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einsamen Weib lein, die darin lebten, fühlten sich bedrückt totb sehnten sich, und wenn sie sich fragten, wonach sie sich sehnten, dann wußten sie es selber nicht, oder dachten Nicht darüber nach. ,
Die Langeweile tarn zu ihnen allen ins Zimmer geschlichen wie ein böser Geist, und diese Langeweile weckte alles Trübselige, alles Bittere uhh Gehässige. Wenn die Häuflein und die Specht am Abend zusaminen in. entern traulichen Stübchen saßen, dann war es, als ob sie ihre Freude daran hätten, all ihre Bekannten und Mitbewohner in den Schmutz zu ziehen. Die Specht war längst Mitwisserin des Geheimnisses der Frau Lengerich geworden; ie wußte auch, daß die Pastorin ihre Erbschaftsakten von dem neuen Notar aus Weimar zurückerhalten hatte, und ie freute sich darüber, und dann wußte sie noch etwas, nein, sie wußte es nicht, sie ahnte es nur, aber ihre Ah- nnngett betrogen sie nie. Wie sie nun die Frau Häuflein leise tastend fragte, ob sie wohl ahne, welche Bewandtnis es mit der Frieda Natusius habe, die plötzlich mitten im Winter nach Hause gekommen sei und blaß und gedrückt aussehe, da lächelte die Häuflein ein ganz klein wenig: „Nein, da habe ich wirklich keine Erklärung für!" und die Specht antwortete vorsichtig: „Nun, wir werden ja sehen, ich habe immer recht behalten in all meinen Ver- mutnngen. Aber es ist traurig für unsereins, der sich hochgehalten hat und jedem ins Auge sehen kann, unter solchen Menschen zu leben!"
Ja, Langeweile und Matsch waren wie ein häßliches, graues Tier, das auf dem Bauche kriecht und Geifer um sich verbreitet, ins Saalehaus gezogen, und von da kroch es weiter, und wenn jetzt die Leute an den Fenstern der Frau Natusius vorübergingen, dann warfen sie einen scheuen Blick ins Zimmer, aber sie sahen nur die Strickmaschine, die dicht am Fenster stand, und an der Strick- mafchine saß Frau Natusius mit einem harten Ausdruck im Gesicht, und während sie ohne Unterbrechung den Eisen- arm hin und her warf und mit den Häkchen in die Nadeln griff und leise murmelte „eins, zwei, drei, einmal abheben", waren ihre Gedanken itnablässig beschäftigt mit der Zu- mmft des unglückseligen Mädchens, dem sie gegen ihren Willen Zuflucht gewähren mußte und das bei seiner Großmutter in der Ecke saß und feine Tischläufer mit bunter Seide bestickte.
Das Mädchen mußte fort, bald nmßte sie fort, ehe hre Schande offenbar wurde, ehe man mit Fingern auf ie wies, und sie mußte auch deshalb fort, weil Frau Na- chsius ihre Gegenwart nicht ertragen konnte.
Die Lippen mußte sie aufeinanderbeißen, die Hände zitsammenkrampfen, um nicht etwas Entsetzliches zu tun. In der Nacht, wenn sie grübelte und litt wie eingequältes Tier und das Mädchen ruhig und fest schlief, dann stieg Pin Haß in ihr auf, der sie ans dem Bett riß,, und sie hätte das verlorene Geschöpf rütteln und schlagen mögen; sie kam in Versuchung, ihr die Hände um den Hals zu pressen stud beide, oas blonde Mädchen und das Geschöpf, das es Unter dem Herzen trug, zu vernichten.
„Geld, Geld!" jammerte sie. „Immer und immer ivie- der ist Geld die einzige Lösung aus allem Schweren! Hätte ich Geld, so wäre ich schon aus dem Haus!" und sie strickte, bis ihr die Augen tränten, bis sie der Rücken schmerzte, baß sie stöhnen mußte. Es waren Pfennige, die sie erübrigte, und sie brauchte Gold, denn ihre Söhne wollten guch leben und die alte Mutter konnte nicht hungern und frieren.
Frau von Hilbach (war ein paar Mal bei Frau Naiuisus gewesen und hatte in all den grenzenlosen Jammer gesehen. Der Frieda Blicke hatten so flehend an ihr gehangen, gber geredet hatte sie kein Wort; ihre Mutter konnte nicht hören, wenn sie sprach.
„Ist es denn so furchtbar, was sie tat!" dachte Frau von Hilbach, wenn sie dann wieder in ihrem Zimmer saß, und sie begann eine große Angst zu empfinden vor dem Leben, das da draußen, weitab von ihrem einsamen Haus, wogte Und nach dem sie oft eine so wilde Sehnsucht in sich trug.
War denn nicht Liebe der einzige, aber auch der allereinzigste Luxus, den so ein armes, von allen Glücksgütern entblößtes Geschöpf wie die Frieda sich gestatten konnte? Und dieses Einzige muhte sie mit so teurer Münze bezahlen, mit ihrem Ruf, mit ihrer ganzen Zukunft! Die eigene Mutter hatte ein Recht, sie wie eine Ausgestoßene, st>ie etwas Lästiges, Unreines zu behandeln!
Wenn so ein armes Ding sich in all seiner Sehnsucht einem Mann mit Leib und Seele hin gab, ohne zu fragen r „Wirst du mir helfen? Wirst du mich schützen vor bentz was kommt?" war das nur leichtsinnig zu nennen? War das nicht auch wieder groß?
Frau von Hilbach dachte daran, daß die Kosh ihr vor kurzem den Vorschlag gemacht hatte, nach Berlin zu ziehen, und einen Augenblick war ihr dieser Gedanke schön und verlockend gewesen. Jetzt plötzlich aber war sie froh, daß sie so in der Einsamkeit lebte, denn sie wußte, die Welt Ivar auch für sie noch ein dunkles, weites, brausendes Meer, und die Wellen würden sie tragen hierhin und dorthin, und sie würde verschlagen werden.
Sie hätte gern, so gern mit der armen Frieda gesprochen; sie sehnte sich danach, jemanden von Liebe reden zu hören, aber Frau Natusius hielt das Mädchen wie eine Gefangene, und Frau von Hilbach wagte nicht, sie zu sich herüberzubitten.
Im März endlich sah sie zu früher Morgenstunde dis alte Großmutter mit ihrer blonden Enkelin zum Bahnhof gehen, und es war ihr, als ob diese Trennung zwischen Mutter und Tochter für sie selbst eine Erlösung sei.
Es kam nunfdie Zeit des Vorfrühlings, jene unpoetische Zeit für das kleine, versteckte Thüringer Nestchen. Alan hätte einen Schleier breiten mögen über die ganze Landschaft, einen dichten Schleier, der einen Monat lang liegen bleiben konnte, bisüdie letzten Spuren eines langen Winters sortgeweht waren.
Wohl sprangen grüne Sprossen ans den braunen Zweigen der Bäume und Sträucher, und manchmal schwammen 'weiße Wölkchen am lichtblauen Himmel, aber in der Nacht heulte ein toller Sturm und stöhnte und ächzte um das ejnsame Saalehaus herum, daß alle Fenster klirrten und die Türen klapperten. In der Pastorin Wohnung war schon zweimal eine große Doppelscheibe aus dem Rahmen herausgerissen worden, weil sie immer vergaß, die Fenster an dem eisernen Haken zu befestigen, und Ivie die Kosh ihr dieser Nachlässigkeit wegen Vorwürfe machte, war sie böse geworden und hatte ihr die Tür gewiesen.
Die Saale war beängstigend hoch gestiegen, und das Mehr gurgelte und schäumte so laut, daß Frau von Hilbach in der Nacht nicht schlafen konnte. Sie ging oftmals art das Fenster und sah in das wüste Toben da draußen, und in ihrem Herzen lebte die bange Sorge, daß das Wasser ganz plötzlich steigen könne wie vor zehn Jahren. Die Kosh hatte ihr oft davon erzählt. Da hatte es einen Meter hoch in den Parterreräumen gestanden, und cs hatte viele Tausende gekostet, um all das wieder herzustellen, was es vernichtet hatte.
Wenn sich nun zu all ihren anderen Sorgen auch noch solch ein Unglück gesellen würde? Wenn sie eines Tages mit ihrem Kinde auf der Straße stände, ganz arm, ganz ohne Halt und Stütze, was dann?
„Jungchen, mein Jungchen," seufzte sie leise und strich über die Locken des schlafenden Kindes. „Was mag nur Gott mit uns vorhaben, daß er uns so ganz verläßt?"«
(Fortsetzung folgt.)
Aus den Mauern und dem Burgfrieden Büdingens vor 300 Jahren.
(Vortrag, gehalten am 11. Januar 1911 int Ortsgewerbcvereirt von Christian Müller, fürstlichem Kammerdirektor. Nachdruck ist nicht gestattet.)
(Schluß.)
Wie man Sachen von größerer Bedeutung erledigte, dafür! liefert uns die Behandlung und Vergleichung eines Streites zwischen der Stadt und der Nachbargemeinde Rinderbügen wegen einer Viehtrift ein sehr bezeichnendes Beispiel. Reifschneider schreibt: „Den 26ten Septembris haben Bürgermeister und ein Erbar Rath, Ettliche vom Rath; geschworu junge Burgers und junge Gesellen, den weyttgaugk zwischen den Rinderbigern und Stadt bei der Heunburgk, uff der wissen daselbst über der Bach, wie sich die altteu beyderscits hiebevohr deßwegeu verglichen-' abzu ghen hiuauh geschickt, und den Rinderbigern, Weill st« Jntrag daselbsten thuu wollen, durch Ennerß Lenckeu im Großen« dorff, Gerichts-Knecht und waldforstern, solches auch aumelten lasen, daß sie beh der schreckt beyder Weyttgangk sich verfügen! wollen, wie den bescheheu. Unbt sckck erstlich auß der Statt hinauß geschickt worden, wie Voigt:


