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Dann hörte sie ihn laut das Vaterunser sagen. Bei den letzten Worten aber gab's ein lautes Plätschern, und dann war es ganz still. Da fiel sie in eine tiefe Ohnmacht.
Als sie erwachte, wußte sie nicht, wo sie war. Der Mond stand schief am Himmel und ihr war kalt. Sie lag aus der Brücke. Tas Wasser auf der Flußseite war hoch wie selten, und noch immer rann bisweilen eine Welle über das Holz und spülte sie an. Ganz durchnäßt war sie. Links, — nach beml Kanal zu, troff aus den Fugen der Schleuss has angestautq Naß, in dem Jan Schröder war.
„Jan, — nun Mott, — min Gott, — wo is Jan?"
Ja, im Wasser war er, da drinnen, unten in dem Kasten. Jetzt wurde es ihr klar. Sie lauschte. Nichts zu hören. Doch, — ganz leise scheuerte das Boot an der Brücke, — manchmal knirschte es scharf. Da heulte sie laut auf und erschrak über ihre eigene Stimme. Wild sah sie sich um. Trüben auf der nächsten Wiese standen schwarze Gestalten, — Kühe im Schlaf. Eine brüllte wie träumend. Tas Entsetzen packte sie, — die Leiche so dicht bei ihr! Dicht unter ihr im Boot mochte er liegen, den sie geliebt hatte. Ob er sie' ansah, — ob er sie sehen konnte? durch das Holz hindurch? mit 'toeit offenen, starren Augen? -
Sie raffte sich auf und begann den Weg am Kanal entlang- zulausen. Nach Haus, nach Haus, nur schnell nach Haus! Einen Menschen fühlen, einen Menschen sehen! Im Rennen wuchs die furchtbare Angst, wie wenn Gespenster mit Peitschen hinter ihr seien. In Schweiß gebadet fiel sie endlich gegen das Ha.us-- tor, riß sich hoch, öffnete und stürzte ans die Diele. Dann kroch sie zur Wohnstube. Aus dem Gelaß drang der üble Dunst wie immer und mahnte sie an die Kranke. Sie schleppte sich zum Bett und barg knieend den Kopf auf der Hand der Schwester.
Tie atmete tief und ruhig wie nicht seit langer Zeit. Von Metas heißem Schluchzen schien sie zu erivachen, dehnte sich Und hob den Kopf.
„Metting, min Deern, wat weinst? Mi is beter heut! Hew man kein' Sorg' mehr. Nu wird alles gaud, »ich? Jan is schlafen, wat? — Lat mi trinken!"
Meta stand auf. — Alles sollte nun gut werden? — Jan war schlafen gegangen? — Ja, — der schlief wohl. — Wie im Traum war ihr und die Tränen berfiegten. Mbckr nein, — jetzt der Kranken nichts sagen! Das war ja auch nicht wahr, — das mit Jan! Tas konnte ja garnicht wahr sein!
Sie reichte der Schwester zu trinken, dann setzte sie den Becher hastig aus den Tisch, und während die andere sich wohlig streckte und ihre Atemzüge wieder gleichmäßig durch das stille, dunkle Zimmer klangen, schritt sie leise und langsam hinaus, auf die Diele und zum steinernen Herd. Da, auf dem kleinen! Schemel sank sie nieder und stützte den Kops in die Hände. Was nutzt? — Sterben? — Aus eigenem Unglück, eigenem Schmerz kam mit furchtbarem Antlitz die Schuld und mahnte. „Verdient heww ick't!" — Ja, ins Wasser gehen zu dem Mann, mit dem sie die da brinnen betrogen, das wäre gut! — „Ick will schon! Ick komnr all, Jan!" — aber die Schwester, — „Pfleg ehr gaud!" hat er gesagt, — was wird aus der? — Verblassend trat das Bild des Geliebten zurück. „Stiue bruukt mi! Ick darf nid), — ick darf ja mich!" Und während sie mit tränenlosen Äugen vor sich hinstarrte, sah sie im grauen Kleide bei der Schuld die Pslicht.
Draußen machte sich ein Wind auf und raschelte im Dachstroh. Tas Herdfeuer flackerte hoch und erhellte einen Augenblick das Dunkel. Da kam die Erinnerung wieder, und sie spähte verzweifelt nach der Luke im Boden, wo das Heu lag und wo er sonst schlief, den sie geliebt hatte, — und das junge! Herz brannte. Und endlich kamen auch die Tränen wieder und rannen unaufhaltsam über ihre Wangen, indem sie nun auf- stand und mit schlaffen Schritten über die Diele ging, — auf das große Tor zu, hinter dem das weite Moor sich unter feinen Nebelschleiern dehnte. Die Hände vor den Augen, ■— .gebeugt und mit gesenktem Kopf, ging sie hinaus, —: ungewiß auf schmalen Wegen zwischen schwarzen Gräben irrend, — in die Nacht.
Fern von ihr, die mit sich selbst ums Leben haderte, v,'erlies indes die Flut, und die alte Schleuse ging auf, und aus ihr trieb die Hamme hinunter ein steuerlofer Kahn, ganz voll Wasser, — und drinnen tag ein .stiller Schisser.
Ter Mond sank eben hinter die Worpsweder Höhe, und durch die Nebel zuckte das erste Morgengrauen. —:
Held Margit.
Eine Kindergeschichte aus Rußland.
Von Oskar Grosberg (Petersburg).
Nun, liebe Kinder, will ich euch die Geschichte von der kleinen Margit erzählen. Ihr wißt doch, was ein Held ist? Kennt ihr die Helden des Altertums, die tapferen und starken Griechen Und Römer, die deutschen Recken? Ja, ihr habt von ihnen gehört! Tann wißt ihr auch, was ein Held ist, so ein ganzer Merl, der keine Furcht hat, der Drachen und Löwen tötet und die Feinde zusammenhaut, daß es nur so wettert. Es gibt aber noch andere Helden. Wenn dem dicken Xauer ein Zahn gezogen werden soll und ikaver heult schon vorher in Erwartung des
Schmerzes, dann ist er kein Held; aber wenn Liesings Mama verreist und Liesing weint nicht, wenngleich sie doch gar so gern meinen möchte, so ist Liesing ein Held und ein tapferer Kerlq Es gibt also nicht nur Helden, die mit Schwert und Streitkolben dreinschlagen, daß die Funken stieben, sondern auch Helden des Herzens. Solche Helden gibt es auch unter den Mädchen; das könnt ihr mir schon glauben, meine lieben Jungens, und ihr braucht gar nicht die Mädchen zu knuffen.
Ich soll euch die Geschichte von Held Margit erzählen; es ist keine erdachte, sondern eine wirkliche Geschichte, denn sie ist in der Nahe einer großen Stadt in Rußland passiert und die
Zeitungen haben darüber geschrieben. Ich habe die kleine Margit nicht gekannt, aber man sagte mir, sie sei ein rechter kleinen Stöpsel gewesen; ein kleiner runder Dreikäsehoch mit roten Backen, blanken Augen und einem Bummelzopf, wie die Trude, nur hielt Margit nicht den Mund so weit auf, daß eine zweispännige Fuhre hineinfahren kann, nicht wahr, Trude? Klein Margit hatte also blanke Augen und rote Backen, denn Klein Margit lebte auf dem Lande und sie steckte nicht bei jedem rauben Windhauche die Nase in den Kragen, wie das gewisse Leute tun, die nicht weit von hier wohnen. Sie tummelte sich tüchtig im Schnee und auf dem Teiche, und ivenn ihr einmal die Füße oder die Ohren froren, dann erhob sie nicht gleich ein großes Geschrei, sondern sie lief so lange, bis ihr warm wurde. Margit war eben ein Held und Helden müssen Hunger und Durst, Hitze und Kälte und jeden, aber auch jeden Schmerz erleiden können, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn sie Mädchen sind.
Und noch eins: Klein Margit war nicht nur ein tapferer Held, sondern auch eine fleißige Schülerin. Sie ging gern in die Schule, wenn sie es mich nicht so bequem hatte, wie ihr; ihr lauft durch ein paar Straßen, ober ihr springt in die Elektrische und husch, husch, husch ist man da, ehe die Füße kalt geworden und die Ohren was abbekommen haben. Margit hatte es nicht fo gut, beim sie mußte eine ganze Werst bis zur Schule marschieren. Eine Werst sind 1500 große Männerschritte; mit euren Strampelbeinen werdet ihr wohl gute 2500 Schritte machen müssen. Und dann müßt ihr bedenken, daß man auf der Landstraße nicht fo bequem marschiert, wie auf dem Bürgersteig. Im Herbst und im Frühling gibt es da Pfützen, um die man herumgehen! muß, namentlich, wenn man ein Mädchen ist, und nicht ein kleines Ferkel- wie Freund Werner, der sich im Sommer mit dem schönen Anzug in eine Pfütze setzte, wofür es bann nachher etwas gab. Und im Winter liegt auf der Landstraße der tiefe weiche Schnee, der in die Galoschen rieselt, so daß die Kälte die Zehen zwackt. Klein Margit war aber wie der tapfere Schwabe, sie „forcht sich nit"; sie ging ihres Weges Schritt für Schritt, und sie war immer zur rechten Zeit in der Schule.
Nun tarnen aber die Tage der großen starken Fröste, lute man sie in Deutschland gar nicht kennt. JISiht ihr, wie es tm fernen Rußland ,an einem sehr kalten Tage ausfchaut? Es friert 20 und 25, wohl auch 30 Grad. Tie Leute schlüpfen in ungeheure Pelze und gewaltige Fellmützen und an die Füße ziehen sie hohe warme Filzstiefel, die weit über das Knie reichen. Tann ist die Luft voller Dunst, so daß der Wald ganz blau erscheint ; die Sonne glüht wie ein roter Feuerball am Himmel unb aus den Schornsteinen steigt der Rauch kerzengerade in die Lust. Ter Schnee knirscht unter den Füßen und unter den Schlittenkufen; die Bäume und das Holzwerk krachen, .weil sie sich in der Bärenkälte zusammeuziehen. Bärenkälte nennt man solch einen Frost deshalb, weil ihn der Bär in seinem dicken Zottelpelze ruhig aushält; während alle anderen Tiere des Waldes bei starkem Frost ruhelos umherirren, liegt Meister Petz in seinem Winterlager unb saugt brummend an seinen Tatzen, — so tote Hansel, bet eben wieder einmal seinen Daumen im Munde hat.
Klein Margit mußte, wenn sie zur Schule ging, durch einen großen Wald. Da hatten die kleinen Kiefern und Fichten dicke weiße Schneemützen aufgesetzt und auf den Zweigen der großen Bäume lagen dicke Schneepolster. Wenn man laut in den Wald hineinries, bann stäubte ber Schnee herab unb dann flimmerten unb blitzten die kleinen Schneekristalle unb sie fielen leise klingend zur Erde. Klein Margit sah das nur flüchtig, beim sie mußte eilen, sonst hätte sie die Kälte, die ihr das Atmen schwer machte, gepackt. Eines Tages aber packte [ie doch die Kälte! Es war ganz besonders kalt, so kalt, daß Margits Mama sie, gar nicht zur Schule lassen wollte, aber Margit bestand darauf, denn , es gab an dem Tage ein wichtiges Extemporale, das Margit nicht versäumen mochte. Ganz dick eingewickelt, so daß nur die Nasenspitze hervorfchante, machte Margit sich mff den Weg und ne marschierte durch den großen Wald. . Sie war nun schon cm richtiger Held, beim sie hätte zu Han,e bleiben können, — aber fie ging trotz ber Bärenkälte zur Schule Es fror gauz gewaltig. Der Schnee knirschte, die Bäume krachten und die Luft war ganz dunstig. Klein Margit marschierte ganz wasch, aber sie fühlte doch, wie die Külte an ihrem Körper ganz langsam heraufkroch und wie er fchon ganz kalt wurde und fie konnte nur schwer atmen. Da kam ein guter Fuhrknecht gefahren, der sie mitnahm unb bei der Schule absetzte. _ r
Die Schule war aber geschloffen, denn es waren Kälteferien angesagt worden unb Margit muhte umkehren. Tic Diener in der Schule müssen sehr dumme Hute gewesen sein denn sie riesen Margit nicht in bte warme Schulstube, wo sie sich hätte erwärmen können, sondern sie ließen Margit wieder gehen und


