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werden, und deshalb hatten wir Niels Kruse gebeten, die Leitung zu übernehmen. Kruse ist jedoch eine viel zu ausgeprägte Persönlichkeit, um sich Vorschrifteu machen und seine Arrangements durchkreuzen zu lassen. Als er das sah, verzichtete er — und wir verzichteten mit ihm."
„Sehr schade," sagte die Exzellenz, und rollte ein Brotkügelchen zwischen den Fingern.
„Es ging so nicht an, Exzellenz," antwortete der Bür- •. germeister, „Kruse hatte sich das anders gedacht — zu wenig vom gesellschaftlichen Standpunkte ans — es ließ sich nicht machen."
„Und nun ist das Fest aus den Sommer verlegt worden, wie ich höre," warf die Hönigswald ein.
„Ja, gnädigste Gräfin," entgegnete Eberstedt. „Aber da sich bereits ein neues Komitee für das Seemannsheim gebildet hatte, mußten wir für das Sommersest andere humanitäre Zwecke suchen."
„Und welche?" fragte Frau von Zehren.
„Wir hatten an eine Heimstätte für mutterlos gewordene uneheliche Kinder gedacht, gnädige Frau."
„Bravo!" rief Frau van Beek. „Das freut mich — und freut mich ganz besonders, daß an diesem Hilfswerk auch die Gesellschaft teilnehmen will. . ."
Die junge Frau des alten Mannes nickte Everstedt freundlich zu . . . „Sehen Sie, bei uns jenseit der Grenze ist man noch vielfach ungeheuer engherzig. Es gibt da Kreise, die auch für die soziale Arbeit gern eine Moral konstruieren möchten. Schon an der unehelichen Geburt würden manche Anstoß nehmen. Sie würden ihre Hilfe versagen oder jedenfalls zu verschleiern suchen, weil eine falsche Vornehmheit und eine dünkelhafte Lebensanschäu- ung sie hindert, ehrlichen Herzens zu sein."
„Sehr gut, gnädigste Frau," sagte der Gesandte. „Mir aus der Seele gesprochen. Lieber Herr Everstedt, ich applaudiere. Haben Sie das Komitee schon zusammen?"
„Es ist noch in der Bildung. Prinz August steht an der Spitze."
„Charmant. Darf auch ich beitreten?"
„Wird uns eine Ehre sein, Exzellenz."
Der Gesandte wandte sich an den Bürgermeister. „Vom Senat sind wohl die meisten dabei?" fragte er.
Der Bürgermeister ioar Diplomat. „Herr Everstedt ist noch nicht an uns herangetreten," antwortete er ausweichend.
„Es soll schon morgen geschehen, Herr Oberbürgermeister," entgegnete Everstedt, und Henny rief, während ihre Wangen erglühten:
„Papa, ich habe die Listen — ich gebe sie dir! Auch den Stistungsentwurf. Die ganzen Drucksachen!"
Wieder nickte Frau van Beek freundlich über den Tisch. „So ist's recht. Das ist eine bessere Vornehmheit als die, von der ich vorhin sprach: ist Menschenliebe, die sich nicht durch ästhetische Lannen einschüchtern läßt."
Und nun sah Traute, daß die Komteß Andrea ihr Glas nahm nnd mit Everstedt anstieß und hörte, wie sie sagte: „Auf gutes Gedeihen Ihrer Pläne, Herr Everstedt. Vielleicht haben Sie auf Ihrem Sommerfest auch ' ein Plätzchen für mich übrig."
„Immer, Komteß," erwiderte Everstedt. „Es wird ein Märchenfest im Walde, und ihr Gegenüber ist dabei die Feenkönigin."
Zum ersten Mal sah die Komteß Traute voll ins Gesicht. Auch Traute hatte den Kopf erhoben. Beider Augen trafen sich, und in den Blicken lag ein suchender Ausdruck. Dann spielte wieder der hochniütige Zug über das Antlitz der jungen Gräfin, und um die Lippen grub sich, rasch verschwindend, eine herrische Linie ein.
Trante fühlte ihr Herz hämmern. Warum durfte sie Nicht der anderen ihr Weinglas in das Gesicht schleudern? Sie wußte plötzlich genau: sie haßte die Komteß. Bon beiden Seiten sprachen die Herren zu ihr. Eggers flüsterte Bosheiten, Löneyscu graunste behaglich. Sie hörte jedes Wort und verstand nichts. Sie sah jetzt klar: aus den beiden gegenüber sollte ein Paar werden. Warum nicht? Der Gesandte war von armem Adel und Everstedt eine glänzende Partie. Und die Komteß war eine Schönheit, und wie sie ihn mit jeden: Blicke umwarb, das merkten schon andere als nur Hans Eggers. Sie war sicher auch klug; sie führte die Unterhaltung mit der feinen Kühnheit einer weltklugen Frau. Er widmete fich wenig seiner Nachbarin
zur Linken; er sprach fast nur mit der Komteß, la'chiö übermütig über ihre Scherzworte und würde warm, wenn sie ein ernsteres Thema anschlug.
Noch immer blieb die allgemeine Anregung dem Sommerfest und seinen Zwecken getreu. Als die Diener den schlecht gekühlten Sekt in die Gläser füllten, war sogar Fräulein von Simkowitz der Ansicht, daß ein edles Ziel auch das weltlichste Vergnügen adle, und zwar gab sie diese schöne Sentenz von sich, ohne daß man eure Muskel unter! der Patina ihrer Schminke spielen sah. Am lebhaftesten war die kleine Frau van Beek, doch auch die Gattin des Bürgermeisters und die Gräfin Hönigswald zeigten plötzlich warmes Interesse für die Pläne Eberstedts, und nun strn- delte die Unterhaltung zu den Vorbereitungen für das Sommerfest hinüber.
Everstedt erzählte unbefangen, daß Niels Kruse einen großen Märchenzug zu arrangiere« beabsichtige, an dem auch die Modelle und die Danien vom Theater teilnehmen sollten, und das fand Frau van Beek wieder ganz reizend. Natürlich, nur dann sei etwas Künstlerisches zu erreichen/ wenn n:an sich nicht kleinlich gebärde; zum Besten des Ganzen müßten die sozialen Gegensätze gewissermaßen aufgehoben werden: ein Volksfest verlange allgemeine Beteiligung. Sie sprach immer sehr eifrig und vorurteilslos/ und ihre Frische steckte an.
So kanr es, daß schließlich auch der Bürgermeister bemerkte: „Oh ja — nun natürlich. . . für Künstlerisches sind wir ja immer zu haben. Es darf nur nicht ausarten. Aber das würde das Gegengewicht der guten Gesellschaft von selbst verhindern. Gegen ein wahrhaft künstlerisches Arrangement hätte ich nie etwas — nein, nie . . ."
(Fortsetzung folgt.)
Die Wanderapotheke.
Skizze von Else Krafft (Berlin).
„Seht mal, was ich euch heute mitgevracht habe,' sagst Vater Neumann eines Tags im Sommer, als er nach Haust kam und würdevoll und stolz ein beängstigend kleines Paket! auseinanderwickelte.
„Uns?" fragten die Kinder, mißtrauisch und wie aus einem! Munde.
Und Frau Neumann schalt, ehe sie hinsah: „Was du auch immer zusammenkaufst, wird mal wieder >vas rechtes, sein . . ."
Aber Herr Neumann schien sich heute nicht getroffen ztt fühlen. Er wickelte umständlich weiter, dieweil ein Schmunzelt über sein Gesicht ging.
„Ja, rede du man, gleich wirst du still sein. Sowas Praktisches hast du überhaupt noch nicht gesehen, sowas Ideales . . . autsch! hat denn kein Mensch ’ne Schere, daß man sich an diesem, verflixten Bindfaden die ganzen Finger kaput schneiden muß?"
Alles lies nach einer Schere. Als man sie endlich in Gretchens Puppenwagen gefunden hatte, war Vater schon fertig mit deut Auspacken. Er hielt eine braune, flache Pappschachtel in den Händen, auf die ein blutrotes Kreuz geklebt war.
„Weiter uischt?" fragte der zehnjährige Kurt.
Und Mutter Neumann setzte ausgeregt hinzu: „Js woll wieder ’n Selbst zünder d'rin?"
Seitdem die Streichhölzer so teuer geworden waren, hatte Herr Neumann schon ein Heidengeld für jede Art praktischer! Selbstzünder ausgegeben, von beiten keiner länger als drei Tage richtig funktioniert hatte.
„Seht und staunt," sagt Vater statt aller Antwort. „Eine Wanderapotheke."
„Eine Wan . . , der. . . apothekc?"
Frau Neumann atmete erleichtert auf. Tie Kinder steckten über Vaters Mitgebringe die Köpfe zusammen, und kicherten.
„Js denn eener krank?" fragte Shirt.
„Was sollen w ir'n damit?" erkundigte sich die neunjährige Erna.
„Oooch... ich dachte Schokolade," maulte Gretchen.
„Haltet ’n Mund," schrie Vater. „Sieh mal her, Mutter, wie praktisch das Ding ist! Kann man bequem in der Tasche tragen . . .! Was war'n tzas?" setzte er erschrocken hinzu, als er die Probe gemacht hatte.
„Ich glaube, deine Hose, Schatz," meinte Frau Neumann sanft. „Da muß irgend was aufgerissen sein!"
„Ich werde das Ding lieber in der Rocktasche tragen, die ist breiter," entschuldigte sich Vater. „Ist auch bequemer beim Wandern. Man hätte sich schon längst so eine Miniaturapotheke anschaffen sollen. Grade für die vielen Landpartien, die wir jetzt im Sommer machen, braucht man sie. So oft wir draußen waren, immer is irgend was passiert, wo man nie helfen konnte.. Mal hat der eine die Schmerzen, mal der andre das Malheur, alle Augenblicke wär was los unterwegs. Nu kannfte ruhig beine


