Ausgabe 
27.4.1911
 
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und zu Ostern, wie dieses' Jahr, nach dem Süden, denn das war die Zeit, wo der Geheimrat dienstlich fortkonnte; zweitens aber im Sommer ins Hochgebirge.

' Water ist nämlich Bergsteiger! stub . ...

Er unterbrach seine Tochter:

Das heißt, es geht nicht mehr so recht. Man wird alt und pumplich.

Sie ward beinah böse:

Water, das bist du gar nicht, wer noch vorigen Sommer neun Gipfel gemacht hat. . . . !Nicht wahr, das ist nicht alt und pumplich?

.Da sie sich an mich gewendet hatte, antwortete ich:

i Dann wäre ich's noch Piel mehr, denn auf neun Berge käme ich nicht.

Der Geheimrat nahm wieder das Wort. Er erzählte, wie sich eben doch trotz gllem, wasMaria" sage, seine Jahre fühlbar machten. Es sei nun einmal Menschenlos. Man könne nicht dagegen an. Ihm erschienen immer die Leute albern, die den Jugendlichen spielen wollten. Für jedes Lebensalter gäbe es etwas, jedes Hätte sein Gutes und seine Freuden. Aus seinen Worten klang solch ruhige Sicherheit, solch schöne Abfindung als Philosoph mit Men- chenschicksal, Leid und Entsagung, daß ich mich fast beschämt ühlte über meinen Kleinmut, der mich wegen meiner Ein- amkeit so oft überkam.

Wir standen auf. Ich erbot mich, die Umgebung zu zeigen, denn sie hatten gesagt, erst wollten sie einmal sehen,wo und wie und warum dieses Pernese eigentlich! läge". Wir besahen zuerst den Park, vom Park aus betrachf- teten wir das Hotel, die dahinter als Windschutz sich auf­bauenden Berge, denen die Riviera ihr glückliches Klima verdankt, und der Geheimrat machte es genau 'so wie ich, als Soldat, es auf Reisen immer getan: Karte heraus, Himmelsrichtung, Lage, Name, Berge, Ortschaften, Täler, Bäche, Landzungen und Buchten festgestellt.

Das dauerte eine Weile. Währenddessen langweilten sich die Damen nicht, wandten sich nicht interesselos ab, oder wurden gar ungeduldig, wie mau es so oft erlebt, wenn einmal etwas gründlich festgelegt wird, sondern Mutter wie Tochter verfolgten den Plan aufmerksam und ab und zu mit einem Zwischenruf:Da müssen wir nial hin!" oder: ^Das liegt also etwa eine Stunde zu gehen entfernt. Wieviel Kilometer? Ach so, o dann braucht man nur vierzig Minuten!"

Aber das hatte nichts von SchulfUchserei und Gelehr­samkeit. Sie waren es nicht anders gewohnt, als daß man Vie Augen auftat, sich umsah in der Welt, sich kümmerte um die Umgebung. Mir aber lachte Has Herz im Leibe! Ich hatte Menschen kennen gelernt, die weite Reisen der Mode halber gemacht, aber davon nichts anderes nach Hause brachten als:Das Palace Hotel ist tadellos, und wir lernten dort eine reizeüde englische Familie kennen, mit denen wir noch Christmaskarten wechseln!"

Ja, mir lachte das Herz im Leibe. Es war Sonntag in meiner Seele. Sonntag auch rundum in der Natur, als müßte auch sie es feiern, daß Menschen zusammengekommen waren, die zueinander gehörten. Wir waren sofort einig über alles, was unternommen werden sollte und zwar gemeinsam, denn es schien als gehörte ich nun dazu. Ein Ausflug nach San Remo ward verabredet, eine Fahrt nach Mentone, der Besuch von Monde Earlo, von Nizza. Die Route de la Corniche mußten wir vier miteinander fahren.

Und während dieser Pläne erzählte der Geheimrat von früheren Reisen: wie ein Gelehrter vom Klima, von der Kultur, von der Geschichte, üon Land und Leuten jener Ge­genden handelnd, dann wieder als Weltmann, der die Hotels beurteilte und gesellschaftlich von Zuständen redete, die sie kennen gelernt. Es gab Dinge dabei, die er nicht wußte, er verwechselte Namen, er irrte sich in der Zeit. Da ver­besserten ihn seine Damen. Er nahm es immer mit Dank an. Sie halfen sich alle gegenseitig. Auch die Eltern der Toch­ter gegenüber hielten sich nicht für unfehlbar.

Nun kam das Köstlichste: ich zeigte den abgebrochenen Weg zu meiner Bank. Frau von Fryburg fragte:

Da sollen wir hinüber?

Maria aber klatschte in die Hände, gls hätte sie noch nie solchen Spatz erlebt, und nun wollte jeder der erste sein, an den paar Metern Felswand hinüberzuklettern. Im Geheimrat mochte der Gedanke an manche Bergfahrt er­wachen, Er war sofort dabei, hie paar Schritte des ab­gebrochenen Pfades hinüberzugehen, und an der Art, wie

er die Füße setzte, und die großen, festen, schönen Griff« des Felsens anpackte, erkannte man sofort den Felskletterer. Als er am jenseitigen Ufer stand, rief er fröhlich:

Auch fo was noch hier! Das scheint ja ein reizens der Punkt zu sein Pernese. So Maria, nun schnell^ komm nach.

Und zu mir gewandt:

Sie sind der Führer. Gehen Sie mit ihr. Ich denke, ein Seil brauchen wir nicht.

Er trieb den Scherz noch weiter und machte seiner Frau Mut, indem er feststellte, wie auch ein etwaiger Ab­sturz, bei der geringen Höhe und in Anbetracht des Wassers darunter, höchstens ein erfrischendes Bad kosten könne. Auch die Gefahr des Ertrinkens sei ausgeschlossen, denn der Fuß der Felsen würde nur von den Wellen ein wenig bespült.

Inzwischen war ich mit Maria an den Beginn des Ueberganges getreten. Ich fühlte ihre kleine Hand warm durch den Handschuh hindurch in der meinen, wie sie mich fest packte, und als ich voraus kletternd, halb zu Maria gewendet, ihr die Stellen bezeichnen wollte, wohin sie zu treten hätte, war sie schon darüber hinweggehuscht unÄ rief:

Schnell, schnell weiter, ich komme.

Ich konnte nicht eilig genug die Tritte wechseln, sie war im Abschwung, und im nächsten Augenblick lag sie halb auf meiner Schulter, denn ich hatte nicht mehr recht­zeitig Platz gemacht. Da traf mich ihr Atem, da empfand ich ihren weichen 9(rnt, die köstliche Last ihres schlanken Körpers, und ganz in der Nähe sah ich ihre Wange mit einem leisen, zarten Flaum. Ich sog den Duft ihres schweren Haares ein. Er traf mich wie ein Anwehen der jungen Natur des Frühlings.

Wenn der Winter endlich zu weichen beginnt, wir eines Morgens die Fenster öffnen und draußen zum ersten Mal mit Bewußtsein jenen grünen Hauch auf den kahlen Büschen bemerken, der über Nacht gekommen scheint. Wenn wir lauschen undpiep piep" ,,'kwitt< kwitt"ping ping ping!" das Piepsen der Vöglein klingt. Wenn uns die Luft entgegenströmt, warm, weich> ermüdend fast, uner­klärlich nach den Kältegraden der Tage zuvor. Dann ist mir immer, jedes Jahr von neuem, ganz seltsam zu Sinn gewesen, wie umgewandelt, wie verjüngt, neu gekräftigt. Dann blies noch ge und je der junge Frühlingshauch mir die düsteren Hirngespinste der letzten Jahre aus dem Sinn: die Einsamkeit, die trostlose Einsamkeit!

Und jetzt war es mir wie zu solchen Stunden zu Sinn. Der Lenz brach an, der junge, neue Lenz in meinem altern­den Leben. Ich fühlte mich so leicht, so froh, so glück­selig! Ich zog das Mädchen Die paar Schritte noch hin­über, bis dorthin, wo ihr Vater stand. Leicht sprang sie auf den nun breiten Userpfad. Dann gaben Vater und Tochter der Mutter lachend Ratschläge, wie sie es machen solle, mit meiner Hilfe ihnen zu folgen. Aber Frau von Fryburg bedurfte dessen nicht: in wenigen Augenblicken war sie hinüber, und nachdem sie empfangen worden, blickten wir alle vier nach dem Hotel, ob inan uns etwa bemerkt hätte, denn ich hatte von ineiner Niedertracht erzählt, den Weg zerstört zu haben.

Es war, als gehöre die Bank nun stillschweigend ihnen mit, und wir müßten jetzt gemeinsam das Geheimnis hüten. Wir fanden alle Platz auf der Bank, und lange bliebest wir stumm sitzen, versunken in den Anblick des Meeres. Es brandete stärker hier als sonst ringsum, wohl weil die Landzunge so scharf vorsprang und unmittelbar an der Spitze das Wasser eine beträchtliche Tiefe erreichte. Ab und zu spritzte der Gischt hoch auf, als hätte ein Riesenft maul uns zu Füßen ihn ausgespieen, und dann rief immer Maria in starrem Staunen:

Da, . . . du . . . nein, ist das schön!

Fortsetzung folgt.)

Geschichte des Poftwesens im Eroßherzogtum Hessen.

Von M. Koehler und R. Goldman».

IV, Die Post in der ersten Hälfte des!

19. Jahrhunderts.

1. Die politischen Verhältnisse zu Beginn des 19. JahPhundertA, Die letzte Jahre des 18. Jahrhunderts waren der weiteren!

Entwicklung des Hessischen Postwesens infolge des Koalitions­krieges gegen Frankreich (17931797), in den Hessen mit ver- wickelt war, sehr ungünstig. Im Frreden von Campo Formt«