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Menschen und Natur gesucht hübe, und das; ich Lis dahin meist nur die Schwäche, Kleinheit und Unselbständigkeit der Menschen gegenüber den gigantischen, bald brutal-mörderisch-einfachen, bald weichlich-faul-üppigen Naturtypen gefühlt habe. In der weiten Steppe verschlingt die Breite des Raumes den letzten Halt des Menschen, der hier sestwachsen will. Er gerät in das Fließen! der einheitlich sich ausrollenden Ebene. Nur eine Heldenrasse wie unsere nordischen Auswanderer kann hier den Fuß aufstemmen. Im Urwalde des Westens aber vermodert der höhere Wille in der feucht-warmen Luft zwischen den immensen Waldrändern, und das Schlingenwerk der Lianen raubt dem Auge die Fähigkeit der Linienverfolgung. In dieser wilden Pracht verliert die schöpferische Phantasie ihre Kraft, weil ihr jenfeitH des Tatsächlichen kein Raum zum Weiterschaffen gelassen ist, und in der öden Steppe ergeht sie sich in Momenten der Ekstase in Wollust, und in Momenten der Ruhe ist sie erschöpft und sucht vergeblich nach Anregung.
Also das Land Faraka ist ein Eden. Es ist umgeben von' Wüste hier, von Steppe dort/ Der Wüste fehlt das Wasser, durch die Steppe zieht die Stromstraße langweilige Linien. Das Land Faraka aber ist eingekreist durch waldige, geschwungene Berglinien, die zackigen Burgfelsen der Strom burgketteu im Südwesten, die langen Hügelreihen von Ras el Ma und Hausfa Überhaupt im Nordwesten. Das dazwischen liegende Land macht den Eindruck, als habe die Natur einte Freude daran gefunden, in ungebundener Laune einen graziös fröhlichen Garten zu schaffen, in dem sie schattige Bäume und bunte Blumen, krause, gar nicht so gradlinige Palmen uitb dornige, aber als Ganzes genommen, zierliche Büsche anpflanzte. Bald glaubt man sich in einem wohlgepslegten Obstpark zu befinden, bald lockt ein Eindringen in die Boskettlandschaft die Erinnerung an den herzlichen Park Lei Southampton hervor. Zwischen diese Schönheit leitete sie zur Erfrischung und Ernährung viele Kanäle und Seitenwässer, und wo sie besonders auffallende Pracht entfalten wollte, da legte sie am Rande der aufstrebenden Randberge in lauschige Hügelkränze blauleuchtende Seen.
Nimm das Ganze, so ist es ein Land; das uns leicht verständlich ist. Sein Wesen ist nicht tropisch üppig, es erinnerte, mich wohl zuweilen an Norditalien, es ist frisch unb gesund und trägt trotz seiner gewissen A'ehnlichkeit mit südeuropäischem Lande, trotz seiner Lage in Afrika eine Eigenart für sich. Es spricht hier ein so klarer und ausgeprägter Charakter, ein so abgemessenes eigenes Formwesen und selbständiges Lebensbewußtsein, daß man Faraka wohl mit keinem Lande der Erde vergleichen kann.
Es ist ein selbständiges Lebensbewußtsein in diesem Lande vorhanden. Sicherlich! Die Zeiten sind hier scharf getrennt., Saat und Ernte, Mäßigung des Reichtunis, den die Doppclspende an Reichtümern in; Boden mtb1 Reichtum im Wasser gewährt, da beides gegliedert ist durch regelmäßig wechselnde Hoch- und Tiefstände des Wassers, solchergestalt entsteht der Schlag eines Blutkreifens, der alle Glieder und auch den Köpf belebend durchlaufen nmß.
In ihr afrikanisches Eden nun pflanzte die Natur nicht nur allerhand Kraut und Bäume, sondern sie machte die Landschaft auch zun! Tummelplätze von allerhand Getier, von dem vieles lustig anzuschauen, vieles aber auch mit einiger Vorsicht zu behandeln ist. Ich habe int Westen nie ein Land gesehen, das auch nur annähernd so wildreich war. Richt, als ob das Wild in unglaublichen „ebenenbedeckenden" Rudeln aufträte, wie das früher in Südafrika der Fall war, und wie es heute noch in einzelnen Gegenden Ostafrikas Vorkommen soll. Wenn man durch die Boskette der Buschkulissen pilgert, so springt hier.eine große Antilope, dort ein Hase, jenseits ein Gazellenpärchen, dann am Dorngestrüpp eine randalierende Schwarzwildfamilie emffor. In Massen tritt, glaube ich, kein Landtier auf, aber die einzelnen Familien leben dicht nebeneinander. Es ist aber keine Steppe, sondern es ist ein Garten. In diesem Garten ist aber nicht nur dem Genußrecht des Menschen Genüge getan; sondern es ist auch dafür gesorgt, daß zuweilen das Herz erbebe und höher schlage. Auch der Löwe haust hier mit Familie: Vater, Mutter, zwei Sprossen, das soll die Regel sein. Wir haben Felis Leo in Faraka gehört. Er hatte eine volle, schöne, sonore Stimme. Man sagt, er soll auch majestätisch dreinschauen. Aber alle sind sich darin einig, daß ihm „die Stärke des Herzens" fehlt. Er ist feige. Er ist hier eben auch ein Gartentier.
Und nun in den Wassern, an den Wassern, über den Wassern! Oh, Herrgott, wie ist hier deine Welt so kraus und bunt und! — nahrhaft. Das Vogelleben ist, dem allgemeinen Eindruck nach, nicht das gleiche wie in Westafrikä, denn die zarten Enten und die canards armes, die eigentlich keine Enten, sondern Gänse sind, und' die Taucher überwiegen. Und das ist fraglos nahrhaft. Sonst fallen bei höherem Wasserstande sehr große Pelikane, Störche und Mavabouts auf, Kronenkraniche fittbi seltener -als am oberen Strome. Vertreter einer Storchenart, der „Regenzeitvogel", , bei Mali-nke und Soni-nke Sogo (oder Seko) = Niamä, bei Bosso Schuolia genannt, nisten' in großen Mengen stuf Hausdächern und auf Dorfbänmen. Sie galten als heilig. ®ie: früher sehr häufigen weißen Reiher sind durch federwütiW
und geschäftslustige Leute jederlei Farbe so güt wie verjagt; wenu nicht vernichtet.
Jni Wasser lebt das wunderliche Flußpferd, dessen Anblick mir immer wieder Freude bereitet, denn sein komischer Kopf, geschmückt mit gestielten Augen, ragt aus alten Perioden bet Erde, da sie sich in Schöpfung grotesker Typen wohlgefiel, zU uns hinüber. Ans jenen Fabelzeiten ist auch der Kaiman erhalten, der in Morgen- unb Abendstunden sich zu stummer Ruhe- geiwssenschaft häufig pärchenweise auf den Sandbänken cinfindÄ. Cs möchte einem beim Anblick dieses Schuppenleibes gruseln, just so wie bei dem Gelärm der tumultuarischen Löwen. Aber vergessen wir nicht, wir befinden uns int Zaubereden Faraka'. Und in der Tat scheint der unheimliche Kaiman hier wenig ge-, jährlich zu sein. Das ist auch nicht so sehr merkwürdig. Denn! diese Wasserbahnen sind von derartigen Massen von Fischen b'el- völkert, daß es eben ein ziemlich dummer Kaiman sein muß, der, statt sich an zarten Fischlein zu delektieren, in salzige nutz knochige Menschbeine beißen will.
Der Fischreichtum ist geradezu fabelhaft. Ich muß dazusetzen: „unangnehm fabelhaft". Denn jede Fischersandbänk, an der wft warteten, jedes Dorf, an dem wir vorbeikamen, jede Piroge, die an uns vorüberglitt, „roch" so ungeheuerlich nach getrocke neten Fischen, daß meinem Mitarbeiter Nansen der Aufenthalt in diesem Lande geradezu verleidet wurde. Die Fische waren so frech und aufdringlich, daß sie uns sogar ins' Boot! sprangen — nicht einmal — öfter! Wenn die Leute zu vieren am Abend meine Angelhaken auswarfen, dann war in einer Stunde sicher ein Quantum von 40 Pfund Fischen eingebracht. Und dabei spreche ich nicht von den günstigsten Fischplätzen.
Um aber dem Fabelhaften völlig zu seinem Rechte zu vers- helfen, sei gesagt, daß in der Tiefe des Flußes das Tier MÄ (bei Mande und West-Soroko) oder Aju (in Dien'ne, Timbutkir und bei Ost-Soroko) lebt, ja sogar häufig sein soll. Dieses Geschöpf zeichneten schon die alten Kartographen in die Länder Westafrikas mit Frauenhaar, Frauenbusen, Nixenschwanz und verhimmelnden Augen ein. Aeynlich schildern es die Soroko auch, und unsere Naturforscher sind mit einigen Punkten dieser Be- schreibung ja wohl auch einverstanden. Da der Ma, die Seejungfer, ein durchaus nicht ethnologisch bedeutsames Geschöpf ist, so muß ich schon darauf verzichten, mich hier in aller Breite über seine wunderbaren Eigenschaften auszulassen, — ich erwähne nur, daß es sich, trocken gesagt, im Manatus Bogelii handelt. Es ist das mir merkwürdigste Wesen unter den Tieren im afrikanischen Eden, genannt Faraka.
(Schluß folgt.)
Was die Hausfrau für Lmpackpapier und Düten bezahlt.
Schon manche Hausfrau, die mit Umsicht beim Gemüsehändler oder im Krämerladen ihre Einkäufe für den Haushalt macht, wird vielleicht im Stillen schon darüber nachgegrübelt haben, wieso es eigentlich kommt, daß der höfliche Verkäufer oder die geschäftskundige Gemüsefrau bei dem Verkauf eines Viertelpfundes Kaffee oder eines halben Pfundes Zucker ohne weiteres die stattliche Papierhülle mitwiegt und sich als Ware bezahlen läßt.
Man begnügt sich dann meist mit der Erklärung, daß dies von alters her Brauch war, daß eine genaue Scheidung von Ware und Umhüllung im Kleinverkauf den Geschäftsinhabern wie den Kunden Zeitversüumnis und Umständlichkeiten verursachen würde, man erlegt ruhig sein Kausgeld und bezahlt das Gewicht der Tüte als Kaffee, Tee, Zucker, Biehl oder was immer man gekauft hat. Beim einzelnen Einkauf beträgt die Ueberzahlung, die init diesem Mitverwiegen des Einpackpapieres verknüpft ist, ja in der Regel nur wenige Pfennige, oft noch weniger. Ein englischer Freund volkswirtschaftlicher Studien hat nun aber auf Grund umfassender Versuche und Untersuchungen eine Berechnung aufgestellt, die viele Hausfrauen überraschen wird, geht doch aus dieser Statistik hervor, daß der Vorteil, den die Kleinhändler bei der heute allgemein üblichen Art des Wiegens erlangen, viel größer ist; als der einzelne Käufer glaubt, ja, daß dies Untergewicht an Waren für den Kaufmann eine erhebliche Rolle spielt. Der englische Beobachter hat seine Versuche mit Hilfe der staatlichen Gewichts- und Maßinspektoren vorgenommen und die erstaunlichen Ergebnisse dieser interessanten Versuche jetzt in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht. In Glasgow z. B. zeigte es sich dabei, das; eine amtliche Nachwiegung der verkauften Waren in weit mehr als 50 Proz. der Fälle ein Mindergewicht ergab, das 5 Proz. übersteigt. Im Jahre 1909 sind in ganz England rund 280 Millionen Pfund Tee gekauft worden; da nach den Untersuchungen bei mindestens der Hälfte 5 Proz. der Ware nicht wirklich den Käufern ausgehündigt wurde, ergibt sich bereits allein für den Kleinhandel in Tee für England eine Summe von 7 Millionen Pfund Packpapier, die als Tee bezahlt wurden und den Verkäufern wenigstens 7 Mill. Mk. bares Geld eingebracht haben. Diese Zahlen sind in Wirklichkeit aber $u niedrig angenommen; die Fortsetzung der Beobachtung in London ergab, daß bei rund 75 Prozent im Kleinverkauf abgegebener Waren sogar durchschnittlich 6 Proz. Mindergewicht vorlag. Man hat daraufhin bei einer Reihe größerer Londoner Kleingeschäfte, die in der Millionenstadt über viele Filialen verfügen, Probeeinkäufe, gemacht, und zwar kaufte man in den verschiedenen Geschäften ins-


