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Und wie ich es gedacht! unten regte es sich. Ich beugte mich zurück, mein Blick fiel auf den Lichtfleck ihres Musters, der fich am Boden .abzeichnete. Eine Gestalt erschien darin, fein, zierlich, mit zartem Hals und enger Taille, eine Gestalt, die, sich vorbeugend, um die Läden zu schließen, alle Grazie, allen Liebreiz entwickelte, wie er nur einem Mädchen gegeben ist. Gleich einem Nahmen umschloß die dunkle Maner der Hauswand das Bild.
Mit glückseligen Augen starrte ich hin, und ich begriff es kaum, als einen Augenblick darauf Ivie eine Erscheinung das Bild zerronnen Ivar. Es flimmerte mir vor den Micken: immer noch meinte ich, den hellen Fleck zu sehen, der doch verschwunden war, und erst allmählich gewöhnte ich mich an das Dunkel. Aber ich blieb noch lange stehen und sah in die Nacht hinaus. Nicht tote am Tage vorher, wo ich die Entdeckung der Neuankömmlinge genracht, wo mir eine seltsame Unruhe das Herz bewegt, sondern in stiller, fester Glückseligkeit, in dem Bewußtsein, daß. ich, die gefunden, die fortan meinen Erden weg teilen sollte mit mir.
Ich wußte aber: ist das ein Irrtum, geht dieses Mädchen andere Pfade, irrt sich mein armes, so still gewordenes- heute wieder erwachtes Herz — so wäre ich der unglücklichste der Menschen.
Aber das konnte nicht sein. Wäre es gewesen, so hätten wir nicht zueinander gepaßt. Wir alle, nicht nur sie, sondern unch die Eltern, zu denen es mich zog wie zu lieben, lieben alten Freunden.
Lange blieb ich noch wach. Auf dem Rücken lag ich und' träumte; nichts Bestimmtes, reine Geschichten, von feinem Ereignis. Es war nur ein dumpfes Sinnen, aber ein erhobenes, das unbestimmte Bewußtsein von Glück, das mir geschehen war. Das Gefühl: mein Leben wendet sich, das Alleinsein hat ein Ende. Du bist der begegnet, die Heine Hände in die ihren nimmt und dich fragt: „Wohin wollen wir gehen?"
Da dachte ich an sie, an das Mädchen, das eine Fügung unter dieses gleiche Dach geführt hatte. Ich stellte sie mir vor, wie sie mir heute die Hand entgegengeftredt, wie unbefangen, wie sicher, und wie mädchenhaft doch sie mich angesehen. Ihre ^Stimme klang in meiner Phantasie so lebhaft, daß ich mich aufrichtete, mich umblickte im Zimmer, ob sie nicht da stünde und eben gesprochen hätte. Und bei dieser Übermächtigen Vorstellung überkam mich eine Sehnsucht, eine Unruhe, eine Bewegung, wie einst in jungen Jahren, wenn mein schwaches Herz schlug. Und wiederum anders, ganz anders. Er war Gewißheit dabei: diese Men- schenkuospe war für mich bestimmt, mußte mein fein. Was brauchte ich mich zu sorgen?
Ich ward ruhig. Wieder lag ich auf dem Rücken und •träumte.
Ich ward müde. In jenen Zustand -geriet ich, wenn wir fühlen, daß unser Gehirn dumpf und schwer wird, beginnt zu versagen und wir ankämpfen gegen den Schlaf, der daran geht, unser Denken auszulöschen. Ich wollte erst noch das Licht löschen. Ich wußte aus Erfahrung, daß ich nur im Dunkel ruhig schlief, aber ich war nicht mehr fähig, ein Mied zu regen. Mir war es, als sei der Gedanke süßer, an fie zu denken, zu der mich alles Sinnen führte. All das verdichtete sich in dem Namen, der mich umgaukelte, ohne daß ach ihn nannte. Ich spracht ihn nicht aus. Ich empfand ihn. Ich wußte, und das beseligte mich, als gäbe es nichts Köstlicheres in meinem armen Leben , sie heißt — Maria.
*
Die Tage vergingen. Bald war es mir, als wäre ich immer mit meinen Freunden zusammengewesen. Wir sahen uns täglich — was sage ich — stündlich. Wir taten alles gemeinsam, wir verabredeten die Stunde, uns früh zu treffen, was wir nachmittags unternehmen wollten und wann wir schlafen gehen sollten. Jawohl, das wurde täglich festgestellt. J
i Heute wird spätestens zehn Uhr Gute-Nächt gesagt! Dieses späte Ausbleiben taugt nichts — meinte der Geheimst. Er selbst aber bat am Abend seine Frau, die mahnend Me Uhr emporhielt, nocfy ein bißchen zu verweilen. Maria schloß sich an:
deutel AO' Mdma, bitte, bitte, es! ist so gemütlich
An diesem Abend war es fast Mitternacht als wir uns trennten. Als ich Abschied nahm, konnte ich den Augenblick nicht erwarten, daß wir uns wiedersähen am andern Mortem. Mnu ging ich, mit Maria im Park spazieren, wghrend
die Mutter auf einer Bank saß und an einem Tisch, den tSt mein Freund, der Leipziger brachte, Briefe schrieb. Der Geheimrat aber pflegte auf dem Zimmer zu arbeiten. Er hatte mir gesagt:
j— Lassen Sie sich von Maria erklären, was! es ist. Es ist eine Dummheit, aber ich! habe es nun mal an gefangen und! habe den, anderen Deuten wohl verrückt erscheinenden, Grundsatz, daß man auch- Dummheiten fertig machen soll. Es hat einen doppelten Grund. Einmal handeln wir folgerichtig und bann erkennen wir, je länger die Dummheit dauert, tote groß sie wirklich ist!
Das klang ja fürchterlich, doch es war nicht so schlimm. Maria erklärte, der Vater arbeite nun seit über zwei Jahren einem statistischen Werke über die „Verelendung des Mittelstandes", und auch auf Reisen nähme er es mit. Die Dummheit nach des Geheimrates Ausspruch bestand! üun darin, daß er nie fertig werden könnte, da jeder Monat fast, neue „unbedingt zu berücksichtigende Arbeiten, statistische Veröffentlichungen" und dergleichen erschienen. Maria schloß:
— Vater kommt jede Woche einmal mit einem neuen Buche über sein Thema nach Hause und ruft: „Damit ist meins überflüssig, jedenfalls aber veraltet."
Dann erzählte sie, wie oft sie dem Vater Helsen müßte, Tabellen abschreiben, wie er ihr manchmal diktiere, wie sie •eigens, um ihm nützlich zu sein, stenographieren gelernt habe. Sie fügte hinzu, aber ohne jede Bitterkeit, fo natürlich, als könne das eben nicht anders fein:
— Man muß doch zu etwas gut fein, sonst müßte man sich ja verachten!
Mit einem Schlage fiel mir das Wort einer anderen ein, die einst zu mir gesagt: „Was soll denn ein Mädchen unserer Kreise, die für nichts zu sorgen hat, tun?" Die das gesprochen hatte, war — Herzeloide. Da erst erinnerte ich mich ihrer, die ich ganz vergessen hatte, nun bald zwei Wochen lang. Ich dachte daran, daß ich mit einem Mißverständnis, einer Verstimmung von ihr geschieden und mir doch damals vorgenommen gehabt, sie in Mentone aufzusuchen, um sie um Entschuldigung zu bitten. Ich ward r— eine dumme Empfindlichkeit meiner Haut, die mir leider eigen ist — bei dem Gedanken dunkelrot.
Ich wollte es vor Maria verbergen, denn ich bildete mir ein, sie sähe mich an. Natürlich stieg: mir das Mut noch mehr in die Wangen. Nun bemerkte sie es wirklich, und offen, wie sie mit mir alles besprach, fragte sie:
:— Ist Ihnen etwas geschehen?
>— Ich dachte an etwas!
©ie schwieg. Und wie jeden Morgen kletterten wir hinüber zu meiner, nein, jetzt unserer Bank. Dort saßen wir stumm. Mich quälte es, daß ich Maria nicht geantwortet hatte, und sie schien damit beschäftigt, zu ergründen, was meinen Geist in Anspruch genommen. Das ging so eine ganze Weile. Wir sahen stumm auf die weite blaue Fläche der See hinaus, wir blickten schweigend auf die uns zu Füßen am Felsen zerspritzenden Wellen. Da gab ich das Versteckenspielen auf und wandte mich zu ihr:
1— Ich will kein Geheimnis vor Ihnen hüben; wissen Sie, daß ich es als unrecht empfinde, Ihnen nicht zu sagen, an was ich dachte?
Sie gab einfach zurück:
• Ihre Gedanken brauchen Sie mir doch nicht mitzuteilen !
>— Würde Sie es freuen wenn ich! es täte?
Sie lächelte schalkhaft:
r— Ich errate sie so wie so.
r— Nun also, bitte, an was habe ich gedacht?
Sie sann eine Weile nach- auf dem zierlichen Halse senkte sich der feine runde Kops, und dann antwortete sie/ ohne mich dabei anzublicken:
r- Es hing damit zusammen, daß ich gesagt habe „man muß doch zu etwas gut sein!" Sie wundern fich wahr, scheinttch, tote ich dazu komme. Ich will es Ihnen erklären. Ich will Sie einmal etwas fragen. Sie müssen antworten als guter Freund, der Sie doch find. Nicht als Herr, der glaubt, gegen eine Dame artig sein zu tniMech Wie alt hin ich? ■ A
(Fortsetzung folgt.)


