Ausgabe 
26.8.1911
 
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K 581

Bahnschmerzen kriegen im Wald oder schon in der Eisenbahn vom Zugwind, Mutter, hier..." er klopfte zärtlich auf den Pappkarton. . .ist alles vertreten, was dir hilft!"

Oder du deine Magenverstimmung, Vater!"

Nu, auch dafür is gesorgt," lachte der,unsre Landpartien werden von keiner Mißstimmung mehr gestört werden. Mau hat immer die besten Hilfsmittel zur Hand. Seht mal her. . . ."

Es sah in der Tat allerliebst aus. Man hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß soviel Dinge in so einem schmalen Papp­karton enthalten sein konnten. Fläschchen, Büchslein, Tütchen vnd Riechfläschchen, alles fein säuberlich etikettiert, und der Inhalt nebst Wirkung bezeichnet:

Jnsektenstift", wirkt bei rechtzeitiger Anwendung sofort; r,Karbollösung", zum Auswaschen von Wunden;Hoffmanns­tropfen", gegen Uebelkeit, Kopfschmerz oder Schwindel.

Des is für Kurten!" schrie Erna dazwischen.

Kurt haute sofort zu.Woll'n mal sehn, wer de größere Schwindelliese is!"

Choleratropfen", las Vater unbeirrt weiter, indem er seiner Öt einen vielsagenden Blick zuwarf,fünfzehn Tropfen auf

er gegen Kolikanfälle. Baldriantropfen, bestes Mittel gegen M ag e nbeschw erd en."

Hier bekam Vater den Blick von Frau Neumann ebenso viel­sagend zurück.

Vaselinstist, gegen Wundlaufen. Doppelkohlensaures Natron, bei Sodbrennen oder Herzklopfen. Verbandwatte, Zahntropfen."

Was kostet denn das alles zusammen?" fragte Frau Neu­mann, ängstlich 'geworden vor soviel Auswahl medizinischer Hilfs­mittel.

. . . . Englisch Pflaster, Blutstillende Watte, Sicherheits- ünd Stecknadeln, Mullbinden," endete Vater aufatmend.Wenn man bedenkt, das alles für drei Mark in so handlicher und gtz- diegener Ausstattung zu bekommen, dann, . . . willste wohl mit de Fingern weg, Grete!"

Aber es war schon zu spät. Ter schöne, neue, glänzende Pappdeckel der Wanderapotheke war eingerissen.

Tausch se um," riet Mutter.So was darf doch nicht gleich vom bloßen Anfassen . . . ."

Aber Vater ließ heute keinen ausreden.

Anfassen.....deine Kinder, und bloß Anfassen! Aus­

einandergezerrt hat die Jöre den Deckel, regelrecht auseinander­gezerrt. Da reißt Leder ja entzwei, wenn so mit umgegangen wird. Macht euch mal en bißchen schnell fertig. Wir fahren! heute raus bei dem schönen Wetter. Wenn Man an seinem einzigen freien Nachmittag in der Woche niet) mal ne Tour machen soll . . dalli, bis dreie seid ihr mir marschfertig!"

Die Kinder stoben davon, Frau Neumann folgte langsamer Und Herr Neumann liebäugelte unterdessen mit seiner Wauder- apotheke. Er sah sich schon im Geiste als sorgender Vater in der Waldeinsamkeit Wunden verbinden, Schmerzen stillen uuo den Seinen ein guter Helfer in jeder Not sein. Was wär das immer für eine Zucht und ein Aerger unterwegs auf den Landpartien gewesen! Mal fehlte den Kindern was, mal der Frau, mal war ihm selber schlecht in Staub und Hitze geworden. Nun aber würde es anders sein, nun hatte er zahllose Fläschchen, Tuben und Bnchs- lein immer bei sich, die helfen konnten. . . .

In einer Stunde war man am Borortbähnhof und fuhr in den Wald hinaus. Bereits im Zuge musterte Herr Neumann jedes Mitglied seiner Familie mit Argusaugen.

Ist dir das Rütteln der Eisenbahn nicht sehr unangenehm?" fragte er endlich seine Gattin, da er gar zu gern den anderen Passagieren seine Wanderapotheke vvrgestellt hätte.Dir wird hoch sonst immer übel beim Fahren, Schatz."

Schatz" lachte sorglos:Nein, heute gelst's sehr gut. Warum denn. . . seh' ich so schlecht aus?"

Nein," stotterte Herr Neumann,ich meinte bloß so . ." Und beinahe mit Bedauern sah er in das gesunde, rotwangige Antlitz feiner lieben Gattin.

Fallt bloß nicht," mahnte die, als man Vom Bahnhof der kleinen Station durch den Wald weiterwanderte, und die Kinder wie die Wilden durch Busch und Tann jagten.Bloß nicht wieder so wild fein wie das vorige Mal, als sich Kurt das' Bein anfschlug Und Gretchen die Nase blutete."

Aber, laß doch die Kinder," lenkte Herr Neumann ab.Wozu Machen wir denn Landpartien, wenn die Kleinen ihre Freiheit hier draußen im Walde nicht genießen sollen!"

Frau NeuMann starrte ihren Mann entgeistert au. Selbst die Kinder sahen bewundernd zum Vater auf, der ihnen heute! seltsamerweise so viel Freiheit ließ. Kurt durfte auf Baums klettern, Erna zwischen die dornigen Himbeersträucher laufen, und Gretchen sogar auf dem nadligen Boden Purzelbäume schießen.

Einmal schrie der Junge laut auf. Herr Neumann stürztü ttuf ihn zu, die Hand fchon in der Rocktasche, wo die Wander- gpotheke war.Was is denn?" fragte er gespannt.

Ich.....ich hab' mir so den Kopf gestoßen."

Blntet's?"

Kurt blickte unsicher in des Vaters seltsames Gesicht.

I wo bloß meine neue Bluse is aufjerissen sag's Muttern nid), nee, Vater?" Und schon tollte er weiter durch den Wald.

Mufikeranekdoten.

Der Frankfurter Musiker Bernhard Scholz veröffentlicht soeben unter dem TitelVer klung eue Weifen im Ver­lage von Joseph Scholz in Mainz einen Band Lebensermne- rungen. Scholz ist in seinem vielbewegten Leben, dessen Haupt­stationen München, Zürich, Nürnberg, Hannover, Berlin und Breslau waren, ehe er sick) endgültig in Frankfurt festsetzte, mit den bedeutendsten Musikern zusammengekomMeu, und fast aus jeder Seite seines fesselnden Erinnernngsbuches kann er von berühmten Künstlern erzählen. Sein Buch ist auch reich an allerhand drolligen Begegnungen mit Berühmtheiten, wie die folgende Blütenlese zeigt: . &

Graf Stainlein, ein österreichischer oder bayerischer Kava­lier, reiste mit seiner Frau, seinem Söhnchen, das wie em Page aus der Renaissaucezeit gekleidet war, feiner SchMegermutter u d zwei Streichquartetten eigner Komposition tn Deutschland Und Italien herum, um Künstler und KunUreunde Mit ferner Mus^ bekannt zu machen. Ich erhielt eine Einladung von ihm, auch

Abbate Franz Liszt erschien. Liszt war, tote immer, liebenswürdig, besonders gegen die Damen. Sehr amu,aut war es, ibn bei der Aufführung der Quartette zu beobachten, wie er. Neben der Gräfin sitzend und verbindlich lächelnd, ihr ber einer

Herr Neumann tief sich darauf seine Töchter herbei.

Na . . . und ihr? Tun euch denn heute gar nicht die Füße vom Laufen weh?"

Nein, Batchen," lachten die Mädels vergnügt.

Zeig mal deine Hände her," befahlBatchen" der sechs­jährigen Grete.

Die Kleine hob vergnügt die schinutzigen Finger.

Wahrhaftig, fein Riß von den Himbeersträuchern," staunte Herr Neumann kopfschüttelnd, indem er mit Wehmut an da' schöne Heftpflaster feiner Wanderapotheke dachte.Und son habt ihr alle Nase lang ne dicke Schramme."

Er gefeilte sich wieder feiner Gattin zu, die andachtsvoll bi, stillen Waldwege entlangschritt.

Guck nur, Water, die hohen Kiefern! Und die weißen Birken dazwischen wie schön das aussieht. Und da, Farren wie ist doch der Wald hier herrlich!"

Vater folgte den bewundernden Blicken nur sehr widerwillig., Und Kopfschmerzen haste wohl heute auch nicht?" fragte er nach einer kleinen Weile.

Gott fei Dank, nein, Schatz," lautete die zufriedene Antwort, Da schrie Erna auf.

O Gott, das Kind . . . ."

Fran Neumann lief, Herr Neumann lief, wahrend (Erna weinend aus dem Gebüsch gejagt kam und sich die Backe hielt, Zahnschmerzen!" durchfuhr es den sorgenden Vater mit einer Art freudigen Schreckens.Gottlob, daß man heute Zahntropsen bei sich hatte . . . ."

Mer Erna hatte keine Zahnschmerzen. Eine Raupe war ihr über das Gesicht gekrochen, gerade über die Backe.

' ' Herr Neumann schalt furchtbar:So ein großes Mädel, daß sich noch vor Raupen fürchtet . . . ."

Was war denn heute nur los mit Vater? Der war doch sonst nicht so wunderlich. Ruhelos lief er durch den Wald, all« Augenblicke fragte er, ob keiner Schmerzen hätte oder wunde Füße, man kam eigentlich gar nicht zur rechten Wanderfreude.

Einmal blieb er wie verloren mitten im 558 ege stehen, und sah sich wie suchend um.

Ist schön hier, nicht wahr?" fragte Frau Neumann sofort, hier könnten wir eigentlich ein bißchen ausruhn."

Ach was, ausruhn . . ." sagte Vater Neumann und mackste ein fürchterliches Gesicht.Ich glaube, ich muß ein paar Baldrian­tropfen nehmen, ich glaube, meine Magenschmerzen kommen wieder . . . ." n ~

Sind sie denn noch nicht da?" fragte Frau Neumann schüchtern. .

Nein. . . aber man muß doch vorbeugen... Dabei, öffnete er mit einem Seufzer der Erleichterung zmn erstenmal unterwegs feine Wanderapotheke.Fünfzehn Tropfen auf Zucker .... ein Glück, daß ich ein Stück Zucker eingesteckt habe. So . . . brrrr, schmeckt das Zeng gemein

Herr Reumann spuckte, und zog zum Gaudiuni der Kinder eine Grimasse. Und er spuckte auch noch den ganzen Weg bis zum nächsten Restaurant weiter. .

Bier," stöhnte er,so eilten Mordsdnrst habe ich mein ganzes Leben noch nicht gehabt!" Doch als das Bier da war, geschah etwas Ungeahntes. Herr Neumann setzte das Glas an, wurde geisterbleich und spuckte noch mehr.Ich kann nickst,» stöhnte er,ich muß mir Milch oder Schokolade bringen lassen. In dem Bier müssen buch Baldriantropfen drin sein. . .

In tiefem Mitgefühl legte Frau Neumann die Hand auf. die ihres schwer geplagten Gatten.Die dumme Wanderapo­theke!" sagte sie.Das nächftemal läßte sie zu Hause, Baten Den ganzen Tag haste dir damit verdorben, und . .

Und uns auch, wollte sie sagen, verschwieg es aber, als lie das Gesicht ihres lieben Maniies sah. ,

Und so kam es, daß die Wanderapotheke bei Reumanns nur zU Hause benutzt wird. ....