Ausgabe 
29.11.1911
 
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Indem ich kaum Mußte, was ich tat, und nur nach dem Drange meiner Gefühle handelte, erfaßte ich den Diener und stieß ihn gegen die Mauer der Sakristei. Bücken Sie sich! sagte ich, und halten Sie sich an den Steinen. Ich werde über Sie aufs Dache steigen td) werde das Gewölbefenster einbrechen und ihm etwas Lust geben!

Der Mann zitterte am ganzen Leibe, aber er stand fest. Ich stieg, mit meinem Knittel zwischen den Zahnen, auf seinem Rücken, faßte die Vormauer mit beiden .Händen und hatte mich im 9iu auf das Dach geschwungen. In der wahnsinnigen Eile und Aufregung des Augenblickes fiel es mir. gar nicht ein, daß ich, anstatt bloß die Luft hinern- zulassen, die Flamme herauslassen würde. Ich schlug auf das Gewölbefenster und zerbrach das zersprungene, g loste Glas mit einem Schlage. Das Feuer sprang heraus tote ein wildes Tier aus seinem Hinterhalte. Hätte der Wtnd es nicht glücklicherweise in der Richtung von mir fort g--- rrteben, so hätten hiermit alle meine Bemühungen ihr Ende erreicht. Ich kauerte auf dem Dache nieder, als Rauch und Flamme über mich herausströmten. Das Leuchten des Feuers zeigte mir die spärliche Bevölkerung des Dorfes, bleiche Männer und erschrockene Frauen, die sich außer­halb des Kirchhofes drängten i al e in der fu tu r n Glut der Flammen auftauchten und in dem schwarz n, er­stickenden Rauche toi'6er verschwanden. Und der Mann unter mir! Der Mann, der uns allen so nahe und so hoffnungslos außer unserem Bereiche erstickte, verbrannte, starb!

Der Gedanke machte mich beinah wahnsinnig Ich ließ mich an den Händen vom Dache herunter und siel auf den Boden. ,

Den Schlüssel zur Kirche! schrie rch dem Küster zu. Wir müssen es von der anderen Seite versuchen wir mögen ihn noch retten können, wenn wir die innere Tür sprengen. .

Rein, nein, nein! schrie der alte Mann. Kerne Hoff­nung! Die Schlüssel zur Kirchentüre uua der zur Sakristei sind an demselben Ringe beide da drinnen! iO, Sir, er ist nicht mehr zu retten er ist jetzt schon Staub und Asche!

Sie werden das Feuer von der Stadt aus sehen, horte ich einen rufen. Sie haben eine Feuerspritze in der Stadt. Sie werden die Kirche retten.

Ich rief dem Manne zu er wenigstens hatte noch etwas Geistesgegenwart ich rief ihm zu, er mag.' zu mir kommen. Es mußte wenigstens eine Viertelstunde wah­ren, ehe die Feuerspritze uns zu Hilfe kommen konnte. Der grauenvolle Gedanke, solange in Untätigkeit zu bleiben, war mehr als ich ertragen konnte. Faüs wir die Tür sprengten, konnten wir ihn nicht noch retten?

Der Gedanke sprang auf in mir, tote die Flammen durch das zerschlagene Gew-ölbefenster gesprungen waren. Ich sprach zu dem Wanne, welcher der Feuerspritze erwähnt hatte: Haben Sie Ihre Spitzaxt zur Hand? Ja, sie hatten sie. Und ein Beil, eine Säge? Ja! ja! ja! Fünf Schrlünge sür jeden, der mir hilft! Die Worte gaben ihnen Leben. Jener gierige zweite junger der Armut: der Hunger nach Geld brachte sie sofort in Bewegung und Tätigkeit. Zwet von euch bringt noch Laternen mit, wenn ihr welche habt! Zwei holen Spitzhacken und Brechwerkzeuge! Die anderen mir nach, um einen Balken zu holen! Die Frauen und Kinder stoben zu beiden Seiten auseinander. Wir stürzten zusammen den Pfad vom Kirchhofe der ersten leeren Hütte zu hinunter. Kein Mann blieb zurück, außer dem Küster dem armen, alten Küster, der schluchzend und jammernd auf einem Grabsteine den Verlust der Kirche betrauerte. Der Bediente solgte mir noch immer aus den Fersen; sein weißes, hilfloses, entsetztes Gesicht blickte dicht über meine Schul­ter hinweg, als wir uns in die-tte drängten. Es lagen Sparren von der abgerissenen Decke am Boden doch waren sie zu leicht. Ein Balken war oben über unseren Häuptern, doch nicht außer dem Bereiche unserer Arme und hacken ein Balken, der an beiden Enden in der zerfallenen Mauer sestsaß, um den der Boden und die Decke fortgebröckelt war und über dem ein großes Loch im Dache den Himmel zeigte. Wir griffen den Balken an beiden Enden zugleich an. O Gott! tote fest er saß wie uns Stein und Kalk widerstand! Wir hackten und hieben und rissen. Der Balken wich an einem Ende er stürzte herunter, gefolgt von einer Schuttmasse. Die

Weiber, die sich alle um den Eingang drängten, um uns zuzuschauen, stießen einen Schrei aus die Männer einen lauten Ausruf zwei von ihnen lagen am Boden, doch unverletzt. Roch einen Riß mit gesamter Anstrengung der Balken war an beiden Enden los. Wir hoben ihn auf und befahlen, am Eingänge Raum zu machen. Jetzt ans Werk! Jetzt auf die Tür los! Da ist das Feuer, das zum Himmel hinan speit, heller denn je, um uns zu leuchten! Vorsichtig, den Pfad entlang, vorsichtig mit dem Balken auf die Türe zu! Eins, zwei, drei und los! Das Hurrarufen erschallte unbezähmbar. Wir haben die Tür bereits erschüttert; die Angeln müssen sich lösen, falls das Schloß sich sprengen läßt. Noch einen Stoß mit dem Balken! Eins, zwei, drei los! Sie weicht! Das schlei­chende Feuer leckt uns aus jeder Spalte an. Noch einen; letzten Stoß! Die Tür bricht krachend ein. Eine große, angsterfüllte, atemlose, erwartungsvolle Stille hält jede lebende Seele umfangen. Wir suchen nach dem Körper. Die sengende Hitze, die unseren Gesichtern begegnet, treibt uns zurück: wir sehen nichts oben, unten, im ganzen Zimmer sehen wir nichts als eine große Flammenmasse.

Wo ist er? flüsterte der Diener, blödsiitnig in die Flam­men stierend. . ..

Er ist Staub und Ap.-., sagte der Küster. Und die Bücher sind Staub und Asche uno o, ihr Herren! dte Kirche wird auch bald Staub und Asche sein.

Sie waren die einzigen beiden, welche sprachen. Als sie wieder schwiegen, war nichts weiter zu hören, als das Knistern und Lodern der Flammen.

Da: ein scharfer, rasselnder Ton ans der Ferne dann das hohle Trampeln von Pserdesüßen im schnellen Galopp dann das Getöse, der alles übertönende Tumult von Hunderten von menschlichen Stimmen, die alle zugleich schreien und rufen. Endlich ist die Feuerspritze da.

Die Leute um mich her ^wandten sich alle vom Feuer dem Gipfel der Anhöhe zu. Der alte Küster versuchte, ihnen zu folgen, aber seine Kraft war erschöpft. Ich sah, wie er sich an einem per Grabsteine fest hielt. Rettet die Kirche! rief er mit matter Stimme, wie wenn er schon jetzt von den Feuerleuten gehört werden 'erwartete. Rettet die Kirche!

In zehn Minuten war die Spritze ausgestellt; aus dem Brunnen aus der Hinterseite der Kirche versah man sie mit Wasser und trug bann den Schlauch an den Eingang der Sakristei. Falls mau jetzt der Hilfe von mir bedurst, so hätte ich sie nicht leisten können. Meine Willenskraft war fort meine Kräfte erschöpft der Aufruhr meiner Gedanken war jetzt, da ich wußte, er sei tot, auf furcht­bare, plötzliche Weise gestickt. Ich stand nutzlos und hilfws da und stierte in das brennende Zimmer hinein.

Ich sah, wie man langsam das Feuer überwältigte. Die Helle der Glut erbleichte der Dampf erhob sich in weißen Wolken und die glimmenden Ajscheuhaufen zeig­ten sich rot und schwarz auf dem Boden. Es trat eine Stille ein bann begaben sich bie Leute von ber Feuer­wehr und von ber Polizei an den Eingang es erfolgte eine Beratung von leisen Stimmen und dann wurden zwei von den Männern durch die Menge hindurch fortge­schickt. Die Menge wich zu beiden Seiten zurück, um sie durchzulassen.

Nach einer Weile rann ein großes Entsetzen durch das' Gedränge, die lebendige Allee wurde langsam breiter. Die Männer tarnen mit einer Tür aus einer ber teeren Hütten zurück. Sie trugen sie an bie Sakristei unb gingen hinein. Die Polizei umringte abermals ben Eingang; bie Leute schlichen sich zu zweien und dreien aus der Menge heraus' und stellten sich hinter die Polizei, um es zuerst zu sehen.. Andere warteten in der Nähe, um es zuerst zu hören, 1 (Fortsetzung folgt.)

Hygiene und Zinimecheizung.

Bon Tr. meb. Wilhelm Tesche».

In den letzten Jahrzehnten hat bie Hygiene gewaltige Fort­schritte gemacht, zumal Wissenschaft unb Regierung Hand in Hand gingen. Ein sehr wichtiges Kapitel ist bie Wohnungs-Hygiene.. In den Großstädten ist es leider nicht möglich, baß jede Familie! eine genügend geräumige Wohnung zur Verfügung hat, aber trotzdem kann man vieles tun, baß bie Wohnung gesund ist. Schlecht gelüftete unb staubige Wohnungen erzeugen KrankhAten ber Atmungsorgane; feuchte Zimmer mit ihrer dumpfen Lust! sind oft bie Ursache rheumatischer Leiden.