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Würdiges und Einzigdafleh end es in dieses H aus, aber etwas direkt Polizeiwidriges nicht, es sei denn, daß vielleicht ein paar Rohre zu viel in einen Schornstein mündeten, der Nicht genug Abzug für den Rauch gewährte.
Nun, um das zu ändern, dazu genügte der Ausbau von zwei neuen Schornsteinrohren auf dem Dach; das konnte nicht mehr als zweihundert oder dreihundert Mark kosten.
Er fand es schade, daß an Stelle dieser alten, grauen Kaserne nicht eine schöne Villa stand, so eine, die aussieht wie eine anmutige, geputzte, liebenswürdige, junge Dame, die jedem zulächelte und die schon von der Brücke aus jedermann auffiel, denn dies alte Haus, das die personifizierte Großmutter aus Kindermärchen mit Haubenbändern und runzligem Gesicht darstellte, hatte einen so exponierten Platz, daß man es von überall sehen mußte.
Frau von Hilbach sagte nichts zu diesen Auseinandersetzungen des jungen Menschen. Seit sie wußte, daß sie ihr Witwenhaus behalten durfte, war es ihr noch enger ans Herz gewachsen wie bisher; sie fühlte für das alte, graue Gebäude, wie wohl eine Mutter fühlt für ihr Kind, das eine Weile auf Abwege geraten war, das sie in schlaflosen Nächten verloren gab und das nun reumütig zu ihr zurückgekehrt ist.
Zum ersten Mgl in ihrem Leben hatte sie Ursache, einem frentbett Menschen dankbar zu sein, zum ersten Mal hatte sie Hilfe angenommen, und sie trug an dieser Dankbarkeit wie an einer Last und litt unsäglich, daß sie dem armen Herrn Bauunternehmer, der so edel an ihr gehandelt hatte, nicht beiflehen konnte in seiner Krankheit.
Während Frau von Hilbach in Gedanken versunken im Garten saß, tat sich die braune Haustür auf; die Pastorin ging langsam und müd über die Straße in ihre kleine Laube in den Garten, sah gar nicht auf und bemerkte Frau von Hilbach, die unter der Linde saß, und die Kosh, die vor ihr stand, nicht. Sie legte ein Bibliotheksbuch auf den Tisch, stellte chr Baldrianfläschchen dazu, und dann zog sie ihr Taschentuch, trocknete sich die Augen, und die Kosh raunte ihrer Herrin zu: „Die hat nicht erst jetzt angefangen zu weinen; die hat schon ganz verquollene Mugen, mit der ist was passiert!"
Frau von Hilbach trat zur Pastorin in die Laube und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Sind Sie krank, Frau Pastor?"
Die Pastorin sah erschreckt auf.
„Ach, Frau von Hilbach! Ich habe Sie gar nicht gesehen. Waren Sie denn im Garten?"
„Ich saß unter der Linde!"
Die Pastorin sah nun ängstlich zur Kosh hinüber, Und die hatte gleich heraus, was dieser Blick bedeuten sollte.
, »Ich «gehe schon, Frau Pastern. Nu, und wenn Sie meiner Frau was mitzuteilen haben, dann nur zu! Wir helfen gern, wenn wir helfen können! Daß sich bei uns alles so schön arregliert hat, wissen Sie wohl schon! Alles in Ordnung, unsere Schornsteine comme il faut, die Oefen vorschriftsmäßig! Das können Sie mal der Spechten mitteilen, wenn Sie das nächste Mal na'ch Naumburg machen---"
„Still, Kosh!" bat Frau von Hilbach. Die Pastorin sagte kein Wort und weinte vor sich hin. Die Kosy ging ein bißchen brummig ins Haus; Frau von Hilbach nahm der Pastorin Hand.
»Ist Ihnen etwas zugestoßen?" fragte sie.
„Ach! Frau von Hilbach, mir wär's Wohler, ich läge tief unten in der Saale!" Sie zog einen Brief aus der Tasche und reichte ihn ihr.
„Das ist sehr traurig!" meinte Frau von Hilbach, nachdem sie gelesen. „Aber sehen Sie, Frau Pastor, Sie haben mir doch selbst so oft gesagt, daß man viel Wünsche im Leben begraben muß---"
„Nein, nein!" eiferte die Pastorin, „das. hab ich nicht behauptet, Z-rau von Hilbach, oder wenn — dann habe rch das nur so im allgemeinen gesagt. Ich gebe mein rechtmäßiges Eigentum nicht auf, wenn auch die ganze Welt sich gegen mich stellt, ich kämpfe weiter!"
Frau von Hilbach sah erstaunt auf die kleine, überzarte Pastorin, die mit so leidenschaftlicher Heftigkeit vom Kämpfen sprach.
„Was denken Sie, Frau von Hilbach; wenn man Jahre, Viele Jahre lang gekämpft hat, soll man auf einmal die
Waffen! von sich werfen, weil so ein paar Rechtsanwälte einem abraten? Und meine Sühne, denken Sie denn nicht an meine Söhne. Die wissen's doch nicht anders, als daß sie es einmal besitzen, was soll ich denen denn sagen? Nein, ich kämpfe und warte, Frau von Hilbach, ich warte! Wissen Sie, was das heißt, warten? Ohne bestimmtes Ziel warten?" Und dann weinte sie herzzerbrechend.
„Sie sind ja auch alle so hart zu mir; ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich meine Patiencekarten verbrannt habe, und Sie haben mich Abend für Abend allein gelassen. Ich hab gedacht, ich müßte verrückt werden, denn wenn ich vor Mitternacht ins Bett gehe, schlafe ich nicht ein, und was denken Sie denn, wie lang einem die vier oder fünf Stunden von sieben bis zwölf am Abend werden können? Erst hab ich's mit Lesen versucht, aber ich habe ja die ganze Leihbibliothek schon aus. Dann hab ich gedacht: du schreibst die Memoiren deines Lebens! Denn das tun viele hochgestellte Personen oder solche, die von hoher Abkunft find und viel erlebt haben; aber das viele Schreiben greift an, und wenn ich an Vergangenes dachte, kamen mir auch- immer die Tränen. Nun, Frau von Hilbach, dann hab ich mir die Spiele von meinen Söhnen aus ihrer Kinderzeit geholt, allerlei Geduldsspiele und Bausteine, aber auch das weckte zu viel Erinnerungen, und wie gar nichts mehr ging, hab ich mir was ausgedachk. Sehen Sie mal!"
Sie zog aus ihrem Kleid ein kleines Buch, so eins, wie mau's für zehn oder zwanzig Pfennigs kauft: klein kariertes Papier mit schwarzem Wachsumschlag;
„Sehen Sie mal, Frau von Hilbach, das hab ich mir genau eingeteilt, auf den ersten drei Seiten A, auf den zweiten B und so weiter das ganze Alphabet durch."
Fran von Hilbach sah hin, aber sie verstand nicht. Mit winzig kleinen Buchstaben waren Namen in die Karos geschrieben, Männer- und Frauennamen, Städtenamen, nachher Fluß- und Pflanzennamen und zum Schluß Tiernamen. Die Pastorin lächelte.
„Selbsterfunden! Das glauben Sie gar nicht, Fran von Hilbach, wie das die Zeit vertreibt! Ganze Abende lang denkt man über ein Wort nach, und wenn man ein neues findet, ist man so froh, als hätte man ein Silberstück von der Straße aufgehoben. Sehen Sie mal hin, ich« will's Ihnen erklären. Da steht doch ein großes A als Ueberschrift, nicht wahr? Nun, da schrieb ich also auf die ersten drei Seiten alle Männernamen, die mit A beginnen: Albert, Adolf, Alfred, Adalbert und so weiter. Es gibt eine Menge. Im Anfang geht das nur so, aber dann auf einmal findet man keine mehr und fängt an zu suchen und kommt so ins Denken, daß man alles andere vergißt. Sehn Sie auf der zweiten Seite Frauennamen, mit A gibt's ja furchtbar viele, aber zum Beispiel mit Z oder O oder Q!"
Sie schlug die hinteren Seiten des Buches auf.
„Fast noch leer! Aber ich sinde, ja, ich finde ganz sicher. Sie glauben nicht, wie das den Verstand schärft. Zwanzig Pfennige das ganze Buch! Kaufen Sie sich eins, Frau von Hilbach, Sie werden mir dankbar fein. Wenn Sie sich erst eingearbeitet haben, dann brauchen Sie gar nichts anderes mehr zu denken. Jetzt zum Beispiel bin ich in den Garten gegangen, um zu arbeiten, denn der Brief hat mich ein bißchen aufgeregt, aber wenn ich erst eine Stunde über meinem Buch sitze, ist alles wieder gut. Vorgestern abend könnt ich's nicht finden; ich war ganz verzweifelt, denn ich dachte, ich hätte es verbrannt, aber es war mir unters Bett gefallen. Ich hab es auch schon der Frau Specht erfühlt, weil die jetzt so unglücklich ist und nicht mit der Häuslein zusammenbleiben will. Die Häuflein heiratet ja wieder, das wissen Sie doch? Nun, und weil die Specht doch ihretwegen den ganzen Haushalt aufgelöst und ihre Möbel verkauft hat, will sie auf Schadenersatz klagen, aber das wird nicht viel nützen, und nun weiß sie gar nicht, wo sie bleiben soll, denn die Häuflein hat ihre Wohnung in Naumburg schon gekündigt, und die arme <^echt sitzt' dann auf der Straße. Ich glaub, Frau von Hilbach, die zahlte jetzt gern wieder vierhundert Mark, wenn sie in die Wohnung bei Ihnen zurückkönnte, für mich wär es ja auch eine Freude, denn wenn sie sich auch so ein Buch kauft, könnten wir jeden Abend zusammensitzen, und zu zweit hat man vielleicht noch mehr Einfälle."
Die kleine Liese, die jetzt mit ihrer Mutter zusammen alle Hände voll zu tun hatte, rief nach Frau von Hilbach,


