Ausgabe 
26.10.1911
 
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3ur Geschichte des Weinbaues in Oberhessen.

Eine lokalgeschichtliche Untersuchung von Pfarrer Zinn in

Herbstein.

Es ist eine altbekannte Tatsache, baß der deutsche Weinbau, der sich heute im Wesentlichen auf die sonnigen Ufer des Rheins Nnd seiner Nebenflüsse beschränkt, ehemals eine viel größere Ausdehnung hatte. Waren es im Mittelalter die Klöster, die den Weinbau überall in ihrer Umgebung einzuführen suchten, so bemühten sich in .neuerer Zeit die Fürsten, den Wohlstand ihres Volkes durch diesen Zweig der Landwirtschaft zu heben. Nicht nur in Hessen und Thüringen, auch in Sachsen und Branden-? bürg, ia selbst bis nach den Usern der Osts« hin befleißigte man s'ch ehemals des Weinbaues. Besonders ließ der alte Fritz sich die Förderung des Weinbaues angelegen sein. Infolge der Bei­hilfen, die er zur Anlage von Weinbergen spendete, sollen im Jahre 1781 allein in der Mark Brandetiburg 2355 Morgen Landes mit Weinreben bepflanzt gewesen sein, deren Ertrag auf über 21000 Taler berechnet wurde. Freilich fällt auf die Güte dieses preußischen Weines eilt bedenkliches Licht, wenn der­selbe König sich später genötigt sah, zu verordnen:auch müßt ^hr die konzessionierten Wein-Essig-Fabrikanten dahin anhalten, daß sie den Wein-Bauern ihre Weine abkaufen, wofern sich etwa finden sollte, daß die Weine wegen Mangels der Nachfrage un­verkauft liegen bleiben." Es war eine Ironie des Schicksals, daß es diesenl um den Weinbau so verdienten Fürsten zumntete, einst bei feierlicheni Empfang vor den Toren der Stadt Grüneberg einen Ehrenpokäl des bekannten Grüneberger Gewächses zu leeren, und es war eine vernichtende Selbstkritik, als der König den ge­leerten Becher zurückreichend in die Worte ausbrach: .Sehr gut, wohl dem, der ihn nicht zu trinken braucht."

Inzwischen haben die Weinbaubestrebungen in Deutschland sich wieder mit Recht auf die Gegenden beschränkt, die dafür von Natur besonders geeignet sind. Eine Wiederbelebung dieser Kultur in den minder begünstigten Gegenden Deutschlands kommt heute nicht mehr in Betracht. Dennoch dürfte es für die Lokal­geschichte und Heimatkunde von Wert fein, einmal festzustellen, in welcher Ausdehnung und an welchen Orten unseres Vater­landes einst der Weinbau geblüht und seine sauren Früchte gezeitigt hat.

Insbesondere dürfte es die Leser in Oberhessen interessieren, ob und inwieweit auch von ihren Vorfahren Weinbau aus dM heimatlichen Höhen betrieben worden ist.

Gegenwärtig finden wir nur noch an drei Stellen der Pro­vinz Oberhessen und ihrer Nachbarschaft Weinberge: am Johannis­berge bei Bad-Nauheim, am Südwestabhang des Vogelsberges bei Gelnhausen und an der Ronneburg bei Büdingen. Aber wir haben noch urkundliche Nachrichten darüber, daß einst nicht Nur in der hügeligen Wetterau, sondern auch an den Rändern des Vogelsbergs, im Kinzig- und Fliedentale so gut wie an der Fulda und Lahn, in ausgedehntem Maße Reben wuchsen, und wo die Urkunden uns im Stiche lässen, da sind uns die Orts- und Gewann-Namen eine willkommene Geschichtsguelle. Daß an den Ufern der Lahn z. B. auf der H!ardt bei Gießen noch bis ins 17. Jahrhundert Weinbau gepflegt wurde, ist nicht weiter befremdlich. Die dort sich heute noch findenden Gewannbezeich­nungenIn den Wingert" undSacke Wingert" weisen noch darauf hin. (Vgl. Hess. Bl. f. V.-K. Bd. I S. 132.) Auch das ist nicht weiter verwunderlich, daß in der Wetterau, wo jetzt noch bei Bad-Nauheim Wein (nächst, der Weinbau int Mittelalter und vielleicht schon in der Römerzdit sehr verbreitet war. Eine! Urkunde von 1226 nennt Wingerte zu Bergen und eine andere! von 1250 einen Weinberg zu Fnrbach (Fauerbach). (Vgl. Scriba, Oberhess. Regesten Nr. 3255 u. 3260.) Besonders waren es die Klöster Arnsburg und Thron, die hier Weinberge besaßen. Etwas bedenklicher mags schon manchem vorkommen, wenn wir be­haupten, daß auch an dem Süd- und Ostrande des Vogelsbergs, wo jetzt Rinder- und Schafherden auf mageren Triften weiden, die Menschen von ehedem fröhliche Weinlese hielten. Wandern! wir von Gelnhausen, wo jetzt noch an steilem, sonnigem Berges­hang Rebert wachsen, die Kinzig aufwärts, so finden wir nicht weit von Salmünster die Wüstung (d. h. das ausgegangene Torf) Zu den Winreben" (1366) undKorbersdorf genannt.zu den Wynreben" (14. Jahrh.). (S. Landau, Beschr. d. Gaues Wetter- eiba, Kassel. S. 132I Der Name dieser. Wüstung beweist, daß schon int frühesten Mittelalter hier Reben wuchsen. Oberhalb Steinau finden wir den FlurnamenWeinberg". Wandern wir weiter in die Nähe von Schlüchtern, so bezeugen uns alte Ur­kunden des ehemaligen dortigen Klosters, daß im Jahre 1167 Bischof Herold zu Würzburg dem Abt Ulrich des Klosters Schlüch­tern unter andern Erwerbungen auchdie Weinberge, die- durch die Brüder in Sconreiu, ferner durch Richalm und durch Gerhard von Harbach erworben, oder die von anderen Gläubigen dem Kloster geschenkt worden", bestätigt Habe. (Schneiden Buchonia, Bd. III S. 174.) Wir dürfen also getrost annehmen, daß die sonnigen Abhänge des Vogelsberges int Kinzigtale ehemals zum großen Teile dem Weinbau dienten. Und gehen wir über die Wasserscheide des Distelrasens bei Elm, wo ebenfalls einWein­berg" als Flurname sich findet, hinüber ins Fliedental, so finden wir zwischen Magdlos und Rommerz wieder biß .Erinnerung an

ehemaligen Weinbau! int FlurnamenWeinberg" Und in den benachbarten Ortsnamen Kellerei und Hof Weinberg bei Flieden. Noch deutlichere Spuren ehemaliger Weinberge treffen wir an, wenn wir dem Lause der Flieden folgend uns der Fulda und der gleichnamigen alten Bonifatiusstadt zuwenden. Nach Landau (Hessengau. Halle. 1866. S. 72) nennt uns eine Urkunde aus dem Jahre 1274 ein nahe bei Fulda gelegenes, jetzt aus­gegangenes Dorf Whngarten, und nach der Buchonia von Schneider soll noch int Jahre 1829 am Frauenberg bei Fulda ein Wein­berg gewesen sein. Das Verdienst, den Weinbau, und überhaupt den Ackerbau und Obstbau hier eingeführt und gepflegt zu haben, gebührt dem berühmten Kloster, das Bonifatius im Jahre 744 in der damals itoch oben unb fast unbewohnten Gegend gründete. Aber trotz aller Mühe, £>ie die fuldischen Benediktiner sich mit der Kultivierung des unwirtlichen Buchenlandes gaben, konnte das Gewächs ihrer Weinstöcke ihren Ansprüchen nicht genügen. Schon im 8. Jahrhundert erwarb das Kloster deshalb einige! zweifellos besser zum Weinbau geeignete Grundstücke in Geisen­heim, und später finden wir es int Rheingau begütert. Die Perle der fuldischen Besitzungen dort war der Johannisberg, wo schon der fünfte Abt Rhabanus Maurus und seine Benediktiner die jetzt noch rühmlichst bekannten Weinberge anlegten und den Weinbau veredelten. Mit welchem Eifer unb Erfolge die Fürstäbte von Fulda den Weinbau unb den Weinhandel, dessen Monopol sie in ihrem Gebiete beanspruchten, betrieben, geht daraus hervor, daß 1803 eine Flasche 1775er Johannisberger ans dem fürstabtlichen Orangeriekeller zu Fulda mit j.2 sl. bezahlt wurde. Die Geld­einnahme für vier Stück, 8Hz Ohm, verkauften Weines betrug 17'92 zusammen 15 755 sl. 46 Kr. Dabei blieben noch 71 Stück, 3 Ohm, 32 Maß int Keller liegen für den Hofhalt des Abtes unb für spätere Veräußerung.

In gleicher Weise wie bas Kloster Fulba int alten Buchen­lande war auch das Kloster Hersfeld an der mittleren Fulda bemüht, den Weinbau zu fördern. Dafür haben wir wieder urkundliche Beweise. Im 14. Jahrhundert werden Weinberge! bei Hersseld unb Iba genannt, unb bie Bürger von Hersfeld beklagen sich einmal, daß der dortige Mt in einer Fehde ihnen die Weinstöcke am St. Johannisberge unb am St. Petersberg« abgehauen habe. Auch das für den Weinbau noch ungünstiger gelegene hessische Kloster Haina hatte Weinberge. Denn 1528 hält die Mainzer Kurie dem Landgrafen Philipp von Hessen klagend vor, daß landgräfliche Diener in den Bergen des säcu- larisierten, b. h. in ein Hospital verwandelten Klosters Heina Weinlese hielten. (Vgl. Heppe, K. Gesch. beider Hessen. Bd. I S. 203.) Weinberge sind ferner urkundlich bezeugt vom Kloster Fritzlar int (Ebertale und vom Kloster Heidan int Fuldatal^ Bezüglich des int Nordwesten des Bogelsbergs an der Ohm! unb Lahn begüterten alten Klosters Amöneburg fehlen mir urmnd- liche Nachrichten über etwaigen Weinbau feiner Mönche. Hier lagen bie klimatischen Verhältnisse jedenfalls ungünstiger, als bei den andern genannten Klöstern in den Randgebieten des Vogelsbergs. Doch mags auch dieses Kloster an Weinbauver­suchen auf warm gelegenen Berghängen nicht haben fehlen lassen.

Aber tote stehts nun mit dem eigentlichen Vogelsberg? Sollte! auch in den Kreisen Alsfeld, Lauterbach und Schotten ehedem! Wein gebaut worden fein?

Trotz feiner Rauheit pflegt der obere Vogelsberg nicht, wiÄ viele meinen, bloß bittere Schlehen, sondern in normalen Sommern sogar noch süße Weintrauben hervorzubriugen, aber er tut es bloß hie unb ba an vereinzelten Weinstöcken, bie sich an warmen Hauswänden emporranken unb den Winter über mit schützendem! Tannenreisig bedeckt werden. So habe ich, um nicht von meiner eignen 417 Meter über dem Meer gelegenen Behausung zu reden, wo ebenfalls noch wohlschmeckende Trauben, aber in geringer Zahl und Größe, an der Südseite des Hauses reifen, noch in dem zirka 470 Meter hoch am Ostrande des Oberwaldes ge­legenen Lanzeuhain wiederholt normal große, ausgereifte, süße Trauben gekostet, die dort ohne alle Pflege an einem Arbeitep- häuscheit gewachsen waren. Aber andererseits habe ich auch wiederholt die Erfahrung gemacht, daß in dieser Gegend an freu stehenden oder unbedeckten Weiustöcken fast regelmäßig im Winter das junge Holz abfriert und also eine Ernte ausgeschlossen tst. Auch würde die sommerliche Hitze gewöhnlich gar nicht ausreichen, um die Trauben an freistehenden Weiustöcken auf unseren, auch int Sommer zugigen Höhen des oberen Vogelsbergs zum Reifen zu bringen. Da das Klima int oberen Vogelsberg fich eher ver­bessert als verschlimmert hat, dürfte es auf Grund der an* geführten gegenwärtigen Erfahrungen vollständig ausgefchlofieN fein, daß jemals in diesen Gegenden auf den Bergen Weinbau mit Erfolg betrieben worden sei. Dem scheint nun zu wider­sprechen, daß auch hier noch häufig der Flurname Weinberg vorkommt. So liegt z. B. zwischen Wallenrod, Reuters und Maar eine Anhöhe, die auf den Flurkarten den Nam eit Wein­berg führt. EinWeinberg" soll sich auch bet Stockhausen, Großenlüder und Lichenrod finden. Ihre Zahl wird sich, toentt die Sammlung oberhessischer Flurnamen beendigt ist, noch fieber vermehren lassen. Wer ebenso , fieber scheint mir, daß btefe Flurnamen in diesen Gegenden Nicht auf Wem und ehemaligen Weinbau Hinweisen, sondern einen andern Urfprung haben. Be­zeichnend. ist, daß der obengenannte Weinberg bei Maar int