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Mylord Schmutzfinks Streiche.
Während des Karnevals des Jahres 1832 hielt an einem Sonntag abend um 8 Uhr vor den Varietds in Paris ein ganz merkwürdiger Sechsspänner, dein trompetenblasende Reiter voraufritten. Wohl ein Dutzend junger Frauen und junger Männer in den geivagtesten Kostümen sahen in diesem Sechsspänner, sie warfen Geld mit vollen Händen unter die Leute und dann betraten sie das Gebäude, tanzten einen ziemlich gemeinen Eancan und dann — schritt die Polizei ein. Ihr Führer wurde festgenommen. Und der Führer war „Lord Schmutzfink", Mylord l'Arfouill, der mit seinem ivahren Namen Lord Seymour hieß und dem höchsten englischen Adel angehörte.
Während der 30 er und 40 er Jahre des vorigen Jahrhunderts machte dieser Mylord Schmutzfink in Paris fortwährend durch seine tollen Streiche Aufsehen. Gegenwärtig spricht man in Paris wieder viel von ihn, denn er wird demnächst in einem Stücke Von Aves Mirande auf der Bühne erscheinen, und aus diesem Grunde veröffentlicht Udes Mirande selbst im neuesten Hefte von „Je sais tont" einen hübschen Bericht über das seltsame Leben dieses merkwürdigen Mannes.
Von seiner Mutter her war Lord Seymour, wegen seines Lebenswandels Lord Schmutzfink genannt, steinreich. Ter Spitzname bezieht sich übrigens nicht auf den äußeren Menschen, sondern auf die Gesellschaft, in die er sich zu mischen liebte. Eigentlich gibt eS keinen tollen Streich, auf den Mylord Schmutzfink nicht bereits gekommen wäre. Er trieb eigentlich alles und konnte alles. Zu der Zeit, wo in Paris der Boxsport noch so gut wie unbekannt wqr, war Lord Schmutzfink als Kraftmensch berühmt und prahlte gern mit seinem „Mceps von 52 cm. (?) Umfang!" Lord Seymour war aber nicht nur stark, er war auch geschickt, und besonders im Pistolenschießen tat es ihin keiner zuvor. Als er gestorben war (1859) sagte der Figaro in einem Nachrufe von ihm: „Im Pistolenschießen war er so geschickt, daß er seinem Diener die Zigarre aus dem Munde schoß, wenn dieser tut vollen Galopp auf einem Rennpferde an ihm vorbeiritt!" Lord Seytnour war übrigens auch ein Feinschmecker, was sowohl auf das Essen, wie auch auf das Trinken und Rauchen bezogen werden kann. Wenn er auf einem dieser drei Gebiete einen Leckerbissen ausfindig gemacht hatte, hielt er mit größter Treue daran fest. Jede der Flaschen in seinem Weinkeller war sorg- gtig numeriert und mit dem Datum versehen. Bei seinem de fand man in seinem Nachlasse Zigarren, die er seit mehr als drei Jahrzehnten aufgehoben hatte. Besonders liebte Mylord Schmutzfink es, die Pariser durch die unerhörtesten Dinge in Erstaunen zu versetzen.
Eines Tages setzte er sich am Aschermittwoch in ein Gasthaus Und ließ sich eine Bratpfanne und Äackfett kotnnten. Der Kellner sah ihn zunächst ein wenig erstaunt an, brachte aber doch das Verlangte und sah nun, wie Mylord Schmutzfink die Pfaitne auf das Feuer setzte, das Fett hineintat und nach einiger Zeit eine Handvoll Goldstücke in das Fett warf. Als das Fett kochte, schöpfte er sie sorgfältig heraus und warf sie zum Fenster hinaus unter die Leute. Tie goldgierigen Pariser verbrannten sich ihre zarten Fingerchen und Mylord Schmutzsink brach in schallendes Gelächter aus. Tas Ausstreuen von Geld gehörte überhaupt W seinen Lieblingsbeschäftigungen. Eines Tages behauptete er, Geld loszuwerden sei gar nicht so leicht, und als seine Gefährten widersprachen, schlug er folgende Wette vor: er behauptete, wenn er auf der Straße goldene Zwanzigfrankstücke öffentlich für 50 Zentimes das Stück anböte, würde er nicht eins davon verkaufen. Seine Gegner nahmen die Wette an, und nun zog Mylord Schmutzfink aus, um 20-Franksstücke zu verkaufen. Er redete zunächst auf der Straße einen biederen Provinzler an: „Mein Herr, ich verkaufe Zwanzigfmnksstücke für 50 Zentimes. Es ist eine nie wiederkehrende Gelegenheit." Der Provinzler blickte ihn entgeistert an, sagte „Spitzbube!" und ging davon. Mle anderen
„Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder," rief die Wirtin vom Mauen Himmel und «schlug die Hände zusammen; „wie sehen Sie denn ans!" Als der Jäger ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter nm, daß er in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und grau gestreift von Miß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände ans die Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.
„Auch noch auslachen!" rief der Jäger, faßte sie um und küßte sie so lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb^ böse, halb verliebt ansah; er aber lachte und sagte: „So, nun haben Sie nichts mehr vor mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei Hand« tücher auf mein Zimmer haben, und 'wenn ich wieder herunterkomme, ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich über das ganze Moor gejagt." Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: „Und ich dachte. Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen."
Leute, denen Mylord Schmutzfink 20-Franksstücke für 50 Zentimes' anbot, «nachten es ähnlich, und so gewann er wirklich seine Wette!
Einen etwas großen Witz erlaubte er sich mit Arssne Houssaye, bei dem er zur Miete wohnte. Houssaye hatte in seinem Vorder« garten einen kleinen Teich mit Goldfischen. Beim Mieten fragte Mylord Schmutzfink seinen Wirt, iirdem er vor diesem Goldfischteich stehen blieb, ob er auch die Nutznießung an diesen Goldfischen habe? Houssaye bejahte die Frage ein wenig erstaunt. Kurze Zeit darauf lud Lord Seymour Haussaye und dessen Familie zu einer Mahlzeit ein. ®ei dieser Mahlzeit kamen gebratene Fische auf den Tisch, die den Gästen vortrefflich mundeten, wie sie auf Befragen erklärten. Lord Seymour erklärte nun, dies seien die 15 Goldfische aus dem Borgarten gewesen und versprach, sie zu ersetzen, sobald er auszöge. Sie zu verpflegen, so begründete er seine Taktlosigkeit, sei ihm zu kostspielig!
Vermischter.
— Ein mexikanischer „S chwarzkü n st l e r". Die einst vielgeübte und sogar von einem Goethe hochgeschätzte Kunst, aus schwarzem Papier Porträte, Eharakterköpfe u. bergt, hervorzuzaubern, ist last ganz in Vergessenheit geraten. Wenn sie nur die Umrisse roiebergibt, heißt man sie Ausschneidekunst ober mit einem griechischen Namen Psaligraphie. Diese ivurbe schon im 17. Jahrhundert eifrig in Westdeutschland, Frankreich und in beit Nieberlauben betrieben unb ihre Erzeugnisse sind viel älter als die sogen. Silhouette, die burch leichte Prägung innerhalb der Fläche noch Formanbeutungen zuläßt unb bie inneren Linien zuweilen mit weißen Strichen leicht anbeutet. Diese Schattenbilder und schwarzen Umrißporträte wurden im 18. Jahrhundert — zuerst im Spott — nach dem französischen Generalkontrolleur oder Finanzminister Etienne de Silhouette benannt. Um seine Knauserei lächerlich zu machen, hieß man alles ärmlich Aussehende, Unvollkoinmene „a la Silhouette“; so sollten nun mich bie damals in Paris stark in Aufnahme gekommenen Schattenbilder als armselige schivarze Profilprospekte gegenüber den farbigen unb oft kostbaren Miniatnr- btlbern gekennzeichnet werben. Sie behielten biesen Namen, blieben aber lange Zeit hindurch sehr behebt; die Silhouette ersetzte gewissermaßen bie Photographie, und die Kunst, solche Silhouetten zu schneiden, nahm besonders gegen das Ende des 18. Jahrhunderts einen breiten Raum ein. Lavater benutzte sie für seine physioguo- mischen Theorien; in allen Familienzimmern hingen die Schattenrisse von Angehörigen, auch wohl von Landschaften usw-, mit subtilster Kunst aus schwarzem Papier geschnitten und dann auf weißen Karton geklebt. Ausgezeichnete Psaligraphen mären z. B. die Maler O. Phil Runge, Leipzig, Wilhelm Müller und G. Schmidt in Düsseldorf und Karl Fröhlich in seinen allerliebsten Kinderbildern und Genreszenen. In den Solgenben Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts trat die Kunst der Schattenrisse in den Hintergrund, erlebte jedoch in den 60er Jahren noch eine Nachblüte durch den genialen Paul Konewka, der die Silhouette in seinen bekannten Darstellungen aus „Faust", „Sommernachtstraum" usw. zum Kunstwerk erhob. Erfolgreich eiferten ihm nach; der Bildhauer Fritz Schulze-Rom in feinen Künstlersilhouetten, Gertrud Schubring in ihren Illustrationen zu Volksliedern, der Wiener Tr. Otto Böhler in sein-humoristischen Musikersilhouetten, sowie A. Dteffenbach u. a. Daun wurde bie Silhouette gänzlich durch bie Photographie verdrängt, obwohl Beispiele dafür zeugen, daß sie auch in unseren Tagen noch eine Art Volkskunst darstellen kann. Einen ungemein interessanten Beleg dafür liefern die von einem Mexikaner, einem schlichten Mann aus dem Volke, geschnittenen zierlichen Schattenbilder, die im 17. Heft des „Kosmos", Handweiser für Naturfreunde, abgebildet sind. Der Künstler, aus dessen Hand sie hervorgegangen sind, heißt Manuel Fourlong, ist 40 Jahre alt, hat nur eine mexikanische (!) Volksschule besucht und niemals Zeichenunterricht gehabt. Er kann alles ausschneiden, was er sieht, und ebenso beliebige Szenen, die er früher beobachtet h t und die man ihm aufträgt. Alles schneidet er ohne Brille, mit einer ganz gewöhnlichen, jedoch scharf gespitzten Schere, indem er das schwarz« Papier etwa 20 cm von seinen Augen entfernt hält. Es handelt sich offenbar um eine ganz eigenartige Begabung, bei der da- Formgefühl in den Fingerspitzen zu stecken und von ihnen in di« Schere auszuströmen scheint.
Logogriph.
Im Haupt ein „G" und an dem Fuß ein „l", Bin ich ein Tier aus indischen Gewässern; Ersetz' durch „C" und „r" die Zeichen schnell, Komm ich aus Rußland, wohlverpackt in Fässern. Im Haupt ein ,P" und an dem Fuß ein „n*, Erkennst du mich sofort als muntern Affen; Streichst du dies „n", wirst eine Stadt du sehen, Die einst verfiel durch Longobarden-Waffen.
Auflösung in nächster Nummer»
Auflösung des Weihnachts»Rätsels in voriger Nummer: Weihle) — Nacht — 8 — Baum;
Weihnachtsbaum.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gieße«.


