Zimmer waren schon blitzblank, obschon ihre Fremden erst im Juni erwartet wurden.
Wenn es nicht regnete, begann die Kosh im Gärtchen zu harken, sie zupfte mit dem kleinen Erwin das Unkraut aus, und wenn die Sonne schien, rief sie Frau von Hilbach heraus zu ihrem Lieblingsvlätzchen unter der Linde, von wo ihr Blick über dm Fluß und das Städtchen schweifen konnte bis hinüber zu dem schwarzen Wald hinter den Bergen, der für sie die Grenze war, die sie von der Welt abschloß.
„Schön, was?" fragte die Kosy, als sie von ihrer Arbeit ein wenig rastete. „Wenn Sie nur ein bißchen froher und mutiger werden wollten, Frau von Hilbach, dann würde alles andere von selbst gut werden. Sehn Sie mal mich an, ich habe andere Courage wie Sie. Heute morgen bin ich an der Bürgermeisterei gewesen und hab mich als Brunnenfrau Vorschlägen lassen, weil die Stellung frei ist. Krieg ich den Posten, so nehm ich ein hübsches Stück Geld ein. Dreist muß der Mensch sein; von selbst kommt das Glüäk nicht zu einem!"
Frau von Hilbach sah sie bewundernd an. „Ich Wollte, ich wäre wie Sie, Kosy. Sie sind so prachtvoll gesund und froh, und ich bin müde, Kosy, todmüde seit ein paar Wochen!"
„Das ist der Frühling," sagte die Kosy. „Der macht alle jungen Menschen müde. Das geht bald vorüber, und wenn Sie im Sommer viel im Freien sind, kommen Sie auf andere Gedanken."
Die Wochen vergingen, und der kleine Erwin brachte
seiner Mutter Veilchen, die hinter der Kosy Haustür am Bergabhang blühten.
Die Pastorin hatte fürs erste ihre unglückliche Erbschaftssache vergessen. Sie war die einzige im Haus, di« schon Kurfremde hatte, sie sah jung und rosig aus, und ihr« Augen schienen in Glück gebadet. Für die Kosy hatte si« nur einen ganz herablassenden Gruß übrig, wenn sie ihtz begegnete, und auch auf Frau von Hilbach sah sie wi« mitleidig herab.
„Daß meine Frau aber auch in allem und allem Uwglück haben muß!" sagte die Kosy, als der Mai zu End« ging und ihre Vorderstübchen noch leer standen. „Die Hänf- lein, die es doch gar nicht nötig hat, hat seit acht Tatzen eine Dame in ihrer kleiner: Stube, und selbst die Natufiu» hat einen Gast; es ist zum Verzweifeln! In zwei Wochen hat auch die Specht ihre Fremden, uno dann sind sie alle versorgt, nur meine Frau geht leer aus."
Die Specht lebte in fieberhafter Erwartung; sie ging gar nicht mehr aus dem Haus. Jeden Morgen durchschritt sie die sorgfältig vorbereiteten Zimmer, zupfte bte Deckchen auf den Sofas und Sesseln zurecht, wischte den Staub und zählte die Tage, bis sie kamen.
Sie hätte zwischendurch schon vermieten können, eÄ warm Leute aus Erfurt dagewesen, die gern im Saale- haus gewohnt hätten. Wäre ihr Groll auf Frau von Hilbach und deren Wirtschafterin nicht immer noch groß gewesen, so hätte sie diese Fremden ins Parterre geführt. Aber das sah sie nicht ein, daß sie der Frau von Hilbach, die sie in der Miete gesteigert hatte, einen Vorteil verschaffen sollte. Wenn die jetzt den ganzen Sommer ohng Fremde blieb, dann geschah ihr das recht, und man dürft« kein Mitleid mit ihr haben.
„Nun, Herr Langmann?" fragte sie eines Tages kurz vor dem ersten Juni den Briefträger, der an ihrer Tür geklopft hatte: „Was bringen Sie mir?"
„Nun, hoffentlich was Gutes!" sagte der und ging zum Pförtchen hinaus.
Die Hänflein stand in ihrer offenen Tür und wartet« ab, bis die Specht ihren Brief öffnete.
„Aus Berlin!" hatte die Specht ihr freudig zugerufew „Sicher melden sie sich an!"
Wer dann wurde sie plötzlich bleich, rief zweimal» „Gott, o mein Gott!" und die Hänflein mußte eilig zuspringen, um sie zu stützen, denn sie war grün im Gesicht und schwankte.
„Was ist denn, um Gottes willen, Frau Oberlehrer? Kommen Sie doch zu sich!" sagte die Häuflein und führt« ihre Flurnachbarin in ihr Wohnzimmer, wo sie auf einen Plüschsessel niederfiel.
„Gott, o mein Gott!" stöhnte die Specht, dann reicht« sie der Hänflein den Brief, und die trat ans Fenster und las, und um den Mund glitt ein ganz kleines Wichels aber sie rief im Tone tiefster Entrüstung»


