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Natürlich .der Graf, sagte ich ungeduldig, wer sonst besäße im Hause wohl Einfluß genug —?
Sie unterbrach mich mit einer Bewegung des Wider- willens. ।
Sprich nicht von ihm! rief sie aus, der Graf ist der elendeste Mensch, den es auf Erden gibt! Der Graf ist ein nichtswürdiger Spion —!
Ehe weder die eine noch die andere von uns ein Wort hinzufügen konnte, wurden wir beide durch ein leises Klopfen an der Tür beunruhigt.
Ich hatte mich noch nicht gesetzt und ging daher, um zu sehen, wer es sei. Ms ich die Tür öffnete, stand die Gräfin, mein Taschentuch in der Hand haltend, vor mir.
Sie ließen dies unten fallen, Miß. Halcombe, sagte sie, und da ich auf meinem Wege nach meinem Zimmer hier vorbeikam, wollte ich es Ihnen gleich überbringen.
Ihr Gesicht, welches von Natur blaß ist, war so gespenstisch weiß in diesem Augenblicke, daß es mich förmlich erschreckte. Ihre Hände, sonst so sicher und ruhig, zitterten heftig, und ihre Augen blickten durch die geöffnete Tür an mir vorbei und hefteten sich mit einem wolfartigen Ausdrucke auf Laura.
Sie hatte gehorcht, ehe sie klopfte! Das sah ich in ihrem weißen Gesichte, in ihren zitternden Händen, in ihrem wilden Blicke.
Nachdem sie eine Minute gezögert, wandte sie sich um und ging langsam fort.
Ich schloß die Tür wieder. O Laura, Laura! flüsterte ich, wir werden beide den Tag zu bereuen haben, an dem du jene Worte sprachst!
Du hättest sie selbst gesprochen, Marianne, hättest du gewußt, was ich weiß!
Hat man denn Anna gesunden? fragte ich atemlos. Hast du sie am See gesehen?
Nein, sie hat sich gerettet, indem sie ausblieb. Als ich im Boothause anlangte, war kein Mensch dort.
Ja? nun?
Ich ging hinein, setzte mich und wartete einige Minuten. Doch ließ mich meine Unruhe wieder aufstehen und umhergehen. Als ich hinaustrat, sah ich dicht vor dem Boothause «Spuren im Sande. Ich bückte mich, um genauer hinzusehen und fand ein Wort mit großen Buchstaben in den Sand geschrieben. Dies Wort war „Suchet!"
Und du scharrtest den Sand fort und machtest ein Loch in die Erde?
Woher weißt du das, Marianne?
Ich sah es, als ich dir nach dem Boothause gefolgt war. Wer fahre fort — fahre fort!
Ja, ich scharrte den Sand fort, und nach einer kleinen Weile fand ich einen Streifen beschriebenen Papiers. Das Geschriebene war mit Anna Cathericks Anfangsbuchstaben unterzeichnet. !
Wo ist es?
Sir Percival hat es mir genommen.
Erinnerst du dich, was auf dem Papier geschrieben stand? Glaubst du, daß du es mir genau wiederholen könntest?
Ja, der Inhalt war kürz. Er lautete:
„Wir wurden gestern von einem großen, starken, alten Manne Zusammen gesehen, und ich mußte laufen, um mich zu retten. Er war nicht flink genug auf der» Füßen und verlor mich unter den Bäumen. Ich wage nun nicht, heute um dieselbe Zeit wieder, hierher zu kom- inen. Ich schreibe dies, um Sie hievon zu unterrichten, nm sechs Uhr morgens und werde es im Sand verbergen. Wenn wir das nächstemal von Ihres gottlosen Gemahls Geheimnisse sprechen, da muß es an einem sicheren Orte sein oder gar nicht. Suchen Sie sich in Geduld zu fassen. Ich verspreche Ihnen, daß Sie mich Wiedersehen sollen, und zwar bald. A. C."
Die Worte „großer, starker, alter Mann" (von deren Richtigkeit Laura überzeugt war) ließen keinen Zweifel übrig in Bezug auf die Identität des Störers. Ich entsann mich, daß ich Sir Percival in Gegenwart des Grafen gesagt hatte, Laura sei nach dem Boothause gegangen, um ihre Brosche zu suchen. Wahrscheinlich war er ihr in seiner zudring- lichen Dicnstfertigkeit dorthin gefolgt, um sie, gleich nachdem er mir im Gesellschaftszimmer Sir Percivals Sinnesände- rung in Bezug auf das Dokument mitgeteilt, ebenfalls darüber zu beruhigen. In diesem Falle konnte er jedoch erst in dem Augenblicke, wo Anna Catherick ihn entdeckte, beim Boothause angelangt sein. Die verdächtige Eile,
rn der sie Laura verließ, hatte ihn wahrscheinlich zu denk fruchtlosen Versuche, ihr zu folgen, bewogen — aber von der vorher stattgehabten Unterredung konnte er nichts gehört haben. Die Entfernung vom Hause bis zum See und die Zeit, zu der er mich im Salon verließ, verglichen mit der, zu welcher Laura sich mit Anna Catherick unterhielt, ließen hierüber wenigstens keinen Zweifel obwalten.
, Da ich hierüber ziemlich einig mit mir geworden, war mein nächstes Interesse darauf gerichtet, zu erfahren, welche Entdeckungen Sir Percival gemacht habe, nachdem der Graf ihm seine Mitteilungen gemacht.
Wie bist du des Briefes verlustig geworden? frag ich sie.
Nachdem ich ihn einmal durchgelesen, sagte sie, nahm ich ihn mit mir ins Boothaus, um mich zu setzeu und ihn, nochmals zu lesen. Während ich dies tat, fiel ein Schatten auf das Papier. Ich blickte auf und sah Sir Percival im Eingänge stehen und mich beobachten.
Versuchtest du, den Brief zu verbergen?
Ja, ich versuchte es, aber er verhinderte mich. „Du brauchst dich nicht zu bemühen, das da zu verstecken," sagte er, „ich habe es bereits gelesen." Ich konnte nichts sagen, sondern ihn bloß hilflos anschauen. „Verstehst du mich?" fuhr er fort; „ich habe es gelesen. Ich scharrte es vor zwei Stunden aus dem Sande, grub es dann wieder ein, schrieb das Wort wieder darüber und ließ es bereit für dich liegen. Jetzt kannst du dich nicht aus deinen Schlichen herauslügen. Du hast gestern heimlich Anna Catherick gesprochen, und in diesem Augenblicke hältst du ihren Brief in der Hand. Sie habe ich noch nicht erwischt, aber dich Habs ich. Gib den Brief her." Er trat dicht zu mir heran —j ich war allein mit ihm, Marianne — was konnte ich machen? Ich gab ihm den Brief.
Was sagte er, als du ihm denselben gabst?
Zuerst sagte er nichts. Er faßte mich beim Arme, führte mich aus dem Boothause und schaute sich nach allen Seiten hin um, als ob er sürchte, daß man uns hören oder sehen könne. Dann drückte er meinen Arm fest mit seiner Hand und flüsterte: „Was hat Anna Catherick dir gestern gesagt? — Ich befehle dir, mir jedes Wort von Anfang bis zu Ende zu wiederholen!"
Und was hast du gesagt? fragte ich. -
Alles. Er bestand darauf — ich war allein mit ihm —i ich konnte ihm nichts verschweigen.
Sagte er etwas, als du geendet?
Er sah mich an und lachte bitter vor sich hin. „Ich will auch das übrige noch aus dir herausbringen," sagte er, „hörst du? auch das übrige." Ich erklärte ihm mit feierlichen Worten, daß ich ihm alles gesagt habe, was ich wisse. „Fällt dir nicht ein!" sagte er; „du weißt mehr, als dir zu sagen beliebt. Du willst nicht heraus bamit, aber du sollst es! Ich 'will dir's schon zu Hause auspressen, wenn mir's hier nicht gelingt." Dann führte er mich auf einem mir unbekannten Pfade durch die Anlagen, einem Pfad, auf dem keine Aussicht war, dir zu begegnen, und sagte nichts mehr, bis wir das Haus sehen konnten. Dann stand er still und sagte: „Wenn ich dir noch einmal Gelegenheit gebe, willst du dich eines Bessern besinnen? Willst du mir das übrige sagen?" Ich konnte bloß die Worte wiederholen, die ich bereits vorhin zu ihm gesprochen. Er fluchte meiner Hartnäckigkeit, setzte dann seinen Weg fort und führte mich ins Haus. Wie es mir und Fannh erging, weißt du ja schon, Marianne. Du kannst ihn dir nicht vorstellen. Er. sah aus und sprach wie ein Wahn- sinniger; du wirst es kaum begreisen, aber es ist wirklich wahr.
Ich begreife es, Laura. Er ist in der Tat wahnsinnig — wahnsinnig aus Furcht vor dem Verrat seines •gott» losen Geheimnisses. Jedes deiner Worte überzeugt mich fester und fester, daß, als Anna Catherick dich gestern verließ, du im Begriffe warst, ein Geheimnis zu entdecken,; das deines elenden Mannes Untergang sein könnte, und er denkt, daß du es bereits erfahren hast. Nichts, das du sagen oder tun kannst, wird dieses schuldbewußte Mißtrauen beseitigen, oder seine falsche Natur von der Wahrhaftigkeit der deinigen überzeugen. Ich sage dies nicht, Liebe, um dich zu beunruhigen. Ich sage es nur, um dir die Augen zu öffnen, damit du deine Lage begreifst, und um dich von der dringenden Notwendigkeit zu überzeugen, daß ich handeln und dich nach Mästen schützen mutz, solange uns noch die Gelegenheit dazu bleibt..
(Fortsetzung folgt.)


