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Roman von Georg Freiherrn von Ompteda, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Die Veränderung, die mit Maria vorgegangen war, hatte die Ettern so erschreckt, daß das Wiedersehen fast peinlich wurde. Marias Mutter war noch schwach von der eigen eit Krankheit, nervös und auch wohl ermüdet von der Reise, als sie am Morgen zu uns kam. Sie kniete am Bett und fing an herzbrechend zu schluchzen. Ihr Mann wollte sie beruhigen, aber er brachte kein Wort heraus, so daß er sich abwenden mußte und mit einem' Male das Zimmer verließ. Nun zeigte sich erst Marias Kraft und- Seelengröße. Sie nahm die Hand ihrer Mutter Und be­gann sie zu -trösten mit leisen schmeichelnden Worten, denn laut konnte sie nicht mehr sprechen. Sie sagte, wie glück­lich sie wäre, die Eltern wiederzusehen, fragte nach dem Wetter in Berlin, erzählte von der wunderbaren Wärme hier, berichtete von allem, was sie in der letzten Zeit er­lebt hatte. Und was hatte sie «lebt? Nur die Pflege, !nur die Krankheit, nur Schmerzen und Atemnot,^ Beklem­mung und Beängstigung. Sie sprach aber, als toäre alles das nur Segen und Glück gewesen. Und mit ihrer Ueber- redungskunst, mit dem lieben, schwachen Don ihrer Stimme brachte sie es dahin, daß. ihre Mutter sich aufrasfte, auf­zumerken begann, und teilnahm, hinweggehoben über allen Kammer, der eben noch unüberwindlich Dränen ihren Augen entlockt hatte.

Dann kam Marias Vater zurück. Nun bewillkommi- pete sie ihn, fragte nach seinem Dienst,, erkundigte sich nach den Bekannten und zog auch ihn in ihren Bann. Endlich aber wär sie bei der Krankheit der Mutter und erfuhr erst jetzt genau, daß es Dyphus gewesen war. Da sah sie die Genesene an, fand, daß sie schmal geworden, bät sie, sich zu schonen. Sie befragte mich, ob die Mama im Hotel auch alle Bequemlichkeit gefunden Habe, und hätte Mit geröteten Wangen noch länge weiter erzählt und sich um andere bemüht, wäre ich nicht mahnend' dazwischen getreten mit der Bitte an die Eltern, lieber später wiederzukommen, denn es dauerte zu lange für Marias Mäste.

Der Rückschlag blieb auch nicht aus'. Ms die Eltern gegangen waren, sanik Maria in die Kissen, matt, bleich, todmüde. Ich fragte ängstlich, ob es nicht zu anstrengend gewesen, doch sie meinte nur:

Einmal mußte das Wiedersehen sein, Und solche Freude kann nicht schaden.

Nein, sie schadete nicht. Der Zustand' blieb unver- jändert. Es ging nicht stärker abwärts. Ein Stillstand Wien eingetreten. Das gab den Eltern Hoffnung, doch

der Arzt nahm sie ihnen. Es wäre seine Pflicht, sagte er, denn das Ende könne nicht mehr fern sein., ,

Ja, das Ende kam, kam, wie alles Erdendmg einmal wieder gehen muß. Es kamen die Hellen Sommertage,- während die Sonne glühend an Gottes Himmel stand,- hoch oben in der reinen, satten Bläue des Sommers und Südens. ,

Das Ende kam. Es kam an einem Dage, da alljes Leben der Natur doppelt gelebt schien, doppelt kraftvoll, doppelt heiter. Es war ein Morgen voller Duft Und Klar­heit. Ein Morgen, an dem die Erde so herrlich erwacht, daß es nicht möglich schien, die Augen von dieser Pracht zu wenden. Die Nacht war nicht schlimmer gewesen als Tage und Nächte vorher. Nur die Schwäche der Kranken schien ausnehmend groß. Ich ahnte nichts, ich glaubte nicht das Ende nahe. Der Arzt sollte erst um zehn Uhr kommen, und kaum sieben zeigte die Uhr an der Pfarr« kirche von Meran, die ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Da klopfte es an meiner Tür, und aus d'em <Äid- zimmer nebenan, in dem Maria gebettet lag, trat Schwester Agathe. Mit dem milden Ausdruck, den vielleicht die Natur ihren Zügen und ihrer Stimme verliehen, vielleicht auch Seiben und Sterben, das fie feit vielen Jahren gewohnt war zu sehen, sagte sie:

Herr Rittmeister, ich meine, es ist besser, zu dem Eltern der gnädigen Frau zu schicken.

Ich, der ich doch vorbereitet, der ich stark gewesen war, zitterte wie ein furchtsames Kind'. Es wollte mir nicht in den Sinn. Nicht heilte. Nein, heute iiicht, cho die Natur alles zu versprechen schien, nur nicht sterben.

Meinen Sie wirklich? fragte ich.

Die Schwester nickte. Biele Menschen mochte sie wohl bis an das dunkle Tor geleitet haben. Darum raffte ich mich auf und sandte eines der Mädchen ins Hotel, em anderes zum Arzt. Dann trat ich leise ein.

Die Vorhänge waren aufgezogen. Es war hell int Raum. Scheinbar regungslos lag Maria im Bett. Einen Moment blieb ich stehen. Ich suchte mich zu fassen. Ich sammelte alle Kraft. Es war also der Augenblick, da ich den bittersten Kelch meines Lebens zu leeren hatte. Und wie immer es mir noch gegangen, daß die Stunde wirk­licher Entscheidung mich ruhig und sicher gefuirden hat, trat ick) an das Lager und faltete die Hände. Sind wir Menschen nicht so, daß wir zittern und zagen, solange unsere Phantasie uns alles das vorspiegelt, was geschehen könnte, und daß wir erst ruhig werden, wenn die Wirk- lichkeit eintritt?

Ich stand ruhig neben meinem Weibe. Ich habe ihre liebeii Züge lange betrachtet, als müßte ich mir das Bild meiner lebenden Maria unauslöschlich einprägen. Ich strengte mich an, jede Linie ihres Antlitzes mit den Blicken zu Umfassen. Ich verfolgte die Falten, die das lange Leiden an der Nasenwurzel, auf der Stirn, zwischen den Augen, gegraben hatte,. Das Haar war so Mn, so schwarz,