Ausgabe 
28.1.1911
 
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Samstag den 28. Januar

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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Mil der Pastorin zog wirklich etwas von Weihnachts- stintmung und Märchenzauber in Frau von Hilbachs kleine Zimmerchen. Das Jungchen hing den ganzen Tag an der Pastorin Rock, bat tunt Geschichten, und die kleine arte Frau erzählte, erzählte mit einer Beredsamkeit und Phantasie, daß Frau von 'Hilbach staunte und ostmals von ihrer Stickerei aufblicken und sich überzeugen mußte, daß all die wunderlichen Geschichten aus dem Mund der kleinen, ver­kümmerten Pastorin kamen.

Ich glaube, die flunkert!" sagte der kleine Erwin einmal seiner Mutter ins Ohr.Steine können doch nicht sprechen!"

Aber die Pastorin wiederholte ihre Geschichte und be­hauptete steif und fest, daß die Steine aus dem linken Seitenflügel vom Wehringer Schloß sich unterhielten, und das hatte seinen Grund. ' All diese Steine waren ehemals Menschen gewesen und von einem bösen Zauberer in Steine verwandelt worden. Es waren Menschen aus aller Herren Länder gewesen, und abends, wenn es dunkel wurde, ent­stand ein Rauneu und Wispern, daß die Leute, die vorüber- gtngen, zuerst erschrocken stehen blieben und dann eilig Reißaus nahmen, weil sie glaubten, hier gingen die Geister von Verstorbenen um.

Aber es waren keine Geister; die Steine erzählten sich ihre Lebensgejchichten, die aber nur wenige Menschen ver­stehen konnten, und wenn du lieb bist, kleiner Erwin, und mich nicht störst, wenn ich meine Patience lege, dann erzähl ich dir jeden Abend eine Geschichte von den Steinen."

Die Tage flogen dahin, und die Pastorin fühlte sich behaglich, ließ sich bedienen und dachte nicht, was der andere Tag bringen würde, aber zwei Tage vor dem Christ­fest war sie doch fassungslos vor Freude und Glück und hatte Gott auf den Knieen gedankt, und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte sie der Kost) die Hände geküßü Tne war mit aufgeschürzten Röcken und rotem Kopf direkt aus dem Waschhaus ins Zimmer gekommen, hatte etwas bläu­lich Schimmerndes in der Hand gehalten, und wie die Pastorin und Frau von Hilbach näher hinsahen, da war es der völlig durchnäßte Hundertmarkschein, den die Kosh in der Ecke eines Taschentuchs eingenäht gefunden hatte und wie durch ein Wunder war es geschehen, daß sie das Taschentuch uicht mit der andern Wäsche ins kochende Seifenwasser geworfen hatte.

Sie legte ihn jetzt vorsichtig zwischen zwei Löschblätter auf den Tisch, und der Pastorin kam es plötzlich wieder klar ins Gedächtnis, daß sie eines abends der Sicherheit halber den Schein in ihr Taschentuch eingenäht hatte, aber es war schon spät gewesen und jedenfalls hatte sie ihrer Müdigkeit wegen die Sache vergessen.

Nun sank sie vor ihren! Stuhl in die Kniec und sagte andächtig:Ich danke dir, Allmächtiger! E-o lute du mw den Schein durch ein Wunder rettetest, ivirst du mich auch vor der Schlechtigkeit der Menschen retten und mich tot mein Eigentum zurückführen." .

Die Kost) warf der Frau von Hilbach erneu Blick KU,- der ungefähr ausdrücken sollte, daß sie ein wenig an denk Verstand der Gräfin zweifelte, aber auch ihre Freude war groß, und wie sie am Weihnachtsabend im Naumburgev Kreisblatt las, daß der Herr Lasker eine reiche Witwe aus Apolda zur Braut genommen hatte, da schlug ihr Herz höher; sie war versöhnt mit allen Widerwärtigkeiten der jüngsten Vergangenheit und konnte die nächste Begegnung nut' der Häuflein kaum erivartcn.

Danken Sie Gott auf .beit Knieen, daß er ok vor dem beschützt hat, Frau von Hilbach," sagte sie warm Das Ivar ein ausgemachter Lump. Von Ihnen schwenkt er zur Häuflein ab und von der zu einer Witwe, die un­gezähltes Geld hat, wo er mir doch vor Ihrer eigenen Tür geradezu geschworen hat, auf Geld käme es ihm nicht au. Run müssen wir nur froh feilt, daß die Häuflein ihn nicht kriegt!"

Die Frau Hänslein aber schien sehr unberührt. Frau Spechts Minna wollte zwar wissen, sie sei wie eine Wahn­sinnige durch ihre Wohnung gelaufen in der Wethnachts- nacht, aber am Silvesterabend lud sie das ganze Haus zu einer Punschbowle ein und war so froh und aufgeräumt, daß man ihr nichts aumerken konnte.

Sie bewirtete alle Damen verschwenderifch mit Bowle und feinem Gebäck, und der Frau Nätusius, d-.e trotz wieder­holter Bitten uicht kommen wollte, sandte sie Kuchen und Punsch herunter, und wie um zwölf Uhr die Glocken lau­teten, da wünschten alle In fass en des Hauses einander G»uck, und man ließ die Hausbesitzerin und das Saalehans hoch leben, und auch die Kost) und die beiden Dienstmädchen wurden ins Ziinmer gerufen und dürften mit anstoßen. Das sah alles so froh und einig und herzlich aus, und die Pastorin schwamm in Wonne und auch über der alten Frau Lengerich Gesicht war es manchmal wie ein Lächeln gehuscht. , . .

Der Frau von Hilbach Herz aber war an diesem frohen Abend schwerer als sonst. Wie die Gläser klirrten und die Glocken draußen klangen, da war ihr dies ganze Treiben unwahr und kleinlich vorgekominen; sie empfand wieder bitter, daß eine große, große Kluft sie von all diesen Frauen trennte, und das Leben lag vor ihr tote ein dunkler, unheimlicher Wald, in dem sie sich verirrt hatte Und aus dem sie sich vielleicht nie, nie wieder herausftuden wurde.

Neu nies Kapitel.

Trüg und eintönig waren die Wintermoirate dahin» geschlichen. Drang zu dieser Zeit schon überhaupt in das ganze Städtchen kaum je ein lauter Ton aus der Außenwelt, so laa das Saalehaus wie weltabgeschieden da, und all die