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Mittwoch den 25. Oktober
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich kenne Sir Percival jetzt hinlänglich, um zu wissen, daß er niemals falscher und somit niemals mehr zu fürchten ist, als wenn er einmal höflich auftritt. Der lange Spaziergang mit seinem Freunde hatte eine merkliche Veränderung in seinem Benehmen hervorgebracht, namentlich in seinem Benehmen gegen seine Frau. Zu Lauras heimlichem Erstaunen und meiner heimlichen Bestürzung nannte er sie nun heute abend bei ihrem Vornamen und erzeigte ihr so viele andere kleine Aufmerksamkeiten, daß er uns fast an die Tage seiner hassenswerten Probezeit in Limmeridge House erinnerte.
Wir gingen diesen Abend später als gewöhnlich auseinander. Gegen Mitternacht unterbrach das Rauschen eines leisen melancholischen Windes in den Bäumen die Sommerstille. Wir fühlten alle die plötzliche Kühle in der Luft, aber der Graf war der erste, °der das Heimlichs Steigen des Windes wahrnahm. Während er mein Licht für mich anzündete, hielt er plötzlich inne und erhob wie warnend die Hand.
Hören Sie? sagte er, morgen werden wir anderes Wetter bekommen.
Den 5. Juli. — Die gestrigen Ereignisse warnten mich, früher oder später mich auf das schlimmste gefaßt zu machen. Der heutige Dag ist noch nicht zu Ende, und das Schlimmste ist bereits eingetreten.
Nach der genauesten Zeitberechnung, die Laura und ich zu machen imstande waren, schlossen wir, daß es halb drei Uhr gewesen sein mußte, als Anna Catherick gestern nachmittag im Boothause anlangte. Ich kam daher mit Laura überein, daß sie sich beim Gabelfrühstück eben am Tische nur zeigen und bei der ersten Gelegenheit hinausschlüpfen sollte; und daß ich zurückbliebe, damit man keinen Verdacht schöpfe, und ihr folge, sobald mir dies gelingen würde. Auf diese Weise würde sie, falls sich keine Hindernisse in den Weg legten, imstande sein, vor halb drei Uhr im Boothause anzulangen, und ich (sobald ich meinerseits den Tisch verlassen) konnte bereits vor drei Uhr einen sicheren Posten im Holze einnehmen.
Tie Veränderung im Wetter, auf die der Wind von gestern abend uns vorbereitet hatte, kam mit dem Morgen. Es regnete heftig, als ich aufstand, und fuhr so fort bis Mittag, wo die Wolken sich zerstreuten, der Himmel wieder blau erschien, und die Sonne mit dem Versprechen eines schönen Nachmittags hell hervortrat.
Meine Unruhe, zu erfahren, wie Sir Percival und der Wras den Morgen hinbringen würden, verminderte sich keineswegs, wenrgstens in Bezug auf Sir Percival, als er
uns gleich nach dem Frühstück verließ und ungeachtet des Regens ausging. Er sagte uns weder, wohin er gehe, noch wann wir ihn zurückerwarten dürften. Wir sahen ihn eilig am Fenster des Frühstückzimmers vorübergehen, in hohen Stiefeln und wasserdichtem Rocke, und das war alles.
Ter Graf verbrachte den Morgen ruhig im Hause, zum Teil in der Bibliothek, zum Teil im Gesellschaftszimmer, wo er kleine, abgerissene Melodien spielte und vor sich hinsummte. Dem Anscheine nach war er beharrlich entschlossen, die sentimentale Seite seines Charakters herauszukehren.
Die Zeit des Frühstücks kam, und- Sir Percival war noch nicht zurückgekehrt. Der Graf nahm seines Freundes Platz bei Tische ein, vertilgte mit kläglichen Mienen den größeren Teil einer Obstpastete, die er in einem kleinen See von Sahne ersäufte, und setzte uns dann die vollen Verdienste dieses Kunststückes auseinander.
Ein Geschmack an Süßigkeiten, sagte er mit seiner sanftesten, zärtlichsten Stimme, ist die unschuldige Schwäche von Frauen und Kindern. Ich freue mich, sie mit ihnen zu teilen, es ist ein nenes Band zwischen Ihnen und mir, teuerste Damen.
Laura verließ nach zehn Minuten den Tisch. Ich fühlte mich sehr versucht, sie zu begleiten. Wären wir aber beide zugleich hinausgegangen, so hätten wir unfehlbar Verdacht erregt, und, was noch schlimmer gewesen wäre, falls Anna Catherick Laura in Begleitung einer zweiten Person gesehen, die ihr fremd war, hätten wir aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Vertrauen verscherzt und es dann nie wieder gewonnen.
Ich wartete daher so geduldig, wie mir dies möglich war, bis der Diener kam, um den Tisch abzudecken. Als ich das Zimmer verließ, sah ich weder im Hause noch draußen irgend ein Zeichen von Sir Percivals Itückkehr. Als ich ging, sah iü) den Grafen mit einem Stückchen Zucker zwischen den Lippen, zu dem der boshafte Kakadu über die Weste hin emporkletterte, während die Gräfin, ihrem Gemahl gegenüber sitzend, seine Manöver und die des Vogels mit einer Aufmerksamkeit beobachtete, als ob sie dergleichen nie zuvor in ihrem Leben gesehen habe. Aus meinem Wege nach den Baumanlagen hielt ich mich sorgfältig außerhalb des Gesichtskreises vom Fenster der Früh^- stücksstube. Es sah mich und folgte mir niemand. Es war auf meiner Uhr ein Viertel vor drei Uhr.
Sowie ich unter den Bäumen anlangte, schritt ich schnell vorwärts, bis ich über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Dann ging ich langsamer und vorsichtiger weiter, doch sah ich niemanden und hörte keine Stimmen. Nach und nach kam ich in Sicht der Rückseite des Boothauses — stand still und horchte — dann ging ich weiter, bis ich ganz dicht dahinter war und notwendigerweise die Stimmen hören mußte, falls man darinnen sprach. Es herrschts


