Ausgabe 
26.6.1911
 
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Ich werd es versuchen. Jetzt hast bu wieder einen Fleck ans den Teppich gemacht. Nimm dich doch zusammen, Kind!"

Trante zog die Beine hoch und marschierte wie ein Storch aus der Stube.Buh," sagte sie draußen und schnüffelte von neuem. Das ganze Harns roch nach ge­lochten Kohlrüben.

Nun stand sie wieder denk Wittstockschen Laden gcgeu- iibcr, und da fiel ihr ein, daß sie noch einer» schweren Gang vor sich hatte: zu der Mazanka, ihrer alten Amme. Es war nicht das erste Mal, das; sie die Mazanka. besuchte, aber ein ikebelkeitsgefühl überschlich sie, wenn sie nur daran dachte. Indessen, was half's! Sie hatte gerade noch siebzig Mennige im Portemonnaie itnb wollte dem Max ein kleines Andenken mit auf den Weg geben rind auch für den Kaffee der Sandratt eirr paar Stücke Porte stiften.

Sie atmete tief auf, als sie über den Fahrdaurin schritt, warf einen scheuen Blick riach den» Wittstockschen Laden, nur sich zu vergewissern, daß sie von dort aus nicht ge­sehen werde, und bog nun eilends in die Petristraße ein. Jetzt bekam auch sie den Schritt eines Menschen, der mit seiner Zeit zu rechnen hat. Sie schlenderte nicht mehr, sie stürzte hastig vorwärts. Tie Straße senkte sich. Traute wußte Bescheid. Sie lenkte rechts ein, dann links, dann wieder rechts. Ein Gewirr kleiner, schmaler rrnd äußerst schmutziger Gassen nahm sie auf. Die Häuser waren alt und unansehnlich und hatten sich gesackt; durch die offenen Rinnsteine floß eine Flut trüben Wassers, auf dem Pflaster lagen Abfälle aller Art. Man hätte vermeinen können, sich im Lazzarroniviertel Neapels zu befinden: so lebhaft war hier der Handel vor den Türen. Die niedrigen Läden sahen wie Hohlen aus, aber man hatte die Maren auf der Straße aufgebaut: altes mögliche, Obst, Bleche und altes Eiseir, das völlig verrostet war, dann wieder Heringstonnen und geräucherte Fische, die auf Seile gezogen waren, Mo­biliar und Gerümpel und getragene Kleidungsstücke in Massen. In einer dieser engen Gassen schienen nur Alt­kleiderhändler zu wohnen. Traute schaute weder nach rechts noch nach links; ihr Schritt beschleunigte sich mehr und mehr; sie hatte den Schleier fester vor das ängstlich gerötete Gesicht gezogen und drückte ihr Handtüschchen gegen die Brust. Jetzt kam noch ein letzter Dornenweg. Ans einer Seitengasse stürzte ihr ein Schwarm trunkener Matrosen entgegen. Sie trat unwillkürlich in einen schwarz gähnen­den Ladeneingang, und die brüllende Rotte verlor sich. Run schritt sie tapfer in die Seitengasse, in der es ganz still war, unheimlich still. Hier lag kein Laden, aber alle Haustüren standen tont offen und über den Düren befanden sich große rote Laternen mit schwarzen Nummern. Trante versuchte, den Blick wieder geradeaus zu richten; sie wollte nichts sehen als den dunklen Torbogen am Abschluß der Gasse, lind doch irrte ihr Blick dahin und dorthin, wie angezogen von fremder Gewalt.

. Ein uraltes Tor, der Rest eines Kastells, mit tropfen­den Wänden, umbaut von einem Jneinandcrgeschiebsek kleiner Häuser, die sich gewissermaßen gegenseitig stützten, und die ein schwarzer Kanal bespülte. Aber jenseits des Tores lag eine freie Welt: glänzendes blaues Wasser und ein Mastenivald, und die Sonne lachte über das bunte Leben am Quai.

linker dem Dore tat ein Aufgang sich auf, eine steile Treppe, die Trante hinanstieg. Nun war sie am Ziel. Ein Türschild besagte, hier wohne Luse Mazanka, Witwe; dahinter stand:Pfandleihe. Ein- und Berkaus."

Traute horchte an der Tür, klopfte dann an und trat ein. In dämmerigem Lichte fuhr zwischen einer ersticken den. Masse von Kleidungsstücken ein dickes Weib auf. ES faß hinter einer gelben Barriere. Man sah nur den Kopf: einen Kürbis mit fleckiger Haut und zwei schlvarzen Tupfen, einer roten Tupfe darunter, und wiederum dar­unter mit einem breiten grauen Riß. Luse Mazanka, die ein Zufall auS der wendischen Lausitz nach dem Norden verschlagen hatte, war einmal ein hübsches dralles Mäd- chen gewesen. Jetzt war sie ein fürchterliches Wesen.

Ach," rief sie,t ji, die Traute!"

Tag, Luse," sagte Traute,ja, ich bin's wieder mal. Ist jemand nebenan?"

I bewahr mich, kein Mensch. Schlechte Geschäfte, Trautchen. 's ist still bei mir als in der Kirche. Tie Juden in der Riffergasse nehmen mir die besten Kunden

weg. Eben bin ich beis Rechnen . . ." Sie schlug auf ein dickes Buch. . ;Zahlen genug, aber nichts Bares."-

Ihre stnmpfschwarzen Aeugelchen, zwei Striche mit zwei Raupen darüber, lugten zu Traute herüber. Sie zog den gestrickten Seeleuwärmer über der unförmlichen Büste fester zusammen, eine immer wiederkehrende Bewegung bei ihr, und fuhr mit breitem Griuscn fort:Sie bringen mir wohl mein Geld zurück, Trautchen?"

Traute war jetzt an die Barriere getreten und hatte ihr Hairdtäschcheil geöffnet. Sie holte ein kleines goldenes' Herz hervor, mit Brillantsplittern und blauen Steinen be- fetzt, und gab es der Mazanka.

Im Herbst bring ich alles in Ordnung, Luse," sagte! sie,heut mußt du mir noch einmal helfen. Ich brauch« zwanzig Mark."

Ach du mein Göttchen," erwiderte die Mazanka, zwanzig Mark, und an die hunuert krieg ich noch! Und! was hab ich denn fürne Sicherung, Herzens-Trantchen/ als löie an nix als wie Ihr Versprechen und das bißche guten Willen! Das haben sie alle. Das kleine Medailtjonger wollten Sie doch auch in acht Tagen zurück- holen, ton ich Ihnen mehr als die Hälfte über die Taxe davor gegeben habe, Trautchen, und haben sichn Viertel­jahr lang nicht sehen lassen!"

Im Herbst mach ich alles ab, Luse," sagte Traute nochmals. Sie schämte sich gräßlich und hatte beständige Fürcht, es könnte jemand eintreten.

Die Mazanka hielt sich das Goldherzchen vor die ver­quollenen Augen.Wird's denn in; Herbst was werden?" fragte sie,und ists auchn Reicher?"

Traute stampfte mit dem Fuße. aus.Luse, so mach doch nur!" ries sie.Ich ivcrd ja erwartet!"

Erwartet?" wiederholte die Mazanka und ließ, das' Goldherz wieder sinken. Ihr Blick umkreiste unverschämt die Gestalt des jungen Mädchens. Es lag etwas schändlich Lauerndes in diesem Blick.Rein," sagte sie,es geht nicht . . ." es schien so, als spreche sie mit sich selbst. Mr Kürbiskvpf wackelte aus bett Grcnadierschultern. Wieder führte sic das Goldherz au die Augen.Trautchen, die kleinen Brillanterchen sind nix leert. Ist es echtes Gold?"

Es ist ein Konsirmationsgefchenk vom Generalkonsul Schneider, meinem Paten."

Die. Mazanka nickte.Der schenkt nix Falsches. Zwölf Mark, Trautchen."

Zwanzig," sagte Traute fest,sonst gib wieder her. In der Rittergasse wohnen auch noch Leute, die mirs ab- nehmen." ,

Die dicke Frau griff stillschweigend zur Feder und trug! ein paar Worte in' ihr fettiges Buch ein. Dann stellte sie den Pfandzettel aus und gab ihn Traute.

Bloß, -weil Sies sind, Trautchen," sagte sie. Run ging sic in das Nebenzimmer. Sie hatte 'Filzschuhe an iiud glitt mehr, als sic schritt; aber dabei schwippte und! schwankte ihre groteske Figur. Sie kehrte zurück und legte ein Goldstück auf die Barriere.Ta haben Sie, Kindchen,"- fuhr sie fort;aber diesmal müssen Sie auch Wort halten. Wenn Sie's nicht wären ein anderer hätte mich-nikM so leicht ruingekriegt! Werden Sie denn Ihre alte Amme zur Hochzeit einladen? Wenn Zch mein Grünseidenes an- ztehe^ sch ich aunoch ganz stattlich seh ich da aus."

Traute, hatte hastig das Goldstück eingesteckt.Erst verloben, Luse," antwortete sie,daun wollen wir an die Hochzeit beulen. Adjö."

Sie schickte sich zum Fortgehen an, aber Luse hielt sie noch einen Augenblick zurück.Herzchen," sagte sie,wenn Sie mal ein Rendezvous haben und wissen nicht wohin kucken Sic mal her!" Und plötzlich glitt sic zur zweiten Seitentür und riß sie weit auf. Da. drinnen herrschte zwar Dunkel, aber Traute unterschied doch ein Durcheinander von Polstersesseln auf einem lichtgrauen Teppich mit großen roten Buketts und schweren Vorhängen, die einen Alkoven verhüllen mochten. i

Du ging ein bläßlicher Schatten über ihr Gesicht. Sie empfand mit einem Male das Entwürdigende dieses Be­suchs: der hastigen Jagd durch verrufene -Straßen und der Bettelei vor dem schändlichen Weibe, um ein paar Mark in der Tasche haben zu können. Es quoll erstickend in ihrer Kehle auf. Sie antwortete nicht; machte nur eine stumme Bewegung mit dem Kopfe, die alles sagen konnte, und eilte davon. (Fortsetzung folgt.)