Ausgabe 
29.7.1911
 
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Dickhoff, der Vorsitzende für Armenpflege, Herr Senator Kniebusch, und der Syndikus Thielemann, eben derselbe, der im Namen der guten Sitte die Abhalfterung des schau­derhaften Frieses am Neuen Seeanit glücklich durchgefetzjt hat derselbe. . . ." lind nun grinste der Polizeihaupt- mann wieder.

Die jungen Damen schauten sich tote geistesabwesend au; die Muirdwinkel zogen sich herab, die frischen Wangen färbten sich Heller. Durch den Kreis der Herren aber ging es erst ivie ein gemeinsamer Knurrlaut, hierauf ivnrden pruschende Töne hörbar, dann ein schallendes Gelächter.

Kniebusch!" rief Eberstedt.Ties Heupferd?!"

Und Dickhoff," fügte Wilm Noeldechen hinzu.Tar- tüff im Talar allerhand Achtung, allerhand Achtung!"

Und Thielemann," grunzte Kruse,der Mann mit der erzenen Stirnbinde!"

Donnerwetter," rief Friederici und steckte die Hände in die Hosentaschen,das kann hübsch langweilig werden!"

Aber anständig," antwortete Herr von Lönehsen.Es wird in hohem Maße anständig werden . . ." Dann wandte er sich an die Mädchen . . .Meine Damen nichts für ungut, aber Sie sehen, meine Gefolgschaft wartet. Meine Herren, bringen Sie die jungen Damen nach

Wir können allein gehen," rief Lili Menkens fchnip- pisch.Suse, Eva, Henny kommt!"

Fred Dewa stand schon neben Traute.

Darf ich Sie begleiten?" fragte er halblaut.

Herzlichen Dank, Herr Dewa es ist wirklich nicht Nötig."

Mein Auto steht unten," sagte Everstedt;wen kann ich äbfahren? Sie, Fräulein Köhler?"

Ich danke bestens, Herr Everstedt."

Sie ging bereits nach der Tür. Niels Kruse warf ihr einen Blick nach und folgte ihr dann rasch.

Einen Moment, Fräulein Köhler ich habe noch eine Frage."

Sie blieb stehen.

(Fortsetzung folgt.)

Eurer Chauffeur gesucht...

Humoreske von H c n r i D e s l i n iöres.

Autorisierte Uebersetzung von M argarete Schlesinger.

Iris Noirs", die Billa des Herrn Chantaume, lag im vornehmsten Teile des Oertcheus Jarville-sur-Mauldre, das jeder vis Villenstadt kennt. Sehr verlockend sah es ans, das kleine Besitztum mit dem Obst- und Gemüsegarten und dem herrlichen Bark, der bis zum Fluß hinabging; dort führte eine Tür direkt ans Ufer. Nur seine sonnige Lage war ein wenig störend; man mußte trotz des Schattens hoher Bäume in den Sommermonaten bei geschlossenen Jalousien leben. Dadurch machte das Häuschen lauf den Vorübergehenden den Eindruck, als sei es unbewohnt.

Es war August und Herr Chautauine, der nichts so sehr fürchtete, wie die Sonnenglut, hatte eine Einladung der Familie Rosnay -abgelehnt, liebenswürdiger Nachbarn, die in ihrem Auto­mobil Frau Chantaume nebst Kindern zurFontaine-anx-Wi- roirs" entführt hatten.. Nach seinem; einsamen Frühstück,, das er Mit ein paar Gläsern guten Weins gewürzt hatte, war er in ein zu ebener Erde gelegenes Zimmer gegangen, das gleichzeitig als Spielsaal, Bibliothek und Rauchzimmer diente.

Schon lange ärgerten ihn die Rosnays mit ihrem Auto, das in allen Unterhaltungen Trumpf war. Er hatte beschlossen, es ihnen gleich zu tun, und seit zwei Tagen war er wirklich im' Besitz dieses unentbehrlichen Beförderungsmittels. Reben dem Gemüsegarten in der ehemaligen Futterkämmer stand es, und nun fehlte ihm nur noch der Chauffeur; denn so lange und angestrengt ;er auch in seinem Lehrbuch studiert hatte die Praxis ersetzte es ihn» doch nicht. Er hatte darum eine Anzeige anfgegeben, ans die sich, da kein Brief gekommen war, heute ganz sicher jemand Melden mußte.

Er blätterte noch ein wenig in seinem .Handbuch, dann fielen ihm Unter dem Einfluß der großen Hitze und des guten Frühstücks dje Augen zu, und mit der ausgebrannten Zigarre zwischen den Zähnen, .lehnte er, sanft schlummernd, im Sessel. Tas Buch war .allmählich seinen Händen entglitten und lag mit zerknitterten Seiten am Boden. Unruhige Träume durchzuckten sein Hirn; bald fuhr er in feinem Auto spazieren, bald weidete er sich an deut neidischen Stiauuen der Rosnays, oder er freute sich, daß er bei seinen Geschäftsreisen nach Paris nun nicht mehr vom Zuge übhängig war. Dazwischen aber kam ihm unaufhörlich der Text seiner Anzeige in den Sinn:Guter .Chauffeur gesucht. Be­

werbungen. schriftlich oder mündlich bei Herrn Ehantaum«, Jarville- sur-Mauldre, Billa Iris Noirs."

Bor dem Park der menschenleeren Billa stand zur selben Zeit ein rothaariger Bursche mit hohen Stulpenstiefeln und einem Ochsenziemer in der Hand. Nach einem raschen Blick ringsum, stützte er sich auf seinen Stock und schien zn erwägen, ob er sich damit über die Mauer schwingen könne. Doch das. sreigelegene! Ufer mochte ihm Furcht einflößen, uiid so zog er eäj vor, an der Parkmäuer entlang dem Flusse zuzugehen.

Bald kam er an eine kleine braune Tür, die ganz mit Efeu ünivankt wär. Aus einer Ledertasche, die unter feiner Jache steckte, holte er eine Art Schlüssel hervor, und im Handumdrehen war der Eingang frei. Vorsichtig ging er vorwärts, kauerte sich hinter jeden Busch, um zu horchen; aber da nichts die Stille unterbrach, fühlte er sich in feiner Sicherheit bestärkt und drang in weniger als fünf Minuten bis zu der großen Glastür vor, deren herabgelassene Jalousien Herrn Chantaume vor den Sonnen- strahlen und der Hitze bewahrt, aber auch seinen Schlummer be­günstigt hatten.

Der gute Herr lag mit dem Rücken nach dem Eingang zn behaglich in feinem Korbsessel hingestreckt und rührte sich nicht.- Sein Besucher, der augenscheinlich weniger friedlich gesinnt war, hätte soeben von außen die Jalousie ein wenig gehoben. Da er den Schläfer unmöglich hatte sehen können, schickte er sich an, mit zurückgehaltenem Atem die Schwelle zu überschreiten; doch die Tür, ans deren Widerspenstigkeit er nicht gerechnet hatte, knarrte, jämmerlich. -

Herr Chantaume schlug die Augen auf und erblickte im Spiegel gegenüber die Gestalt eines Mannes, der ihn zu seiner Ver­wunderung ohne jede Anmeldung zu besuchen schien.

Ganz erfüllt von seiner Anzeige:Guter Chauffeur nsw," begriff er aber sofort, daß dies endlich der Gewünschte sei. Ein wenig steifbeinig stand er auf und fuhr sich mit der Hand über die Angen:

Verzeihung, mein Lieber! Ist es glaublich! Ich war über deinHandbuch des Chauffeurs" eiugeschlafen. Sie kommen auf meine Annonce? Gut so. Werden wir uns beim ver­tragen ? Zn schlecht hat man es bei mir nicht."

Der Eindringling, der den Sachverhalt noch nicht recht er­faßte, stutzte über den märchenhaften Empfang, witterte aber gleich gewohnt, sich in alles zu sinden die Verwechslung heraus, nahm sofort eine unterwürfige Haltung an und erwiderte leise:Das glaub ich schon."

Und Herr Chantaume fuhr fort:Gewiß find Sie von der Landstraße ans hereingekommen und ums ganze Hans ge­gangen. Ich wette, mein Gärtner, der im Gemüsegarten fein; »muß, hak .Sie nicht gehört. Ein Glück, daß. Fergus, mein; Hund, mit den Damen fort ist; sonst wäre er noch auf Sie kosgespruugen!"

Und beide lacksten.

Sind Sie schon lange in Ihrem Fach, mein Lieber? Bei wem wären Sie in Stellung?"

Ohne Schwanken gab der Rothaarige seine Chanffeur-Laiis- bahn zum Besten, da ihn dasHandbuch des Chauffeurs" ja ge­nügend aufgeklärt hätte.

Aber mir fällt ein, Sie sind in dieser Hitze vorn Bahnhof bis hierher gelaufen. Da müssen Sie zunächst eine kleine Er­frischung haben."

Sie gingen in die Speisekammer, und Herr Chantaume nahm aus dem Eisspind eine Flasche Bier, die von der Kälte ganz beschlagen war. Daun besichtigten sie das herrliche Auto, das seiner ersten Ausfahrt harrte.

Der Gärtner, der tatsächlich int Gemüsegarten wär, hörte die Tür gehen, Würste in seinen mit Erde verklebten Holz­pantinen herbei nnd lugte gutmütig unter seinem breitkrempigen Strohhut hervor. _ -

Ei potztausend, Renry!" scherzte Herr Chantaume.So also bewachen Sie mir den Eingang? Wenn uns nun diesen Herr, der keinem Menschen begegnet ist, das ganze Haus ans- gcränmt hätte!"

Und erfreut zeigte er auf den Lederbeutel, den der völlig beruhigte, zukünftige Chauffeur nun nicht mehr verbarg:

Ah, recht so. Ich sehe, Sie haben Ihr Werkzeug bei sich."

Der Nachmittag verging mit Unterhaltungen über Motors, Wagenformen, Pneumatikreisen. Sogar eine vergleichende Wert­tabelle über die französischen und die deutschen Marken wurde auf­gesetzt. Herr Chantaume bestand darauf, daß der Manu bis morgen früh sein Gast sei. Dann maßte er ihm wohl ober Übel cineipTag Urlaub geben, damit er nach Hause fahren und seine Sachen packen konnte. Aber übermorgen, ganz srüh, wenn es noch nicht so heiß war, sollte die erste Ausfahrt stattfinden. ..

DerChauffeur" ging mit Freuden daranf ein. . . tedoch mit nächsten Morgen vor Tagesanbruch war er verschwunden und das ganze Silberzeug mit ihm. . , .

Sn gern Herr Chäntanme auch küiptig von 1 entern Auto Mach das erste Erlebnis, das er mit ihm hätte, verschwieg er be­harrlich. _________