Ausgabe 
25.11.1911
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 25. November

s

ui

w-'

WyMKWW Ife tf EJi£ * iVijH

Die weiße Frau.

Roman von W. Collins.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Na, das ist doch merkwürdig! sagte der Küster, bas Brrch, welches er soeben geöffnet hatte, wieder schließend nnd fröhlich mit der Hand darauf schlagend. Ganz das­selbe pflegte mein alter Meister immer zu sagen, als ich noch ein Bursche war.Warum," sagte er,warum wird das Kirchenbuch nicht in einer eisernen Kiste aufbewahrt?" Das habe ich ihn hundertmal sagen hören. Er war hier der Advokat damals, Sir, und hatte dabet das Amt des Kirchspielschreibers inne. Ein prächtiger, aufrechter alter Herr und der eigenste alte Herr, den es nur geben konnte. So lange er lebte, bewahrte er auf seiner Expe­dition in Knowlesbury eine Abschrift dieses Buches und ließ von Zeit zu Zett die bei uns eingetragenen Zertifikate genau nachschreiben. Die Wschrift kontrollierte er alle Vierteljahre.Wie kann ich wissen" (Pflegte er zu sagen), ,,toie kann ich wissen, ob nicht dies Kirchenbuch einmal gestohlen oder vernichtet werden mag? Warum verwahrt man es nicht in einer eisernen Kiste? Es wird sich eines Tages irgend etwas Ungehöriges ereignen und wenn dann das Kirchenbuch fort ist, werden die Herren den Wert meiner Wschrift erkennen." Dann Pflegte er seine Prise zu nehmen und so stolz wie ein Lord um sich zu blicken. Welches Jahr sagten Sie, Sir? Achtzehnhundert und wieviel?

Achtzehnhundert und vier, entgegnete ich, heimlich ent­schlossen, dem alten Manne keine fernere Gelegenheit zum Schwatzen zu geben, bis ich mit meiner Durchsicht des Kirchenbuches fertig sein würde.

Da ich nicht wußte, in welchem Monate Sir Percival ge­boren war, begann ich meine Nachsuchung mit dem An­fänge des Jahres. Das Kirchenbuch war eins nach der alten Art: die Zeugnisse waren auf leere Blätter gescdrie- ben und durch Linien getrennt, Welche mit Tinte dicht untyr jedes Zertifikat über die ganze Seite hingezogen waren.

Ich kam bis zum Schlüsse des Jahres Achtzehnhündert und vier, ohne die Heirat zu finden, und ging dann rück­wärts durch Achtzehnhundert und drei, durch den Dezember, November, Oktober. Im September fand ich die Heirat eingetragen! .

Ich besah das Eingetragene aufmerksam. Dasselbe stand am unteren Ende einer Seite und ivar wegen Mangels an Raum aus einen kleineren Platz zusammengedrängt, als die Zertifikate der Heiraten darüber einnahmen. Dre unmittelbar vorhergehende Heirat prägte sich meinem Ge­dächtnisse durch den Umstand ein, daß der Taufname des Bräutigams derselbe war,, den sch trug,. Die unmittel­

bar folgende (an der Spitze der nächsten Seite) fiel auf andere Weise auf, indem sie einen größeren Raum ein- nahnr, als die übrigen^ da sie die Vermählung zweier Brüder zu gleicher Zeit berichtete. Das Zertifikat der Heirat von Sir Felix Glyde war durch nichts bemerkbar, außer durch den engen Raum, in den das Geschriebene zusammengedrängt war. Ueber seine Gemahlin enthielt es genau dieselbe Art von Auskunft, welche gewöhnlich in solchen Fällen gegeben wird. Sie war angeführt als: Cäcilia Jane Elster aus Park-Biew Cottages, Knowles­bury; einzige Tochter des weiland Patrick Elster, Esquire, ehedem aus Bath."

Das Geheimnis, von dem ich bis zu diesem Augenblicke geglaubt hatte, daß ich es schon fast ergriffen, schien mir jetzt ferner denn je entrückt.

Der nächste Schritt, den ich nun tun konnte, galt dem Kirchenspielschreiber von Knowlesbury, welcher der Sohn des früheren war. Ich erkundigte mich daher nach dem Wege dorthin und verließ den geschwätzigen Küster.

Als ich die Kirche hinter mir ließ, schaute ich zurück und da unten aus der Straße waren wieder die beides Männer, zu denen sich noch ein dritter gesellt hatte; dieser dritte war der kleine Mann im schwarzen Anzuge, dem ich am Wende zuvor nach der Eisenbahnstatton gefolgt war.

Die drei besprachen sich eine Weile und trennten sich baitn. Der kleine Mann in Schwarz ging allein nach Wel- mingham zu; die andern beiden blieben beisammen, indem sie offenbar warteten, bis sie mir, sobald ich weiter gehen würde, wieder folgen könnten.

Ich setzte meinen Weg fort, ohne sie gewahr werden zu lassen, daß ich sie bemerkt hatte.

X.

Der Weg war meistens gerade und eben. Jedesmal, wenn ich mich umschaute, sah ich die beiden Spione mir ruhig folgen. Während der größten Strecke des Weges hielten sie sich in sicherer Entfernung hinter mir. Aber ein paarmal beeilten sie ihre Schritte, wie wenn sie mich elu- holen wollten standen dann stille berieten sich. und blieben in ihrer vorigen Entfernung zurück.

Ich war eben an einer einsamen Stelle des Weges an­gelangt, Von wo ich eine scharfe Biegung in einiger Ent- fernung vor mir sah, und war gerade zu dem Schlüsse gekommen (indem ich eine Zeitberechnung machte), daß ich mich der Stadt nähern müsse, als ich plötzlich die Schritte der Wanner dicht hinter mir hörte.

Ehe ich mich noch umschauen konnte, ging der eine von ihnen (der Mann, welcher mir in London gefolgt war) schnell zu meiner linken Seite an mir vorbei und stieß mich mit seiner Schulter an. Ich hatte mich durch die Art und Weise, in welcher er und sein Gefährte mich von Welmtngham aus verfolgt, heftiger aufreizen lassen, als ich mir dessen selbst bewußt war, und ließ mich hierdurch unglücklicherweise hinreißen, den Menschen ziemlich herz­haft mit der flachen Hand von mir zu stoßen. Er fing!