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knöpfte Hre Muse aus und' hing sich die kleine Goldkette nur den Hals. Sie küßte das Herzchen und schloß daun Wieder die Knöpfe.
Ma ging die Tür.
(Fortsetzung folgt.)
Das Butterbrot.
Von H e r m nun Hör n (Stuttgart),
Ich habe eine kleine Tochter von viereinhalb Jahren. Meine Frau behauptet in Stunden der Begeisterung, es sei das „Goldigste", was es gebe, und ich ziehe das mitunter in „wohlwollende Erwägung". ,
Schon als sie ganz klein war, war sie „zu goldig . Bei der Betrachtung eines Skeletts, das sie in einen«! 'alten Brehm, der Unerschöpflichen Fundgrube ihrer Wißbegier, sand, zeigte sie eine Praktische Begabung. Sie rief ihre Mutter herbei: „Swind, swind, Mama, Metzgen gehen, Fleisch holen — Mama anziehen!" Sie wollte das Skelett mit Fleisch anziehen.
Eine niedliche Anekdote — aber in ihrem Leben gibt es noch zwei andere,. die ich schon ost erzählt habe, und die von Tod und Erbschaft handeln. Biele andere ihrer Lebensäußerungen und viel seiner und interessanter, sie zeigen die Vorsprünge der Mystik, der Komik, des Witzes — aber diese zwei erzähle ich immer, die sind fürs Publikum'.
In jener Zeit hatte sie vorn Tod als einer natürlichen Sache erzählen hören, und damit siel ein Kapitalverbrechen ihrer Jugend Wlsamtnen, In meiner Abwesenheit hatte sie — einmal und nie wieder, behauptet meine Frau — eine Streichholzschachtel erwischt, ein Hölzchen angesteckt und sich die Finger verbrannt.^ BR!ehte Frau, den Ernst der Situation erfassend, hatte ihr mit geschlossenen Augen auf die Finger geklopft und ihr, trotz ih.reH flehentlichen Bittens, erklärt, nein — so etwas müsse man dem Papa sagen, da helfe nichts.
Sie war klopfenden Herzens ins Bett gegangen, sie war in der Nacht von Feuer und allerlei wild träumend, einmal aufgewachk. Und in aller Frühe krabbelte sie schon zur Mama ins Bett, um noch einen Versuch der Erweichung eines mütterlichen Herzens zu machen. Aber das Wunderbare war geschehen, ihres Vaters Bett war unberührt. Zum' erstenmal in meiner Ehe, ick) schwöre es, hatte ich die Nacht „durchgelumpt", und dann waren wir beim Morgengrauen mit den Soldaten zum Bataillonsmanöver. Mutter und Kind machten gleichzeitig die Entdeckung^ und nach einer Minute des Schweigens Hub die Tochter an: „So — jetzt kannst dies ihm nicht sagen," und nach einer weiteren Pause mit einem stillen Triumph in der Stimme' über das gnädige Schicksal: „Vielleicht ist er unter einen Wägen gekommen und gestorben!"
Die Sache mit der Erbschaft ist nachdenkliche! Betrachtung! Und gipfelt in einem' Wunsch nach Erkenntnis.
„Also," sagte sie, „wenn ihr sterbt, dann bekomme ich doch alles — das Büfett und den Küchenschrank — dem Papa seinen Schreibtisch und auch den Papierkorb — und auch die großes Schere?" — „Ja — alles bekommst du!" — „So" — sagtses sie nach einer Weile — „dann mußt du mir doch vorher noch zeigen, ivie man den GashähneN ausmacht!"
Das sind gewöhnliche Geschichten, aber die mit dem Butterbrot ist noch viel gewöhnlicher.
Ich spiele mannigfache Spiele mit meiner Tochter. Am Morgen liebt sie es sehr, sich zu Verstecken. Dann ruft sie: „Such' mich!" mit einem spitzen, Hellen Stimmlein, durch irgend ein Bettstück, Rock oder Kleid gedämpft; und dann darf man sie picht so bald finden, denn man soll sie suchen, aber nicht finden — mindestens Nicht, bevor es dramatisch war. Oder ich muß einen Löwen machen. Das mach' ich nämlich ausgezeichnet. Ich brüll' und fauche mit dem besten Teil meines schauspielerischen 'Temperaments zwischen Othello und dem Schlucker des Sommer» nachtstraumes, der dort so schön den Löwen macht. Und gerade der Furchtbare ließt sie. Wie die Wasserböcke in den Kiplingschcn Novellen, die es reizt, an die Wasserstelle zu stürmen, weil der Tiger dort lauern konnte. Kreischend und lachend stürmt fte durch sämtliche Zimmer, bis ihre Stimme überschnappt: „Ich habe Angst — ich habe Angst!" Sie flüchtet sich in die Arme' ihrer Mütter, und in ihrem Gesichtchen fliegen die wechselnden Färben. Die Mutter schilt gutmütig: „Geh', siehst du denn nicht, rote sie Angst hat?" Sie aber zappelt int sicheren Hasen und beguckt sich meine wilden Ausfälle. Sie ist ganz neugieriges Grausen, was da aus dem Papa für seltsame Mächte sprechen. Wenn ich dann wieder still bin, geht sie zuM Angriff über, schlägt mich und schimpft mich aus: „Dn starker — 'fetter Mensch!" — Das hat sie von meiner Frau — ich bitte, weil ich 165 Pfund wiege. Und so was lieben wir!
Heute morgen weckte sie uns. Sie lag in aller Früh', wie in ihrer allerfrühesten Jugend, wo sie bloß „roo, roo" sagen und mit ihren Beinen spielen konnte, wach int Bette und führte eine drämvWche Szene auf. Das hat der kleine Äffe von uns. Wenn wir zwei Alten eine Szene befürchten, folge ich mitunter wohl: „Ha — Elende!" — und die Fr-an erwidert: „Schweig, Ver- rüler!" oder so was — „mitunter" beschwichtigen wir so unsere fifemlüter, wie gesagt — „mitunter"«
Also der kleine Affe liegt int Bett und spielt solch eine Szene. jJch brumme als Bär, sie lacht, ich raube sie und entführe sie in mein Bett. Aber das paßt ihr heute nicht. Sie erklärt: „Ich bin doch schließlich kein Spielzeug!" — und ist unliebenswürdig im höchsten Grade. Es geht hinüber und herüber, unsere Kameradschaft geht in die Brüche, und ich erkläre ihr: „Wenn du nickst nett bist zu mir, bin ich's auch nicht mehr zu dir, dann wirst du's schon sehen!" Aber das ignoriert sie ititb turnt verächtlich über meinen Körper weg aus dem Bett. Nach einer Minute lacht sie mich vom Bette der Mutter aus.
Wahrhaftig, ich bin in meinen kameradschaftlichen Gefühlen zu diesem kleinen Menschen gekränkt, das soll sie merken,!
Beim Frühstückstisch sehe ich sie schon in ihren Haferkakao Vertieft; davon trinkt sie gewissenhaft in drei Tasfenetappeit, Ihre Augen blickten in einer wollüstigen Innerlichkeit über den Rand der Tasse ins Land der Vergessenheit. Ich glaube, alle „innerlichen Menschen" sind wollüstige Esser!
Aber als sie mich dann herausfordernd angnckt, erkläre ich ihr ernst: „Wir sind momentan feine Freunde, du warst nicht lieb zur mir, darum bin ich's auch nicht zu dir! Es gibt ein Sprichwort, das heißt: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt's heraus." ... -
Sie guckt etwas verwirrt um sich, die Mama sagt: „Ha, ia, nierk dir's nur!" Aber dann guckt mich die Mutter flehentlich au. Ich erkläre jedoch: „Wir müssen uns wehren und unsere Ueber- niächt von Zeit zu Zeit zeigen. Sie soll das gesetzmäßig erfahren, daß sich aus einer Ursache eine Wirkung ergibt!"
Da kommt schon der Moment, den jch grausam für den Häupteindruck erwählt habe. Was ich habe, will auch immer die Tockter. Meine Fran behauptet: „Weil ich mich immer, fo aufspiele, und weil s i e das Kind ganz für mich erziehe!' Zch esse Baueruschwarzbrot mit Butter. ,
„Bitte, a u ch ein Butterbrot," verlangt sie mit der Bestimmtheit der Berechtigten. ... ,, . ,,r, ..,
Jetzt bringe ich meine Ermahnung an. „Du >ollst scheu, daß auch andere Menschen nicht lieb zu dir sind-, wenn du nicht lieb zu ihnen bist, selbst dein Papa! Und ich will dir nicht mehr {rolle fein, aber ich hoffe, daß du dir das mertsl, und- so leid es mir tut. ich kann dir kein Butterbrot geben!"
Der Schlag war niederschmetternd. Die Augen erweitern sich — Tränen stürzen hervor. Die Nase wird rapide rot, der weit sich dehnende Mund strafst die roten Backen, daß allerorts Weiße Fleckchen im Rot auftauchen, und um die Nasenflügel bilden sich straffe, grünliche Dreiecke, bis endlich das Köpfchen in leiden^ schaftlichem Schmerz sich auf das Tischtuch senkt.
Eine Zeitlang hört man nur dies Schluchzen mi Simmet., Meine Frau streicht mit beit Händen über den Keinen Kops, ohne ihn zu berühren, und flüstert aus ihrem Mitempfinden voll inneren Sholzes „zu goldig, zu goldig!" Dann fliegt ein verschmitztes Lächeln über ihre Züge: „Frag' fiel doch einmal, warum sie weint? Du wirst sehen!" ... ,
Es lag eine grauenvolle Verachtung jebroeber morattlchen Beeinflussnng iit diesem Lächeln. Und doch war dieser Schmerz! f So sammle ich mich und frage ganz saust: „Sag' mal, Kind-, warum weinst du jetzt! Weil du nicht lieb warst oder weil
der Papa nicht lieb zu dir ist?" . . _. .,
Wir lauschen atemlos den Enthüllungen einer reuten Kinder-
' Erneutes Schluchzen.
„Nun?"
„Ich — möcht' ein Butterbrot!'
Aber wir vermögen nicht recht zu lachen, man suhlt zu tief,- tote dieser kleine Mensch von einem Verlangen getragen Wirch das eine überlegene Macht, ein dunkles Schicksal ihm nicht erfüllte..
Ihr kleines Gesicht ist in Tränen gebadet; ein grauer sd)lcieti des Schmerzes liegt darüber. , . ... .....,.
„Horch," sagt meine Frau, „ich glaube, ein Automobil fahrt vors Haus. ... ...
Die Kleine lauscht einen Augenblick, dann sagt |te: „Aber nein, Mama, das ist doch dem Pfleiderer sein Milchwagcn!"
Auch ich benutzte, den Augenblick zu einem Anschluß ans herkömmliche Leben und sagte: „Bitte, willst du mir Zigarren und Feuerzeug holen?" . ,, ., .....
Sie rutscht voM Stuhl herunter und geht, noch genhloacht vom Schmerz, in ein wenig verworrenen Bewegungen, das Köpfchen voraus, zur Tür nach meinem Zimmer. ,
Wir sind beide tief gerührt und schauen uns ftnitei® gegenfemgt an Sie aber kommt, wie von einem Sonnenschein das Gesichtchen durchleuchtet, wieder mit bet Zigarrenkiste herein. .,
ES ist ein kecker Plan, den sie verfolgt, -sie legt die Zigarren,-, das Feuerzeug und den Aschbecher hin. Da — und da — m da — und da nun greift sie lachend nach meinem Butterbrot und schiebt es in den Mund. , .
Aber cs ist eilte spontane Erregung, das; ich ihr ernsthast das Butterbrot nehme mch sage: „Rein, ich habe gesagt, heute morgen nicht, und dem mußt du dich jetzt schon fügen!" .
' Da bricht der Schmerz elementar ans, — etc wirft die Händchen nach oben. . n, „ ,
„Aber ich möchte ein Butterbrot — ein Butterbrot! .T«k Schmerz verdunkelt ihre Sinnes


