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Mtelle, die sM so echt b'M» philisttös Sontrapunkttsch anließ, tote erfüllt von der größten Hochachtung Mflüsterte: „Ah, tone faffite!"' Der Ausdruck seines Gesichts 6h dieser anerkermenden Bemerkung ist mir unvergeßlich; die gute Graftrr nahm sie natür-
De?Tir^c"^er Münchener Musikschule, Franz Sauser, toar ein Original, dem aber für seine Stelümg die umfassende allgemeine musikalische Bildung abgrn^. Daher Hatte er, tote alle derartige Leute, sehr automatische Nelgungen, bte rhn manchrnal in Konflikt mit seinem Lehrerkollegium brachten, Gewöhnlich süddeutsch behaglich, wurde er im Zorn sehr ausfahrend mü> hefttg, la boshaft. Talentlose Schüler, und deren gibt es Sekanntlrch Mehr als talentvolle, konnten ihn ganz aus denr Häuschen bimgen Und wild machen. Ich sah ihn einst furchtbar aufgebracht über eine Schülerin, die Unrein sang. Wütend ging er um sre herum, brs er plötzlich stehen blieb, sre von der Seite scharf betrachtete und in die Worte ausbrach: „Ja, wie kann man denn auch rein singen, wenn nmn so schmutzige Ohren hat!"
Die Wiesen an der Wasch, dem Wiesengrurrd, der sich von Hannover; aus dem Lauf der Leine entgegen weit hinaus erstreckt, wurden im Herbst durch' Stauungen überschwemmt und boten rm Winter eine große, spiegelglatte Eisbahn. Sie lockte auch Joachim, das Schlittschuhlaufen zu versuchen; er gab drese Studie« Uber verständigerweise sehr bald auf, obwohl ihn der unterstützende Dienstinann zur Fortsetzung durch den Zuspruch ermutigte: „Herr Wonzertdirektor, Sie haben ja auch das, Violinspielen gelernt, Md das ist doch viel schwerer!"
Ein Künstler von weniger hoher Art Und doch auch ein Mnstler war Alfr ed Jaell. Er hatte einen weichen, schönen Anschlag intb außerordentliche Fingerfertigkeit. Perlende Läufe Md Trillerketten schüttelte er mir so aus dem Aermel; eine Karm- kaMr stellte ihn mit zehn Fingern an jeder Hand dar. Am meisten Erfolg hatte er mit zierlichen Salonstücken; doch wußte er srchauch leidlich gut zu Beethovens 0-NoII-Kouzert M stellen. Stets munterer Laune, ein liebenswürdiger Gesellschafter und überall Sen gesehen, war er zu lustigen Streichen immer aufgelegt. Wenn einen davon erzähle, so geschieht es zugleich, um zu zeigen, toelche Art von Leuten sich an den kleinen Höfen (vielleicht auch ün den großen) einzunisten versteht. Im selben Gasthause mit Ms wohnte «in unbedeutender Violoncellspieler, dessen, ganzes Repertoir aus einigen sentimentalen Fadaisen bestand, Feri Metzer, tziner von den fahrenden Musikanten, die das Künstlertum diskreditieren. Er hatte eine ganze Sammlung von Orden deutscher Duodezfürsten ergattert und ließ sich von Hof zu Hof empfehlen. Man erzählte, daß er einem fürstlichen Haupte auf die Frage, Mas denn die Ursache der schmerzlichen Stimmung einer von ihm !k>mponierten und stets gespielten Elegie gewesen sei, die ver- jblüfsende Antwort gegeben haben: „Die Geldkrisis in Nordamerika." Dieser Kletzer hatte bei einem früheren Besuch in Hannover b!om König ein wertvolles Violoncell zum Geschenk erhalten; diesmal hoffte er auf einen Orden und erwartete täglich dessen Zuwendung. Daraus baute Jaell; er kam zu uns aufs Zimmer, .verpackte eine Orange in Mzählige Hülsen und gab dem Päckchen durch Siegelabdrücke von Talerstücken und entsprechende Aufschrift einigermaßen das Aussehen einer Zusendung vom Hofe. Er übergab das Päckchen einem Kellner zur Abgabe an Kletzer und eilte rasch zu diesem, UM den Effekt zu beobachten. Der Streich gelang vollkommen; Jaell kam nach kurzer Zeit zu uns zurück Md berichtet, indem er sich vor Lachen schüttelte, wie Metzer eine Hülse nach der andern vor Ungeduld zitternd' abgerissen hatte. Nm zulM die bitterste Enttäuschung zu erfahren und vor Zorn außer sich zu geraten.
Brahms war bei seinen Besuche« tit Breslau fast immer mit uns zusammen, nahm auch, teil an unserer Kegelpartie. An einem Abend,- den er bei Ms verbrachte, war er so übermütig, Md lustig, daß er, während die Damen noch ihre Mäntel um- Mhmen, yt das dunkle Treppenhaus voraneilte, um sie dann Mötzlich, mit furchtbarem Geschrei hervvrbrechend, M erschrecken. Dummes Geschwätz verttug er freilich nicht. Einer Dame, die ihn bei Tisch fragte: „Sperr Brahms, wie machen Sie es mir, so tiefempfundene MUsik zu schreiben?" gab er zur Antwort r r,Das ist doch sehr einfach: die Verleger bestellen sie so/'
Vermischtes.
® Propaganda-Ingenieure. Immer häufiger stößt man in den Zeitschriften der Ingenieure auf Stellenangebote mit dem Stichwort: Propaganda»Ingenieur, Stilist, Literat oder Reklame-Ingenieur. Der Beruf ist noch zu neu, als daß es für ihn bereits eine feststehende Bezeichnung gäbe. Ebensowenig wie die Bezeichnung des Berufes, ist die ihm zugrunde liegende Tätigkeit eine einheitliche. Häufig handelt es sich um das Ausarbeiten von Patentschriften, Katalogen, Prospekten und anderen Drucksachen, mitunter auch um Reklameentwürfe für Zeitungen und Fachzeitschriften, und nur in verhältnismäßig wenigen Fällen um eine ausgesprochene, systematisch betriebene, literarische Propaganda. In erster Linie sind es die Kartelle und wirtschaftlichen Bereinigungen in mehr oder weniger loser Form, die zur Steigerung ihres Absatzes und Bekämpfung konkurrierender Interessengruppen der
fachmännischen Feder bedürfen. Zu diesem Zwecke unterhalten sie literarische Bureaus, deren Aufgabe es ist, durch wissenschaftliche Aussätze allgemeinen und technischen Inhalts und Vorträge in geeigneten Fachvereinen die vertretenen Interessen zu fördern und gegebenenfalls entgegenstehende Interessen mit den gleichen Mitteln zu bekämpfen. Die literarische Propaganda einer Interessengruppe schließt natürlich nicht aus, daß bei losen Vereinigungen, denen der Berkaus der Erzeugnisse nicht untersteht, jede einzelne Firma literarische Propaganda treibt. Der Bedeutung nach stehen jedoch die bei Einzelfirmen — begreiflicherweise können es nur die größeren sein — tätigen Propaganda-Ingenieure hinter denjenigen zurück, die bei Syndikaten und ähnlichen Wirtschaftsvereinigungen tätig sind. Was wird von einem Propaganda-Ingenieur verlangt? Zunächst gründliche Kenntnisse und Erfahrungen auf denjenigen Gebieten, die er zu vertreten berufen ist, und zumindest eine allgemeine Vertrautheit mit Theorie, Praxis und den wirtschaftlichen Verhältnissen aus denjenigen Gebieten, die mit den ersteren in Wettbewerb Iehen und demzufolge bekämpft werden sollen. Die Voraussetzungen dazu find gute technische und volkswirtschaftliche Bildung und mehrjährige Praxis. Von größter Bedeutung ist die stilistische Gewandtheit; sie ist ohne natürliche Veranlagung ebensowenig denkbar, wie ohne gute Allgemeinbildung. Zuguterletzt gehört noch ein Stück guten Geschmackes und ein Körnchen Psychologie dazu. Die Aussichten der Propaganda-Ingenieure sind die denkbar günstigsten, mag auch die Bezahlung anfänglich nicht die beste sein. Zum wenigsten hat ihr Beruf das eine für sich, daß sie die Volkswirtschaft von einer Seite kennen lernen, die nicht jedermann zugänglich ist. Die angeführten Bedingungen und die Gunst der Verhältnisse vorausgesetzt, steht ihnen der Weg zum wirtschaftlichen Erfolg offen.
kf. Dieulafoy als Trapezkünstler. Aus dem Leben des soeben verstorbenen berühmten französischen Arztes Professor Dieulafoy, der durch seine segenbringende Tätigkeit in dem bekanntesten der Pariser Krankenhäuser, dem „Hotel-Dieu" wie durch seine wissenschaftlichen Arbeiten Weltruhm erlangt hat, erzählt der „Gaulois" folgende hübsche Geschichte. Der junge Dieulafoy studierte in einer südsranzöstschen Universitätsstadt Medizin. Gleichzeitig aber war er ein leidenschaftlicher Turner, den alle sein« Kommilitonen wegen seiner körperlichen Gewandtheit bewunderten. Besonders am Trapez verstand er die schwierigsten Kunststücke mit einer Eleganz auszuführen, die an Virtuosität grenzte. Eines Tages nun hatte zufällig ein Jahrmarktsunternehmer Gelegenheit, den turnerischen Leistungen des jungen Mediziners zuzusehen. Er war darüber so entzückt, daß er ihm aus der Stelle ein ungewöhnlich hohes Honorar bot, falls er bei ihm öffentlich auftreten wollte. Dieulafoy muß den Herrn recht verdutzt angesehen haben; einige Augenblicke wußte er nicht, was er erwidern sollte, dann sagte er: „Ich möchte doch lieber meine medizinischen Studien vollenden; aber mein Freund hier, der ist viel kräftiger und viel geschickter als ich und er wird sich gewiß nicht weigern, Ihren Vorschlag an- zunehmen". Mit diesen Worten stellte er dem Unternehmer seinen Freund vor und begründete so die Karriere Lsotards, der heute einer der berühmtesten und gefeiertsten französischen Turnkünstler ist.
kl. Eine natürliche Lampe. Man kann von einer Waldwanderung eine ganz ergötzliche Naturlampe mit Heimbringen, wenn man den verrotteten Waldboden und seine Lauhdecke, wie sie sich im Herbste bildet, beachtet. Namentlich an den im Boden steckenden Baumstümpfen, an denen sich die Rinde leicht vom Holze trennen läßt, findet man häufig dunkle verzweigte Stränge. Solche Stammstücke soll man, wie wir in der Zeitschrift „Natur* (Verlag von Thomas in Leipzig) lesen, sofort zwischen feuchtes Moos legen. Bringt man sie bann zu Hause in einem zur Hälfte mit feuchtem Filterpapier ausgekleideten Kolben, so kann man spätestens in zwei bis drei Tagen das magische Licht aufleuchten sehen, das nicht eine Verwesungserscheinung ist, sondern, wie man heute weiß, mit der Lebenstätigkeit des Hallimaschpilzes, der das faulende Holz durchzieht, zusammenhängt. Unter günstigen Verhältnissen läßt sich, namentlich bei warmer Temperatur, mit einer olchen natürlichen Lampe so mel Licht entwickeln, daß man bei ihrem Scheine große Druckschrift lesen kann.
Bilderrätsel.
Auslösung be-8 Rätsels in voriger Nummer r Gas, Gast.
Auflösung in nächster Nummer.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.


