Ausgabe 
29.7.1911
 
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Morgen, Herr von Löneysen," rief Mels Kruse grü­ßend zurück.W as sell es geben? Ob ich Erlaubnis habe, vor diesem distinguierten Publiko meine Pläne und .Absichten klar zu legen? Natürlich Erlaubnis, da kein Verbot -vorliegt." .

Der Polizeihauptmann kannte alle Welt. Alle Welt kannte auch ihn. Er nickte freundlich nach rechts und links: immer gleich freundlich, ob er einem kleinen Modell zu­zwinkerte, ob er Fräulein Henny begrüßte, ob- er Everstedt winkte. Nun stand er dicht vor dem Rednerpult und gab Niels zutraulich die Hand.

Verboten ist alles, was nicht erlaubt ist," sagte er und zeigte die Zähne unter dem hängenden Schnauzbart.Näm­lich erstens: die Versammlung ist polizeilich nicht angemeldet worden." .

Lönehsen, wir sind doch keine Sozialdemokraten!" rief Everstedt erbost.

Sei still, Everstedt, ihr seid viel doller. Nämlich zwei­tens: Sonntags zur Kirchenzeit darf überhaupt keine Ver­sammlung abgehalten werden."

Kruse schlug mit der Faust aus das Pult.

Zackerlipopett, Herr Hauptmann, nun wird mir's zu bunt! Was wollen Sie denn immer mit einer Versamm­lung?! Wir sind hier einfach zusammeugekommen, um uns über has Maifest zu unterhalten! Wir sind friedfertige Leute! Wir politisiereu nicht! Wir achten die Regierung und lassen den Oberbürgermeister leben!"

Nämlich .drittens," sagte der Polizeihauptmann,ich löse die Versammlung auf!"

Nun stand er auf der Rednerbühne, dicht neben Kruse. Er war ein riesiger Mensch, fast größer als Kruse.

Wachtmeister Klamroth!" schrie er.

Herr Hauptmann?!" gröhlte eine tiefe Stimme

'zurück/ i 1 : t ! I

Sechs Leute sollen den Saal räumen helfen. Drei äus die Treppe, drei vor das Haus. Keine Rottenbildung aus der Straße."

Befehlen, Herr Hauptmann!" gröhlte es aber­mals.

Die Arme Kruses fuchtelten durch die Luft.Ich pro­testiere! Hiergeblieben! Nicht fortlaufen! Kreuzhimmel- schockschwereno't! Everstedt, Dewa, Mürsinna, Eggenolphs r- Seuatorensöhne, Stützen der Gesellschaft, laßt ihr euch das gefallen?! Ist das die Freiheit dieser freien Stadt?!"

Lönehsen, das ist unerhört!" ries Everstedt.Jag mal -deine Schntztruppen zum Teufel! Du siehst doch, daß -Damen hier sind!"

Da beugte sich- der Hauptmann über das Pult, legte die Hände um den Münd und flüsterte Everstedt zu:

Aber ihr wolltet Gesindel aus ihnen machen, ihr verflüchtigen Spitzbuben!"

Es hatte keiner weiter gehört. Nur Everstedt. Und der begriff ohne weiteres die Situation. Die Mädchen mußten geplaudert haben. Der AusdruckGesindelsaisvn" hätte das Patriziat erschreckt. Hinter der Verschwörung der Rücksichtslosen lauerte eine Verschwörung der Rücksichts- nahme. Die Reaktion kam, ehe die Revolution im Gange war. Kam auch gleich mit der Gewalt der Waffen. Ein simpler Leutnant genügte nicht; der Polizeihauptmann mußte eiligreifen.

Aber Everstedt zürnte nicht mehr; es wär eine Wendung, die ihm recht war. Er hatte die Sache schon satt. Es gab eine neue Abwechslung.

Die Schutzleute mischten sich bereits in die Menge. Bitte, den Saal zu verlassen . . . Bitte, meine Herr? schaften." . . .

Da schwirrte noch einmal die Glocke los: Everstedt hatte sie ergriffen.

Meine Damen und Herren," rief er.Es ist nutzlos, sich dem Stärkeren zu widersetzen. Gehen wir ruhig nach Hause! Eine gütige Macht wacht über uns, damit wir keine Dummheiten machen. Wir haben gegen das Gesetz gefehlt. Das besetz ist die Moral. Die Moral trägt einen blauen Samtkragen und waschlederne Handschuhe und einen klirrenden Salm!. Die Polizei ist die wahre Hüterin, echter Moral. Zeigen wir unsern loyalen Bürgersilin und lassen wir ihren würdigsten Vertreter hochleben. Unser lieber getreuer Polizeihauptmann von Lönehsen hoch, hoch, hoch!"

Der Schrecken war verflogen, die Stimmung wieder da.

Das Hoch wurde frenetisch herausgejubelt. Die Schutzleute standen stramm; sie wüßten nicht, was sie anders machen sollten. Herr von Löneysen grinste von der Rostra herab'. Er war ein gemütlicher Tyrann. Sein Lächeln war immer ein Grinsen; es hatte etwas Nüßknackerhastes; es hatte eine unbeschreibliche Mischung von innerem Vergnügtsein und äußerer Bärbeißigkeit. Er winkte mit beiden Händen in den Saal hinab.

Schönsten Dank, meine Damen und Herren," sagte er;so ist's recht. Respekt vor der Autorität und hin­gebende Liebe zu den Vertretern des Gesetzes. So ist's recht. Ich bin sehr zufrieden. Und nun bitte ich freundlichst, daß Sie sich empfehlen wollen. Grüßen Sie die lieben! Anverwandten." . . ..

In drei Damen gärte es wild. Die hatten in das Hoch nicht mit eingestimmt. Lili Menkens und Eva Delbrück und Fräulein Henny waren äußerst empört. In ihren Adern floß Rebellenblut. Schmachvoll, dieser ganze Zustand! Das war eine Knechtung der freien Meinungsäußerung! Fräu­lein Henny hielt es nicht länger. Der heiße Grimm hatte ihr hübsches Gesicht in frohe Farben getaucht. Sie ballte die Händchen und trat mit energischer Bewegung vor den Störenfried.

Herr von Löneysen," rief sie,in wessen Auftrage handeln Sie eigentlich?"

Aeh? ! . . ." Der Polizeihauptmann grinste wieder fei» behaglichstes Grinsen. . .In wessen Auftrag? Gnä­digstes Fräulein, zunächst in eigenem. Aber auch in höhe­rem : in dem des Herrn Polizeidirektors. Und in u o ch höherem: in dem von dero Herrn Vater, regierendem Bür­germeister hiesiger Stadt . . ." Er schnaufte leicht . . .Es ist nämlich alles an den Tag gekommen alles, gnädig­stes Fräulein, und das geht eben nicht. Die Tugend muß siegen. Das übrige wird Ihnen wohl die Frau Mama sagen."

Damit stieg er rechtsseitig vom Pult ab, während Kruse links herabspr'ang. Auch in ihm siegte der Humor über den Aerger des Augenblicks.

Vergebene Liebesmüh !" rief er.Everstedt, cs bleibt Lei dem Stumpfsinn."

Die ganze Elite der Goldenen Horde umgab ihn'. Sonst hatte die Schutzmaniischaft ihre Pflicht getan:höf­lich, aber energisch", wie ihre Vorschrift lautete, war der Saal geräumt worden. Die letzten großen Hüte schwankten durch die Tür. Nur bie. von der Horde hielten noch aus und trotzten der Gewalt. Diese Gewalt war in der Mitte des Saales aufmarschiert, die Hand an der Hosennaht (auch hanseatische Polizei hat militärisches Bewußtsein) und war­tete weitere Befehle ab.

Was nun, Herr Professor?" fragte Eva mit zittern­der Stimme.

Nichts weiter, liebes Kind," antwortete Kruste lachend.

Aber wir können doch in unseren Wohnungen alles besprechen, wenn das hier verboten sein soll!" rief Henny kläglich.

Wir werden die nächste Versammlung einfach polizei­lich änmelden," erklärte Otto Eggenolph;damit ist die Form erledigt."

Ja natürlich," sagte Herr von Löneysen nickend,dann wäre ja soweit alles in Ordnung. Bloß wird über das Maifest nicht mehr viel zu reden sein."

Hoho und warum nicht?!" Lili Menkens stellte sich in Positur.

Der Polizeihauptmann verbeugte sich ritterlich.Weil sich in aller Schnelle bereits ein anderes Komitee gebildet hat, das die Arrangements in die Hand nehmen will, mein gnädiges Fräulein."

Ein anderes Komifee?"

Was denn für eins?"

Kruse schüttelte sich vor Lachen.Ra, da bin ich aber neugierig!" rief er.

Ich auch," sagte Mürsinna.Darf man fragen, wer diesem Festkomitee augehört?"

I warum denn nicht," entgegnete Herr von Lönehsen schmunzelnd.Zunächst die Frau Oberbürgermeister, dann Frau Senator Delbrück, dann Frau Senator Meyer, dann Frau Präsident Menkens und dann Frau Regina Appel- mann."

Die Mütter!" stammelte Lili entsetzt.

Es sind au,ch noch ein paar Herren dabei," fuhr der Polizeihauptmaim fort,nämlich der Herr Superintendent