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-Der Pastorin schlugen die Zähne wie im Krampf aufeinander, sie konnte nicht reden, aber eine Verzweiflung sprach aus ihrem Gesicht, die beredter war als alle Worte.
Frau von Hilbach flößte ihr Tee ein und neb ihr die erstarrten Hände, und die Kosy besorgte Warmflaschen.
„Ich werd ihr mal das Bett im Alkoven Herrichten, Frau von Hilbach, mit Ihrer Erlaubnis!" sagte sie. „Was
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Tag der Brief. War das nicht tote eine Fügung? Was habe ich getan, als dieser Ignorant in Naumburg mir riet, zu verzichten? Nach Weimar bin ich gefahren, Frau von Hilbach, vierter Klasse nach Weimar, und dort hab ich einen verständigen Menscker gesunden, der alle^> prüfen will. Gleich nach Neujahr hab ich Bescheid!
Sie lachte und toeiitte, und dann gestand sie plötzlich
Aus den Mauern und dem Burgfrieden Büdingens vor 300 Jahren.
(Vortrag, gehalten am 11. Januar 1911 im OrtsgewerbevereiZ von Christian Müller, fürstlichem Kammerdirektor. Nachdruck iQ nicht gestattet:)
(Fortsetzung.)
Von diesen fünf Teilen, aus denen sich da§ damalige BW dingen zusammensetzte, nahmen die Hinterburg und die Schmitts eine Sonderstellung ein. Ihre Bewohner waren, tote ich bereits hervorhob, herrschaftliche Leibeigene und hatten als solche ursprünglich keine Nutzungsrechte am Markwald und ebensowenig hatte die Stadt, solange sie nicht losgesprocheir waren, irgend welche Rechte an sie. Diese Verhältnisse hatten sich verwisch^ Doch mußten die Hiiiterburger damals noch einen eigenen Hirten halten und besaßen auch noch eine Art Gemeinde-Vertretung
Jöfe.
„Ich meine, wir tun genug an der!" eiferte sie, „sie ist doch kein Kind!" Aber auch sie wurde unruhig, als der Abend kam und die Gräfin noch nicht im Hause war. Sie hatte die Wasserleitung albgestellt und die Röhren, die nach außen lagen, mit Tüchern umwickelt, weil eine Kalte herrschte, wie sie seit zwei Jahrzehnten nicht dagewesen War, und wenn sie dachte, daß die kleine Pastorin mit ihrem Minnen Mäntelchen irgendwo draußen herumlief, wurde ihr unbehaglich zumut.
Vielleicht hatte sie ihr Portemonnaie mit Retourbillett lmid Geld verloren und lief nun zu Fuß von Naumburg zurück, wie sie es im Sommer einmal gemacht hatte. Das wäre heute ein starkes Stück, aber so einer, die immer ein I paar Etagen höher mit ihren Gedanken war tote andere Leute, der war so etwas wohl zuzutrauen.
Sie saß bis zehn Ubr bei Frau von Hilbach im Wohnstübchen, und obschon beide nicht von dem Gegenstand ihrer Unruhe redeten, wußte doch jeder vom andern, daß er in einer großen Angst lebte, und als endlich Frau von Hilbach vorschlug, ein Stückchen nach Pfortcr zuzugehen, da war die Kosh gleich einverstanden, packte ihre Frau und sich selber so sorgfältig ein, daß kein Lüftchen an sie herankonnte, und dann liefen sie in der eisigen, klaren Dezembernacht nach Pforta zu, riefen der Pastorin Namen Und kehrten nach einer Stunde voll Unruhe und Augst zurück.
Im Hausflur stand eine kleine Laterne, die die Kosy immer trug, wenn sie am frühen Morgen bei völliger Dunkelheit heraus mußte, um Bäcker und Milchmann einzulassen; sie warf nur einen ganz matten Schein in den Mur, aber der Kosy scharfe Augen hatten doch sogleich eine Keine, zusammengesunkene, schwarze Gestalt entdeckt, die auf der untersten Stufe der Treppe saß und schluchzte.
„Aber um alles in der Welt, Frau Pastern, was wachen ©ie für Sacken?" sagte sie halb böse, halb mitleidig, zog das zitternde Persöncken in die Höhe und führte sie mit Frau von Hilbachs Hilfe ins warme Zimmer.
^' ^Jch bin hungrig, Iran von Hilbach, furchtbar hungrig. Ich habe den ganzen Tag keinen Bissen gegessen.
Sie aß Brot und Eier und wurde ruhiger, aber ihr Gesicht glühte, und ihre Augen sahen fieberig aus.
Ach, Frau von Hilbach, wie doch all diese Menschen kurzsichtig sind. Auch dieser neue Notar in Weimar rtet mir, mich keinen bestimmten Hoffnungen hinzugeben: was aber soll ich tun, wenn ich keine Hoffnung mehr habe?
„Daran denken Sie heute abend nickt, Frau Pastor, jetzt gehen Sie zu Bett . Alles andere kommt doch, tote es kommen soll" .
„Hat denn Ihre Bedienungsfrau nach meinem Hundertmarkschein gesucht?" fragte sie noch, als sie schon unter warmen Federdecken im Alkoven lag, und wie sie das traurige Resultat hörte, kehrte sie ihr Gesicht der Wand zu, sckjluchzte ein paar Mal auf, wie ein Kind, dem em Spielzeug verloren ging, und schlief bann ein.
Mir wollen sie mal für die nächste Zeit unten behalten'" sagte die Kosy, die wieder ins Zimmer gekommen war, zu Frau von Hilbach, ,>denn wenn sie ihren Hundertmarkschein nicht findet, hat sie bis zum ersten ^anuar doch nichts zu brechen und zu beißen, und bei dieser L.em- perattir kriegt sie ihre Zimmer oben auch nicht warm. Wir müssen ohnehin Gott danken, daß wir sie nicht schwer- krank liegen haben."
Itrau von Hilbach willigte gern ein. Die Stunden flogen schneller dahin, wenn die lebhafte, kleine Pastorin bei ihr war und aus ihrer Vergangenheit erzählte, und wenn sie selbst mit ihrem Kind satt wurde, dann reichte eZ auch für die Gräfin, die so gut wie nichts aß.
(Fortsetzung folgt.)
»errif feiten, feibenen Himmelbett liegt, kriegt man wieder bas Erbarmen und pflegt sie, und baftir halt sie entern bann die gräfliche Abstammung vor. Mit der geht ej nicht gut zu Ende, Frau von Hilbach, das lcysen Sie sich gesagt sein, und mit der Frau Lengerich auch nicht, und wie mir das Jungchen sagt, hat die Natufiiis auch ge-
ffÄWl« SÄ Ä SÄ °"d m- M L L?— Ur ** kann sicher die Miete zum Januar nicht aufbringen und gurtet) te. iammerte bie Pastorin. „Der Rechts
hat Sie um Nachsicht gebeten, was? Und Sie haben natur- ^«ll-s ^^awmert^ie.P ^legenheit
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Hilbach zurück und nahm ihre Stickerei. „Aber wenn Sie b 4 Vt b X e§ wird alles herrlich Mn gutes Werk tun wollen, Kosy, dann suchen Sie doch oben ^ige mern^Rech^uno i^ ,q
bei der Pastorin, ob Sie ihren Hundertmarkschein finden, ^^n^Sie Frau von Hilbach, in der vorigen Nacht hab sie hat den Schlüssel dagelassen. ., b^tlich' geträumt, daß ich mit meinen Söhnen int
Die Kosy brummte etwas vor sich hm, aber nachdem J J Wehringen saß, und dann kam am selben sie das Mittagessen aufgetragen ging sie doch herauf.^»ach | «^tsa^on L ./ich/ " '
Mn paar Sttinden kam sie zurück, ohne den Hundertmarkschein gefunben zu haben.
Sie hatte oben aufgeräumt, hatte em Feuer ch en an» gebrannt und die schönen Schloßmöbel, bie vor zwei Jahren als mütterliches Vermögen aus der Erbschaft 6er Pastorin zugeschickt worden waren, einmal abgestaubt. Auch die Wäsche hatte sie mit heruntergebracht, denn vor Weihnachten hielt sie großes Waschfest, und es kam auf ein paar Stücke mehr nicht an. „So eine ist nur zu bedauern!" Brummte sie gedankenvoll. „Die hat es nicht anders gelernt, aber unsereins, der an Ordnung gewöhnt ist, mochte sich die Augen verbinden, wenn er so was sieht!"
„Wenn sie nur bald käme!" sagte Frau von Hilbach besorgt. Es war schon dunkel geworden, und bei jedem Rüg, der von Naumburg kommend, über die Brücke sauste, wurde Frau von Hilbach erregter. „Wir hätten sie nicht so gehen lassen dürfen!" sagte sie zur Kosy, aber die wurde


