Ausgabe 
26.4.1911
 
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und Zimbelnbegleitung Nationallieder Rinn besten gab. Als Paoli dem König wegen dieser nächllicbcn Ruhestörungen -Vorhaltungen machte, erwiderte Sisowath unwillig, daß er bei Tage Liesta zu halten pflege und deshalb bei Nacht keinen Schlas brauche. ~a- gegen ließ sich natürlich nichts einwenden. Von Zeit zu Zeit hatte Paoli die Hobe Ehre, der Toilette des Königs beiwohnen zu dunen. Sisowath ließ sich als echter Genußmensch immer nur von seinen Frauen anziehen. Sie schmlickten ihn mit einer Art Hose von grüner, mit Goldfäden durchwirkter Seide und nut einer Brokat- junika, legten ihm um den Hals ein mattgoldenes, mit Edelsteinen besetztes Kollier, von dem sich an den Schultern zwei wie pflüget entfaltete Goldplatten abhoben, schlangen ihm um die Hüften, die Arme und die Fußknöchel Gürtel und mit wunderbaren Steinen inkrustierte Armbänder und ersetzten feinen alten, unmodernen Zylmderhut durch einen dreistöckigen, oben spitz zulaufenden Turm, der aus lauter Smaragden und Diamanten bestand. In dieser Galalracht glich Sisowath der aus ihrer Pagode genommenen Statue eines Hindugottes. Ter exotische Monarch konnte sich aber dem Einfluß der europäischen Zivilisation nicht lauge entziehen: er trug schon nach achttägigem Aufenthalt in Paris einen tadel­losen Gehrock und sah einem mitteleuropäischen Gigerl zum 93er- wechseln ähnlich. Da er sich immer und überall höflich zeigen wollte, gab er im Ministerium der Kolonien den Töchtern des Portiers einen Kuß; als er das Warenhaus Bon Marchs besuchte, hätte er die weiblichen Angestellten am liebsten auch geküßt zu feinem großen Leidwesen mußte er sich aber mit einem Händedruck begnügen. Wenn er über die Place Victor Hugo ging, zog er vor­der Statue des Dichters regelmäßig den Hut. Da er gehört hatte, daß die europäischen Fürsten während ihres Aufenthaltes in Paris bei gewissen Amtspersonen ihre Karten abzugeben pflegten, mußte Paoli auch für ihn Visitenkarten bestellen; es stand auf ihnen zu lesen:Preas Bat Somdach Preas Sisowath Ehom Chakreponas "

Man weiß, daß der König sich schließlich in Paris langweilte und, um sich wieder ein bißchen zu amüsieren, seine in Marseille zurückgebliebenen Tänzerinnen Nachkommen ließ. Sie erschienen unter der Führung der Prinzessin Sumphady mit sechs Vor­leserinnen, acht Sängerinnen, vier Aiikleidefrauen, zwei Komikern und sechs Musikanten. Wenn die Ballerinen öffentlich tanzten, trugen sie feenhafte Gewänder; am meisten fielen die mit Gold bestickten und mit Edelsteinen besetzten seidenen Aiieder auf. Die Ankleidefrauen brauchten zwei bis drei Stunden, iini die Tänze­rinnen anzuziehen, zu schminken, zu pudern unb mit Armbändern, Halsketten und Ringen von unschätzbarem Werte zu schmücken. Als die Damen nach einwöchigem Aufenthalt in Paris wieder nach Marseille zurückfuhren, um dort in der Koloiiialausstellung ihre Künste zu zeigen, begann sich Sisowath von neuem zu langweilen. Er langweilte sich so sehr, daß er, um sich zu zerstreuen, einen Ausflug nach Nancy machte. Hier spielten sich nun recht drollige Szenen ab. Sisowath war von dein Enthusiasmus, mit den, er in Nancy empfangen wurde, so beglückt, daß er am Abend seiner Ankunft von einem Fenster der Präfektur aus etliche Handvoll Geldmünzen unter die Alenge warf. Ter unerwartete Goldregen übte auf das Volk natürlich eine grandiose Wirkung aus: es kam vor dem Präfekturgebäude zu einer richtigen Schlacht, da jeher voii der Freigebigkeit des Köiiigs Nutzen ziehen wollte.Ich eitle sofort zum König", schreibt Paoli,und bat ihn, das gefährliche Spiel einzustellen. Aber Sisowath weigerte sich energisch, meinen Bitten Folge zu leisten, da der wilde Spektakel ihn höchlich amüsierte. Er befahl sogar, daß man ihm sofort einen Tausend­frankenschein in Gold iimwechseln solle. Da ich also sah, daß güt­liche Ueberredung hier nicht fruchtete, ließ ich den König mit Gewalt vom Fenster entfernen, ohne mich um seine Schimpfereien zu kümmern. Ehe ich mich dessen aber versehen konnte, war Sisowath meinen Beamten, die ihn wie einen ganz gewöhnlichen Sträfling sestznhalten wagten, entsprungen; er stürzte, indem er immer vier Stiifen auf einmal nahm, die Treppen hinunter, riß im Erdgeschoß ein Fenster auf und warf unter einem heiseren Triumphgeschrei alle Goldstücke, die er noch in der Tasche hatte, auf die Straße. Als er uns kommen hörte, lief er rasch an ein anderes Fenster. Nach einer Viertelstunde erst gab er das neckische Wettrennen mit den Polizeibeamten auf; er reichte mir bann zur Versöhnung die Hand unb sagte unter fröhlichem Lachen:Recht brollig, nicht wahr?"

Acht Tage später schiffte er sich mit seinem Hofstaat in Mar­seille ein, um nach Kambodscha zurückzukehren. Als die Stunde der Trennung geschlagen hatte, rief er Paoli zu sich heran und sagte:Hier hast d>i was zum Aiidenken l" Unb er überreichte ihm ein Päckchen, das in ein rotseidenes Tuch gehüllt war. Zu seiner nicht geringen Verwunderimg fand Paoli in diesem Päckchen statt der erwarteten Kostbarkeiten des Königs . . . Galahose!

Vermischte».

kk. E i n Fr a u eu p a ra d ie s. Es gibt ein Volk im Osten, das über die Beziehungen zwischen den beiden Geichlechlern so vorgeschrittene Ansichten hat, daß man es in dieser Beziehung das modernste Volk der Well nennen könnte. Die Anschauungen, die in Birma über die Frauen gelten, stehen zum Teil in schroffstem Gegensatz zu den Meinungen, die feit beit frühsten Zeiten bei uns

herrschen. In Birma erklärt, einem Artikel derWestminster Re­view" zufolge, z. B. die Frau dem Manne ihre Liebel Wird der Antrag angenommen, so wirb die Ehe nach unseren Begriffen höchst formlos geschlossen. Die Bewohner von Birma hassen jede Feierlichkeit bei der Hochzeit; auch tragen die birmesischen Frauen fein äußeres Zeichen wie etwa einen Ring, um daraus aufmerksam zu machen, daß sie vermählt sind. Sie nehmen nicht einmal immer ihres Galten Familiennamen an, sondern behalten den ihrigen. Auch ist die Eheschließung ein rein bürgerlicher Akt und hat nichts mit Religion zu tun; man sieht in der Ehe eine rein irdische, einfache Gemeinschaft, die, wenn sie nicht glücklich ist, als­bald wieder getrennt werden kamt. Die Ehescheidung vollzieht sich in Birma noch schneller als in den Vereinigten Staaten. Auch im übrigen sind in Birina im praktischen Leben eine Alenge Ideale verwirklicht, die in den Ländern der westlichen Kliltur noch lange nicht erreicht sind. Es gibt dort nicht zweierlei Gesetze, eins für Männer und eins für Frauen. Alan hat dort nicht die Vor­stellung, daß die Frauen dasschwächere Geschlecht" seien und des­halb macht vor allen Dingen das Strafrecht keinen Unterschieb zwischen Alann und Weib. Tie birmesischen Frauen haben nie­mals unter den Vorurteilen geistlicher unb weltlicher Dogmen ge­litten ; sie tun, was ihnen recht scheint unb so arbeiten sie, auch wenn kein Zwang bazu besteht. Der Ehemann hat kein 93er- fügungsrecht übet das Eigentum bet Frau, bas diese in die Ehe einbringt oder während der Ehe erwirbt. Tie birmesische Fran kann vor Gericht ihren Gatten vertreten, bei Verträgen mit einem T it eit unterzeichnen sie unb ihr Gatte gemeinsam; jeber Ehe-

tt , Mann wie Weib, kann Utkunben unterzeichnen unb Geld ausleihen. .

'Zur Beherzigung. .Wenn man oft sieht, wie Mutter ihre Kleinen in Berge von Federkissen packen, könnte man donnern ober wehklagen. Gewiß bebarf bas Kind bet Wärme, aber man soll nichts übertreiben unb nicht allzu ängstlich fein. Nach beit ersten neun Tagen soll bas Kinb nicht mehr bei ber 9)!utter fchlafen, es gewöhnt sich sonst zu sehr daran, wird verweichlicht und will nicht mehr allein fchlafen. Kleine Kinder darf mau nicht zu hoch mit dem Kopfe legen, der Blutkreislauf geht am besten und freiesten bei horizontaler Lage des Körpers vor sich. Kleine Kinder schreien meist sehr viel, es ist ihr einziges Mittel, fimb zu geben, daß sie sich unbehaglich, krank oder gelangweilt fühlen. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die ein Kind zum Schreien bringen, wie die Spitzen des Hemdchens ober bes Häubchens, die durch Jucken ober Kratzen das Kleine belästigen. Wenn ein gesundes Kind nach Er­halt einer nahrhaften Milch viel schreit, so gebe man ihm Zucker- wasset ober irgenb einen bünnen Schleim aus Gerste, Hafer oder Reis. Diese Flüssigkeiten beförberix bie Verbauung unb heben viele Beschwerben auf. Viele Mütter stillen schreienbe Kinder wieder, selbst wenn sie sich erst kurz vorher satt getrunken haben. Solche Mütter schaben sich unb bem Kinbe, denn eine Mutter, bie zu oft stillt, sondert schließlich keine reiche und gesunde Alilch mehr ab.

* Der arme ßeiermann. Ein mitleidiger Herr trifft auf der Straße einen ßeiermann, der den Kopf mit einem dicken, wollenen Tuch so verbunden hat, daß die Ohren davon ganz bedeckt sind. Der Herr gibt ihm zehn Pfennige und fragt laut, was ihm fehle. Der ßeiermann bindet das Tuch ab, zeigt seine gefunden Ohren und sagt ganz gelassen:Ich trag's bloß, damit ich nicht den ganzen Dag das verflixte Geflimpcr zu hören

brauche." _ t , , ,

* Nichts Neues mehr.Bleiben Sie doch noch ein Weilchen hier, gleich beginnt die Fütterung der Raubtiere." .Interessiert mich nicht; ich esse feit sechs Wochen an einer Table d'hote!"

* Rasche Erfüllung.DenkenSie, heute nacht träumte ich, daß sich meine Fran ein Kollier wünschte; am Morgen bekam ich schon die Rechnung."

Büchertisch.

D e r 3 o u b e r e r von R o in", Karl Gutzkows be­rühmter Roman, ist soeben bei F. A. Brockhaus in neuer Aus­gabe erschienen. Sie ist außerbem mit einer Einleitung des be­kannten Gntzkowbiographei. Dr. H. H. Houben unb einem Por­trät des Dichters versehen. Voraussichtltch dürfte Gutzkows Meister- roman jetzt erst die Verbreitung unb Popularität gewinnen, die er nach Inhalt und Form schon lange verdient hat; darauf beutet auch bie starke Nachfrage beim Verleger, infolge bereu gleich fünf Auslagen erscheinen mußten.

versteüratsel.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenben Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer". Bauchredner Dassow Drgelt'läuge Sandstein Flieber- ftrauct) Nachtschatten Heinzelmännchen Gänsebraten Nubelsuppe.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösimg des Logogriphs in voriger Nummer: Maus, Hans.

Rebattion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße»