Ausgabe 
25.11.1911
 
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Totensonntag.

Skizze vvn A. v. d. Warnolv.

Sonderbar!" murmelte der Stabsveterinär a. D. Karl Ebert während er sich im Bette in sitzender Stellung erhob und halb neu­gierig, halb abwehrend zu einem kleinen Bleisoldaten hinübersah, der auf dem mit Papieren bedeckten Schreibtische stände Es war mn dentsckstw Schutztruppler aus Süd-West in seinem graublauen Kakianzuge und aufgeschlagenen Schlapphute, den er gestern im Sande einer der Spielplätze des Stadtparkes gefunden und mit nach Hause genommen hatte Er hatte ihn dort auf den Schreib­tisch hiugestellt, dann die Zeitung flüchtig durchgelesen und darauf schlafen gegangen. Da war es ihm im Traum gewesen, als rege sich der Bleisoldat, schüttele sich und nicke ihm freundlich zu. Eine bekannte Stimme sprach:Na, alter Junge, wie geht's? He, immer noch wohl und munter? Erinnerst du dich noch des Ueberfalles bei Gobabis?"

Natürlich erinnerte er sich des für ihn so schrecklichen Tages, wo die Hereros und Kauas-Hottentotten sie in dem Dorngestrüpp Wachteenbitjrbusch heimtückisch, wie wilde Hunde ein Rudel Gnus, überrumpelten, und wo er fast das Leben unter ihren Kirris und Speeren hatte lassen müssen. Noch gellt ihm das schrille Geheul dieser braunen Teufel in den Ohren:Hurry, hurry? Duitschen! Trululu!" Noch sieht er die nackten, braunen Arme die Waffen schwingen, die weihen, haßerfüllten Augen in den dunklen Gesichtern funkeln, sieht das grelle, rote Aufblitzen der Schüsse, den Wirrwarr von Menschen und Pferden. Dann war er zu Boden gestürzt.. Mehrere Speere haben sein Pferd durchbohrt und tot dahingestreckt. Schon droht ein geschwungener Kirri über seinem Kopf, da zerschmettert eine Kugel die braune Faust und ein Kolbenschlag wirst den Feind betäubt nieder. Aus dem Sattel springt der.Gfreite Arno Bernhard, reißt ihn unter feinem verendeten Gaul hervor, hilft ihm auf sein eigenes Tier und zieht es davon, aus dem Gewühl des Kampfes den flüchtenden. Kameraden nach. Immer ferner herüber hallt das Kriegsgeheul der Wilden, ihr schrilles:Assw-Kajaeta!" Er war gerettet!

Damals, 1895, war er als junger Veterinär nach Süd-West gegangen und hätte ohne die mutige Hilfe des guten Kameraden dort in der verdursteten, braunen Dornwildnis sein Leben lassen müssen. Bon diesen fernen Tagen hatte ihm der Bleisoldat dort auf dem Schreibtisch die ganze Nacht hindurch gesprochm; und es war ihm gewesen, als sei es Bernhard selbst, der zu ihm rede, mit seiner lieben Stimme. Und doch sollte er ge­storben sein, vor etwa einem halben Jahre hatte er es in der Zeitung gelesen. Sie waren, wie es so das Leben mit sich bringt, nach Beendigung ihrer Dienstzeit in Afrika auseinander gekommen. Er hatte als Veterinär bei einem Regiment in der Heimat weitergebient, während Bernhard geheiratet und einen bürgerlichen Beruf ergriffen hatte. Auf einer Dienstreise hatte er die Todesanzeige des braven Kameraden gelesen und so leider seinem Sarg nicht folgen können. Er erinnerte sich aüf einmal, daß Bernhard verheiratet gewesen und eine Witwe und zwei Kinder hinterlasstm haben sollte, und daß die vielleicht nun in Not und Elend darbten und schmachteten.

Und heute war Totensonntag! Ja, wozu lag er noch in den Federn? Hinaus! Und hin zu dem Grab seines Freundes, um das so lange Versäumte endlich nachz-uholen, soviel er es noch konnte, und die Scholle, die das treue, deutsche Herz deckte, mit Blumen zu schmücken.

Ebert warf einen dankbaren Blick auf den Bleisoldaten, der in feinem abgestoßcnen Lackanstrich so kühn und stramm auf dem Schreibtisch stand, als schlage wirklich ein echtes deutsches Herz auch unter dieser bleiernen Hülle.

Fernhin durch das müde Schweigen des Spätherbsttages klangen die Glocken, verhallend in der grauen, stummen Nebel­lust. Am grau-blauen Himmel, hinter dem Gewirr nackter, kahler Zweige, blaß und rot wie ein verweintes Auge die Sonne.

Ebert wanderte langsam durch die Totenstadt, die heute zum Gedächtnis all der Entschlafenen in Blumen Prangt, weißen Und klagenden Späthwbstblumen, die abgestückt und vom Stengel gebrochen sterben. Grüße, die das Leben den Toten sendet.

Vom Totengräber, dessen Hänschen noch immer so alt und verwittert aussah, wie er es als Kind gesehen, erfuhr er die Ruhe­stätte seines Freundes Bernhard, und nun schritt er dahin durch das Gewirr der Gassen und das Gedränge der Leidtragenden. Dort war das gesuchte Grab, dunkelgrüner Efeu bedeckte es, zwei schwarze, ernste Zypressen schienen,' wie zwei Schildwachen, an ihm Posten zu stehn. Auf dem Hügel aber erblickte er zwei schwarze Marmor­vlatten. Auf der einen las er den Geburts- und Sterbetag seines Freundes, aus der anderen einen weiblichen Namen: Anna Bern­hard geborene Holz. War das die Frau seines Freundes? War diese auch gestorben? Und die Kinder? Nun siel ihm ein, wie 6 lange er seinen guten Kameraden aus dem fernen, wilden Süd- est nicht mehr gesehen hatte! Fast zehn Jahre nicht und obgleich sie so nah einander waren, doch wie fremd und gleich­gültig aneinander vorübergingen. Eine tiefe Reue beschlich sein Herz, und zum erstenmal fühlte er sich einsam und verlassen auf der Welt. In seinem Junggesellentum hatte er bisher nur für sich, nur für seine Bequemlichkeit und Unterhaltung gelebt, nie Liebe gesät und nie Liebe empfangen: nun aber auf einmal sehnte

er sich nach Liebe und nach Wesen, für die er sorgen und die ev behüten und schützen könnte.

, Er legte den Kranz auf das Grab seines Freundes und betete ststl.

Leichte Schritte hatten sich dem Grabe genähert, zwei Kinder, aber sauber gekleidet, ein Mädchen von etwa acht und em Knabe von etwa sechs Jahren, waren zögernd gekommen und als sie den sremden Mann erblickten, zaudernd stehen geblieben, Ebert hatte bte. Kinder nicht gehört, sein Geist weilte in der Vergangenheit, in Tagen, die nur noch Leben hatten in seiner Brust und die lange schon verweht waren. Langsam trat der Knabe näher, feine großen, blauen Kinderaugen schweiften fragend zu Ieinem Schwesterchen, dann schritt er ganz nah an den Fremden heran, legte seine kleinen Hände auf dessen Arm und sprach: Armer Mann, weinst du auch?"

Ebert erhob das Haupt und entgegnete fragend:Wie heißt du, lieber, kleiner Junge?"

,O, ich, ich heiße Karl Bernhard. Weißt du, Karl heiße

ich nach einem guten Onkel, der fern dort in Afrika wohnt und von dem Papa immer so viel Schönes erzählte. Das dort ist mein Schwesterchen Anna aber die kann ich nicht mitnehmen, wenn ich nach Afrika gehe, um den lieben Onkel zu besuchen, die fürchtet sich vor schwarzen Hereros und Hyänen und anderem wilden Getier."

Ebert faßte die Hände des Kindes und fragte:Sag einmal, könntest du den Onkel, wenn du ihn fändest, wohl ein wenig lieb haben?"

Da wurden die Augen des Knaben .tief und leuchtend, und fein weißes Kindergesichtchen ward so wunderbar verklärt, während seine Stimme bebte:O, Papa hat immer so viel Schönes von dem Onkel erzählt, daß jeder ihn lieb haben muß. O ja, ich möchte ihn fast tot küssen!"

Da umschlang der alte Mann das Kind, küßte es wieder und wieder und drückte es weinend an seine Brust, aber es Maren nicht Schmerzenstränen, sondern Freudentränen, denn Ihm war, als hätte fein Leben erst jetzt einen Zweck, als habe er nun erst das gefunden, was es wert und licht mache. Ihm war, als habe sein Freund ihm ein heiliges Vermächtnis hinterlassen, das er zu hegen und zu pflegen habe. Und er wollte dies Vermächtnis ent­nehmen und bewahren, bis auch ihm dereinst die Kameraden die letzte Wohnung Bereiten würden in der großen, stuminm Toten- stadt.

Karl, sieh, ich bin der Onkel, von dem dein lieber Papa so oft gesprochen hat. Und weißt du, wer mich hierher geschickt hat? Dein Bleisoldat, den ich gestern im Sande des Spielplatzes ge­funden habe!"

Wieder leuchteten die blauen Kmderaugen, und sich an sein Schwesterchen wendend, das gleichfalls näher getreten war, sprach der Knabe:Siehst du wohl, ich hatte recht! Du'sagtest, der Soldat sei desertiert, feige und ehrlos, ich aber sagte dir, ein Deutscher laufe nicht fort und er fei nur irgend wohin gegangen und würde wiederkommen. Sieh, nun war er nach Afrika marschiert und hat uns unfern guten, lieben Onkel geholt, damit wir nicht mehr so allein fein sollten und Schelte und Schläge bekommen^ O, das war eine brave Tat von dem Soldaten!"

Nein", sagte Ebert fest,ihr sollt nicht mehr gescholten und geschlagen werden, ich werde euch die Eltern ersetzen, so viel in meinen Kräften steht, und euch zu tüchtigen, klugen Menschen machen. Kommt jetzt mit, ihr werdet von nun an bei mir wohnen. Dein Soldat hat schon fein Quartier bezogen und erwartet dich; die anderen werdep wir uns heute auch noch holen, mit all euren Sachen."

Tas Kind klatschte freudig in die Hände:Und ich soll nicht mehr zu der bösen Frau Müller, die uns immer schlug? Nie mehr? O, du lieber, goldener Onkel, komm, laß mich dich küssen! Anna, hörst du wohl, wir sollen nicht mehr zu der bösen Frau Müller! Komm, küsse den guten Onkel auch!"

Ebert aber sah voll heißen Dankes zu dem graublauen Herbst- Himmel empor. Ihm war, als habe fein Freund ihm das Beste geschenkt, was er auf Erden hatte, und leise hauchte er:Ich werde es in Treue wahren."

Und dann schritt er hinaus aus der stummen, düsteren Toten­stadt hinein in das Leben, aber nicht mehr allein. Zwei kleine Wesen gingen ihm zur Seite, und vier Händchen umklammerten ihn sest in vertrauender Kindesliebe. Ihre schwarzen Silhouetten hoben sich schars gegen den rotgoldigen Abendhimmel ab, wie sie dahinschritten, und es war, als gingen sie hinein in das große, tiefe Licht. _______________

grauenleben bei den Eskimos.

Anschauliche Bilder von dem Leben der Eskimofrauen ent­wirft die Gattin des dänischen Gouverneurs von Grönland, Annü Bistrup, im .Century Magazine.

Ter Grönländer begrüßt das Erscheinen eines kleinen Mäd-- chens nicht minder freudig, als das eines Knaben. Ist aber auch der fünfte oder sechste Ankömmling weiblichen Geschlechtes,, so ist er weniger erfreut, und er kleidet dann wohl fein sechstes Mädchen, um einer süßen Täuschung willen, wie einen Jungen, bis das Reiferwerden des Kindes ihn schließlich zwingt, dre Ver­kleidung aufzugebeu. Ihr erstes Jahr verbringt die Herne Eskuno-