Ausgabe 
26.7.1911
 
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geschriebenen Familienchroniken und die urkundlichen Belege der Geschästsbegründung. Das to'ar der Bürgerstolz.

Von allen Seiten streckten sich Dräute Hände entgegen. Die Goldene Horde war vollzählig. Aber es muß gesagt: sein, der schönere Teil der Goldenen Horde fühlte sich ein klein wenig bedrückt. Eva Delbrück, die ein neues Kostüm trug (rosa Leinen mit KUrbelstickerei), drängte sich an Dräute heran und wisperte ihr zu: ,,-O du mein Hinnnelchen, Gold­traute, da sind wir in schöne Gesellschaft geraten!" . . . und die dicke Suse Appelruann (in Balenciennes mit Gui- püreinkrnstationen: es stand ihr nicht übel) rang in komischer Verzweiflung die Hände und meinte flüsternd:Wenn Mutter eine Ahnung hätte! Na, das kann gut werden." . . .

Nun war Tini Sandratt an der Seite Trautes: sehr frisch und niedlich iit matt blaugrauer Bastseide mit T-ressen- behängen wie ein Schnürenpudelchen.

Trautemaus," sagte sie und küßte und drückte sie un­geniert,du bist eine ganz Böse. Seit Ewigkeiten hab ich dich nicht gesehen. Wie steht alles, und was macht die amour ?"

Traute guckte sich erschreckt um.Je, Tini, sprich doch nicht so laut," gab sie zurück.Die amour ach du lieber Gott, von meiner einzigen höre ich gar nichts."

Da hat er es also doch über das Herz gebracht dir nicht zu schreiben?"

Nicht ein Wort, Tini, nfcht eine Silbe. Er ist in Berlin, und ich weiß nicht einmal seine Adresse. Es ist eigentlich nicht richtig."

Ganz und gar nicht. Für mich wenigstens wäre das nichts. Du, der Paul Everstedt na, du weißt ja Be­scheid was habe ich dir das letzte Mal gesagt? Äüs is. Ich ahnte es. Er ist nicht wiedergekommen. Adieu Sie. Jetzt hält er sich an die Bertucci. Sieh mal, wie die ihn umkreiselt!"

Ihre in lichtblauem Leder steckende Hand wies mit rasch aufzuckendem Zeigefinger geradeaus. Trautes Blick folgte der Weisung, und da sah sie wirklich in einem der Fenster­bogen Everstedt mit den Eggenolphs, mit Herrn Kym und Wilm Noeldechen stehen, und ein junges Mädchen mit einem Strudel brandroter Haare über der Stirn umschweifte die Gruppe in näheren und weiteren Kurven.

Sie ist hübsch," sagte Ttaute.

Gefärbt," erwiderte Tini.Ain Sommertheater in Putbus war sie noch schwarz. Vor zwei Jahren. Alles unecht. O, ich sage dir, die,... Aber mir ist's ja ganz Wurscht. Nun erzähl mal, T^autchen: Hat der Wilde aus Zentralamerika noch nicht geantwortet?"

Wer?" Traute lachte.Ach, ich weiß schon, der aus Quez! Keine Spur. Ist auch nicht möglich. Ein Brief da so hin geht ja ein paar Wochen. Aebrigens taxier ich, er beißt aus den Ulk gar nicht mehr an. Na, was sagst du zu dieser Persammlung?"

Fräulein Henny antwortete, die Bürgermeisterstochter, die sich mit Lili Menkens herandrängte.

Grüß euch," ries sie mit strahlenden Augen,ganz famos, nicht? Ein Höllenbreughel. Alle Modelle sind da. Eine dolle Bande."

Auch Lili strahlte.

Eine seine Mischung. Hoho paßt einmal ans, das gibt einen Riesenradau. Eilen Meier schäumt Wut. Die st von einer gefragt worden, ob sie bloß für den Kopf itze oder ganz. Das Pusselchen hat zuerst gar nicht ver­landen, und dann ist sie rot geworden und dann blaß, und etzt ist sie beinah violett."

Tini amüsierte das. Aber Traute wurde ernster. Lili Menkens war immer wegen ihrer Keckheiten gefürchtet. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie fand zuweilen Aus­drücke, die an die Mischmamsells in der Unionbar hinter der Katholischen Kirche erinnerten. Und dabei zog sie die rote Unterlippe kraus, und ihre Augen vekschwammen, uru) sie wiegte sich in den Hüften. Sie war nicht allzuviel wert, aber sie wirkte ansteckend. Für Fräulein Henny war sie das bewunderte BorbilV.

Man wartete anscheinend auf Niels Kruse. Uebrigens kamen immer noch mehr Gäste: viele, die man vom An­sehen kannte, ohne näher mit ihnen in Berührung gekommen zu sein, ein paar Damen vom Stadttheater, auch einige vom Schützenhäus (der kleineren Operettenbühne), auch ei- Mge vom Walhalla-Variete, auch einige aus dem Kabarett zur tollen WachteP

Traute starrte in den sich mehr und mehr fühlenden Saal. Kruse hätte ihr zwar gesagt: alles, was eine swelte Figur und eine hübsche Larve habe, sollte Mitwirken. Aber sie fand, daß er den Kreis der Eingeladenen doch ein wenig zu weit gezogen hätte. Sie kam sich auch! plötzlich etwas vereinsamt vor und schämte fid) fast in ihrem einfachen Perkalkleidchen und' dem Strohhut mit den verblichenen Rosen. Herrgott, was sah! man hier für Toiletten! Was für fchicke Kostüme! Was für wundervolle Hüte! Zum Exempel der Hut der Disense aus dem Kabarett zur tollen Wachtel, ein Riesenhut mit Riesenfedern, das wär ein wahres Wunder. Und auch der der Bertucci: ein flaches Dach, auf dem sich Mohnblumen schaukelten, fast 70 rot wie das Rot­haar; und der närrische Doque der Fritzi Strizzi, der Sou­brette aus der Walhalla: eine schief gesetzte runde Schachtel aus Samt, Seide und feinem Pelz; und der Dreispitz der großen schlanken Heroine des Stadttheaters: ein Hut, wie ihn die Dragoner von Ansbach und Bayreuth getragen haben mochten, aber mit einem Stutz gelber Rosen au der Klapp- krempe. Wahnsinnig aber doch wunderschön!

x (Fortsetzung folgt.)

Das Märchenland Faraka.

Von Leo Fr 0 be 51 ius.

Einafrikanisches Eden" schildert Leo Frobenius, der Chcs der Deutschen Jmter-Afrikanischen Forschungs-Expedition, in seinem dieser Tage erscheinenden neuen WerkeAuf b cinj Wege nach Atlautis" (Vita, Deutsches Verlagshaus), das den Bericht über den Verlauf der zweiten Reiseperiode in dest Jahren 1908 bis 1910 enthält. Die aus Mekwa int Nupeland datierte Schilderung ist int September vorigen Jahres nb? geschloffen; Ende desselben Jahres machte der Forscher dann! seine in letzter Zeit so viel erörterte Entdeckung deratläni- tischen Stadt". Mit Erlaubnis des Verlages geben wir aus dem fesselnd geschriebenen Buche den folgenden Abschnitt wieder.

D. Schriftl.

Die ältere Menschheit kannte als kulturelles' .Lebensgesetz Nur das Dogma der Natur. Die Revolution begann für sie erst mit der Umwertung der Stoffe. Unter der stummen Gewalt des Tatbestandes, den die Tagschicht der Erde bot, nahm die ältere Menschheit die Formen an, die wir heute noch allent­halben neben und unter uns erkennen können, auch am mittleren Niger.

Hinter Sansanding beginnt die Welt der Sandbänke und Uferdünen mächtigere Formen anzuäehmen. Erst rinnt der Stromi noch eine Zeitlang in einem Kanal, aber dann schieben sich von allen Seiten grüne Inseln in das Bett, erst zweigt sich hie und da ein Arm des Stromes ab und zuletzt fährt man in einem Gewirr von Flußarmen, durch schmale Kanäle vorüber an weiteren Buchten, quer über große Seen, so daß miau zuletzt keinerlei Anordnung in dem Gesamtzustande mehr erkennen würde, wenn nicht am' Horizonte festere, härtere Konturen einer höheren Hügelkette hinliefen. So sicht man dann, daß man sich im Kanalgewirr eines durch Abfluß, Austrocknung und Versandung zum Flußlabyrinth gewordenen alten Sees befindet. Dieses Land mit dem eigenartigen Gewirr führt bei den Eingeborenen den Namen: Faraka. (Das kommt von Fara Wasserlauf, Rinnsal, Gewässer.)

Das Land Faraka oder das Faraka-Seenplateau ist zwei! Längengrade von West nach Ost und etwas mehr als drei Breiten-! grade von Süd nach Nord ausgedehnt. Der Eintritt des Niger wird charakterisiert durch Zusammenfluß des Djalli-ba (des Haupt­stromes) und des Bani. Er erfolgt in der Gegend von Diasarrabe- Djenne, also etwa auf dem 14. Grad nördl. Breite. Das Seen­plateau selbst erstreckt sich von Norden nach Süden, weicht aber von dieser Richtung ein wenig nach Nordwesten ab, und aus der Nordstrecke, in der Gegend von Kabära (südl. Timbuktus)/ wird es durch den nach Osten forteileuden Niger abgewässert. Dir Eingeborenen geben an, daß auf dem Seenplateau etwa 50 Seen und 50 Flußkanäle zu unterscheiden seien; der größte See liegt im Norden, es ist der Fagnibiue. Wenn in der Regenzeit der Wasserstand seine Höhe erreicht, dann ist Faraka ein großer! See, aus dem eine Welt von Inseln ragt. In der Trockenzeit ist es aber eine Ebene, durch die sich viele Wasserlinien ziehen- die viele seenartige Erweiterungen aufweisen.

Das Land Faraka ist so schön wie das Zauberland, aus dem nach biblischer Sage die beiden Menschen der Schöpfung vertrieben wurden. Einige Leute sagten mir, ehe ich es sah, es sei langweilig, denn es bestehe nur aus Wasser, Sand und Busch. Das waren Blinde. Faraka ist aber ein Land für Sehende. Es ist schön wie Eden, das will ich wiederholen.!

Man sagt, und ich Habe mir das auch früher gesagt, in Afrika sei fast alles übermäßig, die Urwälder, die Steppe, di« Sandwüsten im Norden und Süden. Ich muß nun gestehen, daß ich in Afrika bis dahin immer nach einem Maßstab zwischÄ