tiefe Stille — nah Irnd fern War kein Anzeichen eines lebenden Wesens weder zu hören noch zu sehen.
. Nachdem ich erst auf der einen, dann auf der anderen Seite des Hauses entlang gegangen war, ohne irgend etwas zu entdecken, wagte ich mich zur Vorderseite hinaus und schaute hinein. Es war leer.
Ich rief „Laura!" zuerst leise und dann immer lauter. Niemand antwortete, und niemand kam. Soviel ich sehen oder hören konnte, war in der Nachbarschaft des Sees und der Anlagen kein menschliches Wesen außer mir.
Mein Herz fing heftig an zu pochen; doch setzte ich meine Nachsuchungen fort, zuerst im Boothause und dann auf dem Boden davor, um ein Zeichen zu entdecken, das mir Sicherheit geben würde, ob Laura dort gewesen oder nicht. Ich fand nichts im Boothause, das hierauf hingedeutet hatte, draußen aber im Sande entdeckte ich Fußspuren.
Ich unterschied die Fußspuren von zwei Personen — ziemlich große, wie die eines Mannes, und kleinere, von denen ich, als ich sie mut meinen eigenen Füßen maß, überzeugt war, daß sie von Lauras Füßen herrührten. Der Boden war gerade vor dem Boothause von vielen solchen unregelmäßgien Spuren bedeckt. Dicht an der einen Wand, unter bent. Schutze pes überhängenden Daches, entdeckte ich ein kleines Loch im Sande, ein künstlich gemachtes, daran war nicht zu zweifeln. Ich bemertte es bloß und wandte mich dann ab, um sofort den Fußspuren, so weit ich konnte, nachzugehen.
Sie führten mich, von der linken Seite des Bdothauses ausgehend, eine Strecke von etwa dreihundert Metern am Rande der Bäume entlang, und dann verliefen sie sich im Sande. Ueberzeugt, daß diejenigen,. bereit Fußspuren ich jetzt folgte, hier ins Holz hin ein gegangen sein mußten, betrat ich es ebenfalls. Zuerst konnte ich keinen Pfad entdecken, endlich aber fand ich einen, schwach zwischen den Bäumen angedeutet, und ging ihm nach. Er führte mich eine Strecke in der Richtung dem Dorfe zu. bis ich an einer Stelle stand, wo er von eiuein andern Fußpfade durchschnitten wurde. Dicke Dornbüsche wuchsen zu beiden Seiten dieses Pfades; ich stand unschlüssig, welche Richtung ich zunächst einschlagen solle, als ich umherschauend an einem Zweige in dem Dornbüsche ein Stückchen von den Fransen eines Damenschals erblickte. Genauere Untersuchuug der Fransen überzeugte mich, daß sie von einem Laura gehörigen Schal abgerissen seien, worauf ich augenblicklich den Pfad einschlug. Er brachte mich endlich zu meiner großen Erleichterung zur Hinterseite des Hauses. Ich sage „zu meiner großen Erleichterung", weil ich daraus schloß, daß Laura aus irgend einem mir unbekannten Beweggründe auf diesem Umwege nach Hause zurückgekehrt sei, o.-ne mich zu erwarten. Ich ging über den Hof und durch die Nebengebäude hinein. Die erste Person, die mir begegnete, als ich au der Gesinde- stnbe vorbeiging, war Mrs. Michelson, die Haushälterin.
Wissen Sie zufällig, ob Lady-Glyde von ihrem Spaziergange heimgekommen ist oder nicht? frug ich sie.
Mylady kam vor einer kleinen Weile mit Sir Pcrcival nach Hause, entgegnete die Haushälterin. Ich fürchte, Miß Haleornbe, daß sich irgendetwas sehr Betrübendes znge- tragen haben muß.
Mir sank das Herz. — Sie meinen doch nicht einen Unfall? sagte ich mit matter Stimme.
Nein, nein — Gott sei dank, kein Unfall. Wer Mylady lief weinend auf ihr Zimmer, und Sir Pereival hat mir befohlen, Fanny in einer Stunde aus dem Hause zu schicken. —
Fanny ist Lauras Kämmerjungfer, ein gutes, anhängliches Wesen, das bereits jahrelang in ihren Diensten gewesen, und sie ist zugleich die einzige Person int Hanse, auf deren Treue und Ergebenheit wir uns verlassen können.
Wo ist Fanny? frug ich. •
In meinem Zimmer, Miß Haleombe. Tas Mädchen ist ganz außer sich, und so sagte ich ihr, sie sollte sich setzen und sich zu fassen suchen.
Ich ging nach Mrs. Michelsons Zimmer und fand dort Fanny, die in einer Ecke saß und bitterlich weinte; ihr Re-isekoffer stand neben ihr.
,, , konnte mir nicht die geringste Erklärung über die Ursache chrer plötzlichen Verabschiedung geben. Sir Per- erval hatte befohlen, daß man ihr, anstatt ihr einen Monat vorher den Menst zu kündigen, den Lohn eines Monats
gebe und sie sortschtcke. Es war ihr hierfür kein Grund angegeben worden, noch hatte man ihr irgendwie Tadel über thr 'Betragen ausgesprochen. Man hatte ihr verboten, ihrer Herren Bernnttelung anzusprechen, ja sogar, sie einen ^uüonbltck zu sehen, um Abschied von ihr zu nehmen. Sie- ^licklichhub Erklärung oder Lebewohl fort, und zwar augen- . Nachdem ich den Schmerz des armen Mädchens durch etn paar freundliche Worte beschwichtigt, frug ich sie, wo U.e zu übernachten beabsichtige. Sie entgegnete, daß sie die Nacht tu dem kleinen Wirtshanse im Dorfe zuzubringen gedenke, da die Wirtin eine achtbare Frau und der Diener- fchast von Blackwater Park wohl bekannt sei. Sie hoffe daun, am nächsten Morgen direkt nach Cumberland zu ihren Verwandten zurückkehren zu können, ohne sich in London aufzuhalten, wo sie vollkommen unbekannt sei.
.. r Es fiel mir sogleich ein, daß Fannys Abreise uns ein sicheres Mittel böte, um Nachrichten nach London und Lim- meridge House zu schicken, was von der größten Wichtigkeit für uns sein konnte. Demzufolge sagte ich ihr, daß sie erwarten dürfe, im Verlause des Abends entweder von threr Herrin oder von mir zu hören, und daß sie sich darauf vejschssen möge, daß wir beide in ihrem Unglücke mit dem plotzltchen Dienstverluste alles für sie tun würden, was nur in unserer Macht läge. Dann gab ich ihr die Hand und ging die Treppe hinauf.
Tie Tur, welche nach Lauras Zimmer führte, war die etues Vorzimmers, das seinerseits ans den Vorsaal führte. Als ich sie zu öffnen versuchte, wurde ich gewahr, daß sie von innen verriegelt war.
Ich klopfte, worauf die Tür von einer schwerfälligen Hansmagd geöffnet wurde, deren Dummheit mich bereits früher unbeschreiblich geärgert hatte. Ich hatte seitdem erfahren, daß ihr Name Margarete Porcher, und sie selbst die ungcschtckteste, halsstarrigste und unordentlichste Dienerin ttn ganzen Hause sei.
Ws sie die Tür öffnete, trat sie sogleich auf die Schwelle und stand, mich in dummem Schweigen angrinsend, da.
Wozu stehst du da? sagte ich. Siehst du nicht, daß tch hinein will?
Ja, aber Sie dürfen nicht herein, war die Antwort, von einem noch breiteren Grinsen begleitet.
Wie kannst du dich unterstehen, mir eine solche Antwort zu geben? Geh augenblicklich auf die Seite. —
Sie streckte zu beiden Seiten eine große rote Hand aus, um mir den Weg zu sperren, und nickte mir einfältig zu.
Befehl vorn Herrn, sagte sie und nickte abermals.
Es bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um davon abzulassen, den Gegenstand mit ihr zu bestreiten und mich zu erinnern, daß meine nächsten Worte an ihren Herrn gerichtet sein müßten. Ich wandte mich von ihr ab und ging schnell die Tteppe hinunter, um ihn zu suchen. Mein Entschluß, mich durch keine der Beleidigungen aufbringen zu lassen, die Sir Pereival mir bieten möge, war jetzt — ich gestehe es zu meiner Schande — so vollständig vergessen, als ob ich ihn nie gefaßt gehabt. Es war mir eine Wohltat, ja, nach allem, was ich in diesem Hause bereits erduldet und 'unterdrückt hatte, war es mir eine förmliche Wohltat, zu fühlen, wie zornig ich war.
Das Gesellschaftszimmer wie das Frühstückszimmer waren beide leer. Ich ging in die Bibliothek, und hier fand ich Sir Pereival, sowie den Grasen und die Gräfin Fosco. Alle drei standen dicht nebeneinander und Sir Pereival hielt ein kleines Papierzettelchen in der Hand. Als ich die Tür öffnete, hörte ich den Grasen sagen: Nein — tausendmal Nein!
(Fortsetzung folgt.)
Lin hessische DichLergrab am Züricher Lee
• Von Oscar Kionka.
- , , , (Nachdruck verboten.)
Hoch'oben am Abhang des Zurrchberges beschatten vier statt- lrche Linden em von schwarzem Gitter umfriedetes Grab.
Auf einer schmucklosen, in einem efeuumrankten, einfach bÄ- hauenen Granitstein eingelassenen .Metallplatte liest man:
Georg Büchner 1813—1837.
Ein herrlicher Platz ist es, den man der Ruhestätte des sü dem .Leben geschiedenen Dichterjünglings gegeben hat. Wetthtn schweift der Blick über die zu Füßen des Bergrückens tu .majestätischer Schönheit sich ausbreitende Stadt 'Zürich, deren


