Ausgabe 
26.6.1911
 
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Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Zobelti8-: (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.)

Aber aller Aerger war verflogen, als sie auf die Straße trat. Der Lenzsonnenschein umfloß kosend ihren Jugendreiz. Unb sie selbst fühlte die Jugend in ihren Adern; ihre Hellen Augen lachten, auf ihren Wangen leuch­tete eüt rosiger Schein.

Friedrich und Klothilde wohnten nicht weit. Die Gegend war nicht die beste in der Stadt. Häßliche hohe MieiK- Häuser, unten Laden an Laden, oben schmale Fenster. Da- zwischcn das brennende Rot eines Fabrikgebäudes und das schmutzige Gelb eines Speichers, lieber den Dächern glänzte der Eisenbau der nahen Markthalle und reckte sich der Turm der neuen Petrikirche.

Trante hatte es nicht eilig. Sie blieb vor einer Auslage mit kleinen Konfektionswaren stehen und empfand den bren­nenden Wunsch, sich ein neues perlgraues Hutband zu kaufen. Dann fesselte sie wieder die Etalage eines Buch­händlers mit ihren grell illustrierten Groschenheften, Kri­minalgeschichten und Kolportageromanen: der Lektüre für das arbeitende Kleinvolk. Am Stande einer Obstfrau ent­deckte sie zwischen zwei wie Granaten anfgepflanzteu Ananas- früchten ein Körbchen mit Veilchen, blieb abermals stehen, schwankte ein Weilchen zog dann ihr winziges Portemonnaie und kaufte sich ein Sträußchen, das sie in ein Knopfloch ihrer Jacke steckte. Nun war das Haus, in dem Klothilde wohnte, nahe: ein schmales, rosenrot gestrichenes Haus, Unten mit einem Bäckerläden, 'vordem eine vergoldete Bretzel hing. Gegenüber, an der Ecke einer schmutzigen Straße, die etwas abwärts zu dem tiefer gelegenen Hafenviertel führte, hatten die Wittstocks ihr Geschäft, die Schwieger­eltern Friedrichs.

Trante beobachtete das einen Augenblick, während ein geringschätziges Lächeln um ihren Mund spielte. Dann trat sie in das rosenrote Hans.

Klothilde war natürlich daheim. Sie ging selten aus oder höchstens hinüber zu ihren Eltern. Ihre Ehe mit Friedrich war kinderlos, trotzdem stickte, strickte, nähte und Häkelte die junge Frau tagein tagaus an der Ausstattung für die noch nicht geborenen Kinder. Sie wollte wenigstens nichts versäumt haben, wenn es einmal so weit kommen würde: sie war auch eine Tochter der Arbeit und- angesteckt von dem fiebrigen Fleiße des Stadtteils. Traute fand sie in der Wohnstube, auf einem sogenanntenTritt" am Fenster sitzend und häkelnd. Ihre knochigen Finger waren ganz zerstochen von der Rädel rind hart von der unfrucht­baren Geschäftigkeit. Das arme Wesen sah aus, als sei es niemals jung gewesen. Das graue Gesicht steckte voll däm- meriger Matten« uM die Augenlider waren entzündest.

Jedesmal, wenn sie Traute gegenüberstand, fragte sich das junge Mädchen in immer wieder neuer stiller Verwunde­rung, wie es nur möglich gewesen sein konnte, daß Friedrich sich in dies reizlose Geschöpf verliebt habe. Es war geradezu unfaßlich.

Die Begrüßung war von feiten Trautes herzlich, und kühl von fetten der anderen. Es war ersichtlich, daß die quickige Frische der kleinen Schwägerin etwas Störendes für Klothilde hatte.

Immer geputzt," sagte sie und wies auf den Veilchen« strauß.

Es ist Frühling," erwiderte Traute. Ihr Näschen krauste sich ein wenig. Hier roch es nach. Kohlrüben. Dann bestellte sie den Auftrag der Mutter.

Klothilde erklärte, sie wolle sehen, was sich machen ließe. Fest zusagen könne sie nichts. Der Vater sei in solchen Dingen merkwürdig.

Traute hörte längst nicht mehr zu. Das Staatsstück im Zimmer war ein Paneelsofa, und ans dem Gesimse stand ein Konversationslexikon. Traute hatte sich einen Wand genommen und blätterte eifrig darin, bis sie ge­funden' hatte, was sie suchte. Run fragte sie plötzlich:

Tilde, glaubst du wohl, daß der Vulkan Santa Mariä bald wieder losspucken wird? Vor zwei Jahren soll es einen gehörigen Ausbruch gegeben haben."

Und als sie das erstaunte Gesicht ihrer Schwägerin sah, stellte sie den Band wieder in die Reihe der übrigen und fuhr lachend fort:Ich heirate nämlich nach Zentral- Amerika hinüber, Tilde r an einen Ort, der mit Quetz anfängt und sonst nicht auszusprechen ist. Aber ich lese eben, ,es ist ein Vulkan dabei, der von Zeit zu Zeit die Gegend verwüstet, und da werde ich mir die Sache doch noch überlegen. Auch Erdbeben kommen vor. Ich glaube, es ist nichts für mich."

Du hist selber wie ein Erdbeben," antivortete die Schwägerin und häkelte weiter;warum hast du dir draußen nicht die Stiefel abgeputzt? Es liegt doch eine Matte vor­der Tür. Run sieht man auf dem guten Teppich wieder jeden Schritt von dir."

Traute zog ihr Taschentuch und tat so, als fege sie damit über den Teppich. , ____

Deine Ordnungsliebe ist vernichtend, Tilde. Das nächste Mal trete ich barfuß ein wie Drilby."

Wer ist das?" t

Hast du -das verrückte Stück nicht im Ktadttheater gesehen?"

Ich gehe nicht ins Theater. Ich habe kein Geld zu beriet/7

Ra, denn adje," sagte Traute. Es erfaßte sie plötz­lich eine rasende Lust, ihrer Schwägerin eine Ohrfeige zu geben. Aber sie reichte ihr dennoch artig die Hand und verbeugte sich dabei etwas ironisch.Vergiß die Kraft- schokolave nicht. Oder nein es war ja Kakao."