Ausgabe 
28.12.1911
 
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Metting, wat hest du? Bist mi nich mehr gaud?"

Doch, Jan, aber wi sin all so schlecht! De arm', arm,' Lowies!" Sie brach in Tränen aus,

Metting," sagte er eindringlich und zog sie an sich,lat dat Heulen mau sin, damit is nix geschafft! Gott schall mi helpeii. Warum hat Lowies di kommen laten? Warum schaßt du se pflegen? Nu liegt se bald dat Jahr mt le rot nicht un starwt nich, un ick möt di sehn mit dine drallen Backens un möt mit di tosanrmen arbeiten tut, de Tilwel Hel mi schallen Halen, ick bätt di n i ch nehmen sollen un"

Aber de Sun n!"

Te Sünn, de Sünn, wat Helpt mi all de Tugend! Bin ick jung und stark, schlag ick de Sünn tot!"

Er preßte ihr die Finger in den vollen Arm, daß sie zusammenzuckte und sich ihm entwand. Eilig nahm sie die Suppe vom Feuer, goß sie in den irdenen Hafen und trug sie zur Stube. Er folgte. An der Tür hielt er sie auf und flüsterte: ihr ins Ohr:

Morgen, Sonntag, ick fahr fort, ick muß fort, du kommst mit!"

Jan, nich doch! Ick bliew bi Lowies."

Unsinn, ick will di hewwen, ick will mit di frei sin. In Huve bi Peterlen is Tanz. Ick will mal wedder tanzen. Ick will mal wedder froh sin, den Düwel noch mol!"

Ick gah nich mit!" flüsterte sie und trat in die Stube.

Es war ein stilles Wendessen. Dann wurde es Nacht.

Tie Mittagssonne brannte aus dem Geestland. Jnr fetten Gras lag faul das Bieh. Auf dem moorigen Grabenwassep schildert reglos die großen Spinnen, und darüber tanzten tausend Mücken. Sonntag. . . . Auf den schmalen Wegen zwischen den Gräben hier und da ein buntes Tuch, Frauen, die hinter­einander gehend nach den Dörfern wanderten. Ein Kind tappelte Wohl hinterdrein und bückte sich einmal nach bett üppig wuchern­den, weißblauen Vergißmeinnicht am schwarzen Boden oder den blaßroten, kleinen Nelken im sattgrünen Gras. Und zwei Möwen strichen nach Norden zu.

Auf der Hamme trieb heute nicht Segel hinter Segel, Kahn hinter Kahn mit schwarzer Last und schweigendeni Steuer­mann; heute Friede und nur leises Plätschern von den Fröschen am Rand, wo das Schilf wuchs.

Aber ein Boot trieft doch unter festem Stoß, ans dem Kanal durch die Flutschleuse in den Fluß hinein und stromauf­wärts. Auf der Bank saß ein junges Weib mit lenchtendrotem Kopftuch und prallem, blauem Mieder. In den ernsten Augen kam durch alle Schwermut die Lebensfreude hervor, und .wenn ,ihr Blick die starken, nackten Arme traf, die das Boot dahiw- trieben, und über das weiße Hemd zu dem braunen Gesicht glitt, aus dem Lust und Kraft strahlten, dann schoß ihr eine heiße Röte in die Wangen, und sie nestelte an der Schürze im Schoße.

Auch diese Menschen sprachen nicht. Das Moorland schweigt.

Vom Morpsweder-Berg leuchtcken zwei rote Dächer und weiße, niedrige Giebel unter Moos und Stroh. Eine leichte Brise trug Klänge von Tanzmusik herüber. Tann war's gleich wieder still.

Jan Schröder schwenkte ein paar Mal kräftig den Staken, zog das Holz ein, spuckte aus und setzte sich. Er trat Meta leise gegen den Fuß. Sie atmete tief auf und sah sich um. Weit in der Ferne, der dunfte Punkt im Grün, das war das Haus in den Weiden, wo die kranke Schwester lag und schlief.

Lowies schläft heut so gaud!"

Jo, t'is beter mit ehr. Wi wulln nit heut vergneugt sin, Metta."

Nu, Jan, heute woll, weil dn's willst."

Mußt nich sinnieren, Metting! 's geht alles, as es geht."

Er stand auf und legte sich wieder wuchtig gegen den Staken. Bor den weißgeballten Wolken, die am Himmel heraufstanden, hob sich scharf die sehnige Gestalt ab und wiegte sich ryth- misch, während das Wasser gurgelnd und Blasen schlagend um das treibende Holz strudelte.

*

Als die Sonne int Sinken war, trieb dasselbe Boot stromab. Zwei heiße Gesichter kühlte der Abendwind. Tie Nebel standen auf den Wiesen, noch grau und duftig wie ein Hauch, bald dicht und weiß und undurchdringlich. Ein Kiebitz schrie scharf und laut. Ter Mann sah mit bösem Blick zu dem frechen Vogel auf. Tie Pfeife schmeckte ihm nicht. Mit der Heimfahrt wurde es ihm eng und kalt, wo doch ein lachender Tag das stille Haus mit dem Elend daheim hatte vergessen lassen. Als der Sonnenball in den Nebel sank, daß der wie ein glühendes Meer über dem Lande leuchtete, sagte Meta heftig und plötzlich:

Jan, ick heww Angst!"

Dumme Deern, wat Airgst?"

Ja, wat Lowies woll macht? Wi sin all so lang blewen. Wenn ihr nu wat is!"

Ick führ schon tau!"

Er schwenkte den Staken schneller. Tas Boot schoß durchs

Wasser.

Tu, Jan?"

Wat wißt du?"

Och, Jan, wat bin ick doch schlecht! Wat bin ick schlecht! Mien leiwe Gott, dat kannst mi nich verzeih'n!"

Er antwortete nicht, aber es saß ihm bitter in der Kehle, und das ärgerte ihn. Mürrisch ließ er einen Augenblick das Boot treiben und sah wie gleichgültig über das weinende Mädchen hin.Flennerei, verflixte!" stieß er zwischen den Zähnen her­vor. Sie schluchzte heftiger.

Tat ick m.an noch die Schleus' säten dau, dat's viel wicht'jer!" murmelte er für sich.

Jan, wat hest du seggt?" suhr sie auf.

Ach nix, ick segg man, de Schleus'. Tat de Flut ehr nich taumakt!"

O Gottogott, führ man ja tau!"

Tas Holz bog sich, und kleine, schäumende Wellen gurgelten am Bug. .Tas Weib spähte ängstlich voraus, wo der Kanal ins Land stach.

Tie Nebel waren nun grau und grau. Und der Mond kam' herauf. Aber er war ganz klein und schwach.

Tat Water steigt schon all," sagte Jan brummend,aber ick kreeg ehr noch."

Aus dem Farblosen kam jetzt die Brücke herangeschossen.

Jan, ick roeet nich, wat mi is, ick heww so Ängste wennehr se taugeiht!"

Ach wat! Taugeiht! Angstliese!"

Jan, Jan, bitte, Jan, lat dat Boot liegen! Wi gähn tau Fuß. De Flut is schon in Gange!"

Um Weiberschnack gehn un morgen 's Boot haln! Ick wer mich wat! Spring an Land, dumme Kathrin! Ick komm noch dör!"

Einen Augenblick glitt das Boot streichend tritt Ufer ent­lang. Mit kräftigem Satz war das Mädchen auf dem Festen und eilte der Brücke zu. Tas Boot schoß durch das Tor. Das Gebälk knisterte und zeigte leise Bewegung. Im Tuttkeln krachte die Kahnspitze gegen die Innenseite der Schleuse. Tie Oefsnungen der Tore wurden enger. Fieberhaft durchzitterte jetzt erst den Manu das Ahnen furchtbarster Gefahr. Hastig stieß er mit der Sange das Boot in freie Fahrt. Ta schloß sich mit leisem Aechzen der Ausgang, und alles war sinster um ihn und nur durch die Planken von der Flußseite, wo jetzt die Flut steigend drängte und preßte, plätscherte ein feines Gefälle in den dunkeln Kasten. Entsetzt stand das Weib auf der Brücke.

Jan, Jan, komm rut!" schrie sie laut auf. Dann warf sie sich zu Boden und neigte sich über den Rand nach dem Wasser zu, wo die Flügel sich unerbittlich aneinanderpreßten; und von SJUnute' zu Minute fester wurden.

Drinnen, unten mühte sich der Mann und warf sich gegen die Bretter. Aber das Boot wich ja unter den Füßen! Unmöglich ein Herauskommen aus dem Gefängnis, in dem lang­sam, aber stetig das Wasser stieg. Vielleicht hatte er noch Glück, und die Flut war heut nicht hoch, dann blieb oben Luft und er konnte die Ebbe abwarten und damit die Befreiung. Aber was, wenn die scheußliche kalte Fläche, die ihn von Augen­blick zu Augenblick höher hob, die Decke erreichte, die er schau­dernd mit der hochgestreckten Hand betasten konnte? Was dann? Elend verrecken würde er, ersäuft wie eine Maus in der Falle! Daß auch kein Mensch, keiner von den überschlauen Erbauern solche Gefahr für den Unvorsichtigen int kleinen Boot bedacht!

Metta, schrei um Hilfe!" rief er nach oben.

Ach, was sollte das helfen? Weit und breit kein lebend! Wesen. Tie anderen, die von Osterholz, die wollten erst nachts heimfahren, viel später, wenn die Ebbe war, Tas mußte Stunden dauern, bis ein Mensch kam.

Tas Mädchen lag auf der Brücke und krallte die Finger in das Holz, packte die Bretter, um sie aufzureißen. Tie modrige Oberfläche blieb ihr in den Händen, aber das starke Kernholz spottete ihrer Anstrengungen. Von Zeit zu Zeit schrie sie laut auf. Tann wieder sprach sie hastig auf den Mann ein, der unter ihr im Boot in stumpfer Verzweiflung saß und wütend die Fäuste gegen seine eckige Stirn hieb. Wie hatte er so dumm sein können? So dumm, so unglaublich toll und dumm! Tann dachte er an sein krankes Weib und seine Schuld an ihr. Klammerte aber immer wieder sein Sehnen und seinen ganzen Lebens­willen an das junge, warme Wesen da dicht über ihm, das sich ihm geschenkt und alles um seinetwillen vergessen hatte. Aber das Wasser stieg. Jetzt sühlte er im Sitzen mit der Hand die fchlüpfrignasse Decke. Er nahm den Staken und begann mit wilder Wucht von unten zu stoßen und zu stemmen, bis ihm das Holz in der Hand brach. Tann trommelte er mit den Fäusten gegen das todbringende Dach, bis sie Nuteten.

Die Flut aber war an dem Abend besonders stark und spülte bald ruckweise über die Brücke, aus der das Weib lag. Ta wußten die beiden Menschen, daß das Ende kam. Unter sich hörte sie schon den Rand des Boot's an der Brückendecke scheuern. Gleich mußte das Wasser hineindringen und daim war's aus.

Metta," klang es heiser heraus,Metting, ick starw gtiet Grüß, Modder, sei schall mi verzeih'«, un pfleg ehr gaud. T'is ut mit mi. Ick will mau noch beten."