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so glatt, so glänzend". Der Mund so klein, so fest. Wre viel tausendmal hatten daraus meine Lippen gelegen! Ich Verfolgte die Linien der schmal gewordenen Wangen, des schlanken Halses, der noch immer königlich Ivar wie einst. Und meine Augen ruhten auf den Schultern, die ich so oft umfaßt. Sie hatten die Bürde des Daseins bis heute so stark und tapfer getragen, daß ich nicht begriff, wie sie nun zusammensinken sollten unter der Last, sich nie wieder Heben zu einem Atemzuge.
Ja, atmete sie beim noch? Langsam ließ ich mich nieder auf ein ®nie, auf die Laute in ihrer Brust zu horchen. Kurz ging der Atem. Zu mühsam, als daß man ihn nicht vernommen hätte. Ich fragte leise:
r— Maria?
Sie antwortete iiicht, und ich blieb wartend Unbeweglich. Aber so durfte sie nicht von mir gehen. Eine Blutwelle stieg mir ins Hirn, ich mußte sie doch sprechen, von ihr Abschied nehmen. Nochmals bat ich und nahm dabei ihre Hand:
.— Schläfst du, Maria?
Sie öffnete die Augen. Ihre Lider schienen schwer. Langsam hob ich mich, daß sie mich sehen sollte, denn nur mühsam schien sie den Kops zu wenden:
i— Erkennst du mich, Maria?
Fritz?
i— Ich 'bin es!
Sie drückte kaum merklich meine Hand. Die Lippen senkte ich darauf. Und sie fragte ganz, ganz leise:
— Bist du es auch?
i—3a, ich bin es, dein Fritz!
Dabei erhob ich mich, und nun sah ich den seltsamen Ausdruck in ihren Augen: ein Suchen, ein Irren, eine Unsicherheit. Diese dunklen Sterne, die mich so oft in Liebe angeblich hatten, schienen mich nicht mehr zu erkennen. Ich flüsterte an ihrem Ohr:
i— Mein Lieb, es ist dein Mann, der mit dir spricht.
Ein Lächeln, kaum merklich, zog um ihren Mund, und sie sagte:
r- Gottes Segen komme über dich.
Ich beugte mich nieder, als hätte sie die Hand erhoben, senkte die Stirn auf ihre Finger herab, die mit kaum merklichem Druck die meinen umspannten, und so blieb ich regungslos. Ich wollte sie noch einmal fragen. Mir schossen tausend Dinge durch das Hirn, die ich noch wissen wollte von ihr. Doch ich durfte ihr Sterben nicht stören. Da begann sie zu sprechen:
i— Fritz, hörst du mich?
t— Ich höre.
H .Grüße die Eltern.
h— Mein Lieb, gleich müssen sie kommen.
Doch sie flüsterte nur:
I— Ach Gott, die Peise ist zu weit.
Hatte sie das Gedächtnis verloren? Ich ließ sie dabei UUd sagte nur:
Ja, sie werden kommen, Maria.
Aber sie schien nicht zu hören auf meine Worte. Sie fuhr fort mit mir zu sprechen, jetzt mit geschlossenen Augen:
— Sage Mama Adieu. Sie soll nicht traurig sein. Du mußt sie trösten, Fritz. Und Papa ... ich wäre sehr glücklich mit dir gewesen. Ich danke ihm, daß er. . . daß er Mir erlaubt hat . . . dich zu . . . ja dich . . .
Sie schluckte. Sie räusperte sich. Sie rang nach Atem. Schwester Agathe trat hinzu, wir stützten sie, richteten sie auf, daß sie leichter Luft bekäme. So hielten wir sie eine Weile. Endlos verstrichen die Minuten. Ich dachte in der Angst meiner Seele: „Kommt denn nicht bald der Arzt?" Ich lauschte. Nichts rührte sich. Da begann die Sterbende wieder zu sprechen. Nur wenige Worte waren es. Abgerissen kamen sie heraus und in großen Pausen. Es war ein Dank an mich für alles, was ich ihr getan, ein Dank dafür, daß ich sie liebgewonnen und zur Frau genommen hatte. In zarten Worten sagte sie mir das, in Worten^, die begannen, mir alle Kraft und Fassung zu nehmen. Si" sprach nur leise vor sich hin. Hätte sie Antwort von mir geheischt — ich hätte sie nicht geben können.
Da kam ein Hnstenanfall. Sie verfärbte sich dunkel, und ich sehe noch heute der Schwester Blick vor mir, den entsetzten, der zu sagen schien: es geht zu Ende. Aber noch einmal siegte das Leben. Maria atmete ruhiger, und meine Hand, die ich ihr gelassen, drückte sie leise. Es war ntiiz als finge sie an zu stöhnen. Ich fragte:
— Hast du Schmerzen?
Sie lächelte und versuchte den Kopf zU schütteln. DanU blieb alles still. Lichter und lichter war es im Zimmer geworden mit der höhersteigenden Sonne, als ziehe nicht Trauer in dieses Hans, sondern als entschwebe diese mit ihrem Körper ringende Seele bei Sonne unb hellem Tage freche nd leicht. Die Schwester hatte das Fenster geöffnet,- daß Luft hereindränge, mit frischem Sauerstoff die fchwer- arbeitende zerstörte Lunge zu füllen. Da hüpfte eine Amsel auf den Tisch, der draußen auf der Veranda stand. Sie wippte mit dem Schwanz, drehte den Kopf, daß. man die klugen Augen einmal rechts sah, einmal links, dann piepte sie laut.
Maria richtete sich auf, öffnete die Augen und schien mich mit den Micken zu suchen.
- Fritz?
'— Ich bin hier.
Nun erkannte sie mich. Sie war bei klarem Bewußtl- sein. Sie versuchte zu lächeln. Ich stützte sie, und ganz nahe bei ihr war mein Kopf. Flüsternd sprach sie mit schwacher Stimme, doch ganz deutlich und mit dem alten lieben Ausdruck, dem Ton, der mein Herz schlagen machte:
i— Ich muß . . . Abschied . . . es ist nun so weit . . . habe dich so lieb gehabt. Ich danke dir . . . nicht traurig, mein Fritz . . . doch glücklich gewesen. Du . . . so gut . . . dich so lieb ... Es wird mir uicht schwer . . . habe dich so lieb, daß ich gern . . .
Maria beendete den Satz nicht. Sie Ward mir schwer im Arme. Ich sah, wie ihr Kopf langsam zurücksank, und ich ließ sie in die Kissen nieder. Sie lag ruhig da, ganz ruhig. Ich blickte sie an. Ich sah auf ihre Brust. Ich horchte. Es war alles still. Nun schaute ich auf, und ich gewahrte, daß Schwester Agathe niedergekniet war.
Da begriff ich und sank auch langsam nieder.
Es war feierlich still. Nur im offenen Fenster wippte der Bogel. Er flog davon, jetzt rührte sich nichts mehr. Draußen blendete die junge Sonne und erfüllte den Raum mit Licht, dem Licht des Tages, des Sommers, des Lebens.
Es war zehn Minuten nach sieben Uhr, da mein Weib von mir Abschied genommen und mich allein gelassen hatte. Ihre Seele flog davon, durch den Aetherraum der Unendlichkeit zu. Ihre liebe Seele, mit der ich noch Vor Sekunden Zwiesprache gepflogen, die ich befragt hatte und fie mich. Nun war alles zu Ende.
Diese Hülle gab keine Antwort mehr. In ihr stand! das Herz still. Das Hirn konnte nichts fassen, die Augen mich nicht sehen, die Ohren mich nicht hören, die Lippen nicht mehr zu mir sprechen. Schweigen. Schweigen.
Ich stand .auf. Ich wollte beten. Ich wußte nichts was. Mir war alles ein unfaßbares Rätsel. Der Gedanke kam mir, Maria anzureden, aber ich fürchtete mich vor dem Klang der eigenen Stimme. Und sie, mit der ich redete, gab ja keine Antwort mehr. Ich war allein — allein in diesem Leben wie ein hilfloses Kind. Denn nur einen Menschen hatte es doch für mich gegeben, der mich verstand, der mir gehörte. Ein Mensch — er war nicht mehr.
Ich vernahm Bewegung, Sprechen, Schritte int Garten. Dann wurde geklingelt. Die Eltern oder der Arzt. Ich ging hinaus. Auf dem Flur traf ich sie alle drei, und ehe ihre fragenden Mienen zu Worte kamen, trat ich vor sie hin. Ich habe um mich in die dunkeln Winkel draußen geschaut, die Achseln gezuckt und mit sinkenden Händen gesagt:
*—, Maria ist nicht mehr da . . .
(Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der wolieuweberzunst zu Knedberg in der wetterau im s6. Jahrhundert.
(Nach alten Zunftrechniingen des Friedberger Stadt-Archivs.)
Den sozial und politisch hervorragenden Teil der Stadt- gemeinde bildeten im Mittelalter ursprünglich die sogenannten Burgense n, die als Grundbesitzer in der Stadt und Gemarkung einen großen Teil der Stadtbewohner beschäftigten. Neben den hörigen Arbeitern in der Landwirtschaft und im .Handwerk ließen sich von außen zuziehende unabhängige Handwerter nieder, die sich zur Förderung des Handwerks und ihrer Standesintereiien schon früh in Zünften oder Gilden zusammenschlossen. Durch diesen jZnsammenschlnß gewannen aber die Gewerbetreibenden immer mehr Einfluß in der Stadt, so daß sie sich die Teilnahme M dem SMtreaiment erkämpfen konnten, was nn.nm.ehk für. W


