Ausgabe 
27.3.1911
 
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ttofrt tSI war jetzt Hochflut im Städtchen, die Berliner Und Leipziger Sommerferien hatten begonnen, und die Kosy verlünoete mit Wonne allen nacy Wohnung fragenden Herrschaften:Bei uns ist alles besetzt!" Wenn sie das fagte, stand sie stolz wie eine Königin vor den Mietlustigen und gab ihnen nach einer Weile erst herablassenden Bescheid, wo sie eventuell noch ein paar Zimmerchen finden könnten.

Frau von Hilbach ging mit ihrer Liese ins Haus, Und die Pastorin rieb sich noch einmal die Augen, nahm ein paar Tropfen Baldrian aus ihrem Fläschchen, zog einen Bleistift aus der Tasche und schlug, ihr Büchlein auf.

Sie sah ins Weite und dachte. Sie wollte, noch einen Städtenamen Auf O haben, und je tiefer sie ins Denken kam, desto starrer wurde ihr Blick, sie vergaß Ort und Zeit, ihre Blicke schweiften ins Grenzenlose, und die Kosy schüttelte den Kopf, als sie am Abend durch den Garten ging.

Ohne Tuch, Frau Pastern?" sagte sie,und zu Abend haben Sie auch nicht gegessen! Wenn Sie sich mit Frau von Hilbach ausgesöhnt haben, dann kommen Sie mal lieber zu uns in die Mittelstube, in die mit dem Alkoven, da steht der Tee aus dem Tisch."

Aber die Pastorin sah träumerisch in die Ferne und sagte nur zerstreut:Nein, ich habe zu arbeiten!" und die Kosy schüttelte noch einmal den Kopf und brummelte leise vor sich hin:Wenn das nur ein gutes Ende nimmt! Erst die Lengerich, dann die Pastern, und in der Küstern ihren Kopf sind auch nicht alle Schrauben feft Wir müssen machen, daß wir fort kommen, aber erst muß der Sommer vorüber sein, dann rück ich mit der Sprache heraus, dann wird sie staunen, meine Keine Gnädige, aber 'raus muß sie!"

Sie ließ die Pastorin mit ihrem Buch im Garten sitzen Und ging zu ihrer Herrin ins Haus; sie mußten noch rechn eil.

(Fortsetzung folgt.)

Militärflieger im Auer.

Ein Zukunftsbild.

Bon F. von A l t e n h a m m e r.

Der Krieg war erklärt, in voller Einigkeit, wie in den »roßen siebziger Jahren des vergangenen Sekulums stand das deutsche Volk wie ein Mann in Waffen, dem Feinde, der Deutsch­land an allen Ecken bedrohte, entgegenzutreten. In den Zeiten der angemeinen Begeisterung wollten natürlich die Luftsport- leute nicht zurnckstehen. Alle Besitzer von Luftfahrzeugen und alle Fabriken, die solche herstellten, hatten ihren ganzen Be­stand zur Verfügung gestellt. Das Resultat war überraschend. Die Gegner hatten mit der Tatsache gerechnet, daß die Deutschen auf dem Gebiete des Lenkballons allen anderen voran sind, und verwunderten sich nicht darüber, daß jedem Armeekorps zwei Luftkreuzer beigegeben werden konnten; aber überrascht und er­staunt waren sie Mer das beinahe hundertköpfige Fliegerkorps. Man hatte gedacht, gerade hier ein Uebergeivicht zu haben, aber man hatte sich getäuscht. Wie ans dem Boden gestampft standen die Lustzeuge da, alle nur möglichen Konstruktionen, mit guten Motoren ausgerüstet und mit richtigen Piloten bemannt.

In dem Rathanse zu F. hatte der kommandierende General des 34. Armeekorps fein Hauptquartier aufgeschlagen. Der vor­geschobenen Kavvallerie-Division war die schwere Ausgabe zuteil geworden, im vorliegenden Waldgelände auszuklären. Wer die Arbeit ging nur sehr langsam von statten. Ueberall wo die kecken Offizierspatrouillen einzudringen suchten, bekamen sie Feuer, an allen Ecken und Enden wurden den Reitern verderbenbringende Geschosse entgegengeschlendert. Machte man einmal einen ener­gischen Borstoß, so stieß man in die Lust und wurde an einer weiter rückwärts gelegenen Stelle mit überlegenen Kräften an­gegriffen. Das Spiel hin und her ging schon mehrere Tage so, die nachrückende Armee war bereits bedenklich nahe gekommen, und nun beratschlagte Exzellenz mit seinem Generalstabschef, ob man nicht durch einen energischen Vorstoß dieser unllaren Situation ein Ende machen sollte. An ein Aufhalten und Zögern war ja nicht zu denken, man mußte vorwärts, koste es, was es wolle.

Was meinen Sie, Heiden, wenn wir einmal eines unserer Luftfchisse vorschicken würden", unterbrach der General die Stille. -Einmal müssen wir doch Klarheit haben, was in dem Wald­gebirge steckt."

Daran habe ich auch schon gedacht", antwortete der General­stabschef,aber wollen wir jetzt schon einen der Lenkballone aufs Spiel setzen? Ich glaube, wir versuchen es einmal mit einem Äeroplan oder lieber gleich mit zweien, einer wird schon zurückkommen. Ohne Zweifel wird der Gegner seine Truppen­verschiebungen in der Nacht vornehme, es steht Vollmond im Kalender, Bewölkung ist keine da, abgesehen davon werden in

den hinteren Linien dis lagernden TrupWk Feuer brennen, eS ist also Aussicht vorhanden, daß wir einige Aufklärung erhalten." Geben Sie also Befehl, Heiden. Ein Aeroplan klärt von Süden und Norden, das andere in entgegengesetzter Richtung auf. Sagen Sie aber noch den Leuten ausdrücklich, daß sie nur im äußersten Notfälle drahtlose Depeschen geben sollen, es ist besser, die Herren da drüben werden durch garnichts beunruhigt."

Die Flugzeuge Nr. 4 und 6 wurden am Wend gegen 5 Uhr in Bereitschaft gesetzt. Neben dem Pilotensitz war der des mit» fahrenden Offiziers angebracht. Schmuck und sauber standen die beiden Riesenvögel da, die in kurzer Zeit die Feuertaufe erhalten sollten. Nun waren die beiden Piloten mit einem zahlreichen Hilfspersonal dabei, alles nochmals nachzuprüsen, Benzin und Oel wurden eingenommen. Jede Verschraubung, jeder Draht, jede Niete geprüft. Mehrere Male wurde der Motor aitgelaffen, zischend und surrend peitschten die Propeller die Lust, ungeduldig, wie ein junges Rennpferd am Start, zitterten die Flugzeuge; sie wollten vorwärts eilen, aber vorläufig war die Zeit noch nicht gekommen.

Langsam senkte sich die Nacht hernieder, blutigrot färbten! die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die leichten Cirus- Wolken.Ob wir wohl morgen noch die Sonne untergehen sehen werden?", meinte der Pilot des Flugzeuges Nr. 6, Holz­mann, zu seinem Mitfahrer, einem jungen Generalstabsoffizier. Dieser gab keine Antwort, schweigend ordnete er seine Karten und Schreibmaterial in den Taschen, die an seinem Sitze an­gebracht waren. ,

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, die schwarze dunkle Nacht, der Mond war noch nicht am Himmel erschienen. In dem Schein der trüben Laternen war der Komnlandierende ge­treten. Ernst und starr, wie man ihn immer sah, war sein Gesicht, stumm reichte er den Vieren, die nun ihre Aufklärungs­fahrt antreten sollten, die Hände.

Flugzeug Nr. 4 startet zuerst", unterbricht der junge Pionieroffizier, der mit einem kleinen Kommando zur Dienst­leistung bei den Aeroplanen kommandiert war, die ©title. Der Motor wird angeworfen, das Knattern bringt Leben in die Um­stehenden, alle schauen die beiden kühnen Männer an, die nun dem Erfolge oder dem Tode entgegenfliegen wollen. Neben der zufammengekauerten Gestalt des Piloten zeichnet sich die auf­rechte Silhouette des begleitenden Offiziers scharf ab.

Ta hebt der Pilot die Hand, nach kurzenr Anlauf erhebt sich der Apparat in die Lust, rasch erreicht er eine größere Höhe, beschreibt einen Kreis über den Startplatz da der Motor gleichmäßig wie ein Uhrwerk arbeitet geht es noch höher, schwächer und immer schwächer wird das Explosionsgeräusch; ein Keiner Feuerkreis, der vom Rotationsmotor herrührt, ist noch an dem nächtlichen Firmamente sichtbar.

Flugzeug Nr. 6 startet", befiehlt der Ofiizier. Holzmann und sein Fluggast haben schon längst ihre Sitze eingenommen. Nach einer Minute hebt sich auch dieser Aeroplan in die Lüfte. Genau so wie bei einem Friedensüberlandslug hat der Pilot fein Steuer bedient. Eigentlich, so denkt sich Holzmann, ist es jetzt gär kein Unterschied, ob ich heute im Kriege fahre oder mich auf einem Ueberlandflug von 'ben staunenden Leuten be­wundern lasse. Die Gefahr ist nicht viel größer. Seine ge­übten Ohren lauschen auf den Gang des Motors, regelmäßig erfolgen die Zündungen, an den Steuern merkt er, daß der Motor gut zieht. Sicher liegt der Apparat in der Lutt, W sicher, daß er sogar einen Moment die Hand vom Steuerrad, nehmen kann und den Offizier anstößt. Geradeaus oder rechts, deutet et; dieser wirst einen kurzen Blick auf die Karte und zeigt mit dem Finget geradeaus. Immer weiter fliegt das Flug­zeug, der Wind scheint nun von einer anderen Seite zu kommen. Holzmann muß fein ganzes Augenmerk auf die Führung richten. Da wird er derb angestoßen. Der Generalstäbler zeigt nach rechts. Also rechts hinüber. Eine weite Kurve und der Aero­plan fliegt nach bet neuen Richtung. Unten brennen nun die Biwakfiuet, in fliegender Hast macht sich der Offizier bei dem Scheine der elektrischen Tascheittatetne Notizen. Da wird bas Augenmerk des Piloten, auf kleine, nur einen kurzen Moment erscheinende und.gleich wieder verschwindende Lichtererscheinungen gelenkt. Es i ft'ein eigentümlicher Anblick, diese sich auf eine lange, in gerader Linie verteilenden Lichtpünktchen. Nun koinntt noch ein intensiverer, gleich lang währender Feuerschein dazu, der sich nur auf einen verhältnismäßig kleinen Geländestrnfen erstreckt. Ter Motor arbeitet regelmäßig weiter, bas Fahc^eug liegt rnieber gut in ber Luft unb mit einem verwunderten Blick kann Holzmann das anziehende Bild, das sich tief unter den Füßen ausbreitet, betrachten. Der Mond ist heraufgekommen unb überschüttet Berg unb Tal mit feinem milden Licht.

Da auf einmal wird ein ganz sonderbares Geräusch neben dem Fauchen des Motors und dem Surren der Propeller laut. Es ist ein eigentümliches Zischen, dem ein metallischer Klang folgt. Merkwürdig, der Motor arbeitet unregelmäßig, er scheint ansznsetzen. Für Holzmann versinkt nun die ganze Welt um ihn her, er ist wieder ganz der gewissenhafte Pilot.. Alle Hebel werden geprüft, die Benzin» und Oelzufuhr nadj« gesehen, alles scheint in Ordnung. Der Motor macht auch wieder regelmäßiger seine Touren.