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„Jetzt kriegst du noch einen Kuß," — cs geschah auf her Stelle — „und nun heißt es, verständig reden."
„Ach, inuß es denn immer verständig sein!"
„Da inan im Leben ganz ohne Ueberlegung nicht aus- künnnt, ist es schon notwendig. Liebe Traute, du siehst mich nun längere Zeit nicht. Vielleicht schließt sich an das Kommando zur Zentraltnrnansta.lt gleich ein zweites: als Lehrer. Wenigstens will ich's versuchen. Es hat mancherlei Vorteile. Die Zeit meiner Abwesenheit sollst du benützen, dich selbst zu prüfen. Weißt du, was ich meine?"
„Nein," entgegnete Traute naiv, „ich habe keine Ahnung."
Roeßler schüttelte den Kops. „Du bist ein herziges Mädel. Tu sagst, du liebst niich —"
„Na ja doch!"
„Aber das genügt mir nicht. Unsere Trennung wird die Probe auf das Exempel feilt."
„Wir werden uns recht oft schreiben."
„Das will ich eben nicht."
Traute schaute ihn erstaunt von der Seite an. „Das willst du nicht?" fragte sie langgedehut.
„Nein, Trautchcn, ich habe dir schon öfters gesagt, daß die ganze Heimlichtuerei meinem Wesen widerstrebt. Ich suhle mich auch schuldig; es lastet etwas auf mir. Wir wußten beide, daß unsre Vermögenslosigkeit uns die Heirat nicht gestattet. Da hätte ich mich als Ehrenmann eigentlich zurückziehen müssen. Aber meine Liebe war stärker. Es kommt dazu, daß ich Hoffnung habe, die Schwierigkeiten zu überwinden. Darüber kann ich noch nicht sprechen. Andeutungen machte ich vorhin schon. Vielleicht ziehe ich die Uniform für immer aus. Aber ich würde natürlich erst den Abschied einreichen, wenn ich meiner Sache sicher bin. Dann kann ich mich auch offen an deine Eltern wenden. Die Trennung von dir wird mir sehr schwer, glaube es mir. Und doch halte ich sie auch wieder für gut. Diese verstohlenen Rendezvous' — Herzenstrautchen, frag dich doch ehrlich: sind sie unsrer würdig?"
„Wenn's nicht anders geht," antwortete Traute kleinlaut. „Ist es denn gefährlich?"
„Gefährlich," wiederholte er ein wenig erregt; „davon ist keine Rede. Ich selbst biete Bürgschaft. Aber eben '—■ eben, weil ich ein anständiger Mensch bin, und weil du teilt kleines Ladenmädchen bist, darum passen mir diese Heimlichkeiten nicht. Unter uns, Trautchen" — und nun dämpfte er seine Stimme — „auch dieses Stelldichein hier, gerade hier — ich kann mir nicht helfen . . . aber schließlich, ich will kein Wort mehr darüber verlieren . . . Gib mir mal deine Hand, lieber Schatz, und guck mich an. Wirst du mich lieb behalten, auch ohne daß wir uns sehen und ohne daß wir uns schreiben?"
Er hatte stahlgraue, sehr ehrliche, etwas kalte Augen. Sie waren klug, doch nicht zärtlich. Jetzt aber sah Traute in ihnen cüt helles Leuchten, das ihr dummes kleines Herz warm werden ließ. Diese Augen sprachen von einer tiefen und hin gebenden, durch nichts zu erschütternden- Treue.
Sie drückte seine Hand und führte sie dann rasch an die Lippen. Ihre Stimme zitterte ein wenig, und es war ihr sehr ernst, als sie sagte: „O Max, frage nicht so! Ist denn meine Liebe nur von heute und morgen? —■ Aber warum bist du so hart? Vielleicht bleibst du eilt halbes Jahr fort oder länger. Und ich soll ganz ohne Nachricht von dir fein? Sehnst du dich nicht selber nach ein paar Zeilen von mir?"
Er stand mit hastiger Bewegung auf. „Mach mich nicht weich, Traute," bat er. Er zupfte au seiner Weste und fuhr mit dem Zeigefinger in feinen hohen weißen Kragen. Seine breiten Schultern zuckten. Er schritt auf und ab. „Bitte, mach mich nicht weich. Dies Spiel hinter dem Rücken deiner Eltern muß ein Ende haben. Es — es widerstrebt mir — ich habe es dir schon einmal gesagt. .Außerdem . . ." und nun blieb er vor ihr stehen . . . „soll unsere Trennung ein Prüfstein für dich sein. Jetzt wirst int verstehen, wie ich das meine."
„Bedarf es einer solchen Prüfung?" fragte sie und schaute mit scheuem Blick zu ihm auf.
Er zögerte eilten Augenblick und entgegnete dann mit fester Stimme: „Ja. Ja, Traute. Wir sind verschiedene Naturen. Ich bin der schwerere, du bist der sorglosere Teil, der leichter beschwingte. Ich bin meiner Sache sicher, und' gingen zwei Jahre ins Land, ohne daß ich etwas von
dir hörte, ich würde derselbe bleiben. Du bist wandluiigs- reicher. Das soll kein Vorwurf fein — gewiß nicht. Deine Phantasie arbeitet rasch, du lebst viel in der Einbildung. Wenn du mir heute sagst, du liebst mich, so zweifle ich keinen Augenblick daran. Ich brauche dich nur anzusehen, um zu wissen, daß das wahr ist. Du liebst mich von ganzem Herzen. Und dennoch, Traute, ich habe nicht den Mut, dich zu binden. Was ich dir im günstigsten Falle bieten kann, ist die Fremde und ein bescheidenes Leben. Ist deine Liebe stark genug, das zu ertragen? Frage dich selbst, Trautchen; ich gebe dir Zeit zu der Antwort. Im Herbst komme ich wieder."
Cie hatte noch immer das Kettchen mit dem goldenen Herzen in ihrer Hand und ließ es in mechanischer Spielerei! durch die Finger gleiten. Der wuchtige Ernst, der aus den Worten des jungen Offiziers sprach, drang nicht in ihr Herz hinein. Es war Frost auf ihre Stimmung gefallen. Sie ärgerte sich über feine Ablehnung eines Briefwechsels. Aber sie empfand dabei doch einen starken Respekt vor seiner Ehrenhaftigkeit.
Er hatte sich wieder zu ihr gesetzt. „Wenn du alles recht überlegst," fuhr er fort, „wirst du dir sage» müssen, daß ich nicht anders handeln kann. Diese Probezeit hat nichts Verletzendes für dich. Sie schützt dich nur vor einem Irrtum beS' Herzens. Vielleicht regt sich auch deine gesunde Vernunft und wird Herrin über das Gefühl. Jedenfalls bist du frei — und hast dabei doch immer die Gewißheit, daß du meiner sicher bist."
Jetzt kam ein Umschlag in ihre Stimmung. Sie wurde weich, und ihre Augen begannen zu schimmern. Sie legte ihre 'Stritte um 'nen Hals Maxens und wollte etwas sehr Schönes sagen. Aber es kam doch nur eine Phrase heraus.
„Max," rief sie, „glaubst du mir, wenn ich dir schwöre, daß ich dir treu bleiben will?!"
Er lächelte und streichelte ihre Wangen. „Schwöre mir nicht. Das wäre ja wieder eine Bindung, Traute. Ich will, daß du frei seiest! Verstehst du mich denn noch immer nicht?"
„Gut," sagte sie, ,,es sei so. Du kannst mir verbieten, an dich zu schreiben, aber nicht verbieten, an dich zu denken. Ich brauche dir auch nicht zu schwören. Du hältst mich für sehr oberflächlich. Das tun andre auch. Ich werde dir zeigen, daß du mich unterschätzest."
Sie sagte dies in energischem Tone und nickte dazu. Da lächelte er wieder. „Zeige es mir," wiederholte er, „du könntest teilten glücklicher machen als mich."
Nun umfing er sie von neuem, und als ihre Lippen sich trafen, hatte sie das Bew-nßtseiii, daß sie ihn aufrichtig liebe. In diesem Augenblick nahm sie sich vor, den Bries an Mister Brighäm nicht abzusenden, sondern zu vernichten. War es auch nur ein Scherz — wenn man heimlich verlobt ist, schicken sich derlei Unbändeleien nicht. Sie war sich ganz klar darüber, daß das unpassend wäre.
Roeßler zog seine Uhr. „Halb sechs," sagte er. „Ich muß gehen. Traute. Gott sei Dank habe ich die Besuche und Abmeldungen hinter mir. Aber vor mir noch die Packerei, und mein Bursche ist eilt Esel. Mit dem Elsuhr- zuge rutsche ich ab. Vermelde Fräulein Sandratt nochmals schönsten Dank für ihre Liebenswürdigkeit — und dann — dann gehe auch bald. Sagtest du mir nicht, deine Eltern seien gegen den Verkehr mit der Sandratt?"
„Sie sind kleinlich darin. Tini verkehrt überall in der Gesellschaft."
„Nur nicht bei Eberstedts. Sei vorsichtig, Kind. Tü es mir zuliebe. Und nun ad-dio!"
Es war eilt heißes Abschicdnehinen. Roeßler wischte sich über die Augen. „Im Herbst," sagte er mit schlückeit- der Stimme, nahm seinen Hut und ging.
Traute strich ihr zerzanFes Haar glatt. Es' rauschte doch etwas wie eines Aufruhrs Odem durch ihr Herz. Sie drückte die Hände gegen die Brust und spürte das "starke Klopfen da drinnen.
Dann trat sie- vor den Spiegel. Ihr Gesicht war lebhaft gerötet, ein fremder Glanz lag in ihren Aügxu. Sie atmete schwer. Alles in ihr rief nach Liebe. Sie empfand! plötzlich eine grenzenlose Sehnsucht nach dem, der soeben gegangen war, und spitzte die Lippen, als hauche sie ihm noch einen Kuß nach.
Auf einmal schnitt sie sich eine Fratze. Sie fand 'sich albern. Aber sofort wurde ihr Gesicht wieder ernst. Sie


