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augenblicklich an, um Hilfe zu rufen, worauf sein Gefährte — der stämmige Bursche in der Wildhüterklcidung — an meine rechte Seite sprang — und im nächsten Augenblicke hielten sie >mich gefangen mitten auf der Wege zwischen sich.
Die lkeberzeugung, Haß. mau mir eine Falle gelegt, und der Verdruß darüber, daß ich hineingegangen war, hielten mich glücklicherweise davon ab, meine Lage durch einen nutzlosen Kampf mit zwei Männern, von denen der eine wahrscheinlich allein schon mehr als genug für mich gewesen wäre, noch zu verschlimmern. Ich unterdrückte die erste natürliche Bewegung, durch welche ich versucht hatte, mich ihren Griffen zu entziehen, und blickte umher, um zu sehen, ob niemand in der Nähe sei, dessen Hilfe ich anrufen könne.
Ein Bauer arbeitete in einem nahen Felde; er mußte gesehen haben, was sich zngetragen, und ich forderte ihn daher auf, uns nach der Stadt zu folgen. Er schüttelte mit dummer Beharrlichkeit den Kopf und ging fort einem Häuschen zu, das etwas von der Landstraße abgelegen war. Zu gleicher Zeit erklärten die beiden Männer, welche mich hielten, ihre Wsicht, mich eines Angriffes auf sie anzuklagen. Ich war jetzt ruhig und klug genug, keine Einwendungen weiter zu machen. Laßt meinen Arm los, sagte ich, und ich will euch in die Stadt folgen. Der Mann in der Wildhüterkleidung äußerte eine grobe Weigerung. Der andere aber war schlau genug, um an die Folgen zu denken und seinem Gefährten nicht zu gestatten, sich durch unnütze Gewalttätigkeit zu tont promt. Heren. Er gab ihm ein Zeichen, und ich ging dann frei zwischen den beiden.
Wir langten an der Biegung im Wege an, und da dicht vor uns lag die Vorstadt von Knowlesburp Ein Ortskonstabler kam des Wegs. Die Männer riefen ihn augenblicklich an. Er entg gnete, daß der Magistrat augenblicklich im Gerichtssaale versammelt sei, und empfahl uns, uns sogleich dorthin zu begeben.
Wir gingen nach dem Rathause. Der Gerichtsschreiber fertigte eine Vorladung aus, und die Anklage gegen mich wurde dann mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Uebertreibungen und Verdrehungen vvrg.brächt. Der Richter (ein unfreundlicher Wann mit einem sauren Wohlbehagen an der Ausübung seiner Macht) frug, ob irgend jemand auf ober neben dem Wege Zeuge des Angriffes gewesen, und zu meiner großen Ueberraschung gaben die Kläger die Anwesenheit des Bauern im Felde zu. Ich wurde jedoch durch die nächsten Worte, des Richters über >en Zweck dieser Zugabe aufgeklärt. Er verwies mich so- ort auf die Vorführung des Zeugen, wobei er zugleich eine Bereitwilligkeit .aussprach, Bürgschaft für mein Er- cheinen zu nehmen, falls ich ihm eine solche zu bieten mstande sei. Wäre ich in der Stadt bekannt gewesen, so würde er mich aus mein eigenes persönliches schriftliches Unterpfand entlassen haben; da ich aber dort vollkommen fremd war, so war es notwendig, daß. ich eine verantwortliche Bürgschaft stellte.
Der ganze Zweck des Streiches war mir jetzt klar. Wan hatte es so eingerichtet, daß ein gerichtlicher' Aufschub notwendig war in einem Orte, wo ich vollkommen fremb unb es mir deshalb unmöglich war, meine Freiheit durch Bürgschaft toieber zu erhärten. Dieser A 'fschub er- {treckte sich aus bloß drei Tage: bis zur nächsten MagistratZ- itzung. Doch inzwischen konnte Ztr Pereiv.u. während ch im Gefängnisse saß, von <xV/< möglichen Mitteln Gebrauch machen, um mein fern/ces Fortschreiten zu verhindern — vielleicht sich ganz und gar gegen Entdeckung schützen — und zwar ohne von meiner Seite das geringste Hindernis befürchten zu müssen. Nach Verlauf der drei Tage würde die Anklage ohne Zweifel zurückgenommen werden, und das Erscheinen des Zeugen unnö.ig sein.
Meine Entrüstung über oie unheilvolle Störung all meiner ferneren Fortschritte machte mich zuerst ganz unfähig, über die Mittel nachzusinnen, durch welche ich mich würde aus diesem Dilemma ziehen können Ich war töricht genug, Schreibmaterial zu fordern und daran zu bettien, dem Magistrate im Vertrauen meine ganze Lage auseinanderzusetzen. Tie Hoffnungslosigkeit und Unvorsichtigkeit eines solchen Verfahrens fiel mir nicht eher ein, als bis ich wirklich schon die ersten Zeilen des Briefes geschrieben hatte. Erst als ich das Papier wieder von mir gestoßen, bot sich plötzlich meinem Geiste ein Verfahren dar, auf welches Sir Percival wahrscheinlich nicht ge
rechnet hatte, und das mich in wenigen Stunden wieder in Freiheit setzen konnte. Ich beschloß, Mr. Tawson in Oak Lodge von der Lage zu unterrichten, in der ich mich befand.
Ich hatte das Haus dieses Herrn bei Gelegenheit meiner ersten Nachforschungen in der Umgegend von Blackwater Park besucht und hatte ihm einen Brief von Miß Haleombe überbracht, in welchem diese mich ihm in den wärmsten Ausdrücken empfahl. Ich schrieb ihm jetzt und berief mich auf jenen Bries, sowie auf das, was ich ML. Dawson damals von der zarten und gefährlichen Natur meiner Nachforschungen anvertraut hatte. Ich ha te ihn nicht mit der Wahrheit in bezug auf Laura bekannt gemacht, sondern ihm meinen Zweck bloß als von der größten Wichtigkeit für Familienangelegenheitet beschrieben, die Miß Hal>- combe nahe angingen. Indem ich auch jetzt noch dieselbe Vorsicht gebrauchte, erklärte ich ihm meine Anwesenheit in Knowlesbury auf dieselbe Weise und überließ es dann dem Doktor zu bestimmen, ob das Vertrauen, welches eine Dame, die er wohl kannte, in mich gesetzt, mich zu der Bitte rechtfertigte, mir in einem Orte zu Hilfe zu kommen, an dem ich vollkommen unbekannt sei.
Ich erhielt Erlaubnis, mir einen Boten zu mieten, der augenblicklich mit dem Briefe in einem Wagen w g- fuhr, in welchem er den Doktor gleich mit zurückbringen konnte. Oak Lodge war zwischen Knowlesbury und Blackwater gelegen. Der Mann erklärte, er könne in vierzig Minuten hinfahren uno in abermals vierzig Minuten den Doktor mit zurückbringen.
Es war kaum halb zwei Uhr, als der Bote fortfuhr, und noch ehe es halb drei geschlagen, kehrte er schon zurück und brachte den Doktor mit Des Doktors Freundlichkeit und das Zartgefühl, mit dem er seinen schnellen Beistand wie eine Sache darstellte, die sich ganz von selbst verstehe, überwältigten mich fast. Die erforoerciche Bürgschaft wurde sofort geboten und angenommen Nock vor vier Uhr desselben Nachmittags konnte ich als freier Manu auf der Straße von Knowlesbury dem guten alten Doktor mit einem warmen Händedrucke danken.
Dann wandte ich meine Schritte nach Mr. Wans- boroughs Geschäftslokale in der Hochstraße. Die Zeit war jetzt von der größten Bedeutung. Die Nachricht, daß ich durch Bürgschaft in Freiheit gesetzt worden, mußte Sir Percival unfehlbar noch vor Einbrüche der Nacht erreichen. Falls die nächsten paar Stunden mich nicht so stellten, daß dadurch seine schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt wurden, und er hilflos in meine Macht gegeben war, so konnte ich jeden Zoll des Bodens, den ich gewonnen hatte, verlieren, um ihn nie wieder zu gewinnen. Der gewissenlose Charakter des Mannes, sein Einfluß in der Umg g.iib, die verzweifelte Gefahr der Bloßstellung, mit der meine blindlings angestellten Nachforschungen ihn bedrohlen — alles dies ließ mich die Notwendigkeit fühlen, der Entdeckung nachzusetzen, ohne auch nur eine Minute zu verlieren. Ich hakte, während ich Mr. Dawsons Anllinft erwartet, Zeit zum Nachdenken gefunden und hatte guten Gebrauch davon gemacht. Gewisse Abschnitte in der Unterhaltung des redseligen alten Küsters, welche mich zur Zeit gelangweilt, stellten • sich meinem Geiste jetzt in einem! neueren bedeutungsvolleren Lichte dar, und es kam mir ein dunkler Verdacht, der mir in der Sakristei nichts in den Sinn gekommen war. Auf meinem Wege nach Know- lesbury hatte ich nichts weiter beabsich igt, als Mr. Wans- borough in bezug auf Sir Percivals Mutter zu befragen. Jetzt aber beschloß ich, die Abschrift des Kirchenbuches zu. Altwelmingham zu untersuchen.
Mr. Wansborough war auf feinem (Geschäftszimmer, als ich nach ihm frug.
Er war ein jovialer, freier, ruhiger Mann — er hatte mehr _ das Aussehen eines vergnügten Landmannes, als' das eines Advokaten — und schien sowohl erstaunt als belustigt über mein Anliegen. Er hatte von seines Vaters Abschrift des Kirchenbuches allerdings gehört, sie selbst aber noch nie gesehen. Man hatte nie danach gefragt, dach werde es ohne Zweifel in der Sicherheitskammer unter den übrigen Papieren liegen, welche seit seines Vaters! Ableben pie angerührt worden.
(Fortsetzung folgt.)


