Ausgabe 
29.7.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von ZobelttK« (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Traute lachte leise auf: eher künstlich als herzlich. Prachtvoll gesagt," entgegnete sie.Bewundernswert, wie Ihnen die Phrasen zuströmen! . . ." Dann wandte sie sich rasch ab. Sie sah Niels Kruse in den Saal treten.

Er kam mit Hans Eggers, dem Tiermaler, blieb einen Augenblick in der Türe stehen und rief lustig:Ah 'charmant! Das Präludium!" Er grüßte nckch allen Seiten. Man umdrängte ihn. Er war ungeniert wie immer, duzte die Modelle und "kniff sie in die Wangen, gab einem der Mädchen seinen Hut und warf dem andern den Havelock zu und sah nun zufällig Traute. Er nickte ihr zu und winkte.

Salve, signorina! Geben Sie mir das Patscherl!" . . . Er machte sich rücksichtslos Platz, bis er neben Traute war . . .Come sta? Dumme Frage. 'Bäckchen wie Pfirsich­blüten und ein Mund luie Herzkirschen. Da soll man nicht nach dem Befinden fragen. Am Mittwoch, Mädelchen vergessen Sie nicht!"

Er ging weiter oder vielmehr: er wurde im Triumph weitergeführt.

Es ist schon besser. Sie vergessen d o ch," raunte eine Stimme Trante zu. Es war Fred Dewa, der an ihr vor- uberging. Und plötzlich war auch lvieder Everstcdt neben ihr. Sein Blick streifte an ihr herab und umzog die Kon­turen ihrer Gestalt. Sein .Lächeln war häßlich.

Der Wolf wird die Kleine doch noch einmal fressen," sagte er.Sehen Sie nur, was er für starke und große Hähne hat. . ."

Jetzt strömte alles nach vorn, wo ein Rednerpult stand, drängte und zwang sich zwischen den Stuhlreihen hin­durch, eilte, stürzte und stolperte: lachend, schwatzend und schreiend.

Traute wurde mitgeschoben. Sie fühlte sich verwirrt und benommen. Ihr war ganz seltsam zumut: als sei ihr Denken gelöscht; als sei sie nur körperlich hier, und ihre Seele wandle draußen auf der Heide spazieren. Diese Heideluft spürte sie und den Geruch von Bienensaug und wilden Anemonen.

Rechts und links schoben sich zwei Arme unter die

Wir wollen eine Phalanx bilden," sagte Lili Men- kens.

Feststehen," sagte Fräulein Henny,sonst verschlingt uns der Strudel."

Das Gedränge war arg. Traute sah, wie Herr von Avedon schützend seinen Arm um die Taille von Suse Appelmann legte. Es war ganz Mt, daß Lili und Henny

ihr Halt gaben. Ihr Gesicht verblich; sie fühlte sich plötz­lich zum Umfallen müde; rote rollende Punkte tanzten vor ihren Angen. Was war ihr nur?

lieber den Köpfen tauchte die Hünengestalt Kruses auf. Er stand auf der Rostra und schwang eine große Glocke, Das Läuten dröhnte durch den Saal. Man hielt sich die Ohren zu; es war betäubend.

Aber Traute weckte es aus ihrer Schwächeanwandlung. Vielleicht hatte nur die Luft sie bedrückt. Es war sehr tvarm, obwohl am Mittelfenster eine Scheibe geöffnet wor­den war: gerade die mit dem Wappen der Everstedts. Da glitt die Sonne hinein und flimmerte über die feine Staub­schicht, die vom Boden aufstieg.

Trautes Augen waren wieder hell geworden. Aber sie war zu klein, uni altes übersehen zu können. Bor ihr ragte der Riesenhut der Diseuse aus dem Kabarett zur tollen Wachtel; daneben leuchtete das Brandhaar der Bertncei. Um das Rednerpult schienen sich die Mannen der Goldenen Horde geschart zu haben. Nur Herr von Yvedon klebte mit der dicken Suse in einer Ecke, und die massige Breite Friedericis schützte die beiden wie eine verschwiegene Mauer.

Niels Kruse hatte einen Packen Papiere aus der Brust­tasche geholt. Die Glocke schwieg. Kruse schlug mit den Papieren auf den Tisch. Es war ganz still geworden.

Mesdames et messieurs," begann er,ich freue mich..."

Aber er kam nicht weiter. Die Eingangstür wurde aufgestoßen, und von dort aus rief eine Stimme, die an Kommandieren gewöhnt schien, ein gewaltiges Haalt!"

Jetzt ging es wie ein Schauer durch die Versammlung. Man hörte Säbelklirren: ein paar Schutzleute gruppierten sich gemütlich um die Tür.

Mein Göttchen," wisperte Lili Menkens,wir werden eingelocht!"

Auch ein unterdrückter Schrei ertönte: er kam von Ellen Meier, die wie Espenlaub zitterte.

Was ist denn los zum Bombendonnerwetter?!" rief Kruse und reckte den Hals.

Die Kommandostimme antwortete ihm:

Guten Morgen, Herr Professor! Ist die Erlaubnis für die Versammlung eingeholt worden?"

Die Kommandostiinme kam näher.

Bitte, mich durchzulassen. . ." lieber blausamtenem Kragen glänzte ein schnurrbärtiges, sehr gemütliches Wein­gesicht mit kleinen vergnügten Aeugelchen. Der ganze Mensch sah tote eilt Bacchus in Uniform aus. Aber es war kein Bacchus, sondern etwas viel Gewichtigeres: es war der Polizeihauptmann der Stadt, Herr von Lönehfen, die rechte Hand Seiner Gestrengen des Polizeidirektors Doktor I. Th. F. Abraham Kadura, eines Mannes, der den Pflichteifer so weit trieb, daß er häufig höchstselbst durch die Laster- stätten der Stadt streifte, um nach: dem Unrechten zu spähen.