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ein guter, milder Mann gewesen, doch! einer von denen, die trotz aller Güte ganz genau wissen, was sie wollen und deren Willen unter Umständen dominieren muß.

Er hatte sich seine Frau Mt gezogen, sie fürchtete ihn, sie fürchtete sich vor feinen Augen, vor seiner auf­rechten Haltung, und sie hatte sich vor allem vor seinem Schweigen gefürchtet.

Eine ganze Woche lang tonnte er neben ihr leben, ohne ein Wort zu. sagen, ließ, sie keifen und toben und' schwieg, schwieg so lange, bis sie demütig wurde und zu tijnt kam und ihm ein entschuldigendes Wort sagte.

Es war immer dasselbe gewesen in den vielen Jahren ihrer Ehe: Mißverstehen, Aerger und Verdruß über kleine Dinge und zum Schluß Versöhnung. Nach ein paar Wochen Frieden fing dann das alte Lied wieder an, und durch diese Heinen Kriege und seine überlegene Art, den Waffenstill­stand herbeizuführen, war immer eine wohtnende Abwechse­lung in ihr Eheleben gekommen. Sie hatten e's nicht zu schwer vermißt, daß ihnen der Kindersegen versagt war, und die Frau Küster hatte es auch nie erfahren, daß mau im Ort ihren Mann bedauerte und von ihm annahm, daß er unter ihrer Herrschaft stehe.

Der Herr Küster hatte nur gelächelt, wenn er davon hörte; er hatte sein keifendes Eheweib lieb gehabt trotz ihrer Fehler.

Solche Frauen, die ihr Temperament nicht meistern können, die bekommen so leicht nicht die Oberherrschaft im Hause, die lechzen ja nach einem Willen, der über ihnen steht, die wollen gemeistert werden, und seit die Frau Küster Witwe geworden, litt sie unsäglich darunter, daß niemand da war, vor dem sie sich fürchtete, der ihr die Zügel straff hielt.

Sie stand mit der ganzen Welt auf dem Kriegsfuß und freute sich, wenn einer ihr so nahetrat, daß sie ihre Galle an ihm auslassen konnte, aber nun ging es ihr hier im Witwenhaus, wie es ihr überall ging, wenn man sie näher kennen gelernt hatte. Man ging ihr aus dem Weg, oder wenn mau mit ihr zu tun hatte, behandelte man sie mit ausgesuchter Höflichkeit. So zum Beispiel diefe Ge­müsefrau! Mit der konnte man sich einfach gar nicht zanken; je ärgerlicher man war, umso höflicher wurde die, zer­schmolz förmlich in Liebenswürdigkeit und ließ sich durch nichts aus ihrer Ruhe bringen.

Das Harmonium war ihr auch allmählich zuwider ge­worden. Sie hatte in die Ortszeitung eine Annonce gesetzt, daß sie Gesangunterricht erteilen wolle; aber kein Mensch hatte sich gemeldet, obschon sie ohne Honorar zu unter­richten gedachte.

Zum Sticken und Nähen hatte sie auch nicht viel Ruhe, hatte es ja auch nicht nötig; und den ganzen Tag im Wald hernmlaufen, ne, das war nicht ihr Geschmack.

Kochen, Zimmer in Ordnung halten, aus den Mann warten, wenn er nach Hanse kam, und sich mit ihm herum- zankeu und wieder versöhnen: das war ihr Element, das mochte sie. Das lag nun all begraben, und sie saß hier oben und sah hundertmal am Tage auf die Uhr nnb wußte nicht, was sie mit dem langen, grauen Leben, das vor ihr lag, anfangen sollte. Sie dachte auch oft nach über das Schicksal der Frau Lengerich, die vor ihr in diesen Räumen gewohnt und die so elend geendet hatte, und in ihre gesunde, robuste Seele begann sich ein Gedanke, ein Argwohn einzuschleichen, aber dann schüttelte sie den Kopf.

Sie hatte doch ihren festen Gottesglauben, und wenn ihr Mann ihr früher das Wirtschaftsgeld gegeben, hatte er nie versäumt, ihr zu sagen:Heiliges Geld! Direkt aus der Kirche!" Und eben deshalb, weil sie doch noch von diesem ersparten Geld lebte und weil auch ihre kleine Pension ans der Kirchenkasse kam, hatte sie geglaubt, ru- nigen Herzens hier wohnen zu können; nun aber fühlte sie sich elender als je zuvor.

Sie begann Angst zu empfinden vor dem dunklen Al­koven, in dem die Lengerich gestorben war. Sie konnte auch die Stille, die hier oben im Witwenhaus herrschte, nicht mehr ertragen, nicht mehr das eintönige Rauschen des Wehres, sie mußte einen Menschen haben, und wenn es ein Bettler Ivar oder--ach ja, das war auch

schön gewesen, darauf hatte sie gut geschlafen ein Gläschen Wein am Abend, oder zwei oder so viel, bis man ruhig wurde, nicht mehr wußte, daß einem was fehlte, nur nicht so allein fein!

Wenn sie drei Gläschen getrunken hatte, kam der Küster

leibhaftig zu ihr ins Zimmer Und sah! sie mit feinen milden Augen an; sie fing an mit ihm zu keifen er schwieg, und dann lag sie doch wieder in seinen Armen und bettelter Sei mir wieder gut!" bis er lachte.

So _ ein paar Gläschen Wein am Tag, das kostete ja nicht viel, das konnte sie sich leisten; sie lebte ja sonst sparsam, brauchte nichts für Kleider oder Bedienung, und wie der Küster noch gelebt hatte, tranken sie doch auch Sonntags ein Gläschen oder zwei, warum sollte sie sich das jetzt versagen, wo sie doch so allein war? Ein paar Flaschen hatte sie noch im Schrank, denn der Keller unten war ihr zu unsicher. Er schmeckte ein bißchen warm und! säuerlich, aber es tat doch wohl, wenn man ihn so in kleinen Schlückchen schlürfte und je mehr man trank, desto besser schmeckte er.

O, die Frau Küster erinnerte sich ganz genau, tote wohl das tun konnte! Hatte sie es doch schon einmal int vorigen Jahr ähnlich gemacht, als man thr die letzte Wohnung anfgekündigt und sie auf jede Weise gekränkt und geärgert hatte. Aber bann war sie krank geworden und hatte den Wein nicht mehr vertragen; hier im Witwenhäns war es ihr im Anfang Wohler gewesen, als in ihrem Heimatort, da hatte sie einen Trost nicht nötig gehabt. Nun aber war der Reiz des Neuen auch hier vorüber, die Langeweile kam und die Langeweile brachte Schlaflosigkeit, Unlust zum Arbeiteit, der Appetit mangelte und es machte ihr keine Freude, sich eine frische Schürze über ein reines Kattunkleid vorzubinden, wie es der Küster an ihr geliebt hatte.

Für wen sich putzen? Für wen kochen und die Stuben rein halten? Ach, sie war ja so überflüssig auf der Welt, seit ihr guter, strenger Mann schlief!

Sie hätte die Uhr von der Wand reißen mögen, weil ihre Zeiger sich so schneckenartig vorwärts bewegten, sie hätte auch das Bild des lächelnden Küsters, das über dem grünen Ripssofa hing, zerschlagen mögen, aber sie fand nicht ben Mut, sie keifte nur mit ihm, wie sie es im Leben getan nnb wenn sie ausgetobt, bann schmeichelte sie, unb weil er immer weiter lächelte, kamen ihr bie Tränen unb sie weinte so ungestüm und leidenschaftlich, bis sie müde wurde.

Wie oft hatte sie ihm im Leben in ihrer Wut zugerufen: Ich wollte, du lägest unter der Erde!" und wenn er sie bann fragend angesehen, hatte sie es noch bekräftigt unb geschrien:Ja, so wahr Gott lebt, ich wollte, ich wäre Witwe!"

Und nun war sie Witwe und hätte eine Sehnsucht nach ihrem Küster, tote sie es nie für möglich gehalten.

Aber es nützte ja alles nichts! Sie hatte sein Bett vom Boden holen lassen und hatte es neben das ihre gestellt, genau wie bei seinen Lebzeiten. Auch frisch überzogen wurde es; jeden Abend deckte sie es auf, und weil sie sehr gläubig war und dem lieben Herrgott gut und gern ein Wunder gutraute, betete sie stundenlang in der Nacht zum Allmächtigen, flehte ihn an, ihr den Küster wieder zu schicken, weil sie sich so schrecklich allein fühlte.

Aber so oft sie auch in der Dunkelheit mit der Hand in das Bett tastete, es war und blieb leer: das Seinen fühlte sich so erschrecklich kühl an, daß ihr ein Schauder durch die Glieder flog.

Ob die Lengerich, die hier gestorben war, wohl auch fo große Sehnsucht nach ihrem Mann gehabt hatte? Dar­über dachte sie oft nach. Ob die es wohl auch so entsetzlich gefunden hatte, Witwe zu sein?

Aber die magere, hochmütige Pastorin auf der andern Flurseite war doch auch Witwe und die Gemüsefrau auch, die Specht und die Häuflein waren es gewesen, die Naiusius unb Frau von Hilbach, bie noch so jung war, unb bie Bauunternehmersfrau im ersten Stock wurde es auch über kurz oder lang, das ganze Hans voll von Witwen: die Küsterm schauderte zusammen, wenn sie daran dachte.

Wie ertrugen die das denn nur? Warum wurden die nicht verrückt und konnten schlafen unb fanben das Leben schön?

Ich mag aber nicht mehr Witwe sein! Mein Küster soll wiederkommen!" schrie sie oft in maßlosem Zorn, wenn der liebe Gott all ihre heißen Gebete unerhört ließ. Aber es nutzte alles, alles nichts, nur ein Gläschen Wein half, immer eins nach bem andern, bis der Küster ins Zimmer kam.

(Fortsetzung folgt.)