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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Wie Kosh h atte schon ißt eit Morgendienst am Brunnen hinter sich, als sie mit dem Kaffeebrett in der gesunden Hand tm Schlafzimmer der Frau von Hilbach erschien; auch war Lieses Mutter bereits im Haus, denn gegen anständige Be- zahlung wollte sie den Sommer über bleiben; Frau von Hilbach sollte sich pflegen und sollte mit der Frau Bauunternehmer spazieren gehen, jeden Tag, so lang sie wollte.
„Nu können Sie auch getrost weiter die Tage ausstreichen auf Ihrem Zettel über oem Bett, Frau von Hilbach. Von übermorgen geht's abwärts mit dem Warten, und nu trinken Sie Kaffee, Frau von Hilbach und bleiben Sie ruhig liegen. Der Liese ihre Mutter schafft für zwei; die macht jetzt die Wohnung für die neuen Herrschaften zurecht, und was der Herr Bauunternehmer ist, der will einen Sachverständigen aus Leipzig kommen lassen, der soll Ihre Schornsteine untersuchen. Da müssen Sie Gott für danken, Frau von Hilbach, daß Sie solche brave Leute ins Haus bekommen haben, und wenn man nicht genau wüßte, daß er es über kurz oder lang, alle macht, dann würd ich Ihnen sagen: sticken Sie ihm ein schönes Kissen zum Dank. Aber erst müssen Sie sich! schonen. Wenn er aber fort muß, so lang er in unserm Haus wohnt, dann wollen wir der Frau Bauunternehmer mal beistehen, als ob wir ihre nächsten Anverwandten wären, und Sie schenken einen Palmenzweig zur Beerdigung, der macht immer mehr aus wie ein Kranz! Komm, Jungchen!" rief sie zum kleinen Erwin, der ins Zimmer kam, „gib deiner Mama einen Kuß und freu dich, daß du sie noch hast. Ne, Frau von Hilbach, wenn ich so ins Denken komme, ne, das hab ich Ihnen nicht zugetraut. Haben Sie denn gar nicht nachgedacht, wie uns zumute geworden wär, wenn wir Sie aus der Saale aufgefischt hätten?"
Die Frau Bauunternehmer setzte sich, nun auch zu Frau von Hilbach ans Bett, legte ihr die Hand auf die Stirn und freute sich, daß sie so kühl war. Sie sprach lieb und herzlich mit ihr; Frau von Hilbachs arme gequälte Seele wurde licht und lichter und richtete sich auf, wie eine Pflanze, die am Verdursten war und plötzlich, von einer gütigen Hand Nahrung »erhält.
„Wenn man so bedenkt, Frau Bauunternehmer, was !>assiert wär, wenn ich Ihnen den Brief nicht gebracht hätte!" chwatzte die Kosh. „Aber gleich, wie ich' ihn da liegen äh und daneben einen an den Doktor, mit dem sie sich >och sonst nicht schreibt, kriegte ich's mit der Angst zu tun. Uber daß sie fo weit gehen wollte, einfach ins Wasser, grad vor unserm Haus womöglich, ne---"
„Still," sagte die Frau Bauunternehmer, „still, liebe
Frau, darüber wollen wir nicht reden, das vergessen wrr alle, nicht wahr, Frau von Hilbach?"
Sie war wie eine Mutter, und die Kosh mußte Wernen. „Wenn man die mit der Specht vergleicht", meinte ft« ur sich, „die hier zahlt nu für zwei Zimmer das nämliche wie die Specht für vier, und wo die nicht wußte, was fte vor Schlechtigkeit tun sollte, weiß die Frau Bauunternehmer nicht, was sie vor Güte tun soll. Da sieht man, daß alles am Charakter liegt!" Sie dankte Gott und wußte gar nicht mehr, für was sie ihm alles danken sollte. —-
Als Frau von Hilbach zum ersten Mal wieder in ihrem Gärtchen saß, sah sie das Witwenhaus an, als sei es ein anderes, ein ganz neues Haus geworden. Das lachte so lustig in der Sonne, sah ordentlich schelmisch aus, so, als wollte es sagen: „Ich hab dir ja nur Angst machen wollen! Fällt mir ja gar nicht ein, von dir zu gehen! Ich hab nur meine Launen, wie die Menschen auch!"
— Es ging nun bei Frau von Hilbach so, wie es manchmal im Leben zu gehen pflegt. Kommt erst ein kleiner Sonnenstrahl und bringt Licht in das große Dunkel von Sorgen, Kummer und Beschwerden, dann kommt auch bald ein zweiter, und da Sorgen, Aerger und Verdruß die Dunkelheit mehr lieben als das Licht, nehmen sie Reißaus und suchen sich neue dunkle Winkel, wo sie sich einnisten können.
Der Herr Bauunternehmer hatte richtig einen Sachverständigen aus Leipzig berufen; der durchsuchte alle Ecken und Winkel des alten Saalehauses. Da er ein junger, moderner Mensch war, schüttelte er gar manchmal den Kopf und wußte nicht recht, was er sagen sollte. So was, wie das Witwenhaus, hatte er eigentlich noch nie gesehen; er dachte verwundert: „Das muß ein merkwürdiger Baumeister gewesen sein, der diesen Kasten zurechtgebaut hat!" aber er sand es interessant, genau so, wie man einen Menschen interessant findet, bei dem man sich nicht gleich auskennt, der einem zu raten aufgibt.
„Für ganz normale, vernünftige Menschen ist das keine richtige Behausung!" meinte er auch einmal und fand, daß die kleinen, niederen Zimmerchen, die vielen Alkoven und dunklen Gewölbe, diese merkwürdigen Hinterstübcheu, zu denen man drei Stufen hinabsteigen mußte, daß diese winzig Keinen Fensterchen im Hinterbru und die tiefen Wandschränke und Nischen gut zu den merkwürdigen Bewohnerinnen paßten, die das Witwenhaus beherbergte. _
So eine entflohene Gräfin, die als Pastorin in Schlotz- möbeln wohnt, konnte keinen besseren Verbleib haben; auch die Kosh mit ihrem Gemüsekram und ihrer bewegten Ver- gangenheit paßte gü! in ihre kleine Bergwoynung. Die Küsterin mit dem Harmonium und ihrem keifenden Charakter war auch ein Stück Inventar, das zu solch einem Haus gehörte und Frau von Hilbach konnte, da sie noch sehr jung war, die Rolle einer verwunschenen Prinzessin spielen, die eines Tages von einem glänzenden Ritter erlöst
Wie gesagt, der Herr Sachv er Madige fand viel War-,


