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wie du wieder jung wirst.
Von Lina Grebe, Elberfeld.
I.
Komm mit, tiu ernster, grübelnder Mann; weg von deinen Büchern und staubigen Schriftstücken. Derne Augen follen etwas anderes sehen als die verschnörkelten und verblaßten -schrrstzemJen versunkener Jahrhunderte. — Deine Glieder sollen sich dehnen Nnd deine Lungen weiten, deine Augen sollen wieder glanzen und lachen sollst du lernen — lachen, herzlich und leichtherzig, beinahe bubenhast wie in alten Zeiten. ,
Komnr mit; ich führe dich. Und du, fern Weib, komm auch mit! ueberlaß deine fünflöpfige Schar treuer Tanten Hut. Mache dich frei, du vielgeschäftige Mutter, für eine kurze Spanne Zett von süßer Last. Du wirst neue Spannkraft, mit hermbrrngen für die Anforderungen des Alltags, für das nre endender „Mutter hier" und „Mutter da" der großen und kleinen. Jung , ollst du werden, wieder müdcheithaft jung und Hein Mann soll staunen, wie jugendlich sein Weib ist, seine treue W.eggenosfin seit langen Jahren. .. .
Kommt beide mit! Wir wollen wreder chng werden.
Und so ziehen wir hinaus in die Welt, Bruder, Schwester «und Schwägerin. Nach langer Eisend ahnfahtt sind wir im Elsässer- land und bleiben eine Nacht im Tale. Frühmorgens geht es werter. Von Colmar bringt urrs die Kaysersberger Dal-Bahn — verkürzt: K. T.--B., verdeutscht: Kein Teil brauchbar — durch die Weinberggegend. Golden liegt der Sonnenschein auf deut Gelände und umspinnt das alte Gemäuer der Gartenhäuser. Wre lauter Frühling mutet es uns an. Aber wollen wir in den Frühling? Nein! in Schnee und Kälte. Wir suchen, ob nirgends ein Streischen Schnee zu entdecken ist. Doch die südlichen Hänge der Vogesen wissen nur vom heimlichen Leben und Weben des Frühlings. Immer höher kommen wir, immer näher dem Gebirge, ganz langsam und allmählich ins Schneegebiet Hinern. In Eschelmeer verlassen wir den Zug und wenden uns nach Urbeis.
Tort liegt Schnee genug, um1 die Schier anschnallen zu können. Nun geht es tapp — tapp den Berg hinaus. Die Sonne brennt und der Rucksack drückt; doch die Sehnsucht nach der schimmernden schneeigen Welt da oben treibt uns höher und höher. Nun sind wir am Weißen See. Seine Flut ist erstarrt im Frost und die steil abstürzenden Felshänge, in die hineingebettet er liegt, sind mit Schneemassen Ungedeckt. Hohe Daunen halten an seinen Usern Wache, und über allem liegt warmes, goldenes Sonnenlicht. In köstlicher Reinheit, Unberührtheit liegt die Welt vor uns. Schi- Heil, wir sind am' Ziel!"
Wir sind die einzigen Glücklichen, die in diesen äugen durch die geheimnisvollen Tannenwälder der Vogesen gleiten können, und die ganze, leuchtende, schimmernde Welt — so verschneit und verträumt — gehört uns allein!
Am srühen Morgen geht es hinaus. Die Dannen glitzern im Rauhreif und zu ihren Füßen liegt zarter flockiger Schnee wie eine unendliche Menge weißer Federn: Komm, leg dich hinein. Oben auf dem Reisberg sieht der Schnee ganz anders aus; große und kleine Sterne von entzückenden Formen glitzern im Sonnenlicht. Die Fichten stehen und liegen wie verzaubert; der Wind hat sie niedergebogen, mit Schneelasten beschwert und der Frost hat sie in den wunderlichsten Formen festgehalten. Zu unseren! Füßen der Tannenwald, weiterhin und tiefer die dunkeln Berge nnd Wälder ohne Schnee und Sonnenglanz, tief drunten die Täler, in denen schon der Vorstühling sein Wesen treibt — unsere Augen werden groß und weit ob all der Winterherrlichkeit um uns hemm; unsere Brust tut tiefe Atemzüge in Freiheit, Freude und Frieden, Unsere Wangen — blasse Großstadtwangen — röten sich, und unser Herz kennt nichts als ein großes, tiefes Dankgefühl.
Lange Heil)en wir da oben, im Schauen versunken, bis die Mittagsstunde uns heimtreibt.
Nun fliegen wir den Reisberg hinunter. „Hei, wie das flitzt", sagten tvir als Kinder, wenn der Bergschlitten mit uns davousauste. Unten an der letzten Biegung steht eine breitästige Tanne. Unter ihre Neste sause ich in eine Versenkung, in den losen, flockigen Schnee, der schon beim Aufstieg lockte: „Komm, leg dich hinein!" Ich liege tief drinnen und habe Mühe, mich und meine Schneeschuhe wieder auszugraben.
Bei finkender Sonne stehen wir oben auf dem Gebirgskamm, hier Deutschland, hier Frankreich. Und die Augen schweifen in die weite, weite Welt hinein. Dimkel grüßt der Schwarzwald herüber, südlicher hebt sich die ganze Älpenkette vom Särttis bis zum Montblanc deutlich vom Abendhimmel ab, hier die Berge und Täler der französischen Vogesen, aus denen die Dunkelheit aussteigt und dort die Ebene am deutschen Strom, alles; alles grüßen wir aus stolzer weißer Höhe.
Die Sonne sinkt tiefer; jetzt ist nur noch eine weite leuchtende Linie wie von markiger Hand gezogen nm Himmel. Der Abendstern mahnt ans Heimgehen, und kaum haben wir die Abfahrt recht bedacht, da sind wir auch schon brunten. —
Schweigen im Walde! ganz still ist es, fein Bogel, der singt, kein Ast, der knackt, kein iroch so winziges Tierlein, das sein Dasein durch die leiseste Lebensäuberung kund tun könnte. Die weite, weiße Welt schläft, träumt einen Dornröschenschlaf.
Weißt du, wie es ist, wenn mau ein Märchen erlebt? wenn so ein fast vergessenes Märchen aus Kindertagen ganz langsam
die dunkeln verträumten Augen aufschlägk und leise an zu flüstern fängt: „Weißt du noch?
Weißt du noch vom: Eiskönig, der im Kristallpalast wohnt?
Weißt du noch von ben Riesen, den Nebelsrauen, den Berg- tmninlein ?
Weißt du noch?"
Komm mit mir durch den verschneiten Winterwald und dir wird zu Mute, als sähest du alle die Gestalten vor dir, von denen die Märchen erzählen. Diese Heimlichkeit, dieses Verwunschensein, dieser Dornröschenschlaf der Erde, daraus der Lenz, der Königssohn, sie wachMssen soll. Aber still! noch nicht, noch laß sie ruhen und träumen. —
Heute will die Sonne uns nicht scheinen, und doch ist's schön im Winterwald. Wir machen Entdeckungsfahrten und finden mitten im Wald einen Wiesenhang, dort wollen wir üben. Der Himniel ist grau und schwer und hängt dicht auf beit Tannen. Frau Holle hat noch viele, viele Flocken da oben, und bald fängt sie an zu schütteln und schickt die allerkleinsten, allerfeinsten Flöckchen herunter. Ein lustiger Wind wirbelt sie uns um Nase und Ohren. Es wird immer toller, je toller, je besser; wir können noch viel Schnee brauchen. Mit dem Winde um die Wette fliegen wir. Den Wiesenhang hinunter bis zum sinkenden Abend.
Gerade wollen wir uns zur Heimfahrt anschicken, da kommt es Uns vor, als seien wir nicht mehr allein auf der Welt. Ein leises Knacken im Walde — wir stehen und horchen. Nun schimUtert es bunt durch die Büsche, drei Menschen, eine streifende Patrouille, die die Stellung des Feindes auskundschasten soll. Sie haben Weg und Steg in der Winterwelt verloren und irren seit langem müde unb hungrig umher. Seit 16 Stunden sind sie unterwegs; das ist ein mühsames Wandern im Schnee, in den sie oft bis an die Brust eingesunken sfitd. Wir bringen sie auf deut kürzesten Wege ins Hotel; kaum, daß sie sich stärken mit Speis und Trank, sinken sie todmüde auf die Lagerstatt.
91m anderen Morgen ist unsere stille Welt wie verwandelt. Ganz langsam kommt ein Zug den Berg heraus, im Gänseschritt, immer einer hinter dem andern: 9lrtillerie aus Colmar und Schlettstädter Jäger. Unhörbar verhallen ihre Tritte im Schnee; sie sinken bis zum Stiefelrand hinein.
Langsam, lautlos, aber mühsam. Seit 24 Stuiiden schneit es Nun ununterbrochen. Wie beneiden uns die Soldaten, die Offiziere voran, um unsere flinken Schier! Nun wird es im stillen Winterwald lebendig und bald hallt er wieder von Kleingewehrfeuer und Kanonenschüssen. Zwei Berakanonen haben sie mit heraufgebracht, auf Schlitten geladen, die von Mauleseln gezogen werden. Die armen Muli werden fast heraldisch, so müssen sie sich plagen mit ihrer Last; immer wieder stoßen sie mit ihrer Schnauze in den Schnee und drollig steht ihnen der weiße Bart..
Anfangs ziehen wir mit in den Krieg, der kein Krieg ist; als über die Soldaten sich gar nicht über unser Aussehen beruhigen! können, bleiben wir Frauen zurück. „Buchsemännche, Buchse- mäunche", ist noch das Harmloseste, was sie uns zuriefen. Unser Anzug paßt zu unseren einsamen Schitouren, doch! nicht für so viel Soldatenaugen.
Es hat die ganze Nacht geschneit, zugedeckt sind alle Spuren von so viel schweren Tritten und zugeweht alle Gräben und Schanzen. Nichts erinnert mehr daran, daß so viel Krieger den Zauber unserer stillen Welt für einen Tag gebrochen hatten. Klar und sonneugolden zieht ein Wintertag herauf, dessen Schönheit wir voll und ganz bis zu einbrecheuder Dunkelheit draußen genießen. Dann kommen wir von einer weiten Waldfahrt heim. Die Sonne hatte die oberste Schneeschicht aufgetaut unb nun friert es. Hei! wie wir fliegen. Ein wunderbar klarer Sternenhimmel wölbt sich über uns. In der Nähe unseres Hotels ist's lebendig. Manch fröhliches Schi-Heil grüßt uns beim Ankommen. Einige 20 Mitglieder vom Schiklub Vogesia sind heraufgekommen; morgen fängt der Schiktzrs au, bei dem auch tvir viel Lernen wollen.
Sonntagmorgen! pünktlich soll heute der Unterricht anfangen, also früher als sonst ans dem Bett. Scheint uns auch heute die Sonne wieder? Nein! Ist es möglich? Regen! Nach dem Frost, dem Sternenschein gestern abend? Aber es regnet leicht und fein. Nun muß das sorgsam ausgearbeitete Programm um- gestoßen werden und statt Ueben auf freier Halde hören wir einen guten Vortrag über schitechnisch!- Fragen mit manch! witziger Bemerkung von Vortragenden und ans dem Zuhörerkreis.
Als es sich nicht wie gehofft, am Nachmittag aufklärt, hält uns nichts mehr im Hause. Ob wir nun durch den Schnee ober den Regen naß werben, — beim Schikurs wird man immer naß, da jede Abfahrt, jede neue Hebung fast unweigerlich mit einem tiefen Fall endet.
Schneepflug, Stemmbogen, Schwünge, Sprünge, Schlittschuhlaufen auf den Schiern, Wenden am steilen Hang, Springen auf der Fahrt, alles wirb geübt, je nach Fettigkeit unb Begabung der Einzelnen.
„Schispitzen zusammen, Hacken auseinander, Kniee durchi- drücken, vorn überlegen. Mut, Mut, nur keine Angst, nicht fallen, nicht fallen. Warum sind Sie nun gefallen? Das war gar nicht nötig; nur aus Angst haben Sie sich hingclegt Federn in den Knien, recht lose sein in ben Hüften; Schiläufen äst Gleich- gewichtskuust. Nicht fallen, nicht fallen." So bre Zurufe unserer beiden Lehrer, und jeder Lernende plagt sich mit Eifer und Freude, ob er nun über ober unter 50 Jahre alt M


