Ausgabe 
26.1.1911
 
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(Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.!

Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

ihrem eigenen Hause ihrer Person vorzog, das ging ußet ihr Begriffsvermögen.

Rein, Frau von Hilbach," sagte sie, nach ein paar Tagen, als sie über Arbeiten sprachen, die im Frühjahr und im Sommer ausLeführt werden sollten,ich gehe nicht fort, ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag. Hat Gott bis hierher geholfen, so hilft er auch weiter, und wenn alle Stricke reißen, dann gehen wir nach Berlin. Da hab ich siebzehn Jahre mit meinem zweiten Mann gelebt, und in Berlin bringt sich jeder durch, der nur ein bißchen Verstand hat, und vor allem, man kann da leben, wie man will, kein Mensch kümmert sich um einen."

Und unser Haus?" hatte Frau von Hilbach halb kB« schrocken, halb freudig gefragt.

Unser Haus? Das wird verpachtet oder vermietet/ da lassen Sie mal die Kosy für sorgen. Das geht natur« lich nicht von heut auf morgen. Fürs erste müssen wir sehen, daß wir Unsere Finanzen ausbessern, und im Früh­jahr richte ich die zwei Vorderzimmerchen zur Badever« mietung eia, und meine Gnädige muß sich mit der großen Mittelstube und dem Alkoven begnügen!"

Frau von Hilbach war es zufrieden, und das alte Einvernehmen zwischen ihr und ihrer Wirtschafterin wäre hergestellt gewesen, hätten sich nicht neue bittere Gefühle bei der Kosy geltend gemacht, als sie beobachten mußte, daß sich am Abend, sowie es zu dämmern begann, der Lasker durch das Pförtchen schob und ohne auzullopfen in der Häuflein gute Stube schlüpfte.

Nun wurden die zwei ein Paar, und sie und ihre Herrin hatten das Nachsehen; die Blamage und die Gleich­gültigkeit, die Frau von Hilbach auch diesen Mitteilungen gegenüber an den Tag legte, empörte sie oft geradezu, und sie konnte sich kaum zu einer zeremoniellen Freund^- lichkeit zwingen.

Nun saß sie wieder am Fenster und mußte sticken und hatte blasse Wangen; wäre sie nur ein bißchen klug ge­wesen, hätte sie doch jetzt schon bald in Reichtum und Luxus sitzen können.

Wo um alles in der Welt ist denn unsere Gräfin heut bei dieser Hundekälte hin?" fragte die Kosy, als Frau von Hilbach von der Natusius zurückgekehrt war.

Sie hatte von der Küche aus beobachtet, daß die beiden Frauen zusammen geredet hatten, auch daß Frau von Hil­bach ihr Geld gegeben, war ihr nicht entgangen, aber davon sagte sie nichts.

Nach Naumburg zu ihrem Rechtsanwalt!" antwortete Frau von Hilbach kopfschüttelnd.Sie hatte einen Bries und hofft auf gute Nachrichten, aber ich fürchte, sie wird wieder eine Enttäuschung erleben."

Und nun gondelt sie mit leerem Mägen und einem Mäntelchen ohne Futter bei diesem Wetter nach Naum­burg und kommt uns vielleicht mit der schönsten, Lungen­entzündung zurück, und wenn sie dann da oben in ihrem

In der Kosy Wesen war aber tatsächlich eine Aende- vung eingetreten; sie behandelte ihre Frau mit einer merk­würdigen Mischung von Respekt und Mitleid, und nur manchmal sand sie den alten, vertraulichen Ton wieder. Sie redete ihre Herrin jetzt oft, wie ganz im Anfang, in der dritten Person an, wie das ihrer Meinung nach den Herrschaften höheren Standes, und seien sie noch so arm, zukam.

Frau von Hilbach versuchte vergeblich, sie zu einer Aussprache über ihr verändertes Wesen zu veranlassen, sie wich ihr geschickt aus.

Nie, nie konnte sie die Szene nach ihrer Rückkehr aus Halle vergessen. Nicht wie eine, die eine Schlacht verloren war ihr diese merkwürdige, junge Frau da entgegengekom­men, nein, mir einer kühlen, undurchdringlichen Miene hatte sie der Kosy kurz die Ereignisse des Nachmittags angedeutet, hatte ihr verboten, ;e wieder davon zu reden und je wieder in dieser Weise die Vorsehung spielen zu wollen, und als die Kosy entsetzt ausgerufen hatte:Ja, aber was nun? Sie können doch nicht bei lebendigem Leib mit dem Kind verhungern!" da war um der Frau Mund ein sonderbares Lächeln gehuscht, so schmerzlich und weh. als habe ihr je­mand mit einem Messer eine scharfe Wunde beigebracht.

Kosy," halle sie gesagt,meine liebe Kosh, ich kann es nicht länger ansehen, wie Sie sich für mich aufopfern; ich verhungere nicht mit meinem Kind, aber ich kann es nicht ertragen, daß ein anderer sich solche Sorgen um mich macht. Gehen Sie, Kosy, arbeiten ©te für andere Leute, die Sie besser zahlen, ich kann nicht länger Wohl­taten von Ihnen annehmen!"

Die Kosy konnte darauf nichts erwidern, weil die Tränen ihr die Stimme benahmen. Sie hatte nur ihre Frau er­staunt und kopfschüttelnd angesehen. Wie die so sicher be­hauptet hatte:Ich verhungere nicht mip meinem Kind!" da hatte solch eine Festigkeit in ihrer Stimme gelegen, daß man plötzlich ein großes Vertrauen zu ihr bekam Aber wie, um alles in der Welt, wie wollte sie das fertig bringen?

Zwei Tage später erst hatte die Kosy von Spechts Minna gehört, daß der Herr Lasker einen lustigen Abend mit der Frau Häuflein und der Svecht verlebt hatte, und als sie das in einer großen Erregung ihrer Herrin hinterbrachte, sagte sie lächelnd, daß sie es wisse, und sie sei zufrieden.

Das ist ein starkes Stück!" dachte die Kosy unablässig. ;,!oat der Mensch denn keine Augen, daß er eine von Mitte der Vierzig meiner Frau vorzieht?" Mer daß Frau von Hilbach so gar keinen Ehrgeiz und keine Eitelkeit besaß, daß es sie nicht einmal ärgerte, wenn man eine Mieterin aus